Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 810 Nr. 46 DL. Blocb’s Mocvenscvrm. „Israel gleichet dem Sand am Ufer des Meeres" (I. B. M XXXII, 25). Wie der Sand am Ufer des Mannes einen ewigen, festen Damm bildet und wie sehr auch die wogenden, brausenden Fluten gegen diesen Wall anstürmen, der Sand am Meere widersteht mit wunderbarer Zähigkeit und weichet nicht, so auch Israel. Die Lobenden Wellen der Zeit stürmten gegen dasselbe, die brausenden Fluten des Hasses schäumten gegen dieses Volk uud wollten es hinwegschwemmen von der Erde, aber es blieb lest und unerschütterlich, unbeugsam und unverrückbar — „wie der Sand am Ufer des Meeres". „Was aber ist es, das dem Sande seine Widerstandskraft gibt? Es ist das Zusammenhalten, die Vereinigung. Vereinzelt trägt der Wind das Sandkorn hinweg, nur das Zusammenhalten, die Vereinigung zu einem Ganzen, zu einem einheitlichen Körper macht ihn widerstandsfähig." Ach, das war der Fluch des jüdischen Volkes, daß es diese Verheißung Gottes, es werde sein wie der Sand am Meere, zusammenhaltend, festgefügt, nicht zur Wahrheit gemacht hat, und darum mußte es leiden, wie kein zweites Volk auf Erden, denn „Gott gibt nur dann Stärke seinem Volke, wenn es mit Frieden ist gesegnet." (Ps. 29.) „Höret, was der Midrasch sagt: „Warum fehlen beim zweiten Schöpfungstage die Worte„Und Gott sah, daß es gut sei", wie es bei allen anderen Tagen heißt? da sagte Raw Chanina: weil an diesem Tage die Teilung, eine Absonderung vor fich gegangen, wie es geschrieben steht: „Es sei eine Absonderung des Wassers vom Master." Hierauf machte R. Tabjomi die wunderbare Bemerkung: Wenn nun schon bei einer solchen Trennung, welche zur Erhaltung und Ordnung der Welt und ihrer Bewohner diente, es nicht heißt, daß sie gut war, um wie viel weniger soll von einer Trennung, welche Verwirrung in der Welt hervorbringt, gesagt werden, daß ste gut sei. (Niärasob rabba I, 4. Kp.) „Laßt uns daher", rief er begeistert aus, den Frieden und die Einigkeit unserer Gemeinde als ein kostbares Gut erhalten! Denn „gar gewichtig ist der Frieden, denn der Friede beschließt alle Segenssprüche (Märaseb rabba IV, 11), d. h. der Frieden schließt alle Segnungen in sich." Ein Murmeln des Beifalles ging durch die Reihen der Zuhörer und von allen Seiten wurde ihm ein lautes „jejaseber kochacho“ (Glückwunsch) zugerusen und auch der Präses drückte ihm mit aufrichtiger Befriedigung die Hand. Der intelligente Teil der Gemeinde war angenehm überrascht, daß er die Teilung im Judentume perhorreszierte, fich durchaus nicht als schroff und intransingent, sondern als ein Mann des unbedingten Friedens fich erwies, die Konservativen sahen doch in ihm ihren Mann und den Sohn seines strengfrommen Vaters und Steiger und sein von ihm gewonnener Anhang strahlten vor Seligkeit. Diese allgemeine Befriedigung fand ihren Ausdruck in den Besuchen am Sabbat-Nachmittag, wo keiner fehlen wollte im Rabbinerhause, in das seit dem Ableben des Familienoberhauptes nun der erste Sonnenstrahl der Freude drang. Gustav Weber aber verhielt sich ernst und zurückhaltend, höflich, aber gemeffen, auf seinem Gesichte spiegelte sich durchaus nicht der Erfolg des Tages ab. In ihm grollte es noch immer, daß er präteriert worden war und daß er es nur dem Mißerfolg der anderen zu verdanken hatte, daß endlich auch an ihn gedacht wurde. Am Sonntag hing Steiger die Werbetrommel um und sammelte Unterschriften für Weber. Wohl wußte er, daß derselbe dieser Propaganda gar nicht bedürfe, aber er wollte, daß dessen Wahl als sein Werk, als sein Verdienst gelte. Gleichzeitig hielt es Steiger für angezeigt, mit seiner Tochter zu sprechen. „Mein liebes