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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-18 · 51 (18.12.1908) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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»r. 51 Dr. Blocb’s naocbenscbrtft. Seite 907 Florenz. Der Vorsitzende des Pro-Falaschakomitees, Oberrabbiner Dr. Marguliesin Florenz, erhielt am 1. Dezember ein Telegramm von Dr. F a i t l o w i t s ch aus Adis Abeba, worin dieser ihm mitteilt, daß er vom Negus von Abefsynien in Audienz empfangen wurde und daß Se. Majestät die ihm überbrachten Geschenke gnädigst entgegennahm. Der Negus versicherte Herrn Faitlowitsch, daß er für die Besserung der Lage der Falaschas Sorge tragen wolle. Feuilleton. Die Jüdin non Toledo. Von V. J. H. Das unter diesem Titel bekannte Drama von Grillparzer ist auf historischer Begebenheit begründet. Es erschienen seinerzeit darüber in Spanien mehrere Novellen und Theaterstücke, die aber heutzutage verschwunden sind. Ferner erschien auch darüber eine Erzählung in französischer Sprache von Jacques Cazotte, einem französischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, der später in der Revolution auf dem Schaffotte starb. Der Inhalt der Erzählung ist, wie er in der Vorrede angibt, der „Chronique Generale d'Espagne" entnommen. Woher Grillpirzer den Stoff zn seinem Drama genommen hat, ist nicht bekannt. Im Hauptinhalte, nämlich daß König Alfons die schöne Jüdin Rachel bei sich im Palaste zu Toledo als Geliebte behielt, während die Königin sich nach einer andern Stadt zurückzog, sowie daß Rachel während einer kurzen Abwesenheit des Königs vom Volke ermordet wurde, stimmen beide Autoren überein. Auch erwähnen beide in besonderer Weise den gegenseitigen Besitz der Bildnisse des Königs und Rachels, der Überlieferung der damaligen Volksmeinung entsprechend, daß Zauberei im Spiele sei. Im Übrigen jedoch und in den Details sind dieselben stark verschieden, besonders was die Heldin der Geschichte selbst, die schöne Jüdin Rachel, anbelangt. Grillparzer stellt sie so ungünstig als möglich dar: kindisch, kapriziös, kleinlich. Ihr, der Chronik nach, stolzes, heldenhaftes Benehmen bei ihrem tragischen Ende verschweigt er ganz. Er gibt ihr einen Vater, Isaak, und eine Schwester, Esther, während die Erzählung nur einen Rüben erwähnt, vielleicht ein Verwandter in ähnlichem Verhältnis wie einst Mordechai zu Esther. Die ganze Episode der Verschwörung des Volkes und der Ermordung Rachels, die doch dramatisch von höchster Wirksamkeit sein könnte, ist bei Grillparzer weggelassen. Nach vollbrachter Tat läßt er den König zu einer Schlußszene zurückkehren, wobei er die Schwester Esther einige stolze und mutige Worte sprechen läßt. So auf die Bemerkung eines Höflings: „Weib, wir sind Christen", — ihre treffende Antwort: „Nun, Ihr habt's gezeigt." — Man wird beim Lesen der Geschichte unwillkürlich zum Vergleiche mit zwei anderen Jüdinnen von ähnlichem Schicksale angeregt: Esther am Hofe des persischen Königs Achaschwerosch und Esterka am Hofe des polnischen Königs Kasimir des Großen. In Hinsicht auf Rachels Intelligenz und trotzig stolzen Mut würde vielleicht ein Vergleich mit der Königin Jsebel, Gemahlin des Königs Acheab von Israel, besser stimmen, sowohl des Benehmens während der Herrschaft, als auch des ähnlichen tragischen Endes Beider wegen. Schon, daß sie sich so lange — nach der Chronik 7 Jahre — in ihrer Stellung als Vertreterin der Königin, in trotzigem