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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 864 Wx. Mocv s TÄUocDenöCDntL Nr. 49 Vertreter Herr Siegfried L i e b e r s erörterte an der Hand der Geschichte der letzten sechzig Jahre in seiner Festrede ein ausführliches Bild der bewegten Geschehnisse während der Regieruugszeit unseres Kaisers berührte die mannigfachen, der Emanzipation der Juden gewidmeten Gesetzgebungsakte, wies aus die bekannten Züge von Seelengröße des Monarchen hin und pries dessen Herzensgüte und Weisheit, insbesondere seine sich stets gleichbleibende Gerechtigkeit, sowie sein sichtbares Wohlwollen gegenüber den Juden. Redner schloß mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät, in das die zahlreichen, in Festesstimmung befindlichen Anwesenden mit aufrichtiger Begeisterung einstimmten. Sodann wurde über Ausschußantrag die Erhöhung des an der Vereinshandwerkersektion bestehenden Regierungsjubiläumsfondes auf den Betrag von 10.000 Kronen und die Verwendung des Erträgnisses zu Zwecken der Ausbildung und Förderung von aus der Lehre austretenden Sektionsschützlingen als dauernde Erinnerung an den Jubeltag beschlossen. Mit der Absendung eines Huldigungstelegrammes an die kaiserliche Kabinetskanzlei fand die von den Gefühlen dynastischer Treue getragene Feier ihren Abschluß. Die Spende eines Magnaten. B ud ap est. Der wegen seiner Munifizenz bekannte ungarische Graf Dionys A n d r a s s y spendete dem israelitischen Frauenvereine in Satoralja-Ujhely zur Errichtung eines jüdischen Armenhauses die Summe von 3000 Kronen. Satoralja-Ujhely ist eine von armen, zum größten Teile frommen Juden bewohnte Stadt in Oberungarn. Die Spende des Grafen Andrassy ist umso beachtenswerter, als man es vom ungarischen Hochadel bisher nicht gewohnt war, daß er für rein jüdische Zwecke namhafte Spenden mache. Ein Sündenpfuhl. Newcastle, das kleine englische Städtchen, muß nach den Reden des evangelischen Bischofs Stratton ein großer Sündenpfuhl sein. Jüngst am Sonntag hielt er von der Kanzel herab eine flammende Rede, in welcher er die Bürger der Stadt zu einem besseren Lebenswandel ermahnte! „Nehmt Euch die Juden zum Beispiel!" ries er in der Ekstase. Obgleich in der Stadt mehr als 5000 Juden wohnen, ist noch niemals ein Jude wegen Trunkenheit oder wegen Vernachlässigung seiner Frau und seiner Kinder ins Gefängnis gewandert. Berlin. Den sechzigsten Geburtstag beging, vorige Woche Max Albert Klausner. Eine an Kämpfen und Erfolgen reiche publizistische Tätigkeit hat ihn weithin bekannt gemacht und ein fruchtbares, hohen Zielen zugewandtes schriftstellerisches Wirken hat ihm literarische Geltung verschafft. In den Siebziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts gab M. A. Klausner eine fortschrittliche Korrespondenz heraus, die durch ihre Vertretung wesentlichen Einfluß übte und die, neben charaktervoller Vertretung demokratischer Grundsätze, namentlich in der Kulturkampfes gegen eine Ausnahmegesetzgebung, für ungeschmälerte Religionsfreiheit der Katholiken mit Wärme eintrat. Dieses Wirken verschaffte ihm persönliche Beziehungen zu Windthorst, v. Schorlcmer, Reichensperger, Beziehungen, die zu den freundschastlichsten fich entwickelten. Was Wunder, daß ein gleiches Rechtsgesühl ihn auf den Kampfplatz trieb, als zu Beginn der Achtziger- Jahre des vorigen Jahrhunderts eine lärmende Gaffenpropagauda die Feindseligkeiten gegen das Judentum begann, dem er selbst in wachsender Liebe fich zugehörig fühlte. Ununterbrochen gegen den Antisemitismus im Felde stehend, hat er, der Logiker, mit aller Schärfe der Dialektik gegen den Widersinn des Antisemitismus angekämpft. Lange gab Klausner ein israelitisches Wochenblatt heraus, in dem er jenen Kampf mit Geist und Geschick geführt hat und zugleich die Pflege, die Veredelung des jüdischen Wesens fich angelegen sein ließ. Hatte er schon vordem in einigen Uebersetzungen ein verfeinertes Sprachgefühl und eine fichere Beherrschung des Verses bekundet — seine Uebertragung von Copees „Le passant" hatte im Berliner Theater lebhaften Erfolg — so wandte er nun einen von Liebe befeuerten Uebersetzerfleiß einer Uebertragung der poetischen Partien der Bibel zu. Seine in drei Bänden gesammelten Umdichtungen der Psalmen, der Sprüche Salomonis, des hohen Liedes usw. zeichnen sich durch treues