Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 842 Dr. Llocd s MocbensebrtN. Nr. 48 zahlreich und allenthalben gibt er gedeihliche Anregung und stellt hochinteressante Fragen zur Diskussion. Wir haben allen Grund, Friedmanns Hintritt tief und ausrichtig zu b klagen. Seinesgleichen leben nicht viele! Und Nachwuchs? Was sollte die Jünger selbst der jüdischen Fachwissenschaft veranlassen, seinen Weg zu wandeln? Hat denn die jüdische Wissenschaft heutzutage etwas zu erhoffen? Gelten die jüdischen Gelehrten vom Schlage Friedmanns das, was sie gelten sollten? Gibt es eine unparteiische Würdigung des wirklich prunklos Tüchtigen, der nicht um die Gunst der Menge buhlt? Wir wollen nicht ungerecht werden. Unsere Gemeinde hat ihn wirklich hochgeachtet und geehrt, namentlich auch deshalb, weil er den Mut besaß, ein armer Mann zu sein. Und die Weisheit dieses Mannes war, entgegen dem Koheletworte, nicht verachtet. — Wir wollen dem geräuschlosen, emsigen Arbeiter ein treues Andenken bewahren und die Wissenschaft, die ersohoch hielt, unbeirrt pflegen. Unserer Gemeinde erwächst die Pflicht, das von Jellinek s. A. im Vereine mit Weiß und Friedmann gegründete und sorgsam gehütete Beth-Hamidrasch neu zu beleben und aus der allzu großen Anonymität, in der es lebt, in die Oeffentlichkeit zu stellen. Es gibt Juden genug, die auf die traditionelle, jüdische Wissenschaft Wert zu legen verstehen, mehr als auf manchen Flitterkram, den geschickte Poseure heute für reines Gold ausgeben. Der alte Orient und die Anfänge des zweiten jüdische« Staates. Von Dr. S. Gelbhaus, Gemeinde-Rabbiner. (Fortsetzung.) Die Selbständigkeit und Herrschaft eines Landes kann nur zeitweilig aufgehoben werden. Nur im äußersten Falle können Deportationen vorgenommen werden. Die Verschickungen dürfen aber nur auf kleine Teile des rebellierenden Volkes und nur auf die Schuldigen sich erstrecken. Die Herrschaft und Wiedererrichtung der Selbständigkeit muß in a b s e tzbar e r Z e i t in sichere Aussicht gestellt und die regierende Dynastie wieder in dem temporär abgesetzten Fürsten oder in einem ihrer Mitglieder in ihre Herrscherrechte wieder eingesetzt werden. Schon Asarhaddou schreibt auf der Inschrift des sogenannten Schwarzen Steines (wahrscheinlich über die Zerstörung Babylons durch Sarherib) in politheistifcher Ausdrucksweise: „XI Jahre hatte als Zahl seiner Zerstörtheit im Schicksalsbuch niedergeschrieben der barmherzige Marduk". XI. sanati minntu ni-du-ti-su is-tu-ma re-mi-nu-u Marduk. (R. B. II. 153.) Von Tyrus heißt es Jesajas (23, 15—17); „Zar wird vergessen werden während der Dauer von Siebzig Jahren. Nach Verlauf von Siebzig Jahren wird Gott Zars gedenken und wird es zu seiner Stärke zurückkehren lassen. Drei judäische Könige sind es, von deren Deportation nach Babylon berichtet wird. Menasse wurde von den Heerführern des Großkönigs*) in Ketten gelegt und 'Qg yzp xqTq OCÜTGIQ S7IEJAEVOV. TToXsjAOV £7t’ OiUTOUC, iv.ivei Tzccpd te xoö xtöv Ba6uXüW(OV '/.cd XaXoaiwv [SaaiXetoc, oc axpaxcav tüejji&ac Et? x^v ’louoatav x^v te ywpav eXe7}- Xaxrps. y.od tbv py.o’.kiy. Mavaao^v, ooXw X^ÖEVxa '/.cd. Ttpog aüxov äyGsvxa. Tip oc sSouXexo xcjACöpcav eF/ev uTzoydpiov. nach Babylon gebracht, wurde aber nach einiger Zeit frei¬ *) Die Chronik kennt den Namen des Königs nicht, nennt ihn König von Assyrien. Menasse wird aber nicht, wie folgerichtig gewesen Ware, nach Niniveh, sondern nach Babylon geführt. Hier ist aber kein assyrischer König, sondern ein babylonischer gemeint, wahrscheinlich Nabvpolvssar. „Könige Assyriens" wurden durch den Sprachgebrauch auch die babylonischen Herrscher genannt. Josephus weiß auch von keinem assyrischen König, sondern läßt die Gefangennahme Menasies ausdrücklich von dem „König über Babylon und Chaldäa" durch List vornehmen. Er schreibt: „Während.sie in Bosheit dahinlebten, wurde ihnen der Krieg vom König von Babylon und Chaldäa erklärt. Dieser sandte ein Heer nach Judäa (das. X, 3, 2) und ließ das Land verwüsten, den König Menasses aber mit List gefangennehmen, so