Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 47 (10.11.1908)
- Date
- 1908-11-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr 47 ax. Zslocv s Moeoenseveirr. Seite 821 Nicht mit jenen können wir rechten, welche in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurste und ihrer Raubsucht Löhnen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, welche durch skrupellose Aufwühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greueltaten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber furchtbarer Schandtaten mit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schmerze um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Sorge um unsere unglücklichen Brüder in Russland rufen wir die Mächte an, sich, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechtes und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdrucke an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten.“ Einer Resolution ähnlichen Inhalts, welche dem Minister des Acnssern überreicht wurde, schlossen sich 427 Knltnsgemeinden Oesterreichs an.“ Die Versammlung begleitet die Ausführung des Präsidenten und die Verlesung des ersten Sekretärs mit langanhaltendem Beifall. Der Präsident fügt zum Schluffe hinzu: Wenn der Oberrabbiner im Sofiensaale die Rede gehalten hat, so können die Führer der Opposition sicher sein, daß dies nur mit Wissen und Zustimmung des Vorstandes geschehen sein kann. Der Oppositions-Kandidat Herr Böhm bezeichnet es als eine unjüdische und auch unkluge Vergewaltigung, daß man seine Partei von der Gemeindeverwaltung fernhält: das Pochen der Majorität auf ihre Macht wird sich später einmal schwer rächen. Redner tut furchtbar entrüstet über den Wahlaufruf des Zentralkomitees, der seiner Partei „eine skrupellose Opposition" vorwirft. Namentlich dem Kultusvorsteher M. Frank verübelt er es gar sehr, daß seine Kandidatur mit einem solchen Wahlaufruf empfohlen werden konnte. Dabei steht er nicht an, die Affaire des Herrn Theodor Ritter von T a u s s i g, der schon seit Jahren den Vorstand verlassen, neuerdings aufzurollen, und macht den Wiener Israel. Kultusvorstand verantwortlich für das dem Zaren gewährte Anlehen, ebenso wie für das Testament des verstorbenen Donato Taussig. Er verweist als großartige Leistungen seiner Partei auf die Gründung des „Bezalel" und des hebräischen Gymnasiums in Palästina, während der Wiener Kultusvorstand noch immer in einem unwürdigen Lokal, in einer versteckten Gasse seine Beratungen hält. Er schließt, indem er die Aufführung und die Errichtung eines jüdischen Volkshauses fordert „wie es im letzten Dorfe der Bukowina bereits existiert". Kultusvorsteher Prof. Dr. S. Ehrmann entschuldigt zunächst sein verspätetes Erscheinen und bemerkt gegenüber dem Vorredner, welcher von den alten demokratischen Ideen des Judentums aus den Zeiten der Not und des Ghetto gesprochen hat, daß er selber ein Kind des Ghetto ist und sich freue, daß er die jüdischen Traditionen und den jüdischen Geist im Ghetto kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Allein demokratische Ideen waren dort nicht vorherrschend und die Herren der Opposition hätten unter der Herrschaft des Ghetto schon wegen ihres Alters in einer jüdischen Versammlung weder Kandidatennoch Oppofitionsreden zu halten Gelegenheit gehabt. Und wenn Sie im Sitzungssaale der Gemeinde Bilder der alten Vorsteher sehen, so finden Sie auch das Porträt eines Mannes, dessen Nachkommen leider der jüdischen Gemeinschaft nicht mehr angehören, der aber um die Gemeinde hohe Verdienste sich erworben hat, nämlich Lazar B i e d e r m a n n, der einst bei einer Sitzung mit der Faust auf den Tisch schlug und ausries: „Reden kann ein jeder, geschehen aber wird nur, was ich will". Auf verschiedene Zwischenrufe des Herrn Lucian Brunner reagierend, bemerkt Prof. Ehrmann: Ich bin ein Bekenntnisjude und verehre den Geistes- und Jdeenschatz des jüdischen Volkes, wie er in der jüdischen Literatur und Wissenschaft niedergelegt ist und in diesem Sinne bin ich ein Nationaljude. Redner erörtert eingehend die Reform der Armenpflege und erwähnt, daß Freunde und Gesinnungsgenossen in Prag in segensreicher Weise das Elberfelder-System adoptiert haben. Allein die Verhältnisse in Wien mit seinem