Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 876 Dr» Lkocd's Msedenscbritt. Nr. 60 des famosen Festzuges, die nun schon durch eine Reihe von skandalösen Gerichtsverhandlungen die öffentliche Aufmerksamkeit in der unliebsamsten Weise auf sich lenkte. In der Sitzung wurde mitgeteilt, daß die Regierung einen Betrag von 450.000 Kronen zur Bezahlung der Forderungen der Lieferanten zur Verfügung stelle. Aus welcher Quelle hat nun die Regierung diesen Betrag genommen? Darüber berichtet die „Montags-Revue": „Bienerth war schon früher an die Wiener Banken mit dem Wunsche herangetreten, daß sie sich an der Bedeckung des Festzugsdefizits beteiligen mögen. Das wurde jedoch mit dem durchaus zulreffenden Argumente abgelehnt, daß die Verwaltungen der Wiener Banken eine solche Ausgabe für ein ihnen durchaus fernstehendes, ganz privates Unternehmen vor ihren Aktionären nicht zu rechtfertigen vermöchten. In jüngster Zeit, nachdem abermals mehrere Prozesse vor Gericht verhandelt wurden, wandte sich der Ministerpräsideut unter dem Eindrücke der eigentlichen Jubiläumsfesttage abermals mit seinem Verlangen an die Banken, zunächst an den Gouverneur der Bodenkreditanstalt, Herrn v. T a u s s l g, der sich nunmehr bereit erklärte, aus den Mitteln der Bodenkreditanstalt 100.O00 Kronen zur Verfügung zu stellen. Daraufhin widmeten die Kreditanstalt und die Länderbank ebenfalls je 100.000 Kronen, die Unionbank, der Wiener Bankverein und die Nlederösterreichische Eskomptegesellschaft je 50.000 Kronen. So kamen 450.000 Kronen zusammen, welche die Negierung nunmehr zur Deckung des Defizits beizusteuern in der Lage ist. Da der Wiener Bürgerkiub, welcher die Majorität des Gemeinderates repräsentiert, keine werteren Subventionen gewähren will, so ist von dem vorhandenen Defizite per 900.000 Kronen auch nach dem Beitrage der Banken nur die Hälfte des Abganges gedeckt." Also erst verhöhnt man die Juden, dann schnorrt man sie an. Das gehört auch zur Psychologie der arischen Rasse! Der Begründer des moderne» ungarischen Dramas. Zum hundertsten Geburtstage Karl Hugo's. Am 3.1. Oktober waren es hundert Jahre, daß Karl Hugo Bernstein das Licht der Welt erblickte. Er entstammte einer angesehenen jüdischen Familie und wurde ursprünglich für das medizinische Studium bestimmt, dem er zum größten Teile tin Auslände oblag. Sein reizbarer, sprunghafter Charakter ließ ihn jedoch nicht lange bei diesem viel Geduld und Ruhe beanspruche!.den Studium ausharren und Bernstein entschloß sich, seinem durch mehrere kleinere Arbeiten erprobten schriftstellerischen Talente nachzugeben und sich ganz der Dichtkunst zu widmen. Trotzdem er eine kosmopolitische, europäische Erzrehung genossen hatte und die ungarische Sprache nicht vollkommen beherrschte, entschloß er sich merkwürdigerweise, in seine ungarische Vaterstadt zurückzukehren und für die ungarische Nationalbühne zu arbeiten. Es schien, als sollte'er sich tatsächlich im ungarischen Parnaß — behaupten. Allmählich rückte er in die vordersten Reihen, errang da und dort kleine Erfolge, bis er schließlich am 15. März 1847 mit einem Drama „Brutus und Lukretia" und am 27. September desselben Jahres mit einem neueren Stücke „Bankier und B.:ron" im Budapester Nationaltheater erscheint und selbst in jener leicht erregbaren Zeit ungeahnte Erfolge erzielt. Besonders „Bankier und Baron" entzückte das Publikum und selbst die strengsten Kritiker jener Zeit, zu denen auch der unsterbliche Maurice Jokai