Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Vioch's MLsszLNiÄrrl^ Seite 848 das sich zum Mosaismus verhalte, wie etwa die Blume zur Knospe. In dem darauf folgenden Vortrag wies Jork- Steiner an der Hand der lebendigen Schilderungen Schnitzlers dessen kunstvolle Gestaltungskraft nach, die sich insbesonders in der Schaffung jüdischer Charaktere unübertroffen zeige. Bei der anscheinend in den Vordergrund geschobenen Detailmalerei verfolge Schnitzler doch einen großen Gedanken, jenen, daß die treibende Kraft im Judentum die Sehnsucht bilde, aus dem Pferch enger, gedrückter Verhältnisse hinaus ins Freie, in die Gleichwertigkeit zu gelangen. Mit Hilfe zahlreicher, geschickt und fleißig zusammengestellter Zitate, welche häufig mit seinem, auch zuweilen ätzenden Humor verbrämt waren, zog der Vortragende den Schluß, daß nur dann das Judentum zu der ihm gebührenden Achtung gelangen könne, wenn es mit der Selbstachtung beginne und jenen gewisien Umgangston vermeide, welcher mit Respektlosigkeit zu bezeichnen sei und der nur an die Vertraulichkeit der in Kriegsgefangenschaft Geratenen erinnere. Es müsse vor allem das „Nachlausen" der sogenannten Gesellschaft ein Ende nehmen, das Judentum hätte sich auf sich selbst zu besinnen und aber auch aus sich zu beschränken! Ueberreicher Beifall und allgemeine Zustimmung lohnte die glänzenden Ausführungen, die schon früher zeitweilig lebhafteste Sympathiebezeigungen auslösten. Unmittelbar vor Aork-Steiner sprach der Delegierte des' „Vereins zur Abwehr" in Berlin, Herr Otto Strauß, über einen geplanten Anschluß des dortigen mit dem hiesigen Abwehrvereine, welcher Anschluß auf literarischem Gebiete herzustellen sei. Es haben diesbezügliche Verhandlungen bereits stattgefunden, zu welchem Behufe die beiden Vorstandsmitglieder, Herr Regierungsrat Löhner und Oberinspektor F. R. Engel vor kurzem sich nach Berlin begeben hatten. Es lasse sich durch solchen innigeren Kontakt eine befriedigende Wirkung erhoffen. Selbstverständlich erntete auch dieser Redner reichen Beifall. .. Lektor Akayer Friedmann. Die jüdische Wissenschaft in Oesterreich hat einen schweren Verlust erlitten. Eine ihrer ehrwürdigsten Gestalten, welche den Ruhm des Wiener Judentums in alle Weltteile, wo nur jüdische Wissenschaft eine Pflegestätte gefunden, getragen hat, Lektor M. Friedmann, Bibliothekar und Lektor des Wiener Beth-Hamidrasch, Professor der Israelitischtheologischen Lehranstalt, Strafhausseelsorger der israelitischen Kultusgemeinde Wien a. D., Ehrenbürger der politischen israelitischen Gemeinde Mährisch-Weißkirchen usw. nsw. verschied sanft nach kurzem Leiden im 78 Jahre seines dem Judentums, der Wissenschaft und seiner Familie gewidmeten Lebens am 23. November 1908 um 7 Uhr abends. Geboren am 10. Juli 1831 in einer kleinen ungarischen Stadt in der Nähe von Kaschau, hat er frühzeitig eine große Belesenheit im jüdischen Schrifttum sich angeeignet. Begabt mit einem ungeheueren Fleiß nnd einem ausgezeichneten Scharfsinn, reiste er allmählich zu einem der bedeutendsten Vertreter seines Faches. In der Midraschliteratur war er wie kein Zweiter heimisch, und die oft so dunklen Aussprüche und Sätze der alten Agadisten wußte er geistvoll aufzuhellen und zu erläutern. Seit der Gründung des Wiener Beth- Hamidrasch (1864) hielt er in dieser Pflegestätte der Wissenschaft Vorträge über Bibel und Midrasch, die einen großen Zuhörerkreis um ihn versammelten. Er revidierte nacheinander: Sifre, 1864, Mechilta, 1870, Pesicta rabbati, 1880, er publizierte einen Kommentar zu den Proverbieu, 1878, eine Interpretation Ezechiel XX., 1882, „Zur Einleitung in Talmud", 1885, Neir Ayin, 1895, Tanna debe Eliyahu, 1900, außerdem gab er in den Jahren 1881 bis 1886 die wissenschaftliche Monatsschrift „Bet Talmud“ heraus. In deutscher Sprache publizierte er „Worte der Erinnerung an Jsaac Noa Mannheimer". 