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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-11 · 50 (11.12.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 D«. Msed's Moedensedritt. Sette 87k das nicht. Man hält es für Schwindel, gerade weil es keiner ist. Pose ist ja immer einleuchtender, als Schlichtheit. Selbst ernste Leute meinten, Gruby wirke mehr suggestiv als therapeutisch. Aber niemand stand der Suggestion ferner als Gruby. Er war durch und durch Empiriker, darum lehrte er nicht: er hatte keine Schüler, teilte niemand seine Methode mit, weil er 'eigentlich keine hatte. Die eigene Beobachtung an jedem einzelnen Falle konnte allein entscheiden, und er ging nur nach seiner genialen Intuition vor; freilich basierte sie auf gründlichen physiologischen und anatomischen Kenntnissen. Das verstand die Menge nicht. Wie komisch, wenn Gruby einen Jüngling von der Platzfurcht heilte, indem, er ihn Nüsse knabbern hieß, während er eine Straße überschritt! War das Heilkunst? Daß dadurch des jungen Mannes Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt wurde, bedachte man nicht. Es war zum Lachen. Aber der Erfolg sprach für ihn, und man eilte zu ihm, kopfschüttelnd oder vertrauensvoll, doch immer zu ihm. Er nahm es ernst mit seiner Pflicht. Sie allein bestand für ihn. Gruby sah niemand Unterhaltung nachgehen. Als Ambroise Thomas, dem er in treuer Freundschaft anhänglich war, die 1000. Aufführung seiner „Mignon" feierte, da war Gruby wohl dabei. Aber, ganz verstohlen; er sprach mit niemand darüber und seine Umgebung mußte tun, als wisse sie nichts davon. Es war, als schäme er sich, daß er, Gruby, Zeit für das Theater gefunden habe, er, der kaum Zeit für ein über? flüssiges Wort fand. Er schlief ein, wenn ihm ein Kranker deren zu viel redete; denn Flausen, die mochte er nicht. Höfliche Redensarten, Gefühlsergüsse schnitt er kurz ab. Er selbst ging ohne viel Umschweife nur auf das Ziel los und besuchte er einen Kranken, nahm er sich kaum Zeit, zu grüßen. „Doktor Grubyempfängt man ihn, wo er das erste Mal hinkommt „Ja, ja — das ist gleich, wo ist der Kranke?" Auch im persönlichen Verkehr plagt er sich nicht viel mit Liebenswürdigkeit; er reizt gerne, neckt auf ärgerliche Art. Sieht er aber jemand wirklich verletzt, ist er wie ein Kind verlegen. Um Entschuldigung bitten, natürlich, das geht nicht. Aber er kommt mit Süßigkeiten, Früchten aus Ungarn, bietet sie an. Das ist höchste Auszeichnung. In Ungarn, der Heimat, ist doch alles am besten; er glaubt niemandem, daß es anders sein kann. Das Vaterland, das Elternhaus, es hat ihm nichts gutes geboten. Er aber vergißt es nicht. Alljährlich schickt er Summen Geldes heim für die armen Verwandten. Sein Vater freut sich nun des berühmten Sohnes; er lobt ihn, mahnt ihn aber an die Treue gegen sein Volk und seine Religion. Es ist dies überflüssig. Gruby schließt keine Kompromisse mit der Gesellschaft. Er bleibt, was er ist, bis ins Innerste. Sein Ruhm, der Wohlstand, der -sich von selbst um ihn bildet, macht aus ihm keinen anderen Menschen, als der Student es seinerzeit gewesen. Die äußeren Umstände des Lebens sind ihm gleichgültig, wie immer. Er wohnt in einem Chaos von Sesseln, Tischen, Büchern, Papieren, in dem es schwer ist, sich einen Platz herauszufinden. Nicht einmal ein Bett sieht man. Gruby schläft, wie es kommt, in einem mit Pölstern vollgestopften Lehnsessel.- Nirgends ein Schmuck, nicht einmal Behaglichkeit. Die Welt des Scheines bleibt ihm fremd, mit ihr auch die Kunst, der Schönheitssinn. Seine Gewandung ist immer die gleiche: eine hohe „Ofenröhre" am Kopf, ein kurzes Mäntelchen um die Schultern. Er hat auch einen eigenen Wagen. Aber wie sieht der aus! Von oben her kommt aus einem Fenster das Licht, damit er drinnen besser lesen könne. Und ein Pferd führt ihn noch in den Achtziger- Jahren, das im Jahre 1870 Dienste geleistet und ihm dadurch wert geworden war. Es darf nie beschlagen werden, humpelt mühselig vorwärts, kann oft gar nicht weiter und Gruby muß aussteigen und sich einen Fiaker nehmen. Aber Pferd und Wagen bleiben. Seine Bedürfnislosigkeit, seine unerschütterliche Gesundheit, die er seiner hygienischen Lebensweise verdankte, machten ihn stets von jedem Beistand der Menschen frei. Aber es kam das Alter und es kam eine schwere Krankheit. Es starben die Freunde weg, die ihm anhänglich waren, seiner Kunst vertraut hatten. Eine neue Generation suchte neue Sterne. Gruby hielt sich aufrecht. Weder seelisches, noch körperliches Leid ließ er sich anmerken. Er blieb heiter und frei im Verkehr und den unabänderlichen Gesetzen