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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 856 Nr. 49 treudeutsche-nationale Gesinnung so oft als möglich versichern zu müssen, um sich ja nur vor Demonstrationen zu schützen. Mit der Gründung einer „deutschen" Mensa gibt es keine „allgemeine" Mensa academica mehr. Und in diesem Augenblick ist es vielen Hunderten von jüdischen Studenten säst unmöglich, ihre Studien fortzusetzen. Welche Consequenzetl ergebeil sich nun für die jüdische Oeffentlichkeit? Erstens darf kein Jude, der einen Funke» Ehrgefühl hat, einen roten Heller für eine „deutsche" Mensa, für ein „deutsches" Studentenheim hergebeu, denn die Organisation dieser Institute wird eine solche sein, daß zwar Geld von Juden angenommen werden wird, aber niemals ein Jude ein Benefizium durch diese Institute erhalten wird. Wenn auch der Jude in den Augen dieser Herren eine „ehrlose Kreatur" ist, das Geld derselben scheint ihnen gut genug. Damit aber die jüdischen Studenten nicht durch die endgültige Schließung der Mensa vor ein fait accompli, gestellt werden, dem sie unvorbereitet gegenüberstehen, und eventuell einem Hunger-lend preisgegeben werden, ergibt sich für die jüdische Oeffentlichkeit als zweite Konsequenz. die jüdische Studentenschaft in der Gründung einer jüdischen Mensa, eines jüdischen Studentenheims zu unterstützen und alle Veranstaltungen, die diesem Zwecke dienen, zu fördern. Jüdische Mitbürger! Stehet den jüdischen Studenten bei, die im Kampfe gegen eine brutale Uebermacht täglich Opfer bringen! Wer jüdisches Ehrgefühl besitzt, wer die jüdische »Studenten in ihrer zähen, mutigenArbeitunter st ützen will, der arbeite mitanderSchaffungeinerjüdischeu Mensa, eines jüdisch en Studentenheimes. Zeiget unseren Gegnern, daß wir ein einzig Volk von Brüdern sind! Epilog ftt den heurigen Wiener Kultnsnorstandsrnahlen. Von Direktor Dr. S. Krenberger. Bei den diesjährigen Wiener Kultusvorstandswahlen war die offene Teilnahme früherer jüdischnationaler und zionistischer Führer, die an der Seite Herzls gestanden hatten, für die Kandidaten des herrschenden Kultusgemeindesystems ein sehr beachtenswertes Moment. Abgesehen von den inneren, sachlichen Gründen, durch die diese Männer seinerzeit sich veranlaßt sahen, die Leitung der zionistischen Partei orthodoxen, d. h. starren „Palästinensern" zu übergeben; sie wären alle sicher für nationale Kandidaten eingetreten, wenn ihnen nicht die Heuer befolgte Kampftaktik gerade für den jüdischnationaleu und speziell zionistischen Gedanken schädlich und gefährlich erschienen wäre. . Es wurde in Aussprachen vor der Heuer beliebten Art des Ansturms dringend gewarnt. Erst, als diese Mahnungen und Warnungen ungehört und unverstanden blieben, stellten sich die alten Zionisten an die Seite der Gemeinde. Sie wollten damit dokumentieren, daß die jüdifchnationale Weltanschauung und der große zionistische Gedanke auch ohne Lärm, Beschimpfung, Grobheit und Klobigkeit bestehen, sich entfalten und entwickeln könne. Sie wollten gegen die heurige Kampfesart ihrer früheren Mitstreiter protestieren und die allgemeinen nationalen Ziele vom Widerspruch und tosendem Lärm freihalten. Sie wollten der jüdischen Allgemeinheit sagen, daß sie überzeugt seien, ihre nationalen Ideale können nur durch Gewinnung aller Juden verwirklicht werden und dies geschehe in Lehre und Ueberreduug und durch nationale Arbeit, nicht aber durch Fehde und mit rustikalen Manieren. Herzl hat sein Vermögen und sein Leben im Kampfe geopfert. Zangwills Taktik bringt ihm Menschen und Gelder. Selbst der jetzige Führer der Zionisten riet von Kämpfen in Wien ab. Aber unsere Wiener Jungzionisten haben ihre eigene Disziplin. Es fehlte ihnen an einer Autorität, auf der sich