Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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ay^flgg-gg SHSäfiWSldBbWBaDIB SCKSBOEu Nr. 48 Dalomon schritt lebhaft auf der wenig gebahnten Straße dahin, nur selten einige aufmunternde und zur Me mahnende Worte an den kleinen Benjamin richtend, der seine Beinchen gewaltig anstrengen mußte, um mit dem Vater gleichen Schritt zu halten. „Fort, Söhnchen Benjamin", sagte der Jude, „Fort! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Du warst zu müde heute, wir find so spät aufgebrochen; der Tate muß da sein zur Stunde, sonst macht er großen Slamassen und kann verlieren viele goldene Dukaten. Kannst'e nischt laufen mehr, Benjamin?" Der Knabe antwortete nicht; vielleicht fehlte ihm der Atem dazu; sein Geficht glühte und an seinen Haaren blinkten einzelne Tropfen, die die Luft bald wieder aufsog. Der Vater blickte einen Augenblick teilnehmend auf den Kleinen, dann hob er ihn schnell auf seine Arme und eilte unermüdet weiter. „Der Tate will dich eppes tragen, Benjaminche", sagte er zärtlich, „nachher wirst wieder laufen können." Aber auch dem Alten war warm geworden von dem lebhaften Schritt, den er eingeschlagen hatte, und die Last, die er jetzt trug, als er eine Erhöhung des Weges hinanschritt, machte seinen Atem nicht länger. Plötzlich schloß das Geläute zahlloser Glocken an sein Ohr; es waren die Glocken, die die feierliche Schlußsitzung des Trientiner Konzils einläuteten. Eben hatte er die Kuppe des Hügels erreicht, und ein prachtvolles Schauspiel bot sich seinen Blicken dar. In geringer Entfernung von ihm lag Trient; auf den Spitzen seiner Türme blinkte die Dezembersonne; bewegte Luftwellen führten die mannigfachen Glockentöne, die in den verschiedensten Abstufungen durcheinander klangen, über die Stadt hin und in das weite Tal hinab, und aus tausend Schornsteinen zogen bläuliche Rauchsäulen in die dünne Luft hinauf. Einen Augenblick stand Salomon unwillkürlich still, dem wunderbaren Anblick sich hingebend und in tiefen Zügen atmend, als er sich der großen Wichtigkeit der nächsten drei Stunden erinnerte und mit beschleunigten Schritten der Stadt zueilte. Benjamin hatte sich soweit erholt, daß er wieder munter neben seinem Vater herlief, halb gezogen von dessen brennender Hand. Nach einer Viertelstunde waren die Wanderer, die durch die Porta San-Lorenzo die Stadt betreten hatten, an dem mächtigen viereckigen Turm angelangt, der mit seinen drohenden Zinnen und seinen 6 Fuß dicken, aus Werkstücken aufgeführten Mauern die große Brücke über die Etsch beherrscht und verteidigt. Bald betraten sie diese letztere selbst, dem Innern der Stadt sich zuwendend. Fast gleichzeitig mit ihnen trafen andere ihrer Glaubensgenossen, die dieselben Zwecke und dasselbe Ziel hatten, von den verschiedensten Seiten her in Trient ein. Alle trugen auf ihren Köpfen Kappen oder an anderen Teilen ihres Körpers irgend ein Kleidungsstück von der verabscheuten gelben Farbe. Selbst Benjamin's kleine Füße staken in Schuhen von hellgelbem Saffian. Noch immer erschallte feierliches Geläute von allen Türmen; die Glocken riefen die anwesende hohe Geistlichkeit zur Sitzung des Konzils. Langsam bewegten sich die Fürsten der Kirche in ihren kostbarsten Gewändern, teils in Sänften getragen, teils auf reichaufgeputzten Maultieren reitend, und nach der Sitte der Zeit von einem großen Troß buntfarbig kostümierter Diener begleitet, aus ihren Quartieren auf die Kirche Santa-Maria Maggiore zu, in welcher die Sitzungen des Konzils 18 Jahre hindurch gehalten worden waren, und wo dasselbe heute mit angemessenen Feierlichkeiten geschloffen werden sollte. Die guten Bürger der Stadt hatten das Schauspiel, wenn auch sonst weniger glänzend, viele Jahre hindurch vor Augen gehabt, aber sie hatten sich vielleicht nie so zahlreich und in solcher Erregung dabei eingefunden als heute. In großer Anzahl liefen sie durch die Straßen, oder standen auf den Treppen vor ihren Häusern, oder füllten die Fenster und Balkone. Sie hatten auch, zu der lebhaften Teilnahme an dem, was sich vor ihren Augen zutrug, Grund genug. Mit dem heutigen Tage sollte die Quelle des Reichtums und des Vergnügens Plötzlich versiegen, die 18 Jahre hindurch so reichlich für sie geströmt hatte. Seite 849 Diese Gedanken machte die Einwohnerschaft nicht besonders geneigt, mit freundlicheren Blicken und wohlwollenderen Gefühlen als sonst auf die anderen Gäste zu sehen, die