Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Mocb's MocdensevrM. Gett» «S schichte ist eine Einrichtung, für die wir dem Vorstande nicht genug dankbar sein können. Insbesondere ist es Herr Rabbiner Dr. Grunwald, dessen Vorträge ungeteilte Anerkennung finden. Als besonderes Verdienst ist die Inaugurierung des Gemeindebundes zu bezeichnen. Beim Gemeindebunde machen wir die eigentümliche Wahrnehmung, daß die galizischen Zionisten, die eigentlichen Führer des Zionismus in Oesterreich, mit dem Präsidenten Herrn Doktor Alfred Stern gemeinsam für die Interessen der Gesamtjudenschaft arbeiten, während die Wiener Herren Zionisten ihn so heftig bekämpfen. (Lang anhaltender Beifall,) Redner gedenkt der Leistungen des trefflichen Beamtenkörpers, tritt im Verlaufe seiner weiteren Ausführungen für die Autonomie der Bethausvereine ein und findet volle Zustimmung. Herr Lucian Brunner kritisiert den Rechenschaftsbericht in seiner bekannten Manier. Der Vorstand versteht weder einen modernen Religionsunterricht zu schaffen, noch ein Spital einzurichten, welches wie ein modernes Sanatorium sich selbst erhält. Der Friedhof darf keine Einnahmsquelle bilden, dagegen muß man ein monumentales Amtsgebäude und einen würdigen Tempel aufführen. Die Steuern finde er zu hoch, sie müssen ermäßigt werden. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn widerlegt seine Ausführungen in eingehender Weise unter dem Beifall der Versammlung, zeichnet die in den letzten Jahren auf allen Gebieten, insbesonders auf dem Gebiete des Unterrichtes erzielten Fortschritte, erwähnt, daß 83 Perzent der Verstorbenen gratis Beerdigungen erhalten, daß 345 Personen im Versorgungs¬ und Siechenhause wohnen, und Herr Brunner hat noch immer nicht das Mittel entdeckt, das alles zu vollführen ohne Mittel und ohne Steuereinhebung. Redner schildert die verschiedenen Verwaltungszweige der Gemeinde und seine Ausführungen werden von lebhaftem Beifall begleitet. Viel Aufmerksamkeit fanden nacheinander die Ausführungen des Herrn Redakteurs Friedrich H e r r n f e l d, sowie die Ansprachen der Kandidaten Max Frank, kais. Rat Wilhelm P o l l a k, kais. Rat Leopold Sachs, Med.-Dr. I. S a m u e l y und Sam. Steiner. Besonderen Beifall fanden die Darlegungen des konservativen Kandidaten Herrn Bernhard Hofbauer. Als Wortführer der Opposition sprach Herr Brecher, welcher sich einen Ton und eine Manier zurecht gelegt hat, wohl geeignet, den Unwillen der Versammlung zu reizen. Dann kam Herr Adolf Böhm, welcher in einer ganz eigentümlichen Art gegen den Präsidenten sich kehrte. Er verübelt es nämlich dem Vorsitzenden, daß er den Wahlaufruf des Zentralwahlkomitees mit unterschrieben hat. Die „Art" des Redners Böhm, mit der er sich gegen den greisen Präsidenten der Gemeinde wendete, erregte einen Sturm der Entrüstung. Der Präsident erklärte, daß er als Wähler auch das Recht habe, einen Wahlaufruf zu unterschreiben, der seinen Anschauungen entspricht. (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Herr Böhm, der in seinen weiteren Ausführungen eine bedrohliche Stellung gegen den Präsidenten einnahm, indem er den neben ihm stehenden Holzfessel erhob, wird nun von der entrüsteten Versammlung am Sprechen verhindert.Zwei sehr angesehene ältereHerrn eilen auf die Rednertribüne und erklären, dieselbe nicht früher zu verlassen, bis Herr Böhm abtritt. Sie werden es nie und nimmer dulden, daß der Präsident der Gemeinde von einem so jungen Herrchen beleidigt wird. Der Lärm nahm immer größere Dimensionen an und da es zu Tätlichkeiten zu kommen drohte, mußte der Präsident, da inzwischen die Wache im Saal erschien, die Versammlung schließen. Gesinnungstüchtigkeit der „Wiener Zionisten". Sehr geehrter Herr Redakteur! Die sonderbare Gesellschaft, welche gegenwärtig in Wien als „Zionistenführer" sich aufspielt, scheint für die Dauer des Kultuswahlkampfes den „Zionismus" in