Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Llocd's Mocdenscdrtn. Seite 837 hängte man in den Kirchen die „Sanbenitos" (Schandkleider, welche von den Verurteilten bei den Autodafes getragen wurden) auf. Dort hingen sie Jahrhunderte lang, bis sie verfaulten. Der Nachkomme eines solchen Verurteilten mußte sich jedesmal, wenn er in die Kirche kam, an ihn erinnern. Ja, die verfaulten Sanbenitos wurden auf Befehl der Inquisition durch gelbe, leinene Tücher ersetzt, auf welchen die Namen der Verurteilten, ihre Abstammung und Strafe deutlich geschrieben waren. Ebenso wurden die mit der Zeit unlesbar gewordenen Inschriften erneuert. Ueber diese Fetzen wurden Bücher sorgfältig geführt und auch eingetragen, wenn die Nachkommen Verurteilter ihren Namen geändert hatten, damit ja ihre schändliche Abstammung nicht vergessen werde. Das Aufhängen der Sanbenitos kam erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts außer Brauch, aber verboten wurde es erst durch den Artikel 305 der Konstitution vom Jahre 1812. Diese Konstitution ist freilich einige Jahre später vom frommen König Ferdinand VII. aufgehoben worden. Großen Beschränkungen unterlagen auch die Nachkommen der Konvertiten, ja selbst die aus alter christlicher Familie Stammenden, welche Frauen jüdischer Abstammung heirateten. Doch forschte man nicht weiter als bis 1391, dem Jahre der großen Judenverfolgung und der Zwangstaufen, zurück. Ueber solche „erblich belastete" wurden Verzeichnisse angelegt, aus denen Jeder, der sich vor Verunreinigung des Blutes hüten wollte, das Nötige erfahren konnte. Besonderes Ansehen genoß in dieser Beziehnng das von einem Sekretär des Jnquisitiousgerichtes von Saragossa verfaßte „Grüne Buch von Aragonien". Weniger verläßlich waren die in Kastilien von Privaten angelegten Grünbücher. Man konnte sich aber auch bei der Juqulsition um ein Zeugnis der Blutreinheit bewerben, nur dauerte die Untersuchung oft sehr lange und war mit Kosten verbunden. So beklagte sich einmal (1634) der Marquis von Navarrez beim Könige, daß man seinen Sohn sehr lange auf das erbetene Reinheitszeugnis warten ließ. Es scheint da also etwas im Stammbaum der Mutter nicht ganz richtig gewesen zu sein. Solchen Beschränkungen und Bemakelungen unterlagen selbstverständlich auch die Moriscos. (Getaufte und Nachkommen getaufter Mohammedaner.) Aber diese gehörten meistens dem Bauernstände und den niederen Klassen an, während die Judenstämmlinge mit den vornehmsten Familien des Bürgerstandes und des Adels verschwägert waren. Sichere „Reinheit" (Limpieza) fand man nur bei den altchristlichen Bauern. Es war vielleicht eine der Ursachen von Spaniens Verfall, daß gerade den besseren und gebildeteren Ständen der Zugang zu den Aemtern und höheren Berufen verhindert oder erschwert war. Man mußte sich eben mit unfähigen und unehrlichen Leuten behelfen, wenn sie nur „rein" waren. Katholische Schriftsteller, wenn sie nicht mehr die Abhängigkeit der Inquisition von der königlichen Regierung behaupten oder ihre Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr ableugnen können, helfen sich mit der Ausrede, daß dies alte Geschichten sind, die vor Jahrhunderten geschahen, aber jetzt nicht mehr Vorkommen können. Aber gar so alt sind sie nicht. Noch im Jahre 1818, also vor neunzig Jahren, ist in Cordova eine Anklage wegen „jüdischer Zeremonien" erhoben worden. Im Jahre 1819 durfte ein Jude nur mit besonderer königlicher Erlaubnis spanischen Boden betreten und blieb dann während seines ganzen Aufenthaltes unter besonderer Aufsicht der Inquisition. Seit 1848 wurden die Juden in Spanien geduldet, aber noch 1854 verweigerten die Cortes ihre Emanzipation, die ihnen erst 1869 gewährt wurde. Und Spanien selbst spürt noch