1873, „Die Juden ein ackerbautreibender Stamm", 1878, „T. G. Stern Gedenkrede", 1883, „Zerubabel", 1890, „Worte zur Feier des 100 jährigen Geburtstages des sel. Predigers Jsaac Noa Mannheimer", 1893, „Onkelos und Akylos", 1896. Der kleine Kreis der Freunde nnd Verehrer der jüdischen Wissenschaft in Wien steht an der Bahre eines seiner Patriarchen. Für Mayer Friedmann dürfte schwer das kommende Geschlecht eiueu würdigen Ersatz bringen. Das Leichenbegängnis fand am 25. d. M. um 10 Uhr vormittags vom Trauerhause aus unter zahlreicher Beteiligung aller Kreise der jüdischen Gesellschaft statt. Unter den Anwesenden sah man außer der trauernden Familie und ihren nächsten Angehörigen nahezu sämtliche Rabbiner Wiens. Vom Kultusvvrstand den Präsidenten Dr. Alfred Ster n, sämtliche Kultusvorstandsmitglieder, ersten Sekretär Dr. Lieben, Sekretär Doktor Adler und viele Beamte, die Kuratoren und das Lehrerkollegium der Israelitischtheologischen Lehranstalt, die Vorsteher und Lektoren des Beth-Hamidrasch, sämtliche Bethausvorsteher und Vorsteher der Chewra-Kadischa sowie zahlreiche Freunde und Verehrer des Heimgegangenen. Der Leichenzug fuhr zunächst in den Vorhof des Leopoldstädter Tempels, wo der greise Rabbiner Dr. Ad. S ch m i e d l im Namen des Beth-Hamidrasch dem Verewigten einen ergreifenden Nachruf hielt. Nachdem Rektor Dr. Schwarz das Wirken Friedmanns als Lehrer der Jsraelitisch-theolvgischeu Lehranstalt in begeisterten Ausführungen pries, wurde der Sarg wieder in den Wagen gehoben. Auf dem Zentralfriedhofe widmete zunächst Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n dem Verstorbenen rührende Worte des Abschiedes und zeichnete ein ergreifendes Bild von der geistigen Eigenart Friedmanns, seiner literarischen und wissenschaftlichen Bedeutung. Im Namen des Lehrkörpers am Beth-Hamidrasch sprach Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s, im Namen der israelitischen Kultusgemeinde Herr Baurat Wilhelm S t i a ß u y, im Namen der Schüler Herr 8tnd. phil. Torczyner, im Namen des Vereines für jüdische Kurbedürftige Herr Doktor- Isidor Brau n. Dann wurden noch andere Reden gehalten, worauf der Sarg in die Gruft gesenkt wurde. Die Trauerpsalmen exekutierte in seiner gewohnten Art Herr Obcrkantor Singer in Begleitung des Tempelchores Infolge des Ablebens des Herrn Lektors M. Friedmann bleibt das Beth-Hamidrasch bis Mittwoch den, 2. Dezember geschlossen. «. Berlin. (Eine bemerkenswerte A, u s z e i ch n NU g) bat soeben die hiesige Technische Hochschule verliehen, nämlich die Würde eine vr. Ing. liouoris causa, an den Geheimen Komwftzrenrat Isidor Loewe, den bekannten Großindustriellen und Begründer der Waffenfabrik, der ungeachtet seiner hervorraaenden gewerblichen und sozialen Leistungen, die ihn gleich innem Freunde Rathena» zu einem Pfadfinder und Kulturträger ersten Ranges werden ließen, als Jude schmählichsten Verdächtigungen auSgrsetzl war. Mit Loewe zusammen wurde das preußische Kriegsministerium, das mit den Gewehrlieferungen der Loeweschen Fabrik außero,deutlich zufrieden war, aufs heftigste angegriffen. Es wurden von längst verflossenen antisemitischen Größen besondere Broschüren veiöff.ntlicht, die der Aufwiegelung der Massen zu dienen hatten und in der Tat eine ungeheuere Erregung ins Volk trugen. Wie frivol die Antisemiten vorgingen, sei der heutigen Generation ins Gedächtnis zrrückgerufen. Ählwardt behauptete in seiner im April 1802 erschienenen Schrill ..Judenflinten" nichts geringeres als: „Das iniernationale Judentum bat nichts vernachlässigt, was zu einer Niederlage Deutsch'onds ,m nächsten Kriege beitragen kann und schließlich dcn ungeheuerlichen Versuch gemacht, den deutschen Soldaten ein Gewehr in die Hand zu geben, das im Felde sehr bald versagt. Dieser Versuch ist Über Erwarten gut gelungen. In der Armee befinden sich jetzt schon 450.0) 0 Gewehre aus der Fabrik von Ludwig Loewe. die im Kriege fast weniger dem Feinde als vielmedr ihren Trägern gefährlich werdcn muffen." Aufs schwerste wurde durch diese Behauptungen das Ansehen der deutschen Armee > nd Deutschlands im In- und Ausland diskreditiert. Es wurde sofort eine eingehende Nntersnchung vorgenommeu, nnd das Ergebnis war die absolute Richtigkeit der von der Abnahmekommiffion ausgestellten Bescheinigung, „daß die 425.00V Gewehre 88 in jeder Beziehung den an sie gestellten Anforderungen entsprochen haben." Der preußische Kriegsminister war loyal, aber auch einsichtig genug, in einer besonderen Erklärung im „Reichsanzeiger" die absolute Grundlosigkeit der gegen das Loewesche Fabrikat und damit gegen das Judentum in vaterlandsfcindticher Weise geschleuderten