Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 51 Vr. Vloch's WochenfttzrM» Geile 8S5 Es ist uns so und so oft feierlich erklärt worden, daß der Staat den höchsten Wert auf die sittlich-religiöse Erziehung der Jugend lege. Nun haben wir bei uns Judengemeinden, die so klein und schwach sind, daß sie ihren Seelsorgern Gehalte zahlen müssen, die kaum ausreichen, dieselben vor dem Verhungern zu schützen. Und wie soll nun der Mann, der sich tagtäglich dem grauen Elend gegenüber sieht, Liebe und Begeisterung in die Herzen der Jugend pflanzen, wie soll er seine Pflicht freudig erfüllen, wenn er daran denken mutz, datz in dem Moment, wo seine Arbeitskraft erlahmt, er und die Seinen der allgemeinen Mildtätigkeit preisgegeben sind? Und doch, meine Herren, ist das nur die eine und die kleinere Seite der Frage. Die jüdischen Gemeinden sind nämlich heute weit über den Rahmen dessen, was ihnen durch das Gesetz vom Jahre 1890 zugewiesen wird, hinausgewachsen, mit einem Wort, sie müssen vikarierend überall dort eintreten, wo der Staat uns Juden gegenüber versagt, bei Waisen- und Krankenhäusern, Siechenanstalten und allen jenen sozialen Fürsorgeeinrichtungen, bei denen wir Juden natürlich stets als Stiefkinder erscheinen. Wir können ruhig sagen, datz wir gerne und freudig diese Pflichten übernommen haben. Meine Kollegen und ich wissen davon ein Lied zu singen, wie wöchentlich, ja fast täglich die Aermsten der Armen, die nach Heine an den drei grotzen Uebeln: Armut, Krankheit und Judentum leiden, zu uns kommen, nachdem sie von Tür zu Tür gewandelt sind und sie überall verschlossen gefunden haben, wie sie nirgends ein Plätzchen finden, wo sie ihren leidengequälten Leib hinlegen und nicht einmal das primitive Recht des Menschen auf Heilung finden. Hier müssen unsere Kultusgemeinden eintreten. Und da meine ich, meine Herren, es ist, ganz abgesehen'von der Frage der Gleichberechtigung, höchste Pflicht des Staates, wenn wir schon einen Teil dieser Leistungen auf uns genommen haben, auch seinerseits für uns einzutreten. Doch, meine Herren, diese Budgetpost, oder besser gesagt, das Fehlen dieser Budgetpost ist so recht bezeichnend für die Auffassung von dem Wesen der Gleichberechtigung uns gegenüber. Sie werden es, meine' Herren, kaum glaublich finden, ja Sie werden, fürchte ich, glauben, datz ich aufschneide, wenn ich Ihnen sage, datz die oberste Instanz für die jüdischen Kultusgemeinden, die oberste Instanz für die Entscheidung in jüdischen Kultangelegenheilen in den Händen eines Nichtjuden gelegen ist. Ich will dem betreffenden Herrn damit gar nicht nahetreten; im Gegenteil, ich erkenne gern seinen Eifer und seine Unparteilichkeit an. Aber, meine Herren, stellen Sie sich nur die darin gelegene Verhöhnung vor! Fragen Sie sich, ob es einem anderen Kuliverband, einem anderen Volke gegenüber möglich wäre, als oberste, entscheidende Stelle über seine eigenste Angelegenheit, die Kultangelegenheilen, einen Angehörigen einer fremden Konfession zu bestimmen. 'E Und das traurigste, meine Herren, ist, datz wir alle diese Dinge, diese täglichen Rechtsbrüche und Verhöhnungen als etwas Selbstverständliches hinnehmen, datz sich niemand darüber aufregt, datz man gerade im Gegenteil, wenn wir Juden einmal unser Recht verlangen, dies uns als unerhörte Kühnheit auslegt. Und da ich, meine Herren, von Rechtsbrüchen und Verhöhnungen spreche, kommt mir unwillkürlich der Name des Herrn Dr. Uriel auf die, Lippen. Herrlich weit hat er es gebracht, mit seiner Auffassung von der Rechtsgleichheit und von der Führung pes