Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 61 Dr. Mlocb s Mocöensebrtn. Seite 893 jedes Schutzjudentum, verlangt für , die unleugbaren Verdienste der Juden um die öffentliche Wohlfahrt ihr volles Bürgerrecht, das sie sich auch gegen jede Drohung werden in jeder Weise, zu erhalten wissen. Zum Schluffe bekämet! die deutschnationale Partei und ihre brutalen Studenten, welche hungernde Kommilitonen von der Mensa vertreiben, einige ungeschminkte Wahrheiten zu hören. Wir lassen die ausgezeichnete Rede, die bei aller Schärfe vollste akademische Wurde besaß, nach dem Wortlaut des stenographischen Protokolles folgen. Vizepräsident: Ich erteile dem Herrn Abgeordneten Dr. Mahler das Wort. Abgeordneter Dr. Mahler: Meine Herren! Es ist eine allgemein bekannte und besonders auch von Künstlern gewürdigte Erkenntnis, daß wir die Erscheinungen der uns umgebenden Welt nicht nach ihrem wirklichen und realen Wert, nicht nach ihrem absoluten Wesen in uns aufnehmen, sondern in erster Linie und fast ausschließlich nach dem gegenseitigen Verhältnisse, in dem sie zu einander stehen, nach ihrem Relativwerte. So kann, um dies an einem Beispiele zu zeigen, ein Kirchturm an und für sich schlank und elegant sein und auch als solcher in der Landschaft erscheinen. Wenn sich aber daneben dann ein hoher Fabriksschlot erhebt, so kann derselbe Turm plump und schwerfällig wirken. Nun, meine Herren, das gleiche Gesetz von der Geltung der Relativwerte, es herrscht ebenso, wie in der uns umgebenden Welt in dem Kreise der politischen Erscheinungen, und wie es Aufgabe des Künstlers ist, die Relativwerte so gegeneinander abzuwägen, daß sie mit den wirklichen nicht in einen allzu schreienden Gegensatz kommen, so ist es Aufgabe einer harmonisierenden Politik, die Dinge, wie sie erscheinen und wie sie wirklich sind, in das entsprechende Verhältnis zu einander zu setzen. Nirgends vielleicht kann man den Wert dieser Tatsache und den Schaden, den die Verkennung dieser Tatsache mit sich bringt, so deutlich erkennen, wie gerade bei uns in Oesterreich. Wir leiden bei uns, wenn ich bei einem künstlerischen Bilde bleiben darf, sozusagen daran. daß wir alle Dinge unter einem zu niedrigen Gesichtspunkt und unter einer falschen Perspektive anschauen. Die großen und bedeutenden Sachen rücken wir in den Hintergrund, die kleinen und unwichtigen ziehen wir nach vorn. Die Sozialversicherung, eine der größten Aufgaben, an deren Lösung je ein Staat sich gemacht hat, der Boykott der österreichischen Waren im Orient, der unseren gesamten Außenhandel und damit den Volkswohlstand in ärgster Weise bedroht, der ständige Rückgang der wirtschaftlichen Verhältnisse, der ganze große Industrien zu Arbeitsreduktionen zwingt und dadurch über Tausende und Zehntausende Familien Not und Kümmernis bringt, alle diese großen und wichtigen Tatsachen haben wir ganz zurückgeschoben, wir sehen sie kaum. Aber die Frage des deutschen Aktuars beim böhmischen Landesausschuß, die Kappen der Prager Couleurstudenten, die stellen wir in den ersten Plan, die starren wir wie hypnotisiert an und es ist beinahe, als ob diese Prager Couleurkappen unseren ganzen Horizont zudecken würden. Und wenn jemand es wagt, dies offen zu sagen, wenn er es wagt, darauf hinzuweisen, daß wir auch andere Aufgaben haben, daß die Notlage der Landwirtschaft, besonders im Osten dieses Reiches, in Galizien, heute eine geradezu niederschmetternde ist, wenn einer es wagt, auf die — ich möchte sagen — für die Kultur unserer Welt beschämende Tatsache hinzuweisen, daß wir im Osten des Reiches, in Galizien, fast alljährlich mit Hungertyphus zu kämpfen haben, dann fürchte ich. würde man einem solchen Manne vielleicht gar Verrat