moralische Kraft aufbauen kann. Sie verbanden sich daher mit Elementen, die Nihilisten zu nennen sind, weil sie außer Geld nichts weiter besitzen, nicht Einsicht, nicht Einfluß, nicht nationales Empfinden, nicht Wissen. Siebesitzennur Ehrgeizund fühlen sich erhoben, wenn junge Leute sie umgeben. Ihre Argumente bestehen im Schreien und in Anwendung von Gewalt. Darin waren sie für die „demokratisch-nationale" Opposition vorbildlich. Aber der Terrorismus ist nur zu wirtschaftlichen und ökonomischen Zwecken wirksam, bei Programmen zu religiöser und nationaler Hebung versagt er, weil seine Träger den Nichtbefähigungsnachweis für diese Ziele erbringen. So wiegelte der Terrorismus viele indifferente Wähler gegen die Opposition auf. Diese zeigte ferner politische Unreife durch ihre Prinzipienreiterei und ihren Doktrinarismus. Jeder, der nicht das oppositionelle Programm bis auf das i Tüpfelchen unterschrieb, war ein Feind. Kompromisse und Zurückhaltung werden nicht geduldet. Es gab und gibt aber doch Männer, welche in der nationalen Grundanschauung der Opposition verwandt sind, aber einzelne Forderungen noch nicht anerkennen. Es hätten sich vielleicht beide Ansichten im Laufe der Zeit oder durch die gegenseitige Arbeit genähert, aber das braucht man nicht zu erwägen. Gerade die Männer, welche überlegen und prüfen und nicht gleich zustimmen, erscheinen dem normalen Denker reifer und wackerer als diejenigen, welche die Jungzionisten aufnahmen; denn diese zeigen, daß sie gar keine jüdischpolitische Gesinnung haben und auch das Vorgelegte kaum ganz begriffen. Ein solches starres Verhalten ist jeder Entwicklung feindlich und kann nur formalistischen Denkorganen entstammen, denen höhere und weitere Äussichten und Erwägungen verschlossen bleiben. Das führt uns auf die Kandidaten selbst. Keiner der alten Zionisten suchte oder sucht ein Vorstandsmandat. Deshalb können wir objektiv sprechen. Wenn man ruhig, nicht parteilich und nicht doktrinär erwägt und vor allem das allgemeine jüdische Wohl im Auge hat, was doch sicher auch ein nationaler Gesichtspunkt ist, so mußte man sagen, daß manche der offiziellen Kandidaten nicht zu ersetzen waren, daß ihr Sturz ein großer Schaden für das Gemeinwohl gewesen wäre. Dadurch, daß man dieses gar nicht berücksichtigte, zeigte man Rücksichtslosigkeit und Ueberhebuug, zwei Erscheinungen, die bei der Wählerschaft sehr schadeten. Es handelte sich offenbar nur um den Kampf als solchen. Selbst die Programme der O>fiziellen und der Opposition zeigten nur wenig Differenzen. Beide versprachen ähnliche Reformen, jene auf dem Wege der Entwicklung, diese gewiß auch nur so, falls sie die Majorität in der Kultusgemeindestube erreichen. Für die Erfüllung der Versprechungen der Offiziellen setzen sich jetzt die Bezirks- . kommissionen und die Tempelvereine ein, die Organisationen, welche die Wähler stellen und beeinflussen. Für die Erfüllung der Versprechungen der Opposition ist nirgends eine Gewähr, da mau auch nicht einen Vertreter in der Verwaltung hat. Und wenn jene das Programm aufnehmen und anerkennen, das seit sechs Jahren zur Diskussion steht, so mußten ernste Männer, denen es um die Verwirklichung der Forderungen zu tun ist, trachten, wenigstens einen der zwei Gesinnungsgenossen in den Vorstand zu bringen, die die Pcogrammerfüllung betreiben und kontrollieren. Dafür, daß man Solches nicht wollte, wäre vielleicht ein Grund darin zu sehen, daß sich der Kultusvorstand noch nicht als streng palästinozionistisch bezeichnet. Daß eine solche offene Deklaration unangenehmste Weiterungen und politische Konflikte herbeiführen kann, weiß mancher. Der Vorstand hat aber offen seine Sympathie für Zangwills Bestrebungen

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