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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-18 · 51 (18.12.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 51 Sx. Lwcb's MoebensLdrM. Setie 897 Anrecht auf Kultur und Wissen preisgeben würden. (Beifall. — Abgeordneter B icklo h law ek: Wegen der katholischen Studenten war keine solche Begeisterung!) Ich bin verpflichtet, Herr Landesausschutz, für meine Leute einzutreten, tun Sie das für Ihre Leute. (Zwischenrufe.) Von diesem akademischen Boden werden wir uns durch keine Brutalitäten und durch keine noch so famosen Waidhofner Beschlüsse vertreiben lassen. (Abgeordneter von Stransky: Die Waidhofner Beschlüsse bleiben aufrecht!). Ich werde gleich darüber sprechen. Es ist Ihnen ja bekannt, datz durch diese Waidhofner Beschlüsse uns Juden einfach in Bausch und Bogen die Ehre abgesprochen wird. Wir werden einfach für ehrlos erklärt. Ich möchte Sie nicht darüber in Zweifel lassen, daß ich mich über den Begriff der Ehre, die uns durch die Waidhofner Beschlüsse abgesprochen wird, gar keinen Illusionen hingebe, datz ich ihren Wert vollständig einzuschätzen weiß und mich dabei auf den Boden Schopenhauers stelle. Danach besteht das Wesen dieser Ehre, die uns diese Waidhofner Herren absprechen, nicht darin, was ein anderer von dem einen denkt, sondern nur darin, was er von ihm sagt. Es kann also einer den anderen für den grötzten Lumpen und Gauner halten, es kann dies die allgemeine Meinung, die communis opinio sein, solange er es nicht sagt, solange ist der betreffende ein Ehrenmann. Zweitens besteht das Wesen dieser Ehre nicht darin, was einer tut, sondern darin, was einer leidet. Es ist also nach dem Begriff der Ehre, die uns die Waidhofner Herren absprechen, ganz gleichgültig, ob einer als Wohltäter der Menschheit das Diphtherieserum erfunden hat, oder ob er silberne Löffel stiehlt, das ist ganz egal, aber wenn ein anderer sich besäuft und in der Besoffenheit den Wohltäter der Menschheit schlägt, dann hat dieser Wohltäter ^er Menschheit die Ehre verloren. Drittens besteht das Wesen dieser Ehre, die uns Herr von Stransky abspricht, darin, datz einer schimpft. Denn wir im bürgerlichen Leben glauben allerdings, daß einer, der schimpft und randaliert, ein ordinärer Mensch ist. Nach diesem Ehrbegriff, der uns abgesprochen wird, wäre der, der schimpft und randaliert, der Ehrenmann. Ein viertes Kriterium hat diese Ehre, die uns Herr von Stransky abspricht: sie kann jederzeit repariert, auf den Glanz neu hergerichtet werden, einfach durch das Blut, durch das Duell. Wenn also einer den anderen, der, sagen wir, ein Wohltäter der Menschheit ist, in der Besoffenheit beschimpft, wenn er ihn schlägt, und wenn er ihm dafür dann noch ein paar Zoll Eisen in den Leib stützt oder eine blaue Bohne aufs Fell brennt, wenn der betreffende dann stirbt, dann ist die Ehre des Toten wiederhergestellt. Also, meine Herren, ich gestehe Ihnen ganz offen: Wir sind viel zu stolz, als datz wir glauben würden, unsere Ehre balanziere auf der Spitze eines Schwertes. Darüber sind wir uns vollständig klar! Aber was uns an der Sache so tief verletzt, was wir so niedrig und niederträchtig finden, ist der darin gelegene animus injuriandi, das Verlangen — mit einem Worte — ein ganzes Volk zu beschimpfen und zu verhöhnen, und zwar nur aus dem einzigen Grunde, um die eigene Feigheit damit zu decken, weil man es nicht wagt, sich vor die jüdische Klinge zu stellen. (Gelächter.) Ja, meine Herren, solange die Juden nicht fechten konnten, gab es keine Waidhofner Beschlüsse. Mit dem Momente, wo wir Juden den Säbel geführt haben, da wir ihnen über den ungewaschenen Mund gefahren sind, da haben sie auf einmal entdeckt, datz die Juden ehrlos seien. Und doch, wahrhaftig! Es gehört kein so besonderer Mut dazu, sich vor eine