heute auf wenige Stunden ihre Stadt besuchten, wiewohl es immerhin ein ergötzlicher und zu wunderbaren Vergleichungen Veranlaffung gebender Anblick gewesen sein mag, zu gleicher Zeit die mächtigen, und im höchsten Ansehen stehenden Mitglieder der Hierarchie und. die ausgestoßenen Genoffen eines verachteten Stammes die Straßen anfüllen zu sthen. Letztere erfahren unter diesen Umständen vielleicht in reicherem Maße also sonst die Wirkungen des Unmutes, von dem die Herzen der Bürger erfüllt waren, die sich von großen Verlusten bedroht sahen. Bon allen Seiten strömten Schmähungen und Verwünschungen auf sie herab. Jeder Vorübergehende rief ihnen mit der Miene des Haffes und der. Verachtung sein „Maladetti!" entgegen, ja viele spien vor ihnen aus, und die . am meisten Fanatifierten scheuten sich selbst nicht, ihre Kleider und ihre Bärte zu besudeln. Auch unser Freund Salomon entging solcheiOBefchßmpfungen keineswegs. Flüchtigen Fußes eilte er, den kleinen Benjamin immer neben sich herziehend, durch eine lHngst eines Kanals hinlief, weil er hier mit einigend Geschäftsfreunden zusammenzutreffen hoffte. Ach! er hatte so v^kM befthtcken, hier Rechnungen auszugleichen, dort neue Bestellungen zu machen, Gelder zu erheben und alte Freunde auf einige' Augenblicke zu sehen; er mußte von einem Ende der Stadt zum anderen, und zu allem diesen nur drei kurze Stunden Zeit! Wie bald waren sie vorüber! Welche Verluste mußten ihn treffen, wenn nicht jede Minute benutzt wurde! (Fortsetzung folgt.) Literatur. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Jude« in Deutsch- Oesterreich. Heruusgegeben von ver historischen Kommission der israelitischen Kullusgemeinde in Wle». I. Baud. Das Judenbuch der Scheffstraße zu Wien (1389—1420). Herausgegeben von Doktor Artur Goldmann. Mit einer Schriftprobe. Wien und Leipzig? Wilhelm Braumüller 1908. Groß-Oktav. XLII und 148 Seiten. Preis Kr. 6.—. Ich finde mich vielleicht einigermaßen im Widerspruche gegenüber der Bemerkung des zu bescheidenen Herausgebers, wenn ich behaupte, daß die verdienstvolle Serie der „Quellen und Forschungen" wohl nicht würdiger hätte eingeleitet werden können, als mit der Veröffentlichung des Judenbuches der Scheffstraße d u r ch D r. G ol d m a n n. Er hat uns in seiner, dem Urkundenbuch vorangehenden lichtvollen Einleitung gezeigt, wie das spröde Material des Formelkrams bearbeitet werden muß, um daraus Bausteine der Geschichte zu formen. Daß dies keine geringe Aufgabe war, ist klar; desto größer soll die Anerkennung sein, die jeder Freund der österreichischen Judengeschichte dem Herausgeber für seine Arbeit zollen muß. So hatte ich das Lob antizipiert, das gewöhnlich der sachlichen Besprechung eines Werkes hintangefügt wird. Es war mir aber Herzensbedürfnis, schon in den einleitenden Bemerkungen zu dieser Besprechung auf de» Gewinn hinzuweisen, der aus der Publikation Dr. Goldmanns für die Geschichte der Juden in Wien resultiert.! Das Judenbuch der Scheffstraße. eines mit eigener Gerichtsbarkeit ausgestatteten Bezirkes vor dem Stubentor, enthält Einträge über jene Geldgeschäfte, die in der Zeit von 1389 bis 1420 zwisch,n Juden und den christlichen Bewohnern dieser Gegend — zumeist Schiffer, Binder, Wagner, Schmiede, Faßzieher, Müller und Fischer — entriert wurden. Es umfaßt 339 Eintragungen Über Häuser- und Grundverpfändungen, für die sich zwei Formen, Darlehen mit fixiertem Zahlungstermin und solche mit zeitlich unbeschränktem Termni feststellen lassen. Es waren zumeist bescheidene Geldgeschäfte, die hier abgeschloffen wurden; die höchste Schuldsumme beträgt einmal 100 Pfund. Berücksichtigt man diesen Umstand und die Tatsache, daß der größte Teil des gesetzlich fixierten Zinsertrages (seit 1333 wöchentlich 3 Pfennig vom Pfund) in Form von außerordentlichen Abgaben indirekt in die Kaffe der herzoglichen Kammer floß, so wird man die Geschäftsbewegung in der Scheffstraße für die jüdischen Gläubiger kaum für besonders lukrativ halten dürfen. Hiezu kommt noch, daß die Sicherstellung des Gläubigers auf das Pfandobjekt eigentlich eine ganz illusorischgewesen ist. Nur in 2 Prozent der im Judeubuch verzeichneten Fälle wird dem jüdischen Geldgeber das Pfand auch eingeantwortet; selbst wenn man geneigt ist, anzunehmen, daß die Schuld in den meisten Fällen anstandslos getilgt worden ist, wird man der Bonität der Schuldner nicht besonders nahetreten, wenn man anderer- Dr. Llocb's MocdenscdrM.