Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 894 Ds. Lloed's Moydenscbritt. Nr. 51 Sie finden, daß dasselbe eigentlich nur eine von spärlichen Arbeitsperioden unterbrochene lange Reihe von Ferien darstellt. So haben wir erst jetzt vom 18. Juli bis 3. Dezember Zeit gehabt, unsere schon vorher nicht durch übermäßige Arbeit angestrengten Nerven auszuruhen. Ich will gar nicht untersuchen, ob es nationalökonomisch und politisch klug ist, die Arbeitskraft von über 500 Leuten brach liegen zu lassen, die vom Vertrauen der Bevölkerung getragen sind, aber ich glaube, darin werden wir alle übereinstimmen: es ist die Aufgabe eines jeden Parlaments, und in erster Linie auch des österreichischen, als Ableiter zu dienen. Bei uns in Oesterreich brodelt und gärt und wallt es immer wie in einem Dampfkessel und da bildet das Parlament ein Ventil. Wenn Sie nun dieses Ventil zustopfen, wenn Sie dieses Ventil verbinden, können Sie sich wundern, wenn es zu Explosionen kommt? (Zustimmung.) Dieses Haus ist die Tribüne, von der aus die Völker Oesterreichs ihre Wünsche und Forderungen verkünden. Wenn Sie es nun den berufenen Vertretern der Völker nicht möglich machen, zu sprechen, dann können Sie sich nicht wundern, wenn die Unberufenen zu Worte kommen, die nicht erst darauf warten, bis sie einberufen werden. (Beifall.) Und so haben Sie durch diese, wenn ich sagen kann, Mißachtung des Parlamentarismus selbst zu den anarchischen Zuständen beigetragen, die heraufgekommen sind. Bei dieser Gelegenheit mochte ich meine und meiner Gesinnungsgenossen Ansicht dahin aussprechen: Wir bedauern auf das lebhafteste die Prager Vorgänge, wir verdammen unbedingt jedwede Storung der Ruhe und jedwede Störung .der Ordnung, aber wir weisen mit Abscheu den Gedanken von uns, daß heute, im 20. Jahrhundert, im Herzen Europas Galgen und Mannlicher der Weisheit letzter Schluß sein sollen. (Lebhafter Beifall.) Es ist geradezu beschämend, und wir stehen auf dem Standpunkte, daß, wenn solche Dinge möglich waren, dies nicht eine Schuld der Völker ist, sondern daß dies eine Bankrotterklärung des bisherigen Regierungssystems bedeutet. (Lebhafter Beifall.) Und dies ist auch ein Grund für uns, nebst manchem anderen, daß wir, wenn wir auch für die Dringlichkeit des Budgets stimmen wollen, gegen das Meritum desselben stimmen werden. Wenn Sie sich aber fragen: Wie ist es denn möglich, daß in dem hochzivilisierten Böhmen, mitten im Herzen Europas und der Zivilisation, derartige anarchische Zustände einreißen konnten, dann seien wir uns darüber klar: Das Standrecht ist nicht weniger Anarchie als die Straßenherrschaft, es ist eben die Aufhebung der gesetzlichen Ordnung. Wenn wir uns fragen: Wie ist es möglich, daß es zu derartigen Zuständen kommen konnte, dann werden Sie bei genauerem Zusehen, wie ich glaube, einen Grund finden, der, scheinbar abseits liegend, mir doch einer der wichtigsten psychologischen Erreger zu sein scheint: Es ist nämlich die systematische und planmäßige Ertötung des Rechtsbewußtseins der Völker, mit dem man natürlich uns Iuden gegenüber begann. Meine Herren! Wir Iuden, als die geborene Minorität, die nirgends mit der Straße droht, denen keine äußere Macht als Rückendeckung zur Seite steht, uns gegenüber glaubte man stets. Recht und Gesetz verhöhnen zu dürfen. Die Staatsgrundgesetze, die waren für uns immer nur bedrucktes Papier und was Edikte und Erlässe anlangt, so hat man dieselben höchstens gegen uns, nie für uns gekannt. Aber man hat sich verrechnet. Man hat vergessen, daß die Menge zwar sehr schnell lernt, das Gesetz