Klinge zu stellen! Denn schlietzlich und endlich! Was ist das schlimmste — ich bin genügend oft selbst mit hem Säbel in der Hand dagestanden — was passieren kann? — Ein paar Schmisse ins Gesicht! Und daran stirbt man nicht! Aber, meine Herren, wir Juden dürfen uns leider den Lurus nicht erlauben, uns auf diesen Standpunkt zu stellen. Wir mögen das Duell noch so sehr verdammen und ablehnen, wenn der Jude es wagt, aus wirklich tiefster Ueberzeugung sich gegen das Duell zu erklären, dann wird ihm ja sofort vorgeworfen, er sei feige. Darum können wir nur die letzten sein, die gegen das Duell auftreten. Wie gesagt, es gehört gar kein besonderer Mut dazu, sich vor die Klinge zu stellen: viel mehr Mut gehört dazu, sich hier in Wien als armer Student, als Jude oder überhaupt als Nichtdeutscher zu deklarieren. Denn, sehen Sie, meine Herren, auf dieses Bekenntnis haben die allmächtigen Herren der Universität, die sich so stolz auf die Kulturträger hinausspielen, die Hungerstrafe gestellt. Da gibt es in Wien eine Institution, die mensa academica. Zu dieser mensa academica tragen, wie wir statistisch nachgewiesen haben, die Juden über 50 Prozent sämtlicher Beiträge bei. Und da kommt der arme Student nach Wien. Seine Angehörigen, seine Eltern, für die er die letzte Hoffnung ist, denen er das bitzchen Licht und Freude in ihr Leben bringen soll, das sie ihr ganzes Leben lang entbehrt haben, sparen sich vielleicht die letzten Bissen vom Munde ab, um dem Sohne das Studium in der Hauptstadt möglich zu machen. Er wird ihnen ja einstmals, wenn er zu Aang und Ehren emporgestiegen. das alles vergelten! Nun kommt er her und nun wird ängstlich Heller zu Heller gelegt, um diese 24 kr. für ein Mittagmahl zusammenzubringen! (Zwischenrufe.) Aber, meine Herren, so glücklich sind nicht alle: es gibt so und so viele, die sich nur mit einer Suppe und einem Gemüse begnügen müssen. Aber was tut's? Es ist doch wenigstens ein warmer Bissen, die einzige warme Mahlzeit vielleicht, die der Arme im Tag hat. Und so eilt er in Frost und Kälte, im dünnen Röcklein, mit der Mensamarke hin unter die Arkaden. Er kommt hin und findet die Laden heruntergelaffen. Die Herren Kulturträger stehen davor und lassen niemand ein (Zwischenrufe) und erklären: Du mutzt hungern und wärest Du auch zum Verhungern! Meine Herren! Ich schäme mich, datz so etwas im 20. Jahrhundert möglich ist. Es ist beschämend für uns und unsere Kultur, und ich erschrecke bei dem Gedanken, datz vielleicht einmal eine zukünftige Zeit unsere heutige Epoche nach derartigen barbarischen Aeutzerungen beurteilen könnte. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wenn man erst einmal so weit gekommen ist, wenn man den Menschen, den hungernden, frierenden Menschen, vom gedeckten Tische davonjagt, dann ist an Ihnen das Wort Grillparzers zur Wahrheit geworden: Durch Nationalität zur Bestialität! (Zustimmung.) Und hier spreche ich nicht mehr im Namen der Juden, ich habe dazu keinen Auftrag, da hört sich jeder Unterschied auf, denn wenn es etwas gibt, was international ist, so ist es der Hunger. Ja, die Herren, die mit gefülltem Bauch dastehen, haben es leicht, die Armen davon zu jagen. Was wissen Sie! (Zwischenrufe des Abgeordneten von Stransky) Schämen Sie sich! Sie haben mü Ihrem Vorgehen die deutsche Kultur prostituiert. (Beifall. — Zwischenrufe und Lärm. — Abgeordneter von Stransky: Erplodieren Sie nicht! — Zwischenrufe des Abgeordneten Dr. Trylowskyj. — Abgeordneter von Stransky: Gegen die ruthenischen Studenten ist es nicht gegangen!) Verzeihen Sie, es sind die ruthenischen Studenten, ebenso wie die polnischen, und die anderen ausgeliefert. Schämen Sie sich! Sie sind ein Schandfleck für das Deutschtum! (Zwischenrufe des Abgeordneten. von Stransky.)

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