und der auch heute noch unter den Lebenden weilende Eugen v. Rakosi gehören, schrieben förmliche Lobeshymnen über das Stück und seinen Autor, dessen Pseudonym Karl Hugo Jedermann geläufig wurde. Das große Verdienst Karl Hugo's war, daß er das ungarische Publikum zur wahren dramatischen Poesie heranzog und seinen Geschmack verfeinerte, sozusagen europäisierte. Einer der bedeutendsten Kritiker schrieb damals: „Karl Hugo hat durch sein großartiges Werk den Beweis erbracht, daß nicht nur das Tragikum des Individuums berechligt ist, denn cs gibt im Leben auch anderes tragisches Moment: Die Tragik der Situation, die ebenso furchtbar, ebenso erschütternd und von reinigender Kraft ist, wie die Tragik großer Seelen." Der rasch erworbene Ruhm hat, wie es scheint, den unruhig und fast krankhaft ambitiösen Geist Kar! Hugo's aus dem Gleichgewichte geworfen. Anstatt nun an der Stätte seines jungen Ruhmes zu bleiben und auf dem begonnenen Wege weiierzuarbeiten, setzt er es sich in den Kopf, nach Frankreich zu gehen und auch die französische Bühne zu erobern. Vorerst gelangt noch ein Drama „Der Stein der Weisen" in Budapest zur Aufführung. Da traf ihn ganz unerwartet ein unverdienter Schlag. Ein übelwollender Kritiker schrieb am 97. Dezember in dem damals vielgelesenen „Pesti Hirlap", der „Bankier und Baron" von Karl Hugo sei ein Plagiat. Nicht nur die Fabel, was Hugo gleich zu Beginn selbst angab, sondern auch die Motivierung der Handlung und selbst die Inszenierung habe er dem französischen Novellendichter Bazankourt entlehnt. Vergebens forderte Karl Hugo seine Landsleute auf, sich doch persönlich von der Grundlosigkeit des entehrenden Anwurfes zu überzeugen; sein Kampf gegen „das undankbare unmündige Volk" nahm immer erbittertere Formen an, bis er sich gezwungen sah, wie ein Coriolan seine Heimat zu verlassen. Diese große bittere Enttäuschung hat Karl Hugo zum Melancholiker gemacht, bis er schließlich im Jahre 1877 als Irrsinniger in der Fremde zugrunde geht. Die späteren ungarischen Literarhistoriker lassen dem Talente und der großen Bedeutung Karl Hugo's für die Entwicklung der ungarischen Bühne etwas mehr Gerechtigkeit widerfahren, als es die Zeitgenossen getan' haben. In einer Würdigung Karl Hugo's anläßlich seines hundertsten Geburtstages schreibt der gegenwärtige Präsident des ungarischen Schriftsteller- und Journalistenvereinrs Eugen v. Rakosi im klerikalen „Budapesti Hirlap" die folgende charakteristische Bemerkung: „Karl Hugo war kein Durchschnittstalent und wäre seine Begabung mit einem glücklicheren Charakter gepaart gewesen, so wäre er selbst unter den sein Schicksal und seine Religion (sie!) beeinflussenden Verhältnissen ein Großer geworden". . . Jawohl, Karl Hugo ließ sein Judentum, an dem er bis an sein Lebensende hing; in den Augen der Magyaren kein „Großer" sein. Die Austreibung der Juden aus Nürnberg im Jahre 1499. Archivrat Dr. Muinmenhofs veröffentlichte in dem in Nürnberg erschienenen , Fränkischen Kurier" seit einiger Zeit historische Studien über die Juden in Nürnberg bis zu ihrer Austreibung im Jahre 1499. Ans oem Schlußkapitel bringen wir einen kleinen Abschnitt zum Abdruck, um weitere Kreise auf diese sehr interessanten Publikationen hinzuwcisen: Am selben Tage (7. November 1498) wurde im Aufträge des Rates noch ein weiteres Verhör durch Antoni T e tz e l und Willibald Pirckheimer in Gegenwart des Schultheißen angestellt. Geladen waren wieder die vorhin genannten sechs