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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
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wawgcitaggitfffggyiirnr~.iff7wii< Nr. 49 Dr. siocb’s Mocbenscbrm. Serie s«» New Uvkk. Dem Admiral Adolph Marix, einem Juden, wurde das Kommando über die atlantische Flotte übertragen. Cyrus L. Sulzberger wurde, da der seit 34 Jahren als Präsident fungierende Henry Rice aus Altersrücksichten eine Wiederwahl ablehnte, zum Präsidenten der United Hebrew Charities gewählt. Sulzberger, der auch Präsident der „Jüdischen Ackerbau- und Jndustrie-Hilfsgesellschaft" und der „Jto" ist, hat sich kürzlich vom Geschäfte zurückgezogen, um sich ganz der Arbeit im Dienste der Wohltätigkeit zu widmen. Feuilleton. Der Jude von Trient. Von O. D ö r r y. (Fortsetzung.) Eben an einer Ecke der Gasse angekommen, sah er drei oder vier seiner Geschäftsfreunde aus einer Seitenstraße hervortreten und ihm schon von fern freudige Zeichen des Wiedererkennens machen, als von der Vortreppe eines kleinen Hauses dem Kanal gegenüber ein Weib auf die Straße herabtrat, auf deren Gesicht sich in den wildrollenden Augen, in dem höhnisch verzerrten Mund, in den hochrot gefärbten Wangen alle Kennzeichen einer fanatischen Wut ausprägten, wie sie gerade in jenen Tagen zu Trient der bigotte Religionseifer leicht erzeugen konnte. Mit einer Verwünschung gegen den alten Juden betrachtete sie das schöne Gesicht des Knaben, und indem sie den Namen San-Simonino vor sich hinmurmelte, entschwand sie aus den Augen des geängstigten Vaters. Bald erreichte Salomon seine ihm entgegenkommenden Glaubensgenossen und fühlte sich in der Mitte derjenigen, die, gleich ihm von rastloser Geschäftigkeit erfüllt, alles vergaßen, was ihnen Kränkendes und Bedrohliches begegnet war, wieder ruhig und sicher. Er hatte seinen lieben Knaben, dem Ruhe und Erholung nottat, vor sich auf das Pflaster niederfitzen lassen und war bald in lebhafter Unterhaltung mit seinen Freunden. Benjamin fand sich begreiflicherweise mehr angezogen durch einige bunte Steine, die um ihn her lagen, als durch die Gespräche der alten Männer; er benutzte das einfache Spielzeug, das ihm die Straße bot, und kroch zwischen den Beinen der um ihn her Stehenden hier- und dorthin, bald diesem, bald jenem Steinchen nach. Salomon ließ seinen lieben Knaben nicht aus den Augen, jeden Augenblick sah er sich nach ihm um und lächelte ihm zu mit der süßesten Miene väterlichen Stolzes, die in dem heiteren Gesicht des Knaben jedesmal die bereitwilligste Erwiderung fand. Endlich schienen die Unterhandlungen zwischen den Geschäftsfreunden beendigt; aus der Tiefe der wallenden, mit Fuchspelz verbrämten Talare, oder aus künstlich an den breiten Gurten, die den Leib umgaben, angebrachten Taschen wurden lange wohlgefüllte Beutel hervorgezogen, Handschriften und Geldsummen gegen einander ausgetauscht und rechts und links Händedrücke gewechselt. Das waren zu wichtige und interessante Dinge, als daß sie den ehrlichen Salomon nicht ganz hätten in Anspruch nehmen sollen. Nur einen Augenblick hatte er in seiner Aufmerksamkeit auf Benjamin nachgelassen, als er sich sogleich wieder desselben erinnerte und, noch ehe er seinen Geldsack wieder an den sicheren Ort in seinem Gürtel befördert hatte, mit einem Lächeln innigster Zärtlichkeit sich nach ihm umsah. Aber plötzlich verschwand das Lächeln von seinen Lippen, seine Züge erstarrten vor Schreck, und eiseskalt drang es ihm zu Herzen. Benjamin war verschwunden! Wohin er auch seine verstörten Blicke senden mochte, Straße auf. Straße ab, Benjamin war spurlos verschwunden! Wer beschreibt die Angst des Vaterherzens! Während er schnödes Gold gewonnen, hatte er seinen größten Schatz, das Leben seines Lebens, sein ganzes Glück verloren. Wo sollte er ihn suchen in der großen Stadt, unter den vielen Menschen? Der arme liebe Knabe! Er hatte keinen