Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021814--17880-3042778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 870 Nr. 49 jamin zu suchen, ein Bild des Jammers für jede fühlende Brust, bot sich den entzückten Augen der Menge ein wunderbares Schauspiel in der Kirche San-Maria Maggiore dar. Die letzte Sitzung der weltberühmten Kirchenversammlung, die den Riß in der Kirche Jesu Christi heilen sollte, war beendet; eine unzählbar gläubige Menge füllte die Kirche, dichte Weihrauchwolken zogen durch den hohen Raum und verdunkelten selbst in etwas die zahllosen Lichter, von denen der Hochaltar schimmerte. Rings um denselben her saßen die Würdenträger der Kirche in ihren von Gold und Edelsteinen strahlenden und mit kostbaren Spitzen besetzten Gewändern, die Erzbischöfe und Bischöfe mit allen Insignien ihres hohen Amtes angetan, die goldenen oder silbernen Bischosmützen auf dem stolzerhobenen Haupte und die gekrümmten Hirtenstäbe in der Hand. Ein feierliches Murmeln schwebte über der andächtig erregten Menge; plötzlich wurde es still. Der Cardinal-Legat von Lothringen, Präsident des Konzils, erhob sich, assistiert von zwei anderen Kardinälen, und mit ihm die ganze glänzende Versammlung. Auf der höchsten Stufe des Altars stehend, verkündete er mit feierlicher, alle Räume des mächtigen Gebäudes ausfüllender sonorer Stimme den glücklichen, zur Ehre Gottes und der heiligen Kirche erfolgten Schluß des Konzils, auf dem die Augen der ganzen christlichen Welt so viele Jahre geruht, und dem die Fürbitten aller guten Christen geweiht gewesen, und forderte schließlich alle Anwesenden aus, sich zu einer feierlichen Prozession nach der Kathedralkirche zu St.-Johann zu ordnen, um dort das Tedeum anzuhören. Ehe der Zug zur Prozession geordnet war, rannte der unglückliche Salomon die Straße herab, über den dicht mit Menschen angeföllten Platz vor der Kirche Santa-Maria Maggiore. Sein Anblick konnte Grauen erregen. Das Gesicht war erdfahl, von Schweiß triefend, die mit Blut unterlaufenen Augen stier wie die eines Wahnsinnigen, seine Haare verwirrt, sein Bart zerzaust, seine Kleider zerrissen. Seine dritte Stunde hatte längst geschlagen, aber er sucht noch immer seinen Sohn Benjamin. Bereits hatte mancher Bürgersmann, der ihm auf seinem rasenden Lauf begegnete, und hie und da auch ein Stadtknecht ihm zugerufen: „Jude, deine Zeit ist abgelaufen, fort mit dir aus der Stadt, oder es wird dir schlecht ergehen!" aber Salomon beachtete das alles nicht, und antwortete kein Wort auf alle an ihn gerichteten Fragen und Drohungen. Wollte man ihn aufhalten, so brach er sich mit Gewalt Bahn durch alle Hinderniffe, die ihm entgegengesetzt wurden; er suchte seinen Sohn Benjamin. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die fünf Megilloth übersetzt und erläutert von Dr. Raphael Breuer. II. Teil. Ruth. Frankfurt a. Main. Verlag von A. I. Hofmann. 