fluktuierenden Proletariat bilden ein eigenes Problem mit kaum lösbaren Schwierigkeiten; die Verhältnisse find in Wien auch anders gestaltet und viel schwieriger als z. B. in Berlin, wo der Staat die reichen ruffischen Juden stillschweigend duldet, die unglücklichen Proletarier dagegen bereits an der Grenze abfängt und in die Heimat zurücksendet. Wir leben Gott sei dank unter dem Schutze eines edlen hochherzigen Monarchen, der in seinem Reiche Arm und Reich das Gastrecht gewährt. Da steht die jüdische Armenpflege vor schwierigen Aufgaben. (Zuruf der Opposition: „sie werden hier ebenfalls abgeschoben.") Ich weiß genan, wer abgeschoben worden, aber, meine Herren, es ist besser, wir reden darüber lieber nicht. (Lebhafter Beifall.) „Bezalel" ist zwar von Zionisten gegründet, allein erhalten wird das Institut von der jüdischen Gesamtheit, vornehmlich vom Hilfsverein deutscher Juden, der nichts weniger als zionistisch ist. Die einheitliche Regelung des Religionsunterrichts hat seine Schwierigkeit in den entgegengesetzten Ansprüchen und Forderungen der fortschrittlichen und konservativen Parteien. Der Vorstand hat den Mittelweg ein geschlagen und zur Ausgleichung in den verschiedensten Bezirken hebräische Sprach- und Bibelschulen eingerichtet. Was das Lehrermaterial anlangt, so hat der Vorstand eine Lehrerbildungsanstalt ins Leben gerufen, deren Erhaltung naturgemäß Opfer kostet. Allein für ein gedeihliches Wirken des Lehrers ist die Vorsorge, ihm normale Existenzbedingungen zu schaffen, eine notwendige Voraussetzung. Es sind große Aufgaben, welche der Vorstand zu lösen hat, und wenn Redner durch das Vertrauen der Wähler dazu berufen wird, ist er bereit, seine Kräfte einzusetzen zur gedeihlichen Lösung aller dieser Ausgaben zum Wohle der jüdischen Gesamtheit. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Als konservativer Kandidat ergreift das Wort Herr Bernhard H o f b a u e r und bemerkt einleitend gegenüber einem Redner in der gestrigen Versammlung,. der seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß seine Kinder kaum imstande sein werden, nach ihm Kaddisch zu sagen: dafür ist weder der Vorstand noch der Lehrer verantwortlich zu machen. Weffen Kinder keinen Kaddisch sagen können, der verdient wohl keinen Kaddisch. Er erörtert eingehend die Mikwahftage und die Vorschläge der Opposition zur Einführung eines Steuerzensus von K 5.— oder K 3.50. Redner gibt der Hoffnung Ausdruck, daß, wenn solche Vorschläge in ernste Erwägung kämen, man jedenfalls davon Abstand nehmen müffe, arme Leute, welche nur solch geringe Beträge aufzubringen in der Lage find, mit dem Steuerexekutor zu bedrängen. Redner ist in Uebereinstimmung mit der Opposition darin, daßVäter von getauften Söhnen oderTöchtern zum Amte eines Kultusvorstehers durchaus ungeeignet find, allein dasselbe gilt nicht minder auch von solchen Leuten, welche ihre neugeborenen Knaben der Beschneidung entziehen und in den Bund Abrahams nicht aufnehmen lassen. Die Herren Kandidaten der Opposition werden ihmhoffentlichdarinbeistimmen.?!!? (Lebhafter Beifall.) Der offizielle Kandidat ineä. Dr. I. S a m u e l y reagiert zunächst auf eine Bemerkung eines Oppofitionsredners, daß die reichen Leute im Vorstande die Bedürfniffe des armen jüdischen Volkes nicht kennen. Redner weiß sich von diesem Vorwurf frei, denn erstens sei er nicht reich und zweitens habe er sich redliche Mühe gegeben, die Not des armen jüdischen Volkes an der Quelle kennen zu lernen. Schöne, große und wohlklingende Programme zu stilisieren sei kein besonderes Verdienst und auch keine schwierige Aufgabe. Man braucht bloß alles, was die verschiedensten Leute verlangt und gefordert haben, alle die Wünsche und Einfälle, welche in den verschiedensten Wählerversammlungen im Laufe der letzten Jahre von den Rednern erwähnt und vorgetrage» wurden, der Reihe nach zusammenzustellen und man hat daS schönste Programm. Redner erörtert eingehend die Reform der Armenpflege und verspricht, dieser Frage ein eingehendes Studium widmen zu wollen, um das Elberfelder-System den eigenartigen Wiener Verhältniffen entsprechend auszugestalten. Gegenüber der Bemerkung des Herrn Böhm, welcher es als eine unerhörte Vergewaltigung bezeichnet, daß die Opposition von der