daß er ihn zu beliebiger Rache in seiner Hand hatte. gelassen und in sein Königtum in Jerusalem wieder eingesetzt. (II. Chr. 33, 11, 13.) Jehojakim wurde von Nebukadnezar gefangengenommen und nach Babylon geführt, aber nicht wieder rehabilitiert, weil er wahrscheinlich kurz darauf starb, (das. 37, 6.) Jehojachin wurde ebenfalls von Nebukadnezar gefangengenommen, wurde aber gegen das Versprechen des babylonischen Königs rechtswidrig behandelt. Denn nicht mit Gewalt wurde Jehojachin ergriffen. Er, der von milder und rechtlicher Gemütsart war, ging nach der Darstellung des Josephus ahnungslos zu Nebukadnezar ins Lager hinaus, übergab ihm gegen Eidleistung seine Mutter, seine Kinder und Freunde als Geiseln, um die Stadt vor Verwüstung zu schützen. Aber Nebukadnezar bemächtigte sich hinterlistig auch seiner Person und führte ihn nach Babylon. '0 oe cpuost yjprpzoQ wv v.yd ot'/.ato? oir/. yjEiov xyjv toXiv y.ivouvE’Jouaav 0'.' auxöv Tisptopav. aXX’ iizdpaq xr^v jiTjxEpa v.y.1 xoüc aoyyEVsfc TcapaSi'owac, xoü; TiEjAcpOsratv Otto tou Ba6uXü)vtou axpax^yorc. öpy.oug Tiap’ aöxwv Xa6wv uTisp XOÖ JAT^OEV JATjX’ aOxoOg Tüaösiv |ATjTS T7jV ttoXiv 015 ouo’ £v:auxov ’f) Tziov.q s|aeivsv. Oli Xap scpuXaEsv aöxTjv ö xwv BaSoXwviwv ßaaiXsug. Er wagte aber nicht, den jüdischen König hinzurichten, (das. 7, 1.) Die Treulosigkeit Nebukadnezars wird von Josephus ein zweitesmal ausdrücklich hervorgehoben. Als nach hartnäckigen blutigen Kämpfen das judäische Heer besiegt, die judäische Hauptstadt zerstört und das jüdische Königtum aufgehoben wurde, so ward die Staatsauflösung im Sinne des altorientalischen Dogmas nicht für immer ausgesprochen. Nur eine temporäre Sistierung der Selbständigkeit konnte und durfte seitens des Großkönigs über die sich empörende Dynastie und über das insurgierte Gebiet verhängt werden. Die prophetischen Weissagungen von der Wiederherstellung des judäischen Reiches widersprachen nicht den Normen der damaligenchaldäischenWeltpolitik,sondernstandeninvollständiger Uebereinstimmung mit derselben. Dazu kam noch, daß nicht das ganze judäische Land sich vom Großherrn lossagte. Dieses ist nur von Seiten des Königs, von Seiten der Hauptstadt und von dem in derselben sich angesammelten kriegerischen Adel geschehen. Deshalb konnte das flache Land und die Landbewohner 'keine Schuld treffen. Die Strafe wurde auch nur an Jerusalem, an dem König Zidkija und an der kriegerischen Ritterschaft vollzogen. Das gemeine Volk blieb im Lande nicht nur unbehelligt, sondern wurde daselbst sogar unter Zuweisung eines Teiles der Grundstücke des deportierten Adels zurückgelassen. (Vergl. meine Schrift „Nehemias", S. 5.) Die Transportierten bereiteten in Babylon die Restauration des judäischen Staatswesens vor. Ihre Lage ist höchst wahrscheinlich eine ganz erträgliche gewesen. Sie .haben ihr konfisziertes Vermögen nach dem herrschenden Staatsbrauche nach einiger Zeit der Beruhigung von dem Fiskus wieder erhalten. Die Aehnlichkeit des judäischen und babylonischen Idioms machte ein gegenseitiges Verständnis und infolgedessen eine Annäherung möglich. Die Sitten, die im ganzen vorderen Orient gleiche oder mindestens sehr ähnliche waren, förderten dieses freundliche Verhältnis. Das von jeher bestehende Prinzip der Staatszugehörigkeit aller Bewohner der dem babylonischen Szepter in irgend einer Form untergeordneten Länder und Völker erhielt für die Exulanten eine aktuelle Bedeutung. Sie fingen an, sich auf Grund dieses Prinzipes erst recht heimisch zu fühlen. Als in Babylonien besiegte ritterliche Helden haben sie von Seiten der Sieger, die ebenfalls größtenteils dem babylonischen Ritterstande angehörten, keine despektierliche Behandlung im Leben und Umgänge erfahren. Sie schwingen sich nach und nach zu ansehnlichen Stellungen im sozialen Leben empor. Sogar in den Staatsdienst und in den großköniglichen Hof finden sie Eintritt und werden daselbst verwendet. Ihr König, dem gar keine Schuld an der Revolution nachgesagt öder nachgewiesen werden konnte, wurde zwar gefangen, ist aber wahr-