Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Llocb s MocbenscbrM. Seite 801 nun mal nicht gesorgt wird, daß von je 30 Millionen die Akademien der Wissenschaften u. ä. am Ende immer ein paar entbehren können, mit denen dann zur Lösung des großen Judenproblems etwas getan werden könnte. Es ist doch nicht schön, den Mäcenas zu spielen — auf Kosten der armen Verwandten! Aufgaben einer jüdischen Apologetik. Von Rabbiner Dr. J. Eschelbacher in Berlin.*) Die Flut antisemitischer Schriften, die in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts zu grosser Stärke angewachsen war, hat sich allmählich wieder verlaufen. Auch die grosse Zahl spezifisch antisemitischer Zeitungen und Zeitschriften ist bis auf wenige zusammengeschmolzen. Dementsprechend erscheinen auch selten mehr gegen sie gerichtete jüdische Schriften. Die Widerlegung dessen, was die deutsch-sozialen und ähnliche Blätter an Angriffen gegen Juden bringen, wird von der Zeitschrift „Im deutschen Reich“, dem Organ des Zentral Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, und den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ ausreichend besorgt. Wir dürfen hoffen, dass wir für längere Zeit hinaus der unter allen Umständen bedauernswerten Notwendigkeit einer Literatur von Streitschriften enthoben sind. Sie waren zur Abwehr schmählicher und ungerechter Angriffe geboten, aber ihre hauptsächliche Wirkung lag doch nur in der Belehrung und Stärkung der Angegriffenen. Die Angreifer haben sie selten eines Besseren belehrt. Auch in weitere Kreise, die der Aufklärung durch sie wohl bedurft hätten, sind sie nur wenig gedrungen. Sie blieben fast durchweg vorübergehende Erscheinungen, die, so wertvoll vielfach ihr Inhalt auch sein mochte, von der Zeit, in der sie entstanden sind, auch wieder verschlungen wurden. Die grosse Aufgabe aber, der sie dienen wollten, ist geblieben, die Aufgabe der Apologetik, d. h. der Zurückweisung falscher Vorstellungen vom Judentum, seinen Lehren und Einrichtungen, wie von seinen Bekennern und ihrem Tun und Lassen. Damit verbunden ist auch die positive Aufgabe einer Darstellung von ihnen auf Grund zuverlässiger Tatsachen, einer richtigen Erfassung ihres Wesens und Charakters, einer sorgsamen Prüfung der Zeiten und Verhältnisse, in denen sie lebten und in denen sie weiter zu wirken haben. Ihre Geschichte und ihre Entwicklung, deren zeitliche Phasen und verschiedenartige Erscheinungen sind auf Grund einer gründlichen Kenntnis festzustellen und damit einem wirklichen Verständnis zu erschliessen. Während die Literatur der verschiedenen christlichen Konfessionen reich an apologetischen Werken ist und in jeder theologischen Fakultät ein besonderer Vertreter diese Disziplin doziert, besitzt das Judentum nur vereinzelte Schriften apologetischen Inhalts und keinerlei systematische Darstellung des Gegenstandes. Aus der alten Zeit ist keine Schrift dieser Art vorhanden. Erst die hellenistischen Juden haben gegen die Angriffe der Egypter, Griechen und Römer ihre Verteidigungsschriften geschrieben. Die bedeutendste derselben ist die Schrift des Josephus Flavins gegen Apion, oder, wie er sie nennt, „lieber das Alter des jüdischen Volkes“. Sie hat nicht nur ihren grossen geschichtlichen und archäologischen Wert, sondern ist überhaupt eine der besten Schriften, die je geschrieben wurden, um Nicntjuden ein Bild vom Judentum zu geben. Aber sie ist in dieser Beziehung auch nahezu die einzige gehlieben. Die Verhältnisse, in welche die Juden in ihrer Zerstreuung unter verschiedenen Völkern und Religionen kamen, Hessen das Bedürfnis nach apologetischen Werken nur in beschränktem Umfange auf kommen. Sie lebten zumeist in abgeschlossenen Kreisen, in einer eigenen Welt, in der für die Gläubigen der Nachweis der Wahrheit ihrer Religion nicht notwendig war. Und ausserhalb derselben Anhänger zu gewinnen, war für sie ausgeschlossen. Dagegen wurden sie allmälig durch die Angriffe der grossen herrschenden Religionen zur Abfassung von Schutz- und Verteidigungsschriften gezwungen. So hatten sie dem Christentum gegenüber nachzuweisen, dass die von diesem auf Jesus und die Dreieinigkeit gedeuteten Stellen der heiligen Schrift nach ihrem Wortlaute sich auch anders deuten Hessen, dass also die Juden mit ihrer Ablehnung des Christentums nicht hartnäckige Leugner offenbarer Wahrheiten seien. Sie hatten den Talmud und ihre Gebetbücher gegen die Vorwürfe zu verteidigen, dass sie boshafte Schmähungen gegen Christus und die Christen enthielten. Sie hatten endlich sich selber Jahrhunderte hindurch gegen die Verleumdungen zu schützen, dass sie Brunnen vergifteten, Hostien an sich brächten und durchstächen, um ihren Hass gegen Jesus zu befriedigen, und das Blut von Christenkindern für die Bereitung ihrer Mazzos brauchten. *) Aus dem „Korrespondenz-Blatt des Verbandes der Deutschen Jaden“, Oktober 1908. Auf diese Punkte mussten sie im wesentlichen ihre Darlegungen beschränken und auch dabei noch nur die Angriffe abwehren. Erwidern durften sie solche nicht und selbst in der Verteidigung