Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021814--17867-3042765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 49 Or, Mscb s Moedenscdrlrr. Seite 857 erklärt und so das „Landprogramm" gleichsam anerkauut. Er hat jede Kolonialleistung für Palästina unterstützt und heute kann jeder erkennen, daß überall, wo jüdische Interessen behandelt werden, jüdischnationale Sympathien bestehen. Das ist für den Zeitraum von zehn Jahren viel erreicht und das ist ein Keim, der gepflegt werden muß, damit er gedeiht, den aber rauhe Stürme zerstören. Es zeigt sich auch beim Wiener Kultusvorftand, was wir anderwärts beobachteten, daß die Ideen des weiteren Zionismus von anderen Körperschaften realisiert werden, während der Zionismus selbst sich immer mehr einengt. Die Vertreter des orthodoxen Zionismus sind gleich ihrem Vorbilde Ussischkin doktrinär, kleinlich, rechthaberisch, gewalttätig und bringen daher weder die geeigneten Mittel noch geeignete Männer für die großen Absichten der jüdischen Erneuerung auf. Was war eigentlich das Ziel der Wiener Jungzionisten in diesem Kampfe? Sie haben jedes Friedensangebot zurückgewiesen. Sie haben aber vor Gericht und vor den politischen Aufsichtsbehörden den Kultusvorstand öfter belangt. Sie wollten»also wohl die ganze Gemeinde an sich reißen, glaubend, daß der erste volle Sieg ihnen neue Scharen zuführen wird. Dann war ihre Taktik besonders schlecht, denn man agitiert und baut von unten hinauf und nicht umgekehrt. Hätten sie nach der Parole des Olmützer Z'vnistentages die jüdischen Vereine und Organisationen mit zionistischen Elementen durchsetzt, hätten sie die unteren Körperschaften der Kultusgemeinde zuerst erobert, sie wären allmählich zum Siege gekommen. Aber dann hätte es nicht einen lustigen Kampf gegeben. Und das war eine Hauptsache. Das schafft Agitation nach dem Muster der Christlich- Sozialen und Sozialdemokraten und das wollte mau augenscheinlich. Aber es ist ein großer Irrtum, weil auch diese Parteien bei kleinen Gebilden begannen. Wohl aber hat die Agitation die Wiener Juden aufgerüttelt. Die große und rüde Agitation der Jungzionisten erweckte die früher indifferenten Gegner und benahm ihnen die Hoffnung auf Verbreitung der Ideen in der bürgerlichen Menge. Der Kultusvorstand führte, weil er mit den Wahlen in Kontakt kam. Er siegte, weil man ihn verfolgt sah. Es wehte eine nationale Luft während der Wahlkampagne und die Träger des jüdischen Gedankens waren die Kultusvorstände. Man hätte nichts Schlechteres für die Zukunft bewirken können. Der Kultusvorstand hat gesiegt. Er hat seine Kandidaten durchgebracht. Man hat ihm Vertrauen geschenkt. Er soll aber dieses Vertrauen rechtfertigen und das, was für die Erhaltung des Judentums not tut, dringend not tut, schnell und energisch in die Hand nehmen. Als Reformen dieser Art fordern wir eine Demokratisierung des Wahlrechtes, eine demokratische Verjüngung des Kultusvorstandes, Hebung der Religiosität und des Nationalgefühles in der Wiener Judenschaft und weiteste soziale Fürsorge für die armen und bedrängten Volksgenossen. Der Wiener Kultusvorstand sei weitsichtig und nicht kleinlich, er werde aus einem Verwaltungskörper eine mächtige politische Körperschaft, er sei streng, aber nicht eigenwillig, er folge Reformideen und halte nicht alles Ererbte für unantastbar. Vor allem sollte er das erwachte allgemeine jüdische Interesse und die Ideale der jüdischen Jugend schätzen und selbst hoch halten. Die jüdischen Hochschüler waren im Lager der Opposition, weil sie dort ihre Ideale gewahrt glaubten. Sie standen gegen den Kultusvorstand, weil sie ihn als den nationalen Ideen feindlich betrachteten. Das sollte sich ändern. Es ist der beste Teil der jüdischen Zukunft, der zionistisch ist. Er mehrt sich von Jahr zu Jahr. Ueber 500 jüdische Hochschüler sind national gesinnt, rühmen sich ihres Judentums, setzen für ihr Judentum Gesundheit, Leben und Zukunft ein, widmen sich mit Eifer und Liebe dem Studium jüdischer Geschichte und Sprache und arbeiten für eine glückliche Zukunft