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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-11-10 · 47 (10.11.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
47 (10.11.1908)
Date
1908-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4? Nr. Liocb s Mocbenscdrm. Seite 817 Angesichts der geringen Stundenanzahl, welche dem Religionsunterrichte an öffentlichen Schule» zugewiesen ist, kann dieser nur dann einen Erfolg erzielen, wenn er mehr.als bisher die religiös-ethische Erziehung unserer Jugend zum Ziele hat; im Interesse der Zukunft des Judentums soll dieser Grundsatz besonders bei dem Unterrichte der Mädchen berücksichtigt werden. Die Kultusgemeinde hat weiters die Pflicht, für jene Schüler, welche ein größeres Maß von Kenntnissen in der hebräischen Sprache oder in religiösen Disziplinen sich erwerben wollen, durch Errichtung und Förderung von Bibel-, Sprach- und Lesefchulen vorzusorgen. Die Austritte aus dem Judentums haben — allerdings zum Teile infolge des erhöhten Zuzuges aus der Provinz und dem Auslande — eine erschreckend hohe Zahl erreicht. Es ist heilige Pflicht des Vorstandes, durch geeignete Maßnahmen auf dem Gebiete des Kultus und Unterrichts das jüdische Bewußtsein unserer Jugend zu stärken und die unheilvolle Abfallsbewegung einzudämmen. Endlich fordern wir — ohne daß hier auf die einzelnen Zweige der Gemeindeverwaltung eingegangen werden soll — daß für die Ueberwachung der gesamten Administration der Kultusgemeinde, insbesondere aber hinsichtlich der Vergebung von Arbeiten und Lieferungen der Gemeinde, eine eigene, ständige Berwaltungs-Kommisfio» des Vorstandes, unter Zuziehung von Vertrauensmännern aus der Mitte der Gemeindemitglieder gebildet werde. Die erste von der israelitischen Kultusgemeinde am Samstag den 14. d. M. im Restaurant Guth einberufene Wählerversammlnng von den sogenannten Führern und Kandidaten der Opposition gesprengt. In Verhinderung des Präsidenten Dr. Alfred Stern eröffnet der 1. Vizepräsident Landesschulrat Doktor Gustav K o h n die Versammlung, begrüßt die erschienenen Gemeindemitglieder und teilt mit, daß der Vorstand, um den Wählern aller Bezirke Gelegenheit zu geben, die Kandidaten zu hören, diesmal beschlossen hat, nicht wie früher eine einzige, sondern vier Versammlungen in den verschiedensten Teilen Wiens zu veranstalten. Er widmet sodann einen warmen Nachruf dem verstorbenen Vorsteher Herrn Salo Landau und ebenso dem Herrn Emanuel B a u m g a r t e n, der eine längere Reihe von Jahren dem Vorstande der Wiener Kultusgemeinde angehörte. Die Versammlung ehrte das Andenken dieser beiden durch Erheben von den Sitzen. Des verstorbenen Mitgliedes der Gemeinde kaiserl. Rates Adolf Lichtblau wird vom Präsidenten ebenfalls ehrenvollst gedacht. Der Vorsitzende erwähnt, daß unter den Herren, die diesmal zur Neuwahl gelangen, sich zwei Herren befinden, die auf eine Wiederwahl verzichten. Es find dies die Herren Hosrat Oberbaurat Sigmund Taussig (bei der Nennung dieses Namens wird seitens eines Herrn der Opposition „Pfui" gerufen), der durch Verlegung seines Domizils von Wien nach Baden, und HerrDr. Adolf Stein, der aus Gesundheitsrücksichten nicht mehr in der Lage ist, sich neuerdings um das Vertrauen der Wählerschaft zu bewerben. Beide Herren haben ihr bestes Wissen und Können in den Dienst der Gemeinde gestellt und laffen eine unersetzbare Lücke zurück. Redner hofft aber, daß es in absehbarer Zeit vielleicht doch möglich sein wird, einen dieser Herren wiederum für den Vorstand zu gewinnen. Des Ferneren erwähnt er, daß es diesmal nicht möglich war, einer sehr geschätzten Gruppe von Wählern, die bisher durch sehr tüchtige Männer im Vorstande vertreten war, neuerdings einen Vertreter zu designieren; dies ist aufrichtig zu bedauern, es ist dies