Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 892 m* Mscd's MHcdeKscdmrr. Nr. 51 jüdischen Erbraies geworden, was sie durch ihre den aus drr alten Welt Vertriebenen gewährte Gastfreundschaft wohl verdient hat. Es hat aber weitere siebzehn Jahre gedauert, bis diese in der ganzen Welt einzig dastehende Sammlung gehörig aufgestellt, gesichtet und katalogisiert wurde, und mit Stolz versenden eben jetzt die beiden berühmten Gelehrten der Museumsverwaltung, welche als Anthropologen und Juden diese Arbeit übernommen haben, den wertvollen Katalog, der mit prächtigen Illustrationen geschmückt ist. Seine beiden Verfasser, C y r u s Adler und M. Casanowicz, heben hervor, daß sie mit dem Katalog auch den Zrmck verbinden, den Hunderttausenden von christlichen Besuchern, die jährlich das United States National Museum — dies der offizielle Titel des Smithsonian Museums — besuchen, ein erschöpfendes Bild sämtlicher nationaler und religiöser Gebräuche des Judentums zu geben. Um wieviel wichtiger wäre eine derartige, in die großen Massen gehende Belehrung in Europa. Wie viele Vorurteile würden schwinden, wie wäre die immer wiederkehrende Blutmär mit allen daran geknüpften Greueln möglich, wenn wir auch hier die Bevölkerung über das Feiertags- und Schächtungszeremoniell so aufklären könnten, wie es in diesem Kataloge für die Amerikaner geschieht. Die Gegenstände der jüdischen Museumsabteilung sind wie die der anderen Konfessionen nach folgenden Prinzipien eingeordnet: 1. Oeffentliche Gottesverehrung mit ihren Geräten und Einrichtungen; 2. Der Priester, seine Gewandung und Embleme; 3. Die Heiligen Schriften; 4. Religiöse Verehrung an den einzelnen Festtagen; schließlich die Abteilung, welche in der jüdischen Sammlung den größten Raum einnimmt: Religiöse Gegenstände, welche sich auf das Leben des einzelnen Individuums beziehen und die verschiedenen Lebensabschnitte von der Geburt bis zum Tod. In einem Punkte ist hier natürlich das jüdische Museum ärmer als seine europäischen Rivalen, das städtische Museum in Bologna und unsere Wiener Schöpfung, auf die wir mit Recht stolz sein können, das jüdische Museum in der Praterstraße; es besitzt begreiflicherweise auch nich t einen jüdischen Grabstein, während die in der Seegasse;n Wien und Bologna vorhandenen Grabsteine den wichtigst-n Bestand dieser Sammlungen ausmachen; was aber dm Inhalt des Lebens eines Juden ausmacht, das finden wir hier in erdrückender Fülle vereinigt. Die ältesten Gegenstände reichen nicht über das dreizehnte Jahrhundert hinaus und sind merkwürdigerweise in zerbrechlicher Ware zu suchen, welche, wenn auch vielfach geflickt, die Ungunst der Zeiten besser überdauert haben, als kostbare Metallgegenstände, welche den Plünderern zur Beute wurden. Es sind nämlich kostbare majolikaartige Passahschüsseln der Judengemeinde zu Granada mit bildlichen Darstellungen von Szenen der Hagadah, welche die spanischen Juden bei ihrer Vertreibung schon damals als jahrhunderte alte Erbstücke nach Tunis und Damaskus mit hinübernahmen, und die jetzt friedlich in Washington wieder vereinigt sind. Die jüngsten Gegenstände sind die Erzeugnisse amerikanischer Goldschmiedekunst, welche sich seit den Achtziger-Jahren mit einem wahren Vergnügen auf jüdische Kultgegenstände geworfen hat und in denselben eine unerhörte Pracht entfaltet; die allerjüngsten Ausstellungsobjekte hängen mit den Zionistenkougressen zusammen. Innerhalb des Zeitraumes von zirka 1250 bis zur Gegenwart finden wir eine ungeheuere Zahl von Gegenständen aufgespeichert. Unter diesen Kapporeth, Parocheth, Hunderten von Thorarollen und Mänteln sind die für uns interessanttsten, weil fremdartigsten diejenigen, welche aus den jüdischen Gemeinden des islamitischen Afrika und Asien stammen, von dorther auch die kostbaren Lampen, Waschbecken, Teffillin, Tallith und Rabbinenkleidungen. Deutschland