Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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«Me M4 Dr. Lloed's Mocdsnsebrm. Rr. 47 uud dann samt und sonders den Feudalen und Klerikalen auszuliefern. Grundsätze sind den christlichsozialen Erfolgpolitikern Luft, ihre wirtschaftliche Macht nützen sie überall schrankenlos aus, von der Macht der Kirche werden sie unterstützt und so sind sie stärker als die nationalen Schlagworte, in deren Wirkungskreis sie sich festgesetzt haben und weiter gedeihen. Sie sind die lachenden Erben der nationalen Parteien Böhmens und werden aus diesem Grunde von der Regierung in jeder Weise gefördert. Welche Kurzsichtigkeit! Die Regierung schafft sich ja damit einen neuen Herrn, dessen Macht ja der eben gestürzte Ministerpräsident zu spüren bekam, und das politische Ende wird dasselbe sein wie in Bayern und Deutschland, wo die Zentrumsparteien den Staat mit Uebermacht terrorisieren und das wirkliche Befehlshaberrecht längst an sich gerissen haben. „Staatsgedanke" haben es die klerikalen Parteien bei der Agitation und bei Audienzen immer ausgesprochen und als eigene, rücksichtslos wirkende Gewalt üben sie es aus. Diese Erfahrung wird man wohl in Oesterreich auch machen. * Aber zu spät. Vorderhand sind die Christlich-Sozialen Schoßkind. Nicht nur bei der Regierung, sondern auch bei den Parteien, welche ihre freiheitlichen und nationalen Ideale einstecken und zum großen Bruder um Ministerportefeuilles betteln gehen. Die Deutschfreiheitlichen zeigen wieder die Lügenhaftigkeit ihres Titels und gehen der politischen Korruptionsprozession voran, die Polen und Tschechen folgen. Der große Bruder wird es unter diesen Umständen sehr leicht haben, sich den Löwenanteil zu nehmen. Es steht heute schon fest, daß im kommenden parlamentarischen Kabinett sich die Christlich-Sozialen wenigstens zwei von den drei wirtschaftlich wichtigen Portefeuilles nehmen werden, vom Handels-, Arbeits-, Ackerbauministerium. Denn ihre Klugheit hat längst erkannt, daß der wirtschaftliche Einfluß der stärkste ist, und die Fonds, die sie verwalten, sind ihnen immer Fonds zur Anwerbung von Anhängern gewesen. Wenn aber die Christlich-Sozialen, von der Regierung uud den Parteien gefördert und gefürchtet, auch noch wirtschaftlich die Zügel in die Hand bekommen werden, so wird es den Juden sehr schlecht gehen. Es steht fest, daß die Partei der Dunkelmänner in bürgerlichen Kreisen sehr zahlreiche Gegner hatte. Kaufleute und Industrielle, die sich im Gegensatz zu den Zünftlern einen weiten und freien Blick erhalten hatten, ließen sich zur Weltanschauung des Sumpfes nicht herab. Aber wenn man ihrer Tasche drohen wird, werden sie mit fliegenden Fahnen zu den Christlich- Sozialen übergehen und sogar aus kaufmännischer Raison auf ihre Angestellten einwirken, so daß auch die Sozialdemokratie Schaden erleidet. Eine besonders krasse Illustration haben wir ja schon gehabt! Als Geßmann das Arbeitsmivisterium führte, hielt ihm ein getaufter jüdischer Industrieller im Parlament eine Lobrede. Was sollen dann die wirklichen Arier tun und sagen? Das 'Arbeitsministerium hat noch nicht Zeit gehabt, sich einzuleben. Aber wenn es dauernd in Händen der Christlich-Sozialen sein wird, so werden letztere große Erwerbskreise so sicher in ihre Partei einspannen, wie die Arbeiter ihrer Wiener Gaswerke. Es ist fast schon lächerlich, den Juden zu sagen, was sie zu tun haben. Der Liberalismus ist am Tag der Landtagswahlen endgiltig gestorben und nur in versteinerten Gehirnen lebt noch eine Hoffnung auf ihn. Wir haben keine Partei, die uns vertritt, auch wenn wir ihrer Gnade so wie früher unsere Ehre opfern wollten. Wir sin) auf uns selbst angewiesen und werden unsere Kämpfe selbst ausfechten müssen. Wo aber sind Führer? Wir haben Schlauköpfe, die um die Gunst der Menge buhlen, wir haben harmlose Gutwillige und schäbige Streber, aber wir haben wenige, die selbstlos und aufopfernd für die Menge arbeiten, ihr das Richtige sagen, sie trösten und anfeuern. Und wir haben vor allem niemanden, der die Menge einigt. Wo ist das von uns unzähligemal geforderte Mische Aktionskomitee aller Parteien, in welchem sich die jüdische Kraft vereinigt? Nur lustig weiter in endlosen Bruderkriegen, nur ruhig geschlafen! Wenn aber das jüdische Elend da sein wird und unsere zersprengten Massen schutzlos trifft, wird jemand dasein, um von den heutigen „Führern" Rechenschaft zu fordern. Aufgaben einer jüdischen Apologetik. Von Rabbiner Dr. J. Eschelbacher in Berlin.