die Tasche gesteckt zu haben, um sich mit ihm öffentlich „unter den Linden" nicht zu zeigen. Die Aufrufe leiten sie ein mit den Schlagworten „Jüdische Mitbürger", „Kultuswähler". Dagegen die sonst übliche Bezeichnung „Stammesgenoffen" wird ebenso vorsichtig vermieden, wie das Wort „Glaubensbrüder". Die Kandidaten werden nur empfohlen als „Vertreter des demokratischen Programmes". Der Zionismus aber wird mit derselben Verschämtheit hinter der spanischen Wand gehalten, wie das „Judentum" des raffinierten Affimilanten. Da haben Sie das Exempel der Gesinnungstüchtigkeit! Wenn Sie aber einen gewandten Redaktionszeichner haben, lassen Sie sich das intereffante Bild nicht entgehen, welches vielen Teilnehmern an der Kultuswählerversammlung bei der „Schönen Schäferin" am 16. d. M. einen lustigen Anblick bot. Man sah gegenwärtige „Führer" der Wiener Zionisten, wie sie beim behaglichen Verzehren eines ansehnlichenSchweinsbratens den Kultusvorstand wegen Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes heftig anklagen. Unsere Wiener Zionisten find in Allem durchaus originell, nur sich selber gleich! Ein alter Jude. Die neuen Herren im Staate. Der neue Unterhandelsminister B i e n e r t h vermochte in der denkwürdigen Nacht in feinem Amtspalais die nationalen Parteien nicht unter den Hut zu bringen, der halb eine Sokolisteumütze, halb ein Turnerkalabrefer werden sollte. Es gäbe zwar ein geeignetes Mittel, die deutschböhmische Krise nicht nur zu vertagen, sondern wirklich zu beenden: Das wäre die nationale Autonomie und getrennte Sprachenkreise, getrennte Behörden. Aber die Tschechen wollen sich unter keinen Umständen die Zweiteilung Böhmens gefallen lassen, das sie in seiner Gänze für ihre rot-weißblaue Fahne zu gewinnen hoffen. Haben sie doch schon in die deutsche Festung Eger eine Bresche geschossen. So bleibt denn die Gefahr immer bestehen, daß Angriff und Gegenwehr den Prager Landtag und weitergreifend das Parlament durch Obstruktion arbeitsunfähig machen, und sollte ein österreichisches Kabinett noch so stark und lebenskräftig sein, so reißt doch stets an derselben deutschböhmischen Stelle sein politischer Faden. Womit soll das enden? Für den Augenblick ist es zwar gelungen, mit einer Notstandsmaßregel die innere Krise zu bannen, welche bei der herrschenden äußeren Krise nicht geduldet werden konnte. Ein Beamtenkabinett wurde gebildet. Augenblicksexzellenzen wurden ernannt, welche die Platzhalter für ein geeintes parlamentarisches Ministerium sind und vornehmlich das Annexionsgesetz durchzubringen haben.Die Parteien werden ihm dabei keine Schwierigkeiten machen und werden sich sicherlich auch auf kurze Zeit versöhnen lassen. Denn sie wissen, daß die Regierung einfach das Parlament auflöst, wenn sie das deutschböhmische Rätsel nicht auflösen kann, und daß der absolutistische Paragraph Vierzehn ihnen Ruhe schafft vor allen Kämpfen um die Paragraphe des Sprachengesetzes. Aber ein Minister, der rühmlos mit dem § 14 und der Disziplin der Gendarmerie fortwurstelt, will niemand mehr sein, kann niemand mehr sein, weil die zeitweilige Aufhebung der Verfassung bedenkliche Gährungszustände nach sich ziehen könnte. Die Kunst des österreichischen Staatsmannes ist die Kunst der Balance des Ausgleichs zwischen kapitalistischen und sozialen, verschiedenen nationalen, cis- und transleithanischen Gegensätzen. Seine Weisheit muß an Mittel denken, die Rufer im Streite beider Parteien außer Gefecht zu setzen. Zu dieser Zauberei ist ihm nun niemand willkommener, als die Gaukler der Politik, die Christlich-Sozialen, welche sich als Führer der Deutschen aufspielen, aber zugleich alle tschechischen, polnischen, rumänischen Deutschenhasser unter ihrer Fahne scharen, die Christlich-Sozialen, welche Arbeiter¬ und zugleich Hausherrenvereine gründen und so recht geeignet sind, alle Nationen und Stände zusammenzutreiben