mißachten, daß es aber viel schwerer ist, ihr die Achtung der Gesetze beizubringen, und wenn sie das erstere einmal gelernt hat. daß sie dann diese feine Distinktion zwischen Iuden und Nichtjuden sehr bald verliert. (Sehr richtig!) Man hat einmal das Prinzip der brutalen und unbedingten Geltung der Majorität aufgestellt. Wenn einmal die erdrückende Uebermacht vorhanden ist, dann darf diese tun, was sie will. Und die Menge war eigentlich logischer als die Herren, die sie dieses Prinzip lehrten. Die Menge sagte sich: Was wir dieser jüdischen Minorität gegenüber uns täglich unter Anführung der Behörden erlauben dürfen, warum sollten wir uns dies nicht auch einmal einer anderen Minorität gegenüber erlauben dürfen? (So ist es!) Es ist versucht worden, den nervus iusticiarius uns Juden gegenüber zu lähmen. Das ist glänzend gelungen. Ich muß den Herren hier das Zeugnis ausstellen: nach dieser Richtung hat man sich gar nichts vorzuwerfen. Aber man hat vergessen, daß, wenn der nervus iusticiarius erst einmal gelähmt und tot ist, er eben allen gegenüber tot ist und daß die Herren, die als Majorität so gerne bereit sind, uns zu brutalisieren und zu drangsalieren, selbst auch Minoritäten haben, und daß man gelegentlich dieses Prinzip auch diesen Minoritäten gegenüber anwenden kann. (Sehr richtig!) Allerdings, wenn das dann passiert, dann werden scheinheilig die Augen verdreht, dann wird über Verrohung der Sitten gejammert und geklagt, wie tief die Kultur gesunken ist. Aber das kann niemanden täuschen. Man muß da an die eigene Brust schlagen und sagen: mea culpa, mea marima culpa! (Lebhafte Zustimmung.) Ich weiß sehr wohl, daß man dies zu leugnen und in unvergleichlicher Hypokrisie darüber mit schönen Worten hinwegzugehen sucht. Aber ist es denn gar so lange her, daß man uns Iuden in Oesterreich damit gedroht hat, man werde mit uns russisch-sprechen? Nebenbei gesagt: Wir fürchten uns nicht. Sollte man es wirklich einmal versuchen, mit den Iuden russisch zu sprechen, dann werden die Iuden eben versuchen müssen, japanisch zu antworten. (Sehr richtig!) Also das schreckt uns nicht. Aber, wenn Sie erst einmal diese schöne Konversationssprache in Oesterreich eingeführt haben, dann werden Sie sie nicht auf den Verkehr von Nichtjuden und Juden beschränken können. Ebenso wie die Anarchie, so sind die Zustände, über die scheinheilig geklagt wird, nur eine natürliche und naturgemäße Folge, nur die Frucht von einem Eiftbaum, den Sie selbst gepflanzt haben. (So ist es!) Rechtsbewußtsein gegenüber den Iuden! Schon die bloße Zusammenstellung dieser Worte mutet einen wie ein Hohn an, man kann es gar nicht fassen, daß jemand auf den Gedanken kommt, diese Worte zusammenzufügen. Ia, Sie brauchen sich eigentlich nur das Budget auf dieses Rechtsbewußtsein oder auf die Gleichberechtigung hin anzusehen und Sie werden sehr bald sehen, wie man diese versteht. Der Staat stellt eine stattliche Reihe von Millionen für die Kultbedürfnisse der verschiedenen Riten und Völker ein. Ich möchte nicht mißverstanden werden — man ist so schnell bei der Hand, uns als klerikal zu verschreien. Die Frage, ob der Staat für die Kultbedürfnisse aus Sieuergeldern zu sorgen habe, ist eine ganz andere, und sie will ich hier nicht erörtern. Aber ich meine, es ist für mich und, wie ich glaube, für jeden billig und recht Denkenden klar, daß, wenn der Staat aus allgemeinen Steuergeldern für Kultbedürfnisse sorgt, er die Pflicht hat, ebenso für die jüdischen Bedürfnisse zu sorgen wie für die aller anderen. Und hierfür, meine Herren, sind doppelte Gründe maßgebend.