*) (Schluss.) Aber ein weiterer Kreis von Belehrung eröffnet sich uns, wenn wir eine Anzahl anderer grösserer Werke durch eine sorgsame Registrierung ihres Inhalts für uns fruchtbar machen. So bieten die Werke von Heinrich Ewald insbesondere seine Geschichte Israels und die Charakteristiken der Bibel von Niemeyer vortreffliche Zurückweisungen der vielfachen ungerechten Anklagen, die in neuester Zeit gegen die Personen der Bibel gerichtet werden. Und aus alter wie aus neuester Zeit wären die Würdigungen der Bibel, ihres Inhaltes und ihrer Bedeutung für die ganze Menschheit, wie sie sich in zahlreichen Werken von Philosophen, Historikern und Theologen finden, zusammenzustellen. Sie könnten vielen Juden zeigen, welch einen Schatz sie besitzen und nicht beachten. Ferner ist die Literatur über die einzelnen Gesetze und Einrichtungen des Judentums, über das biblische und das talmudische Recht, die soziale Gesetzgebung, die Armen-, Kranken- und Wohltätigkeitspflege in der alten Zeit wie in der Gegenwart, über die Medizin, die Speisegesetze und die Beschneidung, den Wert und die Bedeutung der sogenannten Zeremonialgesetze überhaupt, möglichst vollständig zu sammeln. In derjenigen über den Sabbath dürfte die Abhandlung des französischen Sozialisten Proudhomme über den Sonntag, die zugleich eine Verherrlichung des jüdischen Sabbaths ist, ebensowenig fehlen, wie die enthusiastischen Worte des gründlich antisemitischen Professors Lagarde über ihn au mehreren Stellen seiner Schriften und die feinsinnigen Bemerkungen von Arthur Kahn über die Psychologie der Sabbath- und die der Sonntagsfeier. Eine Fülle vortrefflicher Gedanken und wissenswerter Tatsachen ist weiter in den vielen kleinen Schriften zerstreut, welche die Empörung über die antisemitische Bewegung hervorgerufen oder die überhaupt irgend eine spezielle Frage veranlasst hat. Kleine Schriften sind Flugschriften , die rasch vergessen werden. Diesem Schicksale können wir sie auch dann nicht entziehen, wenn wir sie in unserer Bibliothek aufstellen und in Katalogen verzeichnen. Aber ihre Goldkörner sollten wir aus dem verwehenden Spreu heraussuchen, unter bestimmten Rubriken sammeln und sie dadurch für eine künftige Verwertung bewahren. Ebenso verhält es sich mit unseren vielen jüdischen Zeitschriften, die seit etwa hundert Jahren erschienen sind. Aus besonderen Veranlassungen und unter tiefen Eindrücken haben da Männer und Frauen der verschiedensten Berufs- und Bildungskreise zahlreiche Artikel veröffentlicht, die über das Judentum, sein Leben und seine Geschichte geistvolle Betrachtungen und Charakteristiken, sowie seltene und kostbare Beiträge zur jüdischen Volkskunde, interessante Mitteilungen, und Abhandlungen über die Tätigkeit der Juden, ihren Handel und Wandel,, ihre Beziehungen zu den Nichtjuden und die mannigfaltigsten Nachrichten enthalten, die für eine umfassende jüdische Apologetik von grösstem Werte sind. So findet z. B. der viel angegriffene Zwischenhandel der Juden auf dem Lande eine auch objektiv sehr beachtenswerte Verteidigung von jüdischer Seite und zwar — was besonders interessant ist — zum Teil nach antisemitischen Quellen, nur in einigen Nummern der „Jüdischen Presse“ von 1887 und 1894, sowie in den beiden Broschüren von Schnapper- Arndt „Zur Methodologie sozialer Enqueten“ und von Zuntz „Der Wucher auf dem Lande“. Die Existenz dieser Abhandlungen, der Broschüren, wie der Zeitungsblätter, ist heute nur noch wenigen bekannt. Und doch können sie demjenigen, der sich mit diesem wichtigen Gegenstände beschäftigen will, sehr nützliche Fingerzeige bieten. Es ist überhaupt eine dankbare Aufgabe, das Wertvolle in unserer Zeitschriften- und Broschürenliteratur zusammenzustellen, die einzelnen Nummern, soweit sie noch vorhanden sind, den Schriften für ein bestimmtes apologetisches Gebiet anzureihen und auf die nur in geschlossenen Jahrgängen sich findenden in den anzulegenden Literaturverzeichnissen hinzu weisen. Das. ist eine Aufgabe, deren befriedigende Lösung aber auch auf die Mitwirkung der noch lebenden Verfasser solcher Artikel, wie auch solcher Leser gerechnet werden muss, die sich selbst Sammlungen sie interessierender Artikel angelegt haben. *) Aus dem „Korrespondenz - Blatt des Verbandes der Deutschen Juden“, Oktober 1908.