und Rußland glänzen wieder durch goldene und silberne Geräte für das Pessach- und Chanukafest: die meisten Familienpapiere und Manuskripte liefern die vornehmen Familien Italiens; ein eigenes Buch würde die jüdische Frauenhandarbeit verdienen; hier glänzen besonders orientalische und Frauen aus den Balkanländern, Bulgarien : und Griechenland als Verfertigerinnen goldgestickter Tischwäsche zu den Passah- und Purimfesten; die Sammlung der Amulttte mit ihren Inschriften aus so vielen Jahrhunderten würden den Schreibern jüdischer Geschichte ihre Aufgabe sehr erleichtern. Ausgeschlossen erscheint in diesem Museum alles, was sich nicht direkt auf den Kult selbst bezieht, während unser Wiener Museum sehr viele Erinnerungen an bedeutende Männer und Frauen aus dem Judentum aufbewahrt. Wir erwähnen noch, daß gut ein Drittel des Museumsbesitzes das Eigentum einer einzigen jüdischen Familie, der aus Damaskus stammenden Benguiats, ist, welche die mehrere Jahrhunderte umfassenden Familienerbstücke zu Studienzwccken der Oeffentlichkeit übergeben hat. Möchte diese neueste, großartige Schöpfung der Smithsonian Institution — über den wertvollsten Bestandteil der jüdischen Sammlung, der Bibelhandschriften und Druckei sammlnug, hat schon ein früher herausgegebenes Merkchen berichtet — nicht nur den Juden neue Freunde unter der nichtjüdischen Bevölkerung Amerikas, die sich vorläufig sozial , von den Juden noch so streng sondert wie sie sich staatsbürgerlich vollkommen gleichgestellt hat, gewinnen und möge sie überhaupt dazu beitragen, daß der Sinn für jüdische Museen in der-jüdischen Bevölkerung ein regerer wird, und so auch unserer schönen Wiener Schöpfung und ihren Sammlungen zugute komme. Erweckt uns die Washingtoner Sammlung traurige Gefühle, weil wir die Zerstreuung unseres Volkes in alle vier Weltrichtungen nirgends so lebhaft erschauen können ' wie hier, so löst sie doch das erhebende Gefühl aus, daß die Juden in allen vier Weltteilen auf künstlerischem und " kunstgewerblichem Gebiete sich originell betätigt haben, und überall mit geringen Abweichungen dieselben Sitten und Gebräuche sich bewahrt haben zu jeder Zeit und unter jedem Volk. Uede des Abgeordnete« U«in.-Do;«nt Dr. Mahler. Anläßlich der Budgetdebatte hat das Mitglied des jüdischen Klubs, Reichsrats - Abgeordneter Univ.-Dozent Dr. Artur Mahler eine Rede gehalten, die, von höheren Gesichtspunkten ausgehend, seinem Staatsbürgertum wie. seiner Begeisterung für Kultur und Judentum ein glänzendes . Zeugnis gibt. Die Ausführungen, in denen wir viele Wort- und Gedankenprägungen von großem Werte finden, fanden den lebhaftesten Beifall. Der Redner, der wiederholt Gelegenheit fand, sich zahlreichen Zwischenrufern gegenüber als schlagfertiger und witziger Debatfer zu bewähren, beschäftigte.sich. mit zahlreichen wichtigen Erfordernifftn des jüdischen Lebens. Nachdem er es als die Aufgabe eines jüdischen Parlamentariers bezeichnet hatte, nach Kräften den Staatsgedanken und die Interessen der Zivilisation gegen die Natioualitätenhetze zu unterstützen, führte er zutreffend aus, daß die Anarchie des Pöbels gegen Minoritäten zweifellos ihren Anfang in den geduldeten Exzessen gegen die Juden habe. Ueberhaupt würden die Juden sträflich vernachlässigt. Die; Kultusgemeinden, die ein eigenes Budget für Wohlfahrts-> einrichtungeu haben, weil ihre Armen überall ausgeschlossen sind, bekommen nichts von den allgemeinen'Steuergeldern, die füt Zwecke des Kultus ausgegeben werdem Die Regie- ' rung wagte es sogar, die oberste Entscheidung für jüdische > Kultangelegenheiten in die Hände eines Nichtjuden zu legen! Redner kommt weiters auf den sattsam bekannten Dr. Uriel . zu sprechen, der lieber eine Katastrophe herbeiführt, indem - 7 er 40 Perzent der militärärztlichen Stellen unbesetzt läßt-- ' 7 als daß er Juden anstellt. Redner verwahrt sich -gegen ' '