Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 854 Dr. Möeb's Mocdenscdrirr. daß im Wirkungskreise des Monarchen, der in seinen Pflichten aufgeht, von den auswärtigen Angelegenheiten seines Staates bis zur Ernennung eines Offiziers nichts vor sich geht, was nicht den scharfen Stempel des kaiserlichen Willens trägt. Es lag in der Absicht des Herrschers, eigene Worte zu gebrauchen, aus denen deutlich hervorgeht, daß alle privaten und behördlichen Bemühungen und Verfügungen, um die Juden zu minderbcrechtigten Staatsbürgern zu machen, ein bitteres Unrecht sind und daß keine wie immer geartete Zurücksetzung der Juden seine Billigung habe. Leider ist der österreichische Boden vom Antisemitismus schon zu stark vergiftet worden, als daß man hoffen dürfte, daß die Worte des Kaisers überall zur Blüte aufgehen. Aber selbst wenn sie kein verblendetes Auge öffnen, keine verirrten Gedanken auf den richtigen Weg zurückführen, was sie bei ihrem Gewicht zweifellos tun werden, sind wir dem von uns immer hochverehrten Herrscher unendlich dankbar für seine Aeußerung der Liebe und Gerechtigkeit. Sie ist uns ein Trost in schwerem Leid, den wir im tiefsten Herzen empfinden, wie einem in unverschuldetes Unglück geratenen Sohn der Trost des Vaters. Und sie gibt uns Zuversicht und Kraft, in dem schweren Kampfe auszuharren, der uns aufgedrungen wurde und auf dessen glückliches Ende wir ermutigt hoffen, seitdem wir neuerdings erfahren haben, daß der Ritterkaiser Franz Joseph zwischen unserer Machtlosigkeit und unseren ungerechten Feinden steht. I. U. Der Cercle. Ueber den Empfang der Vertreter der österreichischen Kultusgemeiuden durch den Kaiser wird uns noch berichtet: Beim Eintritte Sr. Majestät in die Geheime Ratsstube, woselbst sich die Deputation versammelt hatte, erbat sich zunächst Oberrabbiner Dr. Güdemann die Erlaubnis, den Segensspruch bedeckten Hauptes sprechen zu dürfen, welcher Bitte Se. Majestät huldvollst willfahrte, worauf sämtliche Mitglieder der Deputation ihr Haupt bedeckten. — Oberrabbiner Dr. Güdemann sprach nun zuerst hebräisch und dann deutsch deu „Segensspruch beim Anblicke eines gekrönten Hauptes". Sichtlich bewegt hörte der Kaiser den Segensspruch au. Nachdem sämtliche Mitglieder der Deputation ihre Kopfbedeckung wieder abgenommen hatten, hielt der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien Dr. Alfted Stern die bereits in der vorigen Nummer unseres Blattes veröffentlichte Ansprache, bei deren Schluß die Versammlung ein dreimaliges „Hoch" auf Se. Majestät ausbrachte. — Mit vollster Aufmerksamkeit war der Kaiser der Ansprache gefolgt und erteilte in sehr huldvoller Weise die im Wege der Zeitungen bereits bekannte Antwort. Der Kaiser lud dann den Präsidenten Dr. Stern ein, ihm sämtliche Herren vorzustellen, fragte denselben zunächst um seine persönlichen Verhältnisse, und auf seine Mitteilung, daß er Wiener sei und das 77. Lebensjahr zurückgelegt habe, bemerkte der Kaiser: „Dann find wir Kollegen. Wie groß ist die Gemeinde?" — Dr. Stern antwortete: „170.000 Seelen." — „Da gibt es gewiß viel zu tun." — Der Kaiser wendete sich nun dem Oberrabbiner Dr. Güdemann zu, fragte ihn, an welchem Tempel er fungiere und wie viele Bethäuser in Wien seien. Bei Rabbiner Dr. B r e t h o l z erkundigte sich der Monarch um seinen Bildungsgang uud sonstigen persönlichen Verhältnisse und nahm zur Kenntnis, daß er in Triest als Rabbiner fungiere. Herrn Dannhauser (Innsbruck), sowie die Herren Schwager (Linz) und Biller (Graz) beftagte der Monarch über die Größe ihrer Gemeinden und ob sich diese im Auffchwunge befinden. Zu Dr. Sonnenschein (Troppau) bemerkte der Kaiser auf deffen Mitteilung, daß er Advokat sei: „Da haben Sie wohl in der Advokatur viel zu tun und wirken dabei noch in diesen Aemtern ersprießlich." Der Kaiser fügte hinzu, daß er geglaubt habe, daß in Schlesien, speziell in Troppau größere Gemeinden