an den höchsten Idealen der Völker Oesterreichs vorwerfen. Und trotzdem wage ich es, mich Ihnen als einen solchen Verräter zu präsentieren; nicht als ob ich die Bedeutung der deutsch-böhmischen Frage verkennen würde oder dieselbe bagatellisieren wollte, aber ich und meine Gesinnungsgenossen. wir sind uns vollständig klar darüber, daß wir, wenn Sie für den hochberühmten Aktuar, dessen Wichtigkeit wir vielleicht selbst in 3 oder 6 Monaten gar nicht mehr verstehen werden, wenn wir für die leidige Couleurkappenfrage auch die genialste und alle Teile befriedigendste Lösung finden, damit auch nicht um einen Schritt weiter gekommen wären, denn das alles, meine Herren, sind nur Symptome, Erscheinungsformen einer Krankheit, die viel tiefer liegt. Und selbst, wenn Sie den ganzen deutsch-böhmischen Streit lösen könnten, gibt es nicht bei den anderen Völkern so und so viele Differenzen, die aus der gleichen Wurzel entspringen, daß die Völker um den Platz auf dem ihnen zugewiesenen Orte ringen? Und dann, als die Juden des Ostens, diese viel Geschmähten und viel Verspotteten, die doch an Treue und aufrechtem Mannesmut gar vielen als Beispiel dienen könnten, die sich hier stolz und erhaben dünken, uns als ihre Vertreter hierher sandten, gaben sie uns die Parole mit auf den Weg: Zieht hinauf und kämpfet mit. Ihr sollt für Freiheit, Recht und Fortschritt mitstreiten, aber ihr sollt nie mithadern. Nie sollt ihr nach Rechten verlangen, sondern immer nur nach dem Rechte und nie euch stellen zwischen zwei Völker, auf daß sie sich finden können. Nur, wer tief in die Psyche des jüdischen Volkes eingedrungen ist, der die ganze. Jahrhunderte währende Qual und Tortur des Ghettos mit seiner Lebensunsicherheit und seinem Mangel an äußerem Glücke kennt, vermag zu ermessen, aus welchem Glück- und Friedensbündnisse heraus diese Worte eingegeben waren, der mag verstehen, wie diese einfachen Leute glaubten, nun. da die Völker direkt und ohne Mittler durch ihre freigewählten Vertreter miteinander sprechen könnten, nun müsse doch alle Not ein Ende haben, denn wollten nicht alle, so dachten sie dasselbe, wollten sie nicht das eigene Wohl, erwachsen aus dem Wohle aller. Wenn wir diese Leute so zu uns sprechen hörten, da war es mir oft, meine Herren, als hörte ich sie unbewußt der Antigone Worte sagen: ,.Nicht mitzuhassen. mitzulieben bin ich da." (Beifall.) Und es gab kühl lächelnde Leute, die da über die jugendliche Begeisterung spotteten, die da höhnten und die unausbleibliche Ernüchterung voraussagten, die da meinten, wie bald würde das Ende dieses Traumes kommen. Und doch, wie so oft, hat auch diesmal der naive Kknderglaube recht behalten, denn dieses Haus, bervorgegangen aus dem Willen aller Völker, hat durch die furchtbare Belastungsprobe, die es am 3. Dezember bestanden hat. seine Existenzberechtigung erwiesen, es hat aber auch klar und deutlich den Willen der Völker Oesterreichs gezeigt, nur durch sich selbst und durch keinen § 14 regiert zu werden. Es hat deutlich gezeigt, daß die Völker Oesterreichs den Willen haben, laut und offen von dieser Tribüne zu sprechen und sich nicht zur bedeutungslosen Dekoration herabdrücken zu lassen. In diesem Sinne haben wir es auch verstanden, wenn wir uns entschlossen haben, für die Dringlichkeit des Budgets einzutreten. Wir beabsichtigen damit keiner Regierung ein Vertrauensvotum zu geben, sondern unser Vertrauensvotum, es gilt den berufenen und berechtigten Vertretern der Völker Oesterreichs, unser Vertrauensvotum. wenn man ein solches darin sehen will, gilt einzig und allein dem Parlamentarismus. (Zustimmung.) Meine Herren! Wenn Sie das Kalendarium unserer Tagungen seit dem Beginne betrachten, dann werden