jetzt die Folgen der Inquisition, oder vielmehr des Geistes der Verfolgung, des KlerikaliSmus, des Mangels an Arbeitsamkeit, besonders in den südlichen Provinzen, und des nationalen Hochmuts. Diese haben den Verlust des ganzen riesigen Kolonialreiches in Amerika, der Philippinen und der ganzen Flotte verursacht. Die Moriscos, ein fleißiges, mäßiges, fast nur mit dem Ackerbau beschäftigtes Völkchen, die mau nicht einmal, wie die Juden, als Wucherer und Ausbeuter verleumden konnte, hat Man ebenso unbarmherzig verfolgt und ausgetrieben. Und von den Juden haben sich wahrscheinlich nur die minderwertigen Elemente zum Christentum bekehrt, um im Lande bleiben zu können, die besseren zogen Feuertod, Verbannung und Armut der Apostasie vor. Ferdinand der Katholische und seine Gattin Jsabella haben diese Folgen wohl nicht vorausgesehen, aber als sehr fromme Chrlsten haben sie gewiß göttlichen Lohn für die Einführung der Inquisition und die Vertreibung der Inden erwartet. Und wie ist er ihnen geworden? Ihr einziger Sohn, der Kronprinz Johann, ist fünf Jahre nach der Judenvertreibung im Alter von zwanzig Jahren gestorben. Ein Jahr später (149o) starb ihre älteste Tochter Jsabella, welche den König von Portugal nur unter der Bedingung, daß er die Juden aus seinem Lande austreibe, geheiratet hatte. Die andere Tochter, Johanna, welche den Sohn des Kaiser Maximilian heiratete, ward im Jahre 1506, nach dem Tode ihres Gatten, verrückt und blieb es bis zu ihrem Tode; eine dritte Tochter, Katharina, heiratete den König Heinrich VIII. von England. Er ward ihrer überdrüssig, und da der Papst die Scheidung nicht gestatten wollte, sagte er sich von der römischen Kirche los. Die Tochter des Juden- und Ketzerfeindes, des katholischen Königs Ferdinand, war eine der Ursachen der Protestautisierung Englands. Bon der Flotte dieses protestantischen England ist 1588 die große spanische Armada vernichtet worden, wie drei Jahrhunderte später von dem freien Nordamerika eine andere Flotte des heruntergekommenen Spanien. Die Weltgeschichte ist doch das Weltgericht? M. L. Korrespondenzen. Aus der öffentlichen Sitzung des ifraelitifcheu Kultusvorftandes vom 18. November 1908 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Ster», pvegirm 10 Uhr vormittags. Vor Eingang in die Tagesordnung gibt der Präsident folgende Erklärung ab: Es dürfte Ihnen, meine Herren, bekannt sein, daß aus Anlaß einer Aeußerung des Herrn Hofrates Dr. Rappaport in einer in den jüngsten Tagen stattgefundenen größeren Komitee-Sitzung ein Mißverständnis unter unserer Beamtenschaft platzgegriffen hat. Die Beamten haben sich heute in größerer korporativer Deputation an mich gewendet und hat an der Besprechung mit den Beamten auch Herr Hofrat Dr. Rappaport teilgenommen. Es ist dieses Mißverständnis durch meine Aufklärungen und die des Herrn Hofrates Dr. Rappaport vollständig beseitigt worden. Ich fühle mich aber verpflichtet, noch hinzuzufügen, daß meiner Ansicht nach nicht viele Körperschaften, sicherlich aber keine einzige autonome über einen so tüchtigen, vorzüglichen, so gut qualifizierten Beamtenkörper verfügt, wie gerade die Kultusgemeinde. An der Spitze unserer Aemter haben wir Männer, auf deren volle Vertrauenswürdigkeit wir unbedingt rechnen können, ebenso muß ich sagen, daß die anderen Beamten ihre Chefs in der Führung der Aemter vortrefflich unterstützen. Was ich besonders an unserem Beamtenstande begrüße, ist, daß unsere Beamten nicht nur ihre Amtspflicht erfüllen, die Amtsstunden einhalten, wie es die Dienstpragmatik vorschreibt, sondern daß sie zu jeder Zeit aus vollem Herren bereit find, für das Wohl unserer Gemeinde einzutreten. Ich fühle mich verpflichtet, dies vor dem Plenum zu erklären. Herr Hof-