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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-11-10 · 47 (10.11.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
47 (10.11.1908)
Date
1908-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 47 Seite 818 Dr. Llocd's MocvenscbrLN. Der Präsident erklärt hierauf, für die Leitung der heutigen Versammlung fei einzig und allein er verantwortlich gegenüber der Behörde und gegenüber der Gemeinde. Wenn die Herren ruhig anhören wollen, so werde er ihnen sagen, in welcher Weise er die Versammlung zu leiten gedenke. Verantwortlich sei nur er. Die Redner werden in der Reihenfolge, wie sie sich bei ihm angemeldet haben, zum Worte gelangen. Wird die Ordnung eingehalten, so werde er die Versammlung leiten. Sonst aber müßte er die Versammlung schließen. Diese Worte verursachen wieder neuen Lärm seitens der Opposition. Endlich gelang es dem Präsidenten, dem ersten Redner, Herrn Kultusvorsteher Salo Cohn, das Wort zu erteilen. Kultusvorsteher Herr Salo Cohn freundlich begrüßt, sagt: Ich danke den Herren für den lebhaften Beifall, mit den Sie mich empfangen. Ich hatte zwar nicht die Absicht, heute hieher zu kommen, und zwar mit Rücksicht auf die Vorgänge der ersten Versammlung in der Leopoldstadt, doch schien es mir eine Pflicht, in diesem Bezirke, in dem ich seit einer Reihe von Jahren bei den Generalversammlungen des ausgezeichneten Tempelvereines Vertreter des Kultusvorstandes bin, mich diesen Vereinsgenosien als Kandidat vorzustellen. Ich bedauere aber, keinen der Herren Mitglieder dieses Bechausvereines hier zu sehen. Redner erklärt, da er 20 Jahre ' bereits Mitglied des Vorstandes der Gemeinde ist, so solle man ihn bereits kennen und er erachte es daher nicht für notwendig, ein neues Programm zu entwickeln. Er schließt: „Wählen Sie unabhängige Männer mit einem warmen Herzen für das Judentum, aber auch mit einem klaren Verstände." Die Ausführungen wurden mit großem Beifall ausgenommen. Kultusvorsteher Herr Professor Dr. S. E h r m a n n, von der Versammlung mit stürmischem Beifall begrüßt, sagte: „Meine Herren! Ich werde mich bestreben, in meinen Ausführungen noch kürzer als mein geehrter Herr Vorredner zu sein, um der Opposition möglichst viel Zeit zur Darlegung ihres Programms zu überlassen. Er glaubt, durch seine sechsjährige Wirksamkeit im Vorstande sich das Recht erworben zu haben, neuerdings um ein Mandat zu werben. Während seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied hat er sein besonderes Augenmerk auf die Frage des Unterrichtes gelenkt und nach bestem Wissen und Können bei der Reorganisierung desselben mitgewirkt. In der wichtigen Frage des jüdischen Studentenheinles wird er von der Gemeinde auf das Lebhafteste unterstützt; ebenso ist die Errichtung eines jüdischen Pflegerinnenheimes mit Hilfe der Gemeinde ermöglicht worden. Redner bemerkt im Verlaufe seiner Ausführungen, so wie man uns Juden den Vorwurf gemacht hat, daß wir keine Maler besitzen, sagte man auch, daß wir nicht in der Lage find, Jüdinnen zu Pflegerinnen heranzubilden. Die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Zum Schluß erklärte er, wenn ihm die Wählerschaft das Vertrauen weiter schenken will, so wird er auf diesen Gebieten weiter so tätig sein wie bisher." (Lebhafter Beifall.) Als dritter Kandidat betritt, auf das Lebhafteste begrüßt, Kultusvorsteher Max Frank die Tribüne und erzählt von einem geistreichen Feuilleton, das er unlängst in einem ausländischen jüdischen Blatte gelesen habe und das von einem Neger berichtete, der in trauriger Stimmung über seine wenig, beneidenswerte Situation doch die Zumutung, mit einem weißen Juden zu tauschen, entschieden und energisch zurückwies. „Wir find dessen ungeachtet stolz darauf, dem ersten Kulturpolke der Welt anzugehören. Juden find wir und wir wollen es auch für immer bleiben. Als treuer Sohn meines Stammes betrachte ich es als eine große Ehre, die höchste, die die Juden zu verleihen haben, Mitglied des Vorstandes einer der ersten Kultusgemeinden Europas zu sein. Ich kenne für mich kein größeres Glück, sagt Redner, als im Vorstande der Gemeinde werktätig mitzuarbeiten. Wer mich kennt, wird mir das Zeugnis ausstellen, daß ich^alles, was in meinen Kräften stand, im Dienste der Gemeinde