mussten sie jedes kräftige Wort und jede Wärme in der Aussprache ihrer Ueberzeugung unterlassen. Mit stumpfen Waffen gegen starke, rücksichtslose Gegner sich wehren zn müssen, ist eine schwierige und widerwärtige Aufgabe. Die Juden gingen ihr möglichst ans dem Wege. Darum ist auch diese Art jüdischer Apologien an Zahl wie an Umfang gering. Und während die bibliotheka hebraea von Johann Christian Wolff (1733) anf vielen Seiten die gegen die Juden gerichteten Schriften, darunter dicke Quartanten und Schriften mit solch lieblichen Titeln wie „Abgestreifter jüdischer Schlangenbalg“, „Feuriges Drachengift und jüdische Ottergalle“ aufzählt, umfasst das Verzeichnis der jüdischen Schutzschriften, wie auch der das Christentum kritisch beleuchtenden Schriften verhältnismässig wenige Nummern und durchweg recht kleine Schriften. Auch von ihnen sind nur wenige, inhaltreichere oder geistvoll satirisch gehaltene ausserhalb des engen Kreises der Bibliographen bekannt geworden. Die meisten, die gedruckten, wie die nur handschriftlich vorhandenen, ruhen wohlgeborgen in der Stille friedlicher Bibliotheken. Eine viel stärkere literarische Bewegung apologetischer wie polemischer Art entwickelte sich mit dem Auftreten Mendelssohns und den Kämpfen der Juden um die Erlangung staatlicher Rechte. Sie gewann sodann eine neue unerwartete Ausdehnung, als mit den Siebziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen ihre kaum errungene politische Emanzipation eine heftige Reaktion sich entwickelte, die in einer Fülle von gegen die Juden gerichteten Schriften sich entlud. Die früheren, längst als überwunden erachteten Anklagen wurden wieder erhoben und neue hinzugefügt, die sich jedoch weniger gegen die Religion des Judentums, wie gegen den Charakter von dessen Bekennern richteten. Sie erstreckten sich auf die körperlichen, wie auf die geistigen Eigenschaften der Juden, auf ihre Rasse und Abstammung, ihre Geschichte und Kultur, ihre sozialen und ihre Erwerbsverhältnisse, ihre Befähigung und ihre Leistungen auf den verschiedenen Gebieten der menschlichen Tätigkeit, insbesondere anf dem Gebiete des Handels, der Politik, der Presse und Literatur, der Kunst und Wissenschaft. Dadurch ist eine Reihe neuer Fragen aufgeworfen worden, die eine jüdische Apologetik zu beantworten hat. Und dass wir eine solche dringlich brauchen, bedarf keines längeren Nachweises. Vorurteile und falsche Vorstellungen von uns herrschen nicht nur in der spezifisch antisemitischen Partei und in den unteren Volksklassen, sondern in weiten Kreisen der Gebildeten und Aufgeklärten, bei den Politikern, wie bei den Männern der Feder, bei denjenigen, die über unsere Angelegenheiten zu entscheiden haben, wie bei denen, welche die öffentliche Meinung bestimmen und beherrschen. Und auch in unseren eigenen Reihen treten sie uns nicht selten entgegen, insbesondere bei manchen Angehörigen des jüngeren Geschlechtes, die vom Judentum wenig gelernt und vom jüdischen Leben nicht viel gesehen haben. Ihre Unkenntnis und Entfremdung nimmt ihnen von vornherein den festen Halt, welchen die dem jüdischen Leben Näherstehenden in ihrer Kenntnis des jüdischen Schrifttums und noch mehr in ihrer eigenen Erfahrung und ihrer warmen Empfindung für das Judentum mit seinen Licht-, wie mit ihrem besseren Verständnis auch für seine Schattenseiten haben. Sie macht sie auch empfänglich für die Annahme falscher und gehässiger Behauptungen, wie sie so häufig gegen uns ausgesprochen werden. Es ist bekannt, dass die antisemitischen Broschüren und Zeitschriften einen grossen Teil ihrer Leser und Käufer gerade unter den Juden gefunden haben. Viele trieb dazu die Neugierde, andere aber der Wunsch, das Judentum auch aus den Anschauungen seiner Gegner kennen zu lernen. Sie glaubten durch das Anhören beider Parteien zu einem objektiv richtigen Urteil gelangen zn können. Sie konnten bald erkennen, dass in der grossen Mehrzahl der antisemitischen Schriften ein blinder und roher Hass sich aussprach und dass sie einen vollständigen Mangel an Einsicht und Rechtsgefühl offenbaren. Viel weniger aber konnten sie erkennen, welch eine dreiste Unwissenheit sich in ihnen breitmachte und nur die wenigsten haben es erfahren, welch eine gewissenlose Unwahrhaftigkeit sich dort vielfach ungescheut entfaltete, der keine Verdrehung und Entstellung zu gross war, die die Beweise für ihre Behauptungen aus der Luft griff, reine Phantasiegebilde für erwiesene Tatsachen ausgab, um die aktenmässig beglaubigte Widerlegung derselben sich nicht kümmerte, sie zunächst totschwieg, um dann nach einiger Zeit die jetzt offenkundige Lüge wieder vorzubringen. Calumniare audacter semper aliquid haeret. Diese Maxime der böswilligen Verhetzung ist den Juden gegenüber mit einem Erfolge gehandhabt worden, mit dem deren Urheber zufrieden sein können. Es ist viel hängen geblieben von halb und ganz Unwahrem, von Niedrigem und Gemeinem, von Gehässigem und Verbitterndem. Getrübt sind vieler Augen, wenn sie auf die Juden blicken und selbst das Gute, das an diesen nicht zu verkennen