Bewußtsein, daß sie fast die ganze christliche Bevölkerung des Landes gegen sich habe, an der Seite des Königs halten konnte, spricht viel für sie. Der König wird allgemein als mit allen physischen, geistigen und ritterlichen Tugenden in hohem Grade begabt, geschildert. In jungen Jahren bereits durch Kriegstaten sich auszeichnend, wurde er von seinem Volke vergöttert und stand auch im ganzen übrigen Spanien im höchsten Ansehen. Und einen solchen König wußte die einfache Jüdin derart jahrelang zu fesseln, daß er ihrethalben sein Weib, eine Königstochter, wegziehen ließ und die Kundgebungen der Unzufriedenheit seines Volles über sich ergehen ließ. Diese jüdische Heldin, die dem heutigen Judentume fast ganz unbekannt ist, verdient wohl eine der Wirklichkeit nähere und minder lieblose Schilderung als in Grillparzers Drama. Die verwöhnte, der „Chronique Generale d'Espagne" entnommene Erzählung des französischen Schriftstellers Cazotte ist im Stile so ziemlich judenfeindlich, selbstverständlich nicht pöbelhaft gemein, wie ein jetziger Antisemit. Aber in der Erzählung der Tatsachen scheint er objektiv zu sein, und das in der Chronik Verzeichnete nur in der Form verändert wiederzugeben. Die Begebenheit ist, in Kürze geschildert, folgende: König Alfons VIII. gelangte im Alter von vier Jahren zum Throne von Caftilien und Leon. Sein Onkel, König Ferdinand von Arragonien, unter dem Vorwände der Vormundschaft, bemächtigt sich seines Staates. Aber die Bewohner wollen es nicht dulden. Sie erheben sich, führen für ihren jungen König den Krieg und verjagen den Usurpator. Mit 20 Jahren ist Alfons freier Herrscher seines Reiches. Er erwählt Toledo zu seiner Residenz. Um diese Zeit findet der 1. Kreuzzug unter Gottfried von Bouillon statt. König Alfons schließt sich demselben an, bleibt drei Jahre in Palästina und kehrt dann, mit kriegerischem Ruhm bedeckt, in sein Land zurück. Er beginnt Krieg mit dem benachbarten Maurenreiche in Südspanien, wobei er sich ebenfalls auszeichnet und mehrere Siege erringt. Durch seinen vertrauten Höfling Garceran Mänrique de Lara wird er mit einem gelehrten Juden — der Erzähler nennt ihn „rabbin cabaliste —, namens Rüben, bekannt, der ihm das Bild einer jungen Jüdin namens Rachel, in Cordoba zeigt, und welches Bild dem König so sehr gefällt, daß er das Original kennen zu lernen wünscht. Rüben läßt sie aus Cordoba kommen. Der König sieht sie, verliebt sich in sie und nimmt sie, nebst Rüben zu sich in seinen Palast. Die Königin zieht sich nach Oreia zurück. Rachel findet sich bald in ihre Stellung als Gefährtin des Königs hinein. Sie tritt fest und mutig auf und nimmt auch an der Regierung des Landes Anteil. Bitten an den König gehen durch ihre Hand. Ihren Anhängern verschafft sie Begünstigungen, ihren Gegnern — und zu diesen gehören die gesamte Geistlichkeit und ein Teil des Adels — tritt sie energisch entgegen. Ihre jüdischen Stammesgenossen beschützt sie kräftig und verschafft ihnen alle möglichen Begünstigungen. Rüben unterstützt sie mit seinem Rate, benützt jedoch seine Stellung, um sich zu bereichern. Das Volk von Castilien ist mit dieser Führung ihres Königs sehr unzufrieden, bleibt ihm jedoch in Liebe und Anhänglichkeit treu, und hält ihn bloß für von den Juden verzaubert. Der ganze Haß kehrt sich daher nur gegen Rachel und die vom König begünstigten Juden. Vorstellungen beim König nützen nichts und ändern nicht die Lage.

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