mjlitärärztlichen Korps! Allerdings nur für sich! Denn er hat für sich die 4. Rangklasse erobert, wahrscheinlich zur Belohnung dafür» datz er das militärärztliche Korps judenrein machte und datz der Abgang gegenüber dem Sollbestand im militärärztlichen Korps heute die erschreckende Zahl von über 40 Prozent erreicht hat. Meine Herren! Ich brauche nicht weiter auszuführen, was es für den Ernstfall bedeutet, welch entsetzliche Gefahr dies schon im Zustande des Friedens mit sich bringt. Aber was liegt weiter daran, wenn auch ein paar hundert Menschen eventuell des furchtbarsten Todes sterben? Was liegt daran, wenn wir im Frieden unsere Spitäler nicht führen und erhalten können? Herr Dr. Uriel hat die 4. Rangklasse und die Katz, die Katz ist gerettet. (Abgeordneter Edler von Stransky: Gott erhalte uns noch lange diesen Uriel!) Er gehört schon Ihnen! Sie sind seiner würdig! (Abgeordneter Edler von Stransky: Oder er bringe uns einen neuen Uriel!) Den Urias haben wir schon hier! Doch, meine Herren, besagter Herr von Uriel hat noch andere Vorstellungen Er hat nämlich die Idee, datz der Arzt nicht Arzt, sondern Taktiker sein müsse. Ich wage es nicht, zu entscheiden, ob der grotze Esmarch es bei uns in Oesterreich zum Range eines Regimentsarztes gebracht hätte; denn er war nur ein ganz genialer Arzt, aber er war kein Taktiker; autzerdem hat er niemals, soviel ich weitz, das Bestreben gehabt, aus schlechten Juden schlechte Christen zu machen, wie es bei Herrn von Uriel der Fall ist. Aber die Juden des Ostens und des Westens sind aus ihrem lethargischen Schlafe erwacht, sie sind endlich zu der Erkenntnis gekommen, datz sie mit dem Betteln um Brosamen an fremden Tischen höchstens nur die Agonie verlängern, niemals aber ein freudiges Leben führen können. Diese Juden, die der Welt so viel gegeben, die — das sage ich Ihnen, Herr von Stransky — der Welt die Kultur, die Gesittung gegeben haben, auf der heute die ganze zivilisierte Menschheit futzt — allerdings scheint es, datz Sie nicht viel von dieser Kultur wissen (Abgeordneter von Stransky: Den Schwindel und den Wucher!) —, angefangen mit den Aposteln, die ja Juden waren. Herr von Stransky (Abgeordneter von Stransky: Ich bin kein Klerikaler!) —, ich glaube, die Apostel werden Sie in ihrer Bedeutung doch anerkennen — diese Juden haben es satt, immerfort um Toleranz zu betteln, diese wäre zu erlangen endlich auch ihr Recht. Wir stehen auf dem Standpunkte, datz wir, die wir seit Jahrhunderten auf diesem Boden sitzen, die wir ehrlich mitgearbeitet haben, datz wir vor allem und einzig und allein das Recht verlangen, hier zu leben und hier zu arbeiten. And wir verlangen dieses Recht nicht blotz um unserer selbst willen. Das, was wir Juden für die Kultur und unter den Böllern geleistet haben, das. was wir besonders für Oesterreich getan haben, das hat uns mehr als alle papierenen Edikte das Bürgerrecht hier in diesem Lande, das Bürgerrecht in der europäischen Kultur verliehen. Und alles das. was geschaffen wurde, können Sie aus dem Kulturgebilde nicht herauslösen, ohne das ganze Gewebe zu zerstören. Wir werden uns gewiß nicht davon abdrängen lassen, sei es durch irgendwelche Scheinargumente, sei es auch durch Brachialgewalt; wir verlachen diese frechen Reden, die uns zu Fremdlingen auf diesem Boden stempeln wollen. Hier stehen wir und fürchten uns nicht. (Abgeordneter von Stransky: Leider!) Sie mögen „leider" sagen, so viel Sie wollen, Ihren Versicherungen glaube ich nur, wenn sie von der Polizze einer vertrauenswürdigen Gesellschaft begleitet sind.