Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 874 Nr. Mocv's Mocoenscdrtrr. Nr. 50 sind immer die letzte Sorge der Minister, in Oesterreich wiess in Rußland und anderswo. Erst wenn das in seiner Ge-L walttätigkeit ermunterte Volk auch seine andern' als dieD antisemitischen Wünsche auf der Straße durchsetzen willH geht man der Anarchie an den Kragen. In Prag zogenI wochenlang Rotten von lichtscheuen Gestalten durch diel- Straßen und wenn ihr Führer nach dem Plane, den er in der Hand hielt, sagte:' „Hier wohnt ein Jud", so klirrten schwere Steine in die Fenster. Wenn es in den Zeitungsberichten hieß, es seien deutsche Passanten von der Menge erkannt und mißhandelt worden, so war in allen Fällen die Nase das Erkennungszeichen. Es ging auch den tschechischen Juden nicht besser, auch' ihre Köpfe, Wohnungen und Geschäfte mußten daran glauben. Mitgefangen, mitgehangen hieß es für .sie. Am Graben waren jüdische Studenten die „provoßaes", die sogenannten Prager Deutschen sind großenteils Inden und so wurden von den tschechischen Vorstadtblättern die Begriffe Jud und Deutscher durcheinander geknetet und ihre Hetze gab dev Exzessen einen äußerst scharfen antisemitischen Charakter. Das Standrecht hat in Prag Ruhe geschafft, aber nicht in der Provinz, wo eine Ausschreitung der andern folgt. Und ' im Mittelpunkt aller dieser tschechischen Volksbelustigungen steht die Synagoge. In den meisten tschechischen Städten erwarten die Juden die Dämmerung mit Zittern. Dies umsomehr, als die meisten Garnisonen für Bosnien geschwächt wurden. Haben die Juden das nötig, kann sie nichts anderes schützen als Polizei und Behörden, denen auch nichts Antisemitisches fremd ist? Es gäbe wohl eines: die Vernunft. Sie ist schwer zu predigen. Aber die jetzigen Ereignisse reden eindringlicher als Worte. Keine Aufopferung der Juden vermag den krassesten moralischen und materiellen Antisemitismus der Deutschen zu verhindern. Dafür aber ruft sie den Haß der Gegner hervor, deren Tschechisiemngsbestrebungen sich die Juden überall evtgegenstellen. Es ist wohl wahr, daß sowohl der deutsche als auch der tschechische Pöbel sich durch keine Willfährigkeit zur Judenliebe werde bekehren lassen. Aber es steht fest, daß er durch seine Führer und Zeitungen an der Kette gehalten werden kann. Das wird geschehen, wenn die maßgebenden Faktoren einen Vorteil davon haben und wenn sie die Juden brauchen werden. Glücklicherweise gibt es um jedes Mandat einen ganzen Haufen von Bewerbern und jeder von diesen würde wie ein Coriolan zu den Juden betteln kommen, wenn diese ihre' Macht ausnützen wollten und als geschloffenes Ganze auftreten, ohne aufreizende einseitige Haltung, gestärkt durch die moralische Wahrheit in ihrem Bekenntnis, politisch dort ihren Platz suchend, wo sie Schutz und Sicherheit finden. Zwischen deutsch und tschechisch ist jüdisch die wirklich goldene Mittelstraße. Da müßte man fleißig organisieren. Wo bleibt das jüdische Aktionskomitee? J. U. David Gruby (Zum Andenken an einen berühmten Arzt.) Vor wenigen Wochen war ein Jahrzehnt voll, daß einer der berühmtesten jüdischen Aerzte sein an Merkwürdigkeiten so reiches Leben schloß. Das „Budapester Tagblatt" widmete aus diesem Anlässe dem Dahingeschiedenen eine hochinteressante Betrachtung, die hier in ihrem Wortlaute wiedergegeben sei: David Gruby stammte aus Ungarn, war in Kisker im BLeser Komitat am 20. August 1810 als Sohn deutsch-jüdischer Eltern geboren. Sein Vater, Menachem-Mendel Gruby besaß ein kleines Gut und eine große Menge von Kindern. Die sollten ihm alle nützlich dienen und im Hause, in der Landwirtschaft behilflich sein. David taugte dazu nicht. Den triebs zu den Büchern und alle väterliche Strenge nützte nichts, er riß sich nicht von ihnen los. Da drückte chm denn Menachem 50 Kreuzer |in die Hand und wies ihn an zu studieren, wo er wolle, nur nicht daheim. Und nun ging das Kämpfen an: Fußwanderung ßnach Pest, Unterkunft bei einem Garküchenhälter, notdürftige ^.Nahrung von Speiseresten und ein