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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-12-04 · 49 (4.12.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Geile H55 Dr. VLvch's WochrrrsrtzrM- Bedarf nur in Spirituosen zu decken gewohnt ist, benützt jede Gelegenheit, um über die Studierenden anderer Nationalität herzufallen und sie in brutalster Weise zu mißhandeln. Wagen es jedoch die geradezu in Lebensgefahr befindlichen Studenten, von ihrem guten Rechte der Selbstverteidigung Gebrauch zu machen, dann spielen sich die deutschen Helden auf die armen, unschuldigen Lämmer hinaus. Rasch wird der Spieß umgedreht, es wird zu Ministern gerannt, bei akademischen Behörden interveniert, flott denunziert. Was ist die Folge? Daß nicht die von ihrer Uebermacht in brutalster Weise Gebrauch machenden antisemitischen Studenten, sondern diejenigen bestraft werden, die den Mißhandlungen derselben ausgesetzt waren. Die akademischen Behörden sind zu schwach und stehen selb st viel zu sehr unter dem Eindruck der deutsch nationalen Drohungen, als daß es zu einer objektiven Untersuchung und zur Bestrafung der tatsächlich Schuldigen kommen könnte. Dies alles unter der Schutzmarke des „deutschen Charakters", der unter allen Umständen gewahrt werden muß, als ob die z. B. jüdischnationale Studentenschaft jemals geleugnet hätte, daß die Wiener Universität eine deutsche sei. Dagegen müßten sich aber die nicht deutschen Elemente verwahren, daß Terrorismus und GewalttätigkeitderdeutschnationalenStudenten straflos geduldet werden. Anläßlich der letzten Krawalle haben die deutschnationalen Heldenknaben nicht nur allenthalben denunziert, sondern sie haben auch zu einem terroristischen Mittel gegriffen, daß jedem Billigkeits- und Rechtsgefühl Hohn spricht. Die Deutschnationalen haben beim Kuratorium der Mensa, academica die Sperrung dieses Institutes unter Androhung von Gewalttätigkeiten erzwungen. Die Bedeutung der Mensa ist für die Studentenschaft eine eminente. Es erhalten zirka 1500—2000 Studenten täglich ein relativ ganz gutes und nahrhaftes Mittag- und Abendessen zum Preise von 48, resp. 40 Hellern. Zu einem Preise, zu welchem sie unmöglich anderweitig sich die gleiche Kost verschaffen könnten. Die Mensa wird zum geringen Teile — 35 Perzent — von Deutschen, da diese größtenteils in Wien zuhause sind, vornehmlich aber von Juden, Slaven und Italienern besucht. Das Institut erhält Subventionen von Landtagen und Gemeindevertretungen und Banken, also von öffentlichen Geldern, ferner von freiwilligen Spendern und Förderern. Unter diesen Förderern befindet sich ein hoher Perzentsatz, 40 Perzent, Juden. So z. B. schenkt die Firma Guttmann der Mensa Kohle jährlich im Werte von 2000 K und auch sieht man so manchen gut klingenden, jüdischen Namen wie Baron Rothschild mit ganz ausgiebigen Sümmchen auf der Spendenliste figurieren. Hingegen sind die Juden und Slaven als solche nicht im Kuratorium vertreten, obwohl sie sowohl nach Maßgabe der jüdischen Spenden als auch der jüdischen Mensabesucher ein Recht hiezu hätten. Das Kuratorium besteht aus. Vertretern der Professoren der vier Fakultäten, aus Delegierten der Studentenkonvikte, des juridischen, philosophischen, medizinischen und allgemeinen Unterstützungsvereines; außerdem besitzen die Deutschnationalen als Gruppe noch drei Vertreter, abgesehen davon, daß die Delegierten der genannten Vereine ebenfalls lauter Deutschnationale sind bis auf einen Kadimahner, der als Delegierter des medizinischen Unterstützungsvereines ins Kuratorium gewählt wurde. So sind denn weder die Juden noch Slaven als studentische Gruppen im Kuratorium gerecht vertreten, während fast alle Mandate in den Händen der Deutschnationalen sich befinden. Durch die Sperrung der Mensa wurden 2000 Studen ten, darunter zirka 8OO jüdische, der Gefahr des Verhungerns p r e i s g e g e b e