die Gruppe des polnischen Tempels, aber es ist zu hoffen, daß es bald gelingen werde, die berechtigten Wünsche dieser Gruppe zu erfüllen. Zum Gegenstand der Tagesordnung übergehend, beantragt Redner, von der Verlesung des Rechenschaftsberichtes mit Rücksicht darauf, daß sich ein jeder Wähler im Besitze des gedruckten Exemplars befindet, abzusehen und sofort den zweiten Punkt: Rechenschaftsbericht der ausscheidenden Vorstandsmitglieder, vorzunehmen und zu diesem Zwecke erteilt er Herrn Salo Cohn das Wort mit dem Bemerken, daß mit Rücksicht auf die zahlreichen Redner nur jeder zehn Minuten sprechen soll, damit den Kandidaten der Opposition ebenfalls Gelegenheit gegeben werde, sich den Wählern vorzustellen. In diesem Momente beginnen die Herren Dr. Z i p s e r und Dr. Margulies den Vorsitzenden durch das Verlangen des Wortes zur Geschäftsordnung zu stören. Sie wünschen vorerst Wahl eines Bureaus durch die Versammlung, dann daß nach jedem Vorsteher sofort ein Mann der Opposition das Wort ergreife. Vergebens betonte der Verfitzende, daß die Versammlung einberufen sei, um den abtretenden Vorstehern Gelegenheit zu geben, über ihr bisheriges Wirken den Wählern Rechenschaft zu erstatten. Die Führer der Opposition, die Herren Lucian Brunner undDr.P. W eisen grün hinderten durch obstruktionistisches Lärmen den Eingang in die Verhandlung. Sie bemühten sich den Vorsitzenden in der Leitung der Versammlung derart zu stören, daß er eine Pause eintreten laffen muß. Nochmals versucht Herr K.-V. Salo Cohn das Wort zu ergreifen. Die Führer der Opposition laffen ihn nicht reden. Als aber der Lärm nicht aufhören wollte, verwahrt sich der Präsident entschieden gegen diese Vergewaltigung und erklärt, daß diese Herren sich hier viel ärger als beim „Luchsen" benehmen und erklärt die Versammlung für geschloffen. Die Polizei unter Führung eines Kommissärs sah sich dann veranlaßt, einzuschreiten und den Saal zu räumen. Zu bemerken ist, daß diesmal nicht die Studenten es waren, die infolge ihres jugendlichen impulsiven Temperamentes die Versammlung sprengten, sondern die Herren Kandidaten der Opposition selbst ohne jede Hilfe der im Saale anwesenden Wähler das Werk vollbracht haben. Die Herren beweisen durch ihr Vorgehen, wie sehr sie für ein Kultusmandat geeignet find. Wem das Jntereffe der ersten jüdischen Gemeinde am Herzen liegt, der wird mit dem Stimmzettel in der Hand über diese Herren das Urteil sprechen. Die zweite von der Wiener israelitischen Kultus gemeinde am Montag den 18. d. M. im „Hotel Savoy", VI , Mariahilferstraße 81, abgehattene Wählerversammlung. Der Präsident der Gemeinde, Herr Dr. Alfred S t e r n, eröffnet die Versammlung und begrüßt die erschienenen Herren sowie die Kandidaten, schreitet sodann zur Tagesordnung und erklärt: die heutige Versammlung ist eine Wählerversammlung. Es liegt indeß in der Natur der Sache, daß wir zuerst von den sechs Kultusvorstehern, deren Mandate abgelaufen, ihren Rechenschaftsbericht anhören, sodann den Kandidaten, welche sich um ein Mandat bewerben, das Wort erteilen. Nachdem die Anmeldungen von Kandidaten sehr zahlreich find, so ersuche er die Redner, sich möglichst kurz zu fassen. Diejenigen Herren, welche ohnehin auf eine langjährige Wirksamkeit in der Gemeinde Hinweisen können, werden diesem Wunsche wohl umso leichter Nachkommen können. Er glaubt, daß es sich empfehlen würde, eine bestimmte Redezeit zu fixieren, will aber vorläufig davon absehen und erst von der Fixierung der Redezeit dann Gebrauch machen, wenn es die vorgeschrittene Zeit erfordern sollte. Herr Dr. Margulies sängt wiederum, ebenso wie in der Versammlung vom Samstag damit an. eine Gefchäftsordnungsdebatte zu provozieren, die eine große Unruhe zur Folge hat.

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