wilder.Hunger nach Wissen, i der schwerer zu stillen war, als der physische. Denn David war '.arm, war Jude. Der Zutritt war chm überallhin verwehrt und besonders in die Piaristenschule, die einzige, die, eine Art von kleiner Universität, höhere Ausbildung bot. Voll Sehnsucht schleicht David um das Gebäude herum; schleicht bis zur Tür des Hörsaalcs hin und dort horcht er gierig dem Vortrage zu. Bald kennen ihn die Schüler, lachen ihn aus oder bemitleiden ihn. Aber zu seinem Glück fällt er auch einem Professor auf und der Lernbegierige erhält Zutritt in den Saal und durch des Lehrers Hilfe einige Privatstundcn. Die Not hätte jetzt vorbei sein können.' Sie war David nicht das wichtigste. Kaum im Besitz einer kleinen Geldsumme, geht er ihr wieder in die Arme, denn er eilt, um sich medizinischen Studien zu. widmen nach Wien, wo der berühmte Rokitansky lehrt. Er hungert, er friert; wohnt mit einem armseligen Studenten zusammen in einem armselig.n Hause „zum Küßdenpfennig" in der Adlergasse; studiert im Bette, um Heizung zu sparen, und in der Dunkelheit fragen die beiden Freunde einander über das tagsüber Gelernte aus. Und .so mühselig lernt sich Gruby bis zum Doktorgrad empor; veröffentlicht schon 1840 seine erste Arbeit unter dem Titel: „Obrzervationes microscopiae, ad morptiologiain pathologicam“. Man wird auf ihn aufmerksam, auch die Regierung, die ihm eine Lehrkanzel an der Wiener Universität anbietet — wenn er Christ würde. Er wäre gesichert gewesen, hätte in Ruhe seinen Neigungen leben können. Aber dies Königreich war ihm keine Messe wert. Der Handel erschien ihm schnöde und er verließ ein Land, wo man ihm solchen bot. Und nun gings nach England, an mehrere ausländische Universitäten und endlich nach Paris, wo er endgültig seine Heimat, seinen Wirkungskreis fand. Er widmete sich dort zuerst bloß der .theoretischen; Wissenschaft und seine Publikationen auf dem Gebiete der Mikrographie riefen Aufsehen hervor; er war der erste, der die Flechte als ein Pflanzengewächs erkannte, und war ein Vorläufer der mikroskopischen Photographie. Er gründete ein meteorologisches Observatorium und hielt sich ein Laboratorium, in dem er vergleichende Anatomie trieb und wo er bemerkenswerte Sammlungen besaß. Wäre er bei diesen Forscherarbeiten geblieben, er hätte sich gewiß als Gelehrter einen unvergänglichen Namen in der Wissenschaft errungen. Aber innerer Beruf trieb ihn zur Ausübung der praktischen Medizin und sie zog ihn allmählich ganz von der theoretischen Wissenschaft ab. Er begann seine Tätigkeit nach dieser Richtung im Jahre 1854. Da heilte er eine Kranke, die ein anderer Arzt fast ins bessere Jenseits befördert hätte und der -.es Gruby sehr übel nahm, -daß er „unbefuglerweise" ihn daran gehindert hatte. Die Sache kam vor Gericht. Gruby meint, ein Arzt habe nur die eine „Befugnis", den Kranken zu retten und niemals jene, ihn zu töten. Folglich sei sein Recht unbestreitbar. Diese einfache Logik überwand den Paragraphen. Gruby war fortan gesetzlich ermächtigt, die ärztliche Praxis auszuüben und es gelang ihm bald, ganz Paris zur Klientel zu haben. Die berühmtesten Persönlichkeiten gehörten dazu, Ambroise Thomas, Alexander Dumas üls z. B. In den verzweifeltsten Fällen schickte man zu ihm und er brachte untrüglich, fast immer Rettung. Es grenzte ans Wunderbare, als seine Mittel so lächerlich einfache waren. Sie bestanden eigentlich meist darin, Nahrung zu geben und damals ließ man doch die Kranken vor allem hungern. - Dem leeren Magen, sagt Le Leu, setzt er den vollen entgegen. Sterbenden verschreibt er zu essen, man staunt, man hält ihn für verrückt, aber als letztes Mittel tut man es und wirklich, es nutzt. Seine Rezepte sind auch nur nahrungsbefördernd und vermehrend. Keine Künstelei, keine geheimnisvollen Mixturen. Die Natur soll sich selbst helfen, jede Krankheit ist nur Versündigung gegen sie und der Arzt hat nichts zu tun, als dem Organismus zu Kraft und Gleichgewicht zu verhelfen. Das ist sehr einfach, eben zu einfach. Man'glaubt