n, da sie in den letzten Tagen des Monates kein Geld für kostspielige Mahlzeiten in Restaurationen aufbringen konnten, umso mehr als sie ihre Abonnements im Vorhinein bei der Mensa bezahlt hatten. Die Erzwingung der Schließung der Mensa durch die deutschen Heroen ist ein Akt der Brutalität und Rücksichtslosigkeit, dessen soziale Wirkung und Vergleich zu dem der Exzesse in Prag eine immense ist. Freilich, Deutschenexzesse in Prag sind für die Wiener Presse ein „gefundenes Fressen" und da kann man sich an Uebertreibungen nicht genug tun, daß aber deutschnationale Studenten öffentlich und unter Androhung von Gewaltmitteln in einem „Rechtsstaat" die Schließung eines Wohltäigkeits-Jnstitutes erzwingen, bloß weil es auch Andersnationale genießen, darüber bringt sie nur kurze Berichte. Es scheint fast so, als ob diese deutschnationalen Heldenknaben ihre nationalen Gegner durch Hunger entkräften wollen, um ihnen demnächst den „deutschen Charakter" der Minorität leichter „schlagend" beweisen zu können. In einer Kuratoriumssitzung, in der über die Wiedereröffnung der Mensa debattiert wurde, hatte ein Vertreter der Deutschnationalen zu erklären, daß letztere gewillt seien, die Mensa in ihrer jetzigen Gestalt unmöglich zu machen. Die Mensa sei ein aus deutschen (!?!) Mitteln erhaltenes Institut, werde aber trotzdem von zwei Drittel nichtdeutscher Studenten frequentiert. Diese seien nur als „Gäste" der Deutschen zu betrachten, geben aber durch ihr „provozierendes Benehmen" stets Veranlassung zu Skandalen. Für diesen Teil der Studentenschaft eine Mensa zu halten, läge für die Deutschen kein Grund vor. Denn sonst müßte es so weit kommen, daß die „deutsche Studentenschaft nicht Herrin in ihrem eigenen Hause" sei. Der politische, nationale Kampf werde allenthalben in das soziale Gebiet getragen und in der Erzwingung der Schließung der Mensa glauben die Deutschen eine glänzende Waffe gefunden zu haben und wollen damit ihre Gegner ins Herz treffen. Außerdem sei es für einen anständigen Cheruskerjüngling unmöglich, in der Mensa in ihrer jetzigen Form zu speisen, da das Treiben gewisser jüdischer Elemente direkt ekelerregend auf jedes Germanengemüt wirke. Es werde an die Gründung einer deutschen Mensa (natürlich judenfrei) unter allen Umständen geschritten werden. Dieselbe sei gesichert und ihrer Eröffnung innerhalb von zwei Monaten stehe nichts im Wege. Es ist nicht der Mühe wert, auf diese von Selbstüberschätzung und Unwahrheiten wimmelnde Erklärung des Näheren einzugehen. An einer österreichischen Universität kann nicht Jemand als Gast betrachtet werden, dessen Vater ebenfalls als Steuerzahler zur Erhaltung derselben beisteuert, ebensowenig als Jemand das Recht hat. sich als Gastgeber zu gerieren. Daß die Mensa von heterogenen Elementen besucht werde und daß so manche der Besucher sich nicht richtig benehmen, sei ohneweiters zugegeben, aber unter den Deutschnationalen gibt es auch so Manchen, der kaum befähigt wäre, bei der Hoftafel zu speisen. Das einzig Wichtige und Tatsächliche, der Wahrheit Entsprechende ist an den Ausführungen der Umstand, daß eine deutsche Mensa binnenKürze eröffnet wird. Selbst wenn also die Oeffnuug der allgemeinen Atsnsa aeadomiea im Einvernehmen mit den Deutschnationalen jetzt wieder stattfinden wird, so kann ihr Bestand doch nur von kurzer Dauer sein Mit der Eröffnung einer deutschen Mensa ist die allgemeine Mensa selbst ohne Gewaltakte von Seiten der Deutschen gesprengt. Denn wenn eine deutsche Mensa besteht, so dient die allgemeine Mensa nur den nichtdeutschen Studenten. Und für eine Mensa für „Fremdlinge" werden sich die unter dem DiktatoriumderDeutschnationalen stehenden Universitätsprofessoren niemals exponieren. Die Gewaltherrschaft erstreckt sich nämlich auch auf diese und jeder der Herren Hofräte glaubt, seine

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