bestünden. Zu dem Präsidenten der Prager Gemeinde Dr. Arnold Rosenbacher, welcher bemerkte, daß er schon in Prag das Glück gehabt, Sr. Majestät vorgestellt zu werden, bemerkte der Kaiser, daß er sich gerne daran erinnere, und befragte ihn über den Stand der Prager Kultusgemeinde. Zum Landesschulrat Dr. Gustav Kohn äußerte sich der Monarch, er glaube, daß es Gott sei Dank im Landesschulrate ziemlich ruhig zugehe. Ueber die Bemerkung des Dr. K o h n, daß manche Schwierigkeiten bestehen, frug er ihn, wie lange er im Landesschulrate sei, worauf derselbe erwiderte, daß er zwanzig Jahre dieser Körperschaft angehöre. Se. Majestät erwiderte: „Das beweist, daß Sie der richtige Mann sind, weil Sie immer wieder ernannt werden, da heißt es ausharren". Doktor Kohn bemerkte : „Man tut eben seine Pflicht, persönlich habe ich mich nicht zu beklagen." Mit dem Präsidenten Dr. Schaff (Lemberg) und dem Präsidenten Dr. T i l l e s (Krakau) unterhielt sich der Monarch über die Verhältnisse der galizischen Gemeinden und meinte, daß dieselben im Aufblühen begriffen seien. Dem Professor Dr. Schaff, welcher auf die Ansprache des Kaisers bemerkte, daß er bereits das Glück gehabt habe, zweimal dem Kaiser in Lemberg, vorgestellt zu werden, bemerkte der Kaiser: „Ich erinnere mich, in Ihrem Tempel gewesen zu sein, es war sehr schön und weihevoll". Bei dem Präsidenten der Brünner Kultusgemeinde Dr. Hieronymus Fialla erkundigte sich der Kaiser über die Verhältnisse der Brünner Kultusgemeinde und erwiderte auf dessen Bemerkung, daß Brünn sehr glücklich wäre, wenn Se. Majestät wieder einen Besuch machen würde. „Das ist nicht ausgeschlossen, es ist ja nicht weit." Bei Dr. Graf (Triest) erkundigte sich der Monarch nach dessen Beschäftigung, den Verhältnissen der Gemeindemitglieder und gab seinen warmen Gefühlen für Triest Ausdruck. Sodann bemerkte der Kaiser, jetzt wolle er sich die Adresse ansehen, welche ihm nun vom Präsidenten Dr. Stern und Vizepräsidenten Dr. Cohn geöffnet und gezeigt wurde. Se. Majestät war über dieselbe sehr befriedigt, gab seiner Freude Ausdruck, daß diese so schön sei. Namentlich gefiel dem Kaiser das Arrangement, wonach jeder einzelnen Kultusgemeinde ein eigenes Blatt für die Unterschriften zugewiesen war. Dr. Stern brachte Seiner Majestät zur Kenntnis, daß die älteste Gemeinde Dalmatiens (Ragusa) telegraphisch gebeten habe, Sr. Majestät zu melden, daß ihre Vertreter infolge der Kommunikationsfchwierigkeiten nicht erscheinen konnten, ihn, Dr. Stern, gebeten habe, sie zu vertreten und ihre Huldigung Sr. Majestät zu unterbreiten, worauf Se. Majestät huldvollst bemerkte: „Bitte, teilen Sie den Herren mit, daß es mir leid getan hat, dieselben nicht gesehen zu haben. Grüßen Sie mir die Ragusaner." Endlich bemerkte Dr. Stern, daß noch einige Gemeinden ihre Unterschriften nachträglich eingesendet haben, die nicht mehr in der Adresse angebracht werden konnten, dieselben wären trostlos, wenn ihnen die Möglichkeit benommen wäre, ihre Unterschriften der Adresse beizufügen. Herr Dr. Stern richtete an Se. Majestät die ehrfurchtsvolle Bitte, die nachträgliche Beifügung gestatten zu wollen, worauf Se. Majestät huldvollst seine Zustimmung hiezu erteilte. Mit dem Bemerken Sr. Majestät, daß er sich wirklich gefreut habe, zog sich derselbe unter neuerlichen Hochrufen der Repräsentanten in seine Appartements zurück. Der Empfang dauerte etwa eine halbe Stunde. Die mensa academica. Die Oeffentlichkeit muß es nachgerade satt bekommen, sich stets mit den durch die deutschnationalen Radaumacher provozierten Studentenkrawallen und den durch sie geschaffenen Situationen und Verwicklungen zu befassen. Im Verhältnis zu der Geringfügigkeit der veranlassenden Momente sind die Folgen dieser Krawalle oft von so schwerwiegender Natur, daß die Sache naturgemäß breitere Schichten zu interessieren beginnt. Eine Horde von grünen Jungen, die ihren geistigen