Freund, keinen Beschützer, nur Feinde, fanatisch aufgeregte Feinde, die den Judenjungen lieber unter ihren Füßen zertreten oder in die kalten Fluten der Etsch hinabstoßen würden, als ihm hilfreich beizustehen. Salomon war in Verzweiflung. „Gott meiner Väter", schrie er, „Gott Abraham's, Gott Jakob's! wo ist Benjamin? Wo ist mein Kind? Gebt mir mein Kind wieder! Ich bin ein Verstoßener in Israel; ich bin ein verdorrter Stamm unter den Leuten; ich bin verachteter denn ein Haar in dem Bart meiner Brüder. Gebt mir mein Kind wieder!" Und er zerraufte seinen Bart und streute Sand von der Straße auf sein Haupt. Seine Freunde wollten ihm Trost zusprechen, und einer von ihnen war sogar so von dem Geiste des Handels erfaßt, daß er den unglücklichen Vater aufforderte, vor allem das noch nicht ganz abgewickelte Geschäft völlig abzuschließen. Da aber überwältigte Schmerz und Ingrimm den armen Salomon völlig: „Daß du verschwarzt werdest, Moses", schrie er, „ich will nischt machen Geschäfte, ich will niicht haben Gold und Silber, ich will mein Kind haben, mein Benjaminche, und Hungers sterben!" und ein gewaltiger Tränenstrom brach aus den Augen des Unglücklichen und lies in großen Tropfen aus seinem Barte herab. Plötzlich schien ihn ein schrecklicher Gedanke zu er öffn,-, seine Augen erweiterten sich, seine Tränen versiegten, und starren Blicks rannte er an den nahen Kanal, als erwarte er, in dem trüben Wasser desselben die Leiche seines Sohnes zu finden. Aber er sah nichts. Zwei Fischer mit einem kleinen Kahn hatten nicht fern von der Stelle angelegt; er lief zu ihne^ heran. „Um Gottes Jehova's willen, Freunde", rief er, „habt ihr nicht meinen Benjamin gesehen? Ein lieblicher Knabe war's in einem braunen Pelzrock, mit blonden Haaren und dunklen Augen". Die Fischer antworteten nickt, sondern sahen nur grinsend auf den verhaßten Juden, deffen Angst sie zu ergötzen schien. Salomon rannte davon; in stürmischer Eile, mit einer Schreckensmiene und stieren, blutunterlaufenen Augen durchkreuzte er die Straßen. Von den ihm zugemessenen drei Stunden waren fast zwei verfloffen; er hatte nur noch eine und wenige Minuten, seinen Sohn Benjamin zu finden, Jeden, der ihm begegnete — und es waren nicht allzu viele, denn fast die ganze Bevölkerung war in oder um Santa-Maria Maggiore versammelt oder kniete vor den Altären in den anderen Kirchen, betend für das Konzil — jeden fragte er: „Hast du nicht meinen Sohn Benjamin gesehen? Ein liebes Kind, ein golden, s Kind mit blonden Haaren und dunkeln Augen." Selten erhielt er Antwort. Viele spuckten vor seine Füße, auf seinen Bart; nur hie und da erwiderte ihm einer oder der andere mit Hohn und Spott. Salomon ließ sich durch nichts abhalten, durch nichts zurückschrecken. Er lief durch die Straßen, er schaute in die Höfe, eö durchforschte die Herbergen, die Buden der Handelsleute, die Gärten, die geringsten Winkel, wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hat. Di« letzte Stunde war gekommen, und er mußte sein Kind haben; er scheute nichts auf der Welt, er überwand sehr seinen Widerwillen gegen die heiligen Stätten der Christen, aus denen das Bild des Gekreuzigten ihm entgegenstrahlte: er war in Gefahr, gesteinigt, in den Kanal geworfen, zerschlagen zu werden, wenn er diese Orte betrat, aber er fürchtete nichts. Kein Widerstand konnte ihn aufhalten, seine kräftigen Arme durchbrachen die dichteste Menge, die ihm den Weg sperrte; er drang in die Kirchen, er blickte hinter jeden Pfeiler, in jede Kapelle, und ehe noch die Wut des Volkes in Tätlichkeiten wider ihn ausbrechen konnte, war er bereits wieder verschwunden und ließ seine Verfolger weit hinter sich zurück, durchaus nicht achtend auf die Racherufe, die ihm nachgerufen wurden. Während der unglückliche Vater so in der größten Herzensangst und Verzweiflung umherlief, seinen lieben kleinen Ben

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