Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 830 Nr. 47 - Dr. Llocb's Mocbenscbrikt. der Juden im Landtag die Interessen derselben fördern möge. Er dankt dem Präsidenten für den freundlichen Empfang und fordert die Mitglieder der Abordnung auf, auf den Präsidenten Dr. Alfred Stern ein Hoch auszubringen. Präsident Dr. Alfred Stern schließt die Unterredung mit folgenden Worten: . »Ich spreche Ihnen nochmals meinen Dank aus, daß Sie hier erschienen sind, danke auch für die freundlichen Worte, welche Sie an die Adresse der Wiener Kultusgemeinde und an meine Adresse zu richten die Güte hatten, und ichkau» uur wiederholen, was ich bereits vorhin gefugt hccke, wir müssen trachten, unter uns Frieden zu halten «ud geeint zusammenzustehen, ohne nach irgend einer Seite religiöse Bedrängnis zu verursachen. Das ist ein Gebot, das wir gegenwärtig halten und das besonders dort wichtig ist, wo die Juden, wie in Bosnien, in so außerordentlicher Minorität sind. Ich kann nicht umhin, Ihnen freundschaftlich zu raten, mit den Sephardim zusammenzuhalten. Sie werden verschiedene gottesdienstliche Gebräuche haben, das Schema Jisroel ist uns allen gemeinsam. Sie werden einsehen, daß eine solche Vereinigung doch immer sehr notwendig ist. . Ich weiß nicht, welchen Eindruck es heute auf Andersgläubige macht, daß wir in getrennten Deputationen erscheinen. Ein politischer M.ment könnte es plausibel machen, daß die Spaniolen nämlich alte, Sie, neue Oesterreicher sind. Entfiele dieses Moment, daun weiß ich nicht, wie es angesehen werden würde und ob es nicht maßgebenden Ortes ein Gefühl der Stärke, bei uns ein Gefühl der Schwäche erzeugt. Wir haben auch in Wien eine sephardische Gemeinde und bisher sind wir mit ihr nicht unter eine Gemeinde vereinigt. Aber wir lassen sie gewähren. Der Moment wird kommen, wo die Vereinigung sich vollziehen wird. Doch wir leben im besten Einvernehmen und ich könnte mich kaum erinnern, daß je eine Meinungs-Divergenz zwischen uns bestanden hätte. Diesen vielleicht unberufenen Rat möchte ich Ihnen mitgeben, zu dessen Erteilung Sie durch Ihre Darlegungen wohl selbst den Anlaß boten." Zum Schlüsse seiner Rede wünscht der Präsident Dr. Alfred Stern der Deputation besten Erfolg und mit einem dreifacheu Hoch auf Se. Majestät den Kaiser fand die Versammlung einen würdigen Abschluß. Budapest. Der Probst Dr. Manghert Tahacs in Kana, Ungarn, hat seinen Unwillen über Glaubenshetzereien, wie sie in Ungarn von der sogenannten Volkspartei in einem Teile der hohen katholischen Geistlichkeit und der Priester betrieben werden, in einem Artikel in dem „Budapesti Hirlap" kundgegeben. Der hohe Prälat schreibt: Das höchste Interesse der Nation erfordert es, daß die Höchstgebildeten im Lande gottesfürchtige, glaubenstreue Männer seien. Solche sind auch die besten Patrioten und die opferwilligsten Staatsbürger. Der Begriff der wahren Religiosität bringt es mit sich, daß jeder Einzelne seiner Religion beständig treu bleibe und sein Leben darnach einrichte, zu gleicher Zeit aber die Religion seines Nächsten in Ehren halte. Unduldsamkeit, Aufreizungen, Einmischung in die innere Angelegenheit Andersgläubigen, Angriffe auf deren geistige oder materielle Güter find nicht die Quellen der Glaubenstreue, sondern bekunden das Gegenteil: Ideenarmut über Glaubenstugeuden, der Mangel jeden Gefühles über christlichen Altruismus und der daher stammende starre Eigennutz und Voreingenommenheit, welcher mit den Schlagwörtern des Glaubens auch politische Vorteile verfolgen und in den aufgewühlten Glaubenszwistigkeiten zweideutigen Triumpf und bedauernswerte Erfolge anstrebt. Oberst Vogel. In einem Artikel unseres Blattes wurde erwähnt, daß Herr Oberst Vogel dem Judentume nicht mehr angehört. Wie wir mm von unterrichteter Seite erfahren, beruht diese Annahme auf einem Jrrtume. Herr Oberst Vogel ist Jude geblieben. Eine Richtigstellung entspricht vollkommen den Absichten des genannten Herr» Obersten. Bo» den Bergjuden im Kaukasus. Die Bergjuden im Kaukasus, denen vor einiger Zeit von der Regierung das Anerbieten gemacht worden war, in Polizeidienste zu treten, für die sie die Regierung wegen ihrer großen muskulösen Gestalten offenbar für sehr geeignet