Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Wr. Biocd's MoebenscdrLN. Rr. 47 Setter 828 Gemeindeverwaltung fern gehalten und ausgeschlossen bleibt, fühlt sich Redner gedrungen, laut und eindringlich zu erklären, daß dieser Vorwurf nicht bloß ungerecht ist, sondern mit offenkundigen Tatsachen in direktem Widerspruch steht. Man hat der Opposition klar und deutlich ein Kompromiß angeboten, sie aber hat das Anfinnen schroff und beleidigend ^urückgewiesen mit dem Bemerken, es muffen alle weggefegt werden. Wir wollen uns aber unsere Ehre nicht abschneiden lassen, „wir sind gerade solch treue Söhne des Judentums wie Sie, wenn nicht treuere." Sie wollen keinen Frieden, Sie wollen keine friedliche Mitarbeit, Sie wollen den Kampf, Sie wollen Unfrieden stiften. Redner appelliert schließlich an den friedfertigen Sinn der Wähler, einträchtig zusammenzustehen in dieser Zeit der Not und Gefahr und nicht zu vergessen, daß der Friede die höchste Quelle des Segens ist. (Lebhafter Beifall.) Der Kandidat der Opposition Dr. Margulies hält eine sehr lange Rede, die in ihrem ersten Teile weit vom Gegenständ abirrte und dadurch vielfach Unruhe in der Versammlung Hervorrust. Zum Gegenstand gemahnt, erklärte er, der Kampf der Opposition richtet sich vornehmlich gegen die Person des Präsidenten. Schließlich plaidierte auch er für das allgemeine gleiche Wahlrecht zur Wahl in den Kultusvorstand. Wenn man darauf verwiesen hat, daß ein solches Wahlrecht bei keiner Gemeinde sonst existiert und selbst in den demokratischen Staaten, z. B. Frankreich, England, Amerika, geschweige denn Deutschland eine jüdische Gemeinde mit allgemeinem Wahlrecht nicht-zu finden ist, so erwidert Redner darauf, „Wien soll vorangehen, soll zuerst das Beispiel geben für diese demokratische Institution bei der Kultusgemeinde". Allerdings wäre es aber dem Redner zu empfehlen, sich zunächst cm seinen Gesinnungsgenossen und Parteifreund Reichsratsabgeordneten Dr. S t r a u ch e r zu wenden. Der Zionist Herr Dr. Straucher ist Präsident der israelitischen Kultusgemeinde inCzernowitz. Ersoll zuersteinmalinCzernowitzdieses Experiment versuchen. Der Bethausvorsteher Herr Karl S e l i g m a n n verzichtet auf weitläufige Ausführungen, verweist auf seine Wirksamkeit im Tempelverein und in Wohltätigkeitsinstitutionen und empfiehlt sich dem Vertrauen der Wähler. Der Kandidat der Opposition Herr Max Markus bespricht die Wirksamkeit der Bezirkskommissionen und serviert der Versammlung einige alte abgestandene Witze und Scherze. Dann bringt er aus der Steuerkommission angebliche Geschehnisse vor, allein der Vorsitzende Präsident Dr. Alfred Stern bringt ihm in Erinnerung, daß die Mitglieder der Steuerkommisfionen durch Handschlag verpflichtet worden sind, über alle Vorgänge im Schoße der Kommission Stillschweigen zu bewahren, lieber das Wirken der Religionslehrer erzählt Herr Markus,' daß der Religionslehrer seinem Sohne verboten hat, Privat-Unterricht in der hebräischen Sprache zu nehmen, eine Mitteilung, welche die Versammlung mit Recht sehr ungläubig ausgenommen hat. Ein Wähler aus der Versammlung meldet sich zum Worte, um zu konstatieren, daß tatsächlich die Opposition jedes Kompromiß abgelehnt hat, weil sie den Kampf um des Kampfes wegen will. Der Obmann-Stellvertreter des Wahlkomitees, Herr Gottlieb Bettelheim, ergreift das Wort, um die Angriffe zurückzuweisen, welche die oppositionellen Redner gegen den vom Wahlkomitee publizierten Wahlaufruf gerichtet haben. Er verwahrt sich zunächst dagegen, als ob das Wahlkomitee ein Organ des Vorstandes wäre. Das Wahlkomitee fühlt sich absolut unabhängig vom Vorstande. Zum Beweise dessen habe es viele Wünsche und Vorschläge des Vorstandes nicht akzeptiert. Der Wahlaufruf wurde allen Herren zugesendet, die ihn untwschrieben haben. „Ob die Kultusvorsteher ihn gelesen haben, das weiß ich nicht. Meines Wissens haben sie ihn nicht erhalten." Für den Wortlaut übernehme er gerne die Verantwortung. Redner