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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-11-13 · 46 (13.11.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 46 Seite 802 H)c* Siocb’s tOlocdenscbrirt« ist, erscheint ihnen in einem verminderten Lichte oder als eine vereinzelte Erscheinung. Auch die ruhigeren Jahre, deren wir uns seit einiger Zeit erfreuen, haben die Anschauungen, die weite und massgebende Kreise von uns haben, nicht wesentlich günstiger gestaltet. Die rohen Anfälle haben so ziemlich aufgehört, aber die Verdächtigung und Herabsetzung alles Jüdischen kann sich noch reichlich betätigen. Wo immer irgend ein Jude sich etwas zu Schulden kommen lässt, da wird seine Basse als ein ganz besonders beachtenswertes Merkmal ah ihm hervorgehoben. Dasselbe Merkmal aber wird in der Hegel unsichtbar oder schonend verschwiegen, wo Juden im öffentlichen Leben Gutes und Anerkennenswertes leisten. Es ist viel zu wenig bekannt, wie sie, die von fast allen höheren Beamtenstellen ausgeschlossen sind, zum kommunalen Ehrendienste sehr häufig herangezogen werden, ebenso auf anderen Gebieten gemeinnütziger Wirksamkeit überaus zahlreich tätig sind und deren Aufgaben nicht nur Opfer an Geld, sondern auch an Zeit, Kraft und Arbeit widmen. Von solchen Leistungen wird in der Literatur wie in der Presse sehr wenig Notiz genommen. Grosse und weit verbreitete Organe der öffentlichen Meinung, die über alles Bemerkenswerte getreulich Bericht erstatten, schweigen beharrlich, wo es sich um das Judentum oder um jüdische Dinge handelt, sofern sie nicht eine abschätzige Bemerkung daran knüpfen können. Auch in amtlichen Kreisen liebt man es, über sie möglichst zu schweigen. Und dieses Totschweigen wirkt ebenso herabsetzend und schädlich, wie der offene Antisemitismus. Diesem Schweigen gegenüber unsere berechtigten Ansprüche geltend zu machen, die vielen falschen Vorstellungen über das Judentum richtig zu stellen, ihnen wohlsubstanziierte Darlegungen über unsere Vergangenheit wie über unsere Gegenwart entgegenzusetzen, wird darum für uns immer mehr zu einer dringlichen Notwendigkeit. Wer gegen die Juden Material sacht, kann es bequem in einigen wenigen Büchern finden, die förmlich als Handbücher des Antisemitismus bezeichnet werden können. Wer sodann auch die Widerlegung der von diesen gebrachten Behauptungen sucht, oder auch nur eine objektive Darstellung über die angegriffenen Dinge und über jüdische Verhältnisse überhaupt, der hat seine Belehrung mühselig aus einer Reihe von Schriften sich zusammenzusuchen. Und über manche Frage, über die er sich unterrichten möchte, wird er nach einer schriftlichen Antwort überhaupt Vergebens suchen. Der von dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus herausgegebene „Antisemitenspiegel“ hat diesem Bedürfnisse einigermassen abzuhelfen gesucht. Aber so vortrefflich manche seiner Artikel sind, sie sind unvollständig und beschränken sich im wesentlichen auf die Abwehr einzelner antisemitischer Angriffe. Der verstorbene Wiener Prediger Adolf Jellinek war es, der m. W. zuerst eine systematische Apologetik des Judentums und der Juden verlangte. Er wollte, dass eine solche als eine besondere Disziplin in den Lehrplan der Rabbiner-Bildungsanstalten aufgenommen werde. Ebenso wünschte er die baldige Herstellung eines Handbuches -der jüdischen Apologetik, für das er einen kurzen Umriss aufstellte. Seine Ansichten hierüber legte er 1892 in zwei Artikeln der „Oesterreich. Wochenschrift“ für die gesamten Interessen des Judentums“ nieder und forderte deren Herausgeber, den damaligen Reichstagsabgeordneten Dr. Josef Bloch, der einen siegreichen Kampf gegen die blutrünstigen Anschuldigungen des berüchtigten Professor Rohling geführt und in seinem Blatte eine Fülle apologetischen Materials gesammelt hatte, zur Abfassung eines solchen Handbuches auf. Dieser Aufforderung ist bis jetzt nicht entsprochen worden und kann auch kaum entsprochen werden. Die gestellte Aufgabe übersteigt die Kraft des Einzelnen und kann befriedigend nur von einer Vereinigung von Männern bewältigt werden, welche die verschiedenen hierfür in Betracht kommenden Wissensgebiete beherrschen. Demgemäss erklärt auch Moritz Güdemann, der Verfasser der jüngst erschienenen „Jüdischen Apologetik“, dass man gut tut, „wenn man vom Judentum spricht, die Religion und ihre Bekennerschaft auseinanderzuhalten“, dass er „keine Schutzschrift für die Juden schreibe, sondern es nur mit dem Judentum als Religion zu tun“ habe und in seiner Behandlung dfs Gegenstandes sich auch wesentlich auf die Abwehr der Angriffe, welche es von seiten der wissenschaftlichen christlichen Theologie erfahre, beschränke. Eine solche Beschränkung kann ein einzelner Schriftsteller für sich vornehmen, aber sie darf nicht für die Sache gelten, und so interessant und dankenswert die von Güdemann gegebenen Ausführungen sind, für die Bedürfnisse der Gegenwart harren noch viele weitere Fragen der jüdischen Apologetik ihrer Erledigung, Fragen aus alter und Fragen aus jüngster Zeit, Fragen, welche die Religion selbst, ihre Urkunden und Zeugnisse, ihre