Juden, die Antoni T e tz e l also anredete: „Ihr Juden! Ihr werdet alle, wie sich gebührt, euere jüdischen Eide schwören, über das, so man euch fragen und Vorhalten wird, die lautere Wahrheit zu sagen." Nachdem sie den Eid geschworen, wurde zunächst M o s s e von Schaffhausen gefragt, ob er ein Haus in Nürnberg habe, das sein sei. Er verneinte die Frage. Er sitze in einem Haus, das sei nicht sein, sondern des Israel Juden, seines Eidams, der sei jetzt nicht hier, aber er Hab' sein Wohnung hier hinter einem ehrbaren Rat. Salmou I u d, der Bessin Sohn, antwortete auf die die gleiche Frage, er habe kein Haus hier, daß allein sein sei, sondern er habe ein Viertel an dem Haus, das ihm und des Mair Johel Söhnen erblich von dem Jo Hel angefallen sei. Auch habe er ein Viertel an S.eligmann Sacks Haus, welche zwei Viertel sein allein sein. I o h e l Mair antwortete, er Hab' kein eigen Haus hier, sondern nur den siebenten Teil von dem Drittel zweier Häuser, das eine, darin sein Vater, und das andere, darin sein Vetter Seligmann Sack gewohnt hätte. Auch Hab' er seine Kleinode Abraham seinem Schwäher, eingesetzt und ein Haus gekauft von dem Jassriel Schmohel, bei dem er an die 22 oder 23 Wochen gewohnt habe. Dieses Haus sei seinem Schwäher verpfändet. Mosse Mair antwortete auf Antoni T e tz e l s Frage, sein Vater Hab an zwei Häusern einen Drittel gehabt, an diesen beiden Dritteilen Hab' er auf seines Vaters Absterben einen siebenten Teil und im übrigen sitz' er in einem Haus, dessen ein ehrbarer Rat Eigenherr sei, aber es sei nicht sein, sondern der gemeinen Judenschaft. Mardochäus sagte aus, er habe wie jeder seiner beiden Brüder an zwei Dritteilen zweier Häuser einen siebenten Teil, er habe kein eigen Haus, sondern an den zweien Häusern, die der alte Mair und Selkmann Sack, sein Ahnherr, innegehabt hätten, einen halben Drittel und einen 24. Teil. Damit war das Verhör beendet. Es zeigt einmal, wie klein, verzwickt und verzettelt der Hausbesitz auch der reicheren Juden war. Aus der Tatsache aber, daß neben den Ratsherren Antoni Tetzel, Jakob Groland, Sebald Schürstab auch ein Willibald Pirckheimer als Ratsdeputierter in dieser Angelegenheit mitwirkt, ist wohl nicht ohne alle Berechtigung der Schluß zu ziehen, daß auch er, obgleich Humanist, sich ebensowenig zu einer höheren und menschlicheren Auffassung der Dinge hatte erheben können wie seine Ratsgenossen, daß er ebenso wie sie von der allgemeinen Seuche des blinden Judenhasses angesteckt war. Die Juden hatten schon im Jahre 1498. die Stadt verlassen sollen, aber es wurde ihnen die Frist für den Abzug erstreckt in das folgende Jahr, zunächst bis Lichtmeß und dann bis Mittfasten. Für den 20. Februar 1499 hatte der Rat wieder den Schultheißen Wolf von Parsberg in der Judenangelegenheit zu einem Termin, und zwar in der alten Kanzlei des Rathauses eingeladen und von seiner Seite die Ratsherren Georg Holzschuher, Michel Beh aim und Endres Geuder abgeordnet. Damit war der Rat tatsächlich in dem Besitz der Judenhäuser, und er machte sie bald zu Geld. Der Stadtbaumeister Mechel B e h e i m, Heinz Holzschuher und Endres Geuder erhielten den Auftrag vom Rat. sie zum höchsten zu verkaufen. Sie führten die geschworenen Unterkäufel und die Werkleute in jedes Haus, um es zu besichtigen und zu schätzen, verzeichneten alle auf das genaueste mit dem Schreiber Friedrich Salbert und verkauften sie an Peter I m h o f und andere, wie ich schon früher ausgeführt habe. Der