ihres Volkes. Ebensoviele jüdische Hochschüler stehen aber im sozialdemokratischen Lager, predigen fanatisch Klassenhaß und sind nationalem und religiösem Empfinden und Denken dauernd entfremdet. Ein Teil jüdischer Hochschüler nennt sich deutsch-freiheitlich, schwärmt für Deutschtum und schämt sich seiner Abstammung. Es sind Assimilanten, die bald abfallen werden. Für uns Juden können nur die nationalen Jünglinge in Betracht kommen. Sie muß eine weise und vorausschauende Repräsentanz in ihrem Streben befestigen, ihre Ideale teilen und verwirklichen helfen. Sie soll die Jugend führen, denn diese ist führerlos. Sie entbehrt der festen Hand; Schmeichler und eitle Toren umgarnen sie. Das Erbe Herzls soll den ungeschickten Händen doktrinärer Fanatiker entwunden und in die Hand von Männern kommen, die die Erhebung und Beglückung des Judentums mit Umsicht, Reife und Energie anstreben, die nicht der Jugend schmeicheln und nachlaufeu. die ihnen nicht so sehr Brot wie ideale Arbeit geben. Solche Männer müssen der Jugend sagen, daß bei den Juden Nationalität Religiosität ist, müssen die Jugend durch Wissen,' Charakter und Mut wehrhaft machen und nicht eingebildet durch Lobreden und Mitkneipen. Zieht die Jugend heran und werdet wieder mit ihr jung! Und noch eins. Der Kandidat Bernhard Hofbauer, welcher in den letzten Tagen vor der Wahl als Einzelperson als konservativer, orthodoxer Kandidat aufgetreten und ohne alle Hilfsmittel einer großangelegten Parteiarbeit, ohne Automobile und Fiaker, über 700 Stimmen auf seine Person vereinigte, hat nicht bloß einen persönlichen Erfolg zu verzeichnen. Er hat auch dargetan, daß diese Richtung innerhalb des Judentums einen berechtigten Anspruch hat auf Sitz und Stimme in der Kultusgemeinde. Eine solche Minorität muß gerechterweise gewürdigt werden. Der heurige Wahlkampf hat noch ein besonders schönes Ereignis gezeitigt. Er hat die Uebermacht einer Körperschaft, die sich die Beherrschung des Judentums in Wien anmaßte» gebrochen. Es möge der heurige Wahlkampf weiterhin die Führung der jüdischen Jugend durch kluge, politische, ernste und reife Männer bringen. Das erscheint noch wichtiger als Verwaltungsänderungen, denn die Jugend wartet nicht. Vom Zubrmarkt des Lebens. Siegfried Marens. Sehr geehrte Redaktion! Zu dem schönen Artikel über Siegfried Marcus in Nr. 48, 1908, Ihrer geschätzten „Oesterr. Wochenschrift" möchte ich mir folgende Bemerkungen erlauben. Da ich im I o s e f i n u m zu Wien aufwuchs, lernte ich Siegfried Marcus persönlich kennen und schätzen, zu Hener Zeit allerdings nur von der persönlichen Seite, die sich als sehr liebenswürdig nnd gefällig erwies. Er hatte trotz der zahlreichen und äußerst schwierigen Anforderungen, die an sein Erfindertalent als Mechaniker seitens des Physiologen Prof. Dr. Karl Ludwig gestellt wurden, stets ein gutes heiteres Wort für uns Jungen, die wir gerne uns in seiner Werkstätte herumtrieben. Schon uns und überhaupt allen, die mit ihm in Berührung kamen, fiel seine Universalität auf. Gar manche der Experimente und Beobachtungen wurden seinem Profeffor erst durch die vorzüglich durchdachten Apparate Marcus' ermöglicht, bei dem oft nur ein Wunsch, eine Anregung genügte, um eine Schöpfung fast sofort erstehen zu machen. Folgerichtig sollte auf der an seinem Geburtshaus in Malchin angebrachten Tafel außer dem Automobil auch einer der vielen wissenschaftlichen Apparate, die er konstruierte, etwa der Seismograph verewigt sein. Seine in den Dienst des Krieges gestellte Ämst datiert von früher als dem deutsch-französischen Kriege. Als im Jahre 1866 der Kampf mit Preußen beziehungsweise Italien begann, erhielt die Maschinenfabrik von G. Sigl in Wien 40 Seeminen in Bestellung, welche mit elektrischen Zündapparaten von Siegfried Marcus ausgerüstet wurden. Der glorreiche Tag von Liffa bewirkte, daß sie nicht zur Anwendung gelangten, damit war aber auch Marcus um seinen Ruhm gebracht! Ich hielt es daher für meine Pflicht, als ich im Jahre 1896

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.