des Lebens gegenüber ergeben, bis er eines Tages den Blicken der Menschen entschwand; seine Tür öffnete sich nicht einmal mehr seiner Dienerschaft, man durfte ihm die Nahrung nur mehr bei der Tür hereinschieben und eines Tages fand man sie von innen verschloffen; einen ganzen Tag lang wagte man nicht, sie gewaltsam zu öffnen. Endlich geschah es und da lag Gruby tot auf der Erde, ein umgeworfener Tisch, zerbrochenes Speisegeschirr mit unberührten Speisen um ihn herum, er war wohl gestorben, als er diese eben hereingezogen hatte — am 14. November 1898. Allein wie er das Leben begonnen und geführt, hat er den Tod empfangen, bewußt, ohne mit der Wimper zu zucken. Schweigend verließ er die Welt, kein Abschiedsgruß, kein letztwilliges Verfügen. Ueber David Gruby erzählt Luc>en Descaves im „Figaro": „Es war der Dr. Gruby. ein geborner Ungar; die Gesellschaft bemühte sich eifrig, um den Sonderling, der nicht nur durch seine Heilerfolge, sonoern auch durch die drastische Art seiner Kuren schnell populär wurde. Emile O l i v i e r, der jüngere Dumas, Ambroise Thomas zählten zu seinen Patienten, und auch .i? eine war mit ihm befreundet und hat oft den Rat des Mediziners in Anspruch genommen. Als erster erkannte Dr. Gruby das Rückenmarksleiden, an dem der Dichter später zugrunde gehen sollte. Als er zwölf Jahre später an das Krankenbett Heines gerufen wurde, hatte er die traurige Genugtuung, zu sehen, daß seine Voraussagung eingetroffen war. Um den Dichter über das Hoffnungslose seines Zustandes hrnwegzutauschen, fragte er: „Können Sie noch pfeifen?" „Ach Gott," meinte Heine, „nicht einmal mehr auf das beste Stück von Scribe, lieber Doktor." „Nun, nun, Sie werden es schon noch lange machen." „Na, das sagen Sie nur nicht meiner Frau," murmelte Heine, den selbst unter den furchtbarsten Schmerzen sein sarkastischer Humor nicht verließ. Grubys sonderbares Wesen, seine sprichwörtliche Grobheit und seine oft komischen Kuren beschäftigten die Phantasie seiner Patienten und er verstand es sehr gut. insbesondere bei nervösen Frauen, diesen Glauben an ihn in den Dienst der Heilung zu stellen. Einer bekannten Dame der Pariser Gesellschaft verordnete er eines Tages: „Sie werden jeden Morgen bei einem Spaziergang in den Champs Elysöes einen Apfel verzehren, und zwar die erste Hälfte auf dem Hinweg zum Rondell, den Rest nachher." Und einer Anderen verordnete er kurzerhand: „Sie werden fortan jede Nacht morgens von zwei bis vier Uhr spazierengehen " Diese wunderlichen Anordnungen wurden rasch bekannt; es war gerade im Winter. Alexandre Dmnas hörte von den ärztlich anbefohlenen Nachtspaziergängen der einen Dame, die Kur schien ihm doch etwas hart, und da sie auf drei Jahre ausgedehnt werden sollte, fragte er Gruby nach dem eigentlichen Grunde dieser drakonischen Maßregel. Der Mediziner blieb seelenruhig: „Ich habe kein anderes Mittel, sie dazu zu bringen, vor dem Dejeuner auszugehen", meinte er lakonisch. Einer gelähmten Patientin, die ihn, müde hingestreckt auf eine Chaiselongue, empfing und ihm erklärte, sie könne nicht aufstehen, pflegte er nie zu raten: „Versuchen sie es." Dr. Gruby griff zu anderen Mitteln. Er zog ein Oelfläschchen hervor, das er zu diesem Zwecke immer bei sich trug, verschüttete dann mit geheuchelter Unabfichtlichkeit einige Tropfen auf den kostbaren Teppich oder auf die prachtvolle Tischdecke. Gewöhnlich hatte er auch dann den Erfolg, daß die „Gelähmte" aufsprang, ihn am Arm ergriff und ihre Krankhett vergaß. Er hat übrigens viel beachtete medizinische Arbeiten geschrieben, nahm am Siebziger-Krieg als Arzt teil, verdiente sich ein Vermögen, gab aber das meiste für wohltätige Zwecke wieder aus, unterstützte Freunde und lebte selbst sehr einfach. Er hielt streng darauf, daß für die Mahlzeiten täglich nicht mehr als fünf Francs ausgegeben wurden, und fuhr oft in einem alten Fahrzeuge, vor dem ein wahres Gespenst von Pferd gespannt war,-durch die Straßen von Paris, zum Gaudium aller Passanten. 1898 fand man ihn tot in seinem Zimmer, das jahrelang außer ihm kein menschliches Wesen hatte betreten dürfen." Vom Jabrmarkt des Lebens. Das Fiasko des antisemitische» Festzuges. Die Herren Streber und Ordensjager, welche mit Unverstand, Vordringlichkeit und ordinärer Geschmacklosigkeit die Festzugsveranstaltung zur Verhöhnung der Juden mißbraucht haben, haben nun wirklich den Weg betreten, bei den Wiener „Bankjuden" schnorren zu gehen^ In der letzten Sitzung des Wiener Stadtrates beschäftigte man sich abermals mit der Frage der Bedeckung des Defizits

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