Anschmiegen an das Original wie durch die Kraft und den Schwung der Sprache, durch den natürlichen Fluß der Sprache aus und sind von bleibendem Wert. Seit mehreren Jahren führt M. A. Klausner mit regem Eifer und Geschick die Sekretariatsgeschäfte der „Alliance Jsra6lite" in Deutschland und hat sich auch auf diesem Gebiete Anerkennung verdient. * * * Fräulein Dr. Gertrud Klausner hat ihr Staatsexamen für das höhere Lehrfach bestanden. Sie ist die erste Neu-Philologin, die in Preußen die Staatsprüfung „pro facultate docendi“ gemacht hat. Ein merkwürdiger und glücklicher Zufall wollte es, daß Fräulein Klausner dieses Examen gerade am sechzigsten Geburtslage ihres Vaters abgelegt hat. Ein seltenes Geburtstagsgeschenk! Den neuerstandenen Mädchengymnasien besonders, die an Schülerinnen zuweilen Ueberfluß und an Lehrkräften immer Mangel haben, ist die Aussicht auf eine neue Lehrkraft sehr erwünscht. Berlin. Ueber Esperanto verhandelte in einer Arbeitssitzung der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller, nachdem Herr Emanuel Reicher in einem längeren Vortrag über Entstehung und Entwicklung dieser internationalen Hilfssprache gesprochen hatte. Als begeisterter Anhänger des Esperanto wies der Redner ans die leichte Erlernung der Sprache hin und gab zum Beweise ihrer Klangschönheit einige Beispiele, von denen der Monolog des Hamlet „Sein oder Nichtsein" von großer künstlerischer Wirkung war. Dem Vortrage, der mit dem lebhaftesten Beifall ausgenommen wurde, folgte eine längere Diskussion, in der sich sämtliche Redner für eine Förderung der Esperanto-Bewegung auch in kaufmännischen Kreisen aussprachen. Aus der Mitte der Versammlung wurde einerseits bedauert, - daß in Deutschland das Esperanto verhältnismäßig nur geringe Verbreitung gesunden habe, daß aber andererseits mehrere große Handelsfirmen bereits in Esperanto korrespondieren und ihre Kataloge in der neuen Weltsprache herausgeben. Auch regierungsseitig müsse mehr für die Verbreitung der Weltsprache geschehen. Allen voran müsse die Handelswelt gehen, denn es sei unzweifelhaft, daß eine solche allen Nationen verständliche Sprache auch die merkantilen Verbindungenerleichtern und mit der Zeit sich zu einer wahren Friedenssprache ausgestalten würde. An den Vorstand des Vereines wurde die Bitte gerichtet, auf Mittel und Wege bedacht zu sein, wie die Einführung der Esperanto-Sprache auch in die Handelswelt gefördert werden könnte. Paris, wo augenblicklich 58 Esperanto-Kurse abgehalten würden, müßte in dieser Beziehung vorbildlich sein, und auch der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller sollte nicht zögern, recht bald einen solchen Kursus für seine Mitglieder einzurichten. Der Vorsitzende, Herr Direktor Dr. Waldschmidt, versprach, diese Wünsche dem Vorstande schleunigst zu unterbreiten, und gab sich der Hoffnung hin. daß die daran geknüpften Erwartungen recht bald verwirklicht werden würden. Dem Vortragenden wurde der Dank des Vereines in besonders anerkennenden Worten ausgesprochen. Theodor Roosevelts politisches Testament. Während der heftigen Wahlkampagne in den Vereinigten Staaten richtete ein gewisser I. C. Martin aus Dayton, Ohio, einen Brief an Mr. Roosevelt, in welcher der Präsident gefragt wird, ob er es für wichtig halte, daß ein Mann wie Taft, der sich öffentlich als Unitarier bekennt und dessen Frau und Bruder angeblich katholischer Konfession sind, würdig sei, Präsident der amerikanischen Republik zu werden. Roosevelt beantwortete diesen Brief erst jetzt, nachdem die Wahlen vorüber find. Er wollte nicht durch seine Stellungnahme für Taft den Wahlgang beeinflussen. Dieser Brief, der als das politische Testament des beliebten Präsidenten betrachtet werden kann, ist auch für die Juden von besonderem Interesse. Wir geben hier die wichtigeren Stellen dieses Briefes wieder. „Das Religionsbekenntnis Tafts ist seine Privatangelegenheit, die er mit seinem Schöpfer ins Reine zu bringen hat. Die öffentliche Verkündung seiner Konfession bei sonstiger politischer Verurteilung ist eine Verleugnung des ersten und wichtigsten Grundsatzes unseres Regierungssystems, wonach Jedem die volle Religionsfreiheit gewährleistet wird und Jeder das Recht hat, über religiöse Fragen so zu denken, wie ihm sein Gewissen diktiert.

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