1908. Der geistvolle Sohn eines großen Vaters und Enkel des unerreichten Samson Raphael Hirsch reicht uns einen Kommentar zum Buche Ruth. .»Unter „seinem" Banner" wallt er, in seinem Geiste und Sinne schreibt er; ein Geisteskind Hirschs ist auch der Kommentar zum Buche Ruth. Zurück zur Bibel! So lautet Breuers Weckruf an unsere Zeit und zurück zur Tradition führt uns Breuers Kommentar. Und wahrlich dieses „Zurück" ist an der Zeit. Es laßt sich ja nicht in Abrede stellen, daß die moderne Bibelforschung mit dem großen Apparate der Hilfswissenschaften ausgerüstet. Historik, Archäologie, vergleichende Sprachforschung und Assyriologie stehen ihr helfend zur Seite, der Geist der Bibel aber ist ihr fremd geblieben, weil sie sich bei der Tradition miemals Rat holet. Unsere Modernen vergessen, daß das ganze heilige Schrifttum, daß Bibel und Talmud konzentrische Kreise bilden, daß man die Bibel ohne Talmud nicht zu erfassen vermag. Die mündliche Ueberliefeung ist so alt wie die schriftlich fixierte Lehre und inan vermag letztere nur dann in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen, wenn man auch das Meer des Talmud durchforscht. Und welch herrliche Fülle ethischer Gedanken und psychologischer Beobachtungen das kleine Buch . Ruth bietet, das zeigt uns Breuer an der Hand der Dorsche reschumotb, die diesen Namen erhielten, weil sie die Freiheiten der Bibel mit viel Verständnis und herrlicher Geistestiefe herauszufinden und zu deuten verstanden. Ich verweise auf Breuers Kommentar Kap. I. V. I; 3; 5; 6; 8; 9; 17°; 21. Kap. 2. V. 1; 14; 19. Kap. 3, V. 3; 15. Kap. 4. V. 4 u. a. v. a. St. Wer diese Stellen liest, der wird bte Geistestiefe unserer Alten bewundern lernen. Zurück zur Tradition kann nicht laut genug gerufen werden, denn es könnte uns mit dem Talmud so ergehen, wie es uns mit der Bibel ergangen. Wenn die nichtjüdischen Forscher erkennen werden, welche Fundgrube herrlicher Geistcsblüten der Talmud, dann wird dieser ihre Domäne werden, wie es heute schon die Bibel.. Breuer tretet aber auch der Bibelkritik und leichtfertigen Textkritik mit aller Entschiedenheit entgegen. Wieviel wird doch heute auf Kosten der Textkritik gesündigt! Aus Mangel an Verständnis wird korrigiert, emeudiert, die Bibel wird zerrissen, zerfetzt und aus diesen Fetzen wird ein buntes Gewebe geschaffen, gleich einem Regenbogen in verschiedenen Farben schillernd, welches aber auch dem Regenbogen gleich in Nichts zerfließt, sobald die grauen Wolken schwinden. Mit einer geradezu schrankenlosen Willkür wird jedes unverstandene oder mißdeutete Wort als Korruptel beiseite geschoben und ein anderes an seine Stelle gesetzt. Ich möchte nur ein Beispiel für die Willkür der modernen Textkritik anführen, ein Beispiel, das so recht bezeichnend. In Gen. 27, 34 wird sich keinem denkenden Bibelleser eine Schwierigkeit ergeben. Die moderne Kritik ist anderer Ansicht. Statt baa denken Kautzsch-Socin mit Hitzig darau, ^aa zu lesen; Ball bringt in Frage, nimmt aber in den Text ^as aj. Am Schluß tilgt Ball mit Hitzig nw und setzt dafür vor ya^a. V. 34, vn; statt -p-ia liest er dann (borauch) -p-o. Das ist doch unglaublich leichtfertig, und doch rst das wortgetreu im Kommentar von Marti S. 184 zu lesen. Diese Art der Textkritik erinnert mich immer lebhaft an jenem Littauer, den man fragte, was wohl die Abbreviatur A T l 8 (a^BK r\ba aiö “j«) auf den Misrachbildern bedeute, und er° antwortete, das heißt: irnban “pa1? Kinn Und wer weiß, ob nicht ein kritischer Geist ersteht, der diesen Purimscherz als profunde Gelehrsamkeit hinstellt und an Stelle des Psalmverses 73, I, die alte Gebetformel setzt. Ich verweise auf Breuer 1, 22. 