geleistet habe. Redner beklagt es tief, daß, während der Staat aus den Steuergeldern aller Kulten den katholischen, griechisch - orientalischen und protestantischen Kultus reichlich unterstützt, wir Juden für unseren Kultus vom Staate nicht einen Heller erhalten. Wir bilden in Oesterreich fünf Perzent der Bevölkerung und mindestens fünf Perzent der Steuerträger. Wir haben also ein Recht, vom Staate die uns gebührende Behandlung zu verlangen. Wir müssen energisch dagegen protestieren, daß wir Juden vom Staate als Bürger zweiter Güte behandelt werden. Um aber unserem Proteste den gebührenden Nachdruck zu verleihen, ist es notwendig, daß wir uns endlich zu einem gemeinsamen Vorgehen entschließen. Wenn Sie, meine Herren, mit diesen leitenden Ideen einverstanden find, dann bitte ich Sie, mir bei der Wahl ihr Vertrauen zu schenken.' (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Als der Präsident den nächsten Redner Herrn Hofrat Dr. Rappaport das Wort erteilte, beginnt die Opposition wieder stürmisch für ihre Kandidaten das Wort zu verlangen. Nach längerer Zeit gelingt es Herrn Hofrat Rappaport, sich Gehör zu verschaffen. Er berichtet über seine langjährige Tätigkeit in der Gemeinde, wie er sich bemüht, eine Steuerreform durchzuführen, das Verwaltungssystem zu reorganisieren und dafür zu sorgen, daß der überaus tüchtige Beamtenkörper bei der Neuaufnahme von Beamten erhalten bleiben soll. Obwohl es mit den Mitteln der Gemeinde nicht leicht möglich gemacht wird, die berechtigten Wünsche der verschiedenen Tempelvereine zu erfüllen, hat es ihm doch großes Vergnügen bereitet, wenn es dem Vorstande gelungen ist, für die Tempelvereine des IV. und V., sowie für den XIX. Bezirk größere Subventionen zur Errichtung von eigenen Tempeln in diesen Bezirken zu erwirken. Auch in der Mikwah-Frage, die das Bedürfnis eines Teiles der Wiener orthodoxen jüdischen Bevölkerung ist, hat er sich sehr warm eingesetzt. Er glaubt auch, daß seine Tätigkeit im Versorgungshause eine nicht unersprießliche ist. Zum Schluffe gibt er die Versicherung, daß, wenn ihm die geehrten Wähler wieder das Vertrauen schenken werden, er auch in Zukunft in demselben Sinne tätig sein wird. Herr Kultusvorsteher kaiserlicher Rat Sachs beginnt seine Ausführungen folgendermaßen: Als ich vor vier Jahren in den Vorstand kandidierte, herrschte vollkommene Uebereinstimmung. Es gab keine eigentliche Opposition. Vor zwei Jahren erst begann dieselbe. Vor vier Jahren vollständige Uebereinstimmung und heute dieser Kampf. (Zur Opposition gewendet.) Welches Verbrechen hat der Vorstand eigentlich begangen, daß er von Ihnen heute so behandelt wird? Bei diesen Worten wird Redner stürmisch unterbrochen, er läßt sich aber nicht stören und fährt in seiner Rede fort: Sie werden mich nicht zwingen, anders zu reden, als ich denke. Ich bin vielleicht mehr Z i o n i st als so mancher hier im Saale. Ich habe den jüdischen Kolonisationsverein für Palästina mitgründen geholfen. In diesem Vereine arbeite ich gemeinsam mit Personen, die, wenn sie auch (zu der Opposition gewendet) von Ihnen als Zionisten heute nicht mehr anerkannt, doch aber dem Zionismus treu geblieben find. Die wirklichen Aufgaben des Zionismus respektiere ich. Zum Schluffe bemerkte kais. Rat Sachs, daß er sich bemühen wird, den Wünschen der Wähler, soweit er sie auszuführen in der Lage sein wird, gerecht zu werden. Großer Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Kultusvorsteher Herr Samuel Steiner erwähnt, daß er über 33 Jahre der Gemeinde seine Dienste zur Verfügung gestellt habe. Seine Aufgabe ist es, für die Armen zu sorgen. Der Chewra-Kadischa widmet er seine ganze verfügbare Zeit. Er ist fast täglich den ganzen Vormittag am Friedhof und sorgt dafür, daß auch den Armen ein würdiges jüdisches Leichenbegängnis zuteil werde. Als Appell an die Opposition zitierte Redner einen Midrasch, in dem es heißt: Während der Tempel zu Jerusalem in Flammen stand, haben die Schwalben das Wasser im Schnabel zum löschen gebracht. So richte ich auch an Sie, meine geehrten Herren, die Bitte, nicht durch-Zänkerei und Lärm den Frieden zu stören, sondern wie die Schwalben durch das Wasser, das flammende Feuer durch Geist und Verstand löschen zu helfen.

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