hielt, bekamen jetzt plötzlich von der Regierung eine Anfrage, ob sie Juden oder Karaiten seien. Dazu ist zu bemerken, daß die Bergjuden eine Anzahl von Rechten haben, die den Juden nicht gewährt sind, während die Karaiten, eine jüdische Sekte, die nur die Bibel, nicht aber den Talmud anerkennt, den Russen völlig gleichgestellt sind. Natürlich sind die Bergjuden ob der Antwort, die sie der Regierung geben sollen, in großer Verlegenheit. Denn einerseits sind sie Juden, andererseits nehmen sie insoferne eine Ausnahmestellung ein, als sie seit vielen Jahrhunderten im Kaukasus ansässig und mit der Gegend sozusagen verwachsen sind. In Westeuropa sah man die hünenhaften Gestalten der Bergjuden wohl zum ersten Mal, als sie anläßlich des VI. Zionistenkongresfes in Basel im Jahre 1903 drei Vertreter nach Basel entsandten. Die drei Riesengestalten mit dem unverkennbaren, orientalisch-jüdischen Typus und in ihren heimatlichen, braunen Mänteln, bis an die Zähne bewaffnet, erregten damals überall lebhaftes Aufsehen. Augenblicklich haben Bergjuden durch die Chowewe Zion in Odessa in der Gegend der jüdischen Kolonie Rechobboth einen Landkomplex erworben, da bei allen der Wunsch besteht, im Lande Israel tätig an der Gründung einer neuen jüdischen Volksheimat teilzunehmen. Das jiddische Theater von Paris. Aus Paris wird dem „Prager Tagblatt" berichtet: Nur wenige Einbeimische der französischen Metropole wissen, daß Paris gleich New-Aork und London sein eigenes jiddisches Theater besitzt, in dem meist englische oder amerikanische jüdische Schauspieler in einem buntwechselnden Repertoire den in Paris weilenden Stammesgenossen ihre Kunst zeigen. Das Theater liegt in der Rue St. Denis, in dem Saale, wo ehedem das Eden-Theater seine Vorstellungen gab, und hier versammeln sich zu jeder Vorstellung in dichten Scharen die rumänischen, polnischen, galizischen und russischen Juden, die in Paris leben oder auf der Durchreise längere Zeit sich aufhalten. . Es sind dieselben Stücke wie die in den New-Iorker und Londoner jiddischen Theatern bekannten, die in Paris aufgeführt werden, teils rein jiddische Stücke, teils Uebersetzungen von Meisterwerken in die jiddische Sprache. So wird „König Lear" gegeben, bisweilen auch Werke, die ihre Motive der heiligen Schrift entlehnen, wie „Die Harfen Davids", oder andere, die im weiteren Sinne an religiöse Vorstellungen sich anschließen. Bisweilen kommt auch die Gegenwart zu Worte, so wurde in Paris vor Kurzem ein modernes Stück gegeben, in dem Drehfus als Held auftrat und allerlei bekannte Persönlichkeiten aus den Tagen deS Prozesses wie Picquart und andere austauchten. Die Theaterzettel sind hebräisch gedruckt, in den Pausen wandeln geschäftsuchende Hausierer durch die Zuschauerreihen, aber während der Vorstellungen hasten alle Blicke an der Bühne und man fühlt, daß dieses Publikum mit starker Leidenschaftlichkeit die Geschehnisse des. Stückes miterlebt und verarbeitet. Von der Londoner Kunstausstellung. Aus London wird geschrieben: Die 130. Ausstellung der „Royal Society of British Artists" bietet dem jüdischen Besucher manches Interessante: So fällt Robert M o r l e y s „Ein kleines jüdisches Mädchen" (153), eine technisch vielversprechende Arbeit, auf, wenn auch der Mädchenfigur eigentlich jedes jüdischcharakteristische Merkmal fehlt. Das Kind könnte ebenso einem anderen Volke als dem jüdischen angehören. Als das beste Bild der Ausstellung gilt „Die Last" des jüdischen Künstlers Assur M i ch a e l s o h n. Das Bild stellt das Innere einer armseligen Hütte dar. Ein alter Mann sitzt neben dem einzigen Bette des Zimmers, in welchem ein Kind schläft. Die Arme des Alten ruhen auf dem Tische, auf welchem sich noch Ueberreste eines frugalen Abendbrotes befinden. Außerdem haben noch unsere Glaubensgenossen Louis W e i r t e r, Philipp H. N e w m a n und Emil Fuchs bedeutendere Arbeiten ausgestellt. An alle edlen Menschenfreunde! Nur noch wenige Tage und für alle Völker Oesterreichs bricht ein Fest an, das seinesgleichen nicht hat in der Geschichte. Sechzig Jahre glorreicher und ruhmvoller Regierung vollendet unser erhabener Monarch, einer der edelsten und weisesten, die je auf Habsburgs Throne fassen. Das Bestreben,