3, 15 u. v. a. St., wo er den Korrekturenenthusiasmus der superklugen Exegeten mit aller Enkschiedenheit aber auch vollberechtigt zurückweiset. Breuer ist eine Kampfnatur, aber wer kann ruhig Blut bewahren, wenn man die leichtfertige Kritik an der Arbeit sieht. Breuers Buch ist, was äußere Form, Stil und Inhalt anbelangt, gleich schön, er beherrscht die deutsche Sprache wie selten einer, und es sei kurz gesagt: Ich habe schon lange kein so gutes Buch gelesen, wie Breuers Kommentar zum Buche Ruth. Alle, die berufen, auf Kanzel und Katheder zu wirken, werden darin eine Fülle herrlicher Anregungen finden, aber auch allen jüdischen Familienhäusern sei dies herrliche Werk auf's Angelegentlichste empfohlen. Dem jugendlicher Verfasser aber, der im Vorworte verspricht: „Der Bearbeitung der fünf Megilloth sollen sich, wenn Gott Kraft und Muße spendet, die übrigen Teile der Bibel, so weit sie noch nicht eine entsprechende Behandlung erfahren, anreihen/' rufen wir von ganzem Herzen zu:! paai pin Dr. F. Rich. Heinschel. Die fünf Bücher Mosis ein Zahlengebäude. Die Feststellung einer einheitlich durchgesührten Zahlenschri't von Oskar Goldberg Berlin 1908. Verlag von Erich Lewy, Messingwerk bei Ebers Walde. Preis Mk. 1-30. Die Zeiten ändern sich, Delitzsch hat in seinem I. Babel- und Bibelvortrage mit salbungsvollen Worten die Botschaft hinausposaunt, daß „mehr als durch alle modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften zusammen das neuentdeckte Babel berufen sei, der Bibel den Nimbus zu nehmen, der ihr die Herrschaft über die Geister sichert". Wie hat sich der frohlockende Professor geirrt! Gerade die neuen Ausgrabungen und Funde im alten Sinear und Assar bestätigen die Wahrheit der biblischen Berichte. Besonders aber sind es die Hammurabigesetze, die, wie mein hochverehrter Lehrer, Professor D. H. Müller in seinem trefflichen Werke: „Die Gesetze Hammurabis und die mosaische Gesetzgebung" mit großer Schärfe nachgewiesen hat, in der fachlichen und formalen Fassung und Gruppierung der Thoragesetze die unbestreitbare Einheitlichkeit der Gesetzgebung des Pentateuchs, wie auch dessen hohes Alter ins hellste Licht rücken. In demselben Jahre 1903 erschien eine ebenfalls fihr gediegene Arbeit vom Rektor des Berliner Rabbinerseminars Dr. D. Hoffmann: „Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf Wellhausensche Hypothese", wo mit schlagenden Argumenten die Grundlosigkeit der Ansichten und Behauptungen jener modernen kritischen Schule gezeigt wird. Und nun erscheint die vorliegende Schrift, die von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus den Beweis erbringt, daß der Pentateuch aus eine m Gusse geformt fei und sich als Werk eines Meisters zu erkennen gibt. Der Verfasser stellt nämlich an zirka 200 Beispielen fest, daß der gesamte Pentateuch ein Zahlensystem ser, dessen Grundzahlen sich unmittelbar aus dem vierbuchstabigen Gottesnamen ergeben. Er zeigt mit mathematischer Exaktheit, wie der Stil der Thora bis in seine subtilsten Feinheiten, die Zahl ihrer Absätze, ihre Worte, die Anzahl ihrer Buchstaben, sogar die Zahl ihrer natürlichen Zahlenwerte sich nach dem Zahlenwerte des Tetragrammaton regelt, so daß sich der ganze Pentateuch als der in Zahlenschrift umgesetzte, entfaltete Gottesname darstellt. Bekanntlich besaßen bei den alten Hebräern, wie bei allen Orientalen, die Buchstaben einen Zahlenwert. Daraus ergibt sich ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.