Lehren, Gesetze und Einrichtungen betreffen, wie solche, welche die Juden in ihrer Rasse, Abstammung und gemeinsamen Eigenschaften, in ihren Anlagen und Leistungen, ihren sozialen, politischen und Erwerbsverhältnissen, in ihrer Geschichte im Grossen, wie in der verschiedenartigen Entwicklung einzelner Teile berühren. Als der Verband der deutschen Juden begründet wurde bezeichnet^ er es auch als einen Gegenstand seiner Fürsorge, dass aufklärende und apologetische Schriften in die Lande gesandt werden, welche über das Wesen des Judentums und über seine Ethik Aufschluss geben. „Wir müssen“, sagte auf dem ersten Verbandstage Justizrat Dr. Eugen Fuchs in seiner Darlegung der Aufgaben des Verbandes, „das Wissen vom Judentum unter den Unwissenden vermehren, mit der Fackel der Wahrheit hineinleuchten in die Finsternis des Aberwitzes, aber auch in das im Gewände der Wissenschaft einhergehende Obscurantentum, das die Quelle fälscht und das Srhriftwort seinen Wünschen anpasst. Was Schwarmgeister über Rassen und Rassendefekte, über Völkerminderwertigkeit und Völkertugenden fabeln, darf nicht unwiderlegt bleiben und es darf nicht gewartet werden, bis diese Schwarmgeister von aller Welt als Ignoranten erkannt worden sind“. Auf die speziellen Aufgaben einer jüdischen Apologetik ging sodann in den weiteren Verhandlungen des Verbandstages Rabbiner Dr. Jacob in Dortmund näher ein. Ohne von den früheren Vorschlägen Jellineks eine Kenntnis zu haben, beantragte er, ähnlich wie dieser, die Errichtung eines Lehrstuhls für diese Disziplin und eines Seminars zur weiteren Heranbildung tüchtiger Kräfte für die Abwehr antisemitischer Angriffe, die Einrichtung einer apologetischen Bibliothek und die Schaffung eines ausführlichen praktischen Handbuches der jüdischen Apologetik, aus dem sich jeder über jede Frage, in der das Judentum angegriffen wird und der Verteidigung bedarf, erschöpfend Auskunft holen könne. Diese Vorschläge wurden sodann von der literarisch-apologetischen Kommission des Verbandes eingehend beraten. Den Vorschlag der Errichtung eines Lehrstuhles musste sie ablehnen, nicht nur aus praktischen Gründen, sondern vor allem, weil der Verband eine solche Lehrtätigkeit nicht anordnen könne, ohne sich für eine bestimmte religiöse Richtung zu entscheiden, was mit seinen Statuten nicht vereinbar ist. Wohl aber sollte er zu allen wünschenswerten apologetischen Arbeiten die Anregung und Unterstützung geben und für sie ein gründliches und umfassendes Material beschaffen. Für einzelne Aufgaben sollte er sich auch an die ihm angeschlossenen Vereine wenden, in deren Arbeitsgebiet, sie fallen. Demgemäss wurde zunächst die Errichtung einer Bibliothek apologetischer Werke beschlossen und diejenige eines Archivs in Aussicht genommen, das alle irgendwie bemerkenswerten Angriffe gegen Judentum und Juden, wie auch ebenso alle Nachrichten und Mitteilungen sammelt, die richtige Vorstellung und Belehrungen über sie geben können. „Was die Juden zu verschiedenen Zeiten und in den verschiedenen Staaten auf den mannigfachen Gebieten des Kulturlebens geleistet, wie sie durch ihre Umgebung bald gefördert, bald gehemmt werden — das alles sollte gesammelt und geordnet werden, um bei irgend einem Angriffe das nötige Material sofort zur Hand zu haben, aber auch um positiven Arbeiten wissenschaftlicher Natur die Unterlage zu bieten.“ Würde die Bibliothek sich auf die Sammlung rein apologetischer Werke beschränken, so würde ihr Umfang sehr gering bleiben. Nicht nur aus älterer Zeit haben wir, wie schon oben bemerkt, wenige Schriften dieser Art, auch die neuere Zeit bietet* deren nicht viel. Von grösseren die jüdische Religion behandelnden Büchern sind nur die verschiedenen Werke von Ludwig Philippsou und Samson Raphael Hirsch, die Ethik von Lazarus, die Apologetik von Güdemann und einige ähnliche Schriften zu nennen. Von speziellen Gegenständen hat nur die Rassenfrage, der Talmud und der Schulchan Aruch, die Blutbeschuldigung und die Scbächtfrage eine eingehende wissenschaftliche Behandlung erfahren. (Schluss folgt). Die Inden und die spanische Inquisition. Die „Heilige" Inquisition wurde bekanntlich zur Ausforschung, Verfolgung und Bestrafung der Ketzer gegründet, das Heißt aller derjenigen, die nicht alles das glaubten, was die römisch-katholische Kirche lehrte, nicht alle von ihr vorgeschriebenen Zeremonien pünktlich beobachteten. Es ist also, sollte man meinen, eine rein innere Angelegenheit der Religion der Liebe, die uns Juden gar nichts angehen sollte. Und doch ist die Inquisition in Spanien hauptsächlich zur Verfolgung der Juden eingeführt worden, Juden waren ihre meisten Opfer, und von ihr erzählend, können wir, wie Virgils Aeneas sagen: Quorum pars magna fuimus. Oder 'sollten wir nicht eher sagen 8 u m u s? Denn ganz aufgehört haben ja die Judenverfolgungen nicht. Verbrennungen, Verstümmelung und Marterung von Juden sind ja noch.in neuester Zeit vorgekommen, nicht zu reden von den Nadelstichen, Fußtritten u. dgl., mit denen man uns in einem Staate, in dem alle Bürger, „ohne Unterschied der

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