Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 800 Sr. Llocb s Mocvenscdrtrr. Nr. 46 erfordert und daher bis zur Eröffnung des gegenwärtigen Landtages nicht abgeschlossen werden konnte. Sobald dies jedoch geschehen sein wird, was für die nächste Zeit zu erwarten ist, wird sich der Landesausschuß mit der Abfassung und Zusammenstellung eines Fragebogens für eine zusammenzutretende Enquete befassen und an die Einberufung derselben schreiten. Erst auf Grund des Ergebnisses der Verhandlungen dieser Enquete und nach erfolgter ordnungsmäßiger Begutachtung ihrer Anträge wird der Landesausschuß unverzüglich Verhandlungen mit der k. k. Regierung einleiten und dann dem hohen Landtage seine