zeigt auf Grund genauer Ziffern, daß eine weitere Herabsetzung des Steuerzensus nicht den zehnten Teil des .finanziellen Erfolges erzielen kann, welchen die Opposition davon prophezeit. Geradezu absurd ist es, durch eine Ausdehnung der Steuerpflicht in den unteren armen Volksschichten Liebe und Anhänglichkeit für das Judentum verbreiten zu wollen. Ist es anderes, als eine leere Phrase, wenn man uns einreden will, daß man die armen Leute für das Judentum gewinnt, wenn man ihnen eine Kultussteuer auferlegt. Und was das sogenannte allgemeine Wahlrecht anlangt, so entspricht es weder der Gerechtigkeit, noch der Vernunft, daß das Geld der Hochbesteuerten, welches 65 Prozent der Einnahmen der Gemeinde repräsentiert, von Leuten verwaltet werde, welche zu den Lasten der Gemeinde nicht das Geringste beitragen. Kein reeller Kaufmann würde derartiges bei sich dulden. Die Kultusgemeinde ist keine politische Körperschaft, hat ausschließlich Kultus- und Wohltätigkeitsangelegenheiten zu verwalten. Vor zwei Jahren hat die zionistische Partei ihm selber die Kandidatur angeboten und er habe aber aus Rücksicht auf diesen Programmpunkt die Kandidatur abgelehnt. Beim Beginn des diesmaligen Wahlkampfes hat er der Opposition ein Kompromiß angeboten. Darauf erschien bei ihm als Delegierter der Opposition Herr Lucian Brunner, um ihm mitzuteilen, daß jedes Kompromiß abgelehnt werde. Herr Brunner sagte wörtlich „wir wollen den Kampf". Diese Vorgänge sollen und müssen die jüdischen Wähler zur Kenntnis nehmen und beherzigen. (Lebhafter, lang anhaltender Beifall.) Wähler Redakteur Friedrich H e r r n f e l d verweist auf die sonderbare und höchst bedauerliche Tatsache, daß seit einigen Monaten das „Deutsche Volksblatt" den Vorgängen innerhalb der jüdischen Gemeinde besondere Aufmerksamkeit zuwendet, daß über jüdische Versammlungen im „Deutschen Volksblatt'" Original-Berichte zu lesen sind. Als Redakteur hat mich die Anlegenheit interessiert. Ich bin der Sache nachgegangen und konnte wahrnehmen, daß bei der genannten Redaktion ursprünglich das Interesse nicht vorgewaltet hat, daß dieses erst geweckt wurde und zwar von jüdischer Seite. Ich habe erfahren, daß ein Mann, der sich zur Opposition zählt, den Berichterstatter des „Deutschen Volksblattes" zum Besuch einer bestimmten jüdischen St ersammlung eingeladen hatte. Tatsächlich erschien dann über jene Versammlung, in welcher die schwersten Anklagen gegen den Kultusvorstand erhoben wurden, in dem genannten Blatt ein ausführlicher Bericht. Redner fügt hinzu, „ich weiß aus eigener Erfahrung, welch tiefen Eindruck dieseBerichte in nichtjüdifchen Kreisen gemacht haben. Ich bin weit entfernt, die gesamte Opposition für diese Geschehnisse verantwortlich zu machen, allein die Geschehnisse selber durften der jüdischen Oeffentlichkeit und insbesondere den jüdischen Wählern nicht vorenthalten bleiben." Die Führer der Opposition schrieen und lärmten: „Namen nennen". Herr Redakteur Herrnfeld antwortete, er sei kein Denunziant, jedoch empfiehlt er den Herren einen Modus, der zu Gericht führt, und vor dem Richter ist er bereit, für seine Mitteilungen den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Diese Enthüllungen hatten eine tiefe allgemeine Erregung in der Versammlung hervorgerufen und der Präsident beeilt sich, die Versammlung für geschlossen zu erklären. Die vierte und letzte vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde am Mittwoch den 18. d. M. im „Hotel Post", 1., Fleischmarkt, abgehaltene Wählerversammlnng. Der Präsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Alfred Stern eröffnet die Versammlung und setzt die Diskussion über den Rechenschaftsbericht der Gemeinde als ersten Punkt der Tagesordnung. Als erster Redner ergreift Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Karl Lifczis das Wort. Aus seiner interessanten, von vielem Beifall begleiteten Rede heben wir hervor: Die Abhaltung von öffentlichen Vorträgen über jüdische Ge-