Kind!" sagte er ihr, „Du weißt, daß mein ganzes Leben und Streben nur für Dich ist, für Dich habe ich gearbeitet und mir Vermögen erworben; seit dem Tode der seligen Mutter bist Du das einzige Wesen, das ich liebe und das mich nicht verlassen soll, bis einmal meine Zeit gekommen sein wird, und da habe ich für Dich einen Mann herausgesucht, der in jeder Beziehung mir entspricht." „Und wer wäre das? Kenne ich ihn?" „Gewiß kennst Du ihn. Es ist unser zukünftiger Rabbiner Gustav Weber." „Ach, Vater, nein! Eine Rabbinerin werde ich nicht!" „Und warum nicht? Du wirst tun können, was Du willst, Du wirst von der Gemeinde unabhängig sein. Ich werde Euch so reichlich versorgen, daß Du auf niemand wirst Rücksicht zu nehmen haben." „Aber ich mag den Mann nicht — er ist mir zu ernst, zu streng, zu fromm." „O, in der Ehe gleichen sich die Gegensätze aus. Ihr werdet beide einander entgegenkommen, er wird etwas Nachlassen und Du etwas zugeben. Liebende Herzen verstehen sich." „Aber ich werde ihn nie lieben — das ist ausgeschlossen". „Und das weißt Du so gewiß? Hat vielleicht ein anderer in Deinem Herzen Raum gefunden?" Rosa schwieg. „Um Gotteswillen, Rosa, wer ist es?" „Vater, verzeih' mir, ich kann Dir das nicht sagen, ich will Dich nicht reizen." „Gut, ich will es gar nicht wissen. Es wird das so eine Liebelei sein, die Du Dir aus dem Kopse schlagen mußt. Du kennst mich, Du weißt, daß ich unbeugsam bin." Hierauf verließ er das Haus. Einige Tage später war die Rabbinerwahl. Wie vorauszusehen war, wurde Weber in geheimer Abstimmung fast einstimmig gewählt. An demselben Abende wurde zu Ehren des neugewählten Rabbiners ein glänzendes Bankett gegeben, das bis zum Morgengrauen die animierte Gesellschaft beisammenhielt. Steiger, der für kurze Zeit vom Tische sich entfernte, um der Rabbinerin zu sagen, daß sie nun, nachdem das Werk glücklich vollbracht sei, seinen Antrag ihrem Sohne mitteilen könne, fühlte sich in besonders gehobener Stimmung; er aß und trank, vielleicht über das Maß hinaus, toastirete auf „seinen" Rabbiner und ging um zwei Uhr nach Mitternacht nach Hause. Dort angekommen ging er ins Schlafzimmer seiner Tochter, aber — das Bett war leer. Auf dem Tische fand er einen Brief von ihrer Hand. Böses ahnend, griff er mit zitternden Händen nach dem Schreiben. Es enthielt folgendes: „Mein guter, teuerer Vater, ich bitte fußfällig um Verzeihung. Ich bin mit Leutnant Liebknecht geflüchtet. Ich konnte nicht anders. Gott mit dir!" Steiger taumelte, griff nach dem Herzen und fiel entseelt zu Boden. Die erste amtliche Funktion „seines" Rabbiners war eine Leichenrede über ihn. Einige Wochen waren verstrichen; der junge Rabbiner lebte seinem Berufe und seinen Studien, da kam eines Tages Dr. Seemann in's Haus. Freudig überrascht empfing ihn die Familie mit warmer Herzlichkeit. Nach kurzer Begrüßung trat er zu Ilka hin und sprach: „Fräulein! Vor meiner Abreise von hier sagte ich Ihnen, daß ich, wenn ich einmal in Amt und Würde bin, kommen werde, an Ihr Herz eine Frage zu richten." Nun, gestern wurde ich zum Rabbiner in H., einer angesehnen Gemeinde Mährens, gewählt und ich bin nun gekommen, Sie zu fragen: „Wollen Sie mir eine treue, liebende Gefährtin fürs Leben sein?" Ilka reichte ihm tiefergriffen die Hand und sagte: „Auf diese Frage wird Ihnen meine gute Mutter, der ich mein Herz erschlossen habe, die Antwort geben." „Lieber Doktor!" sagte die Rabbinerin, „ich liebe mein Kind viel zu sehr, als daß ich dem tiefgefühlten Wunsche ihres Herzens entgegentreten sollte, besonders nachdem ihre Wahl meiner vollsten Zustimmung begegnet. So möge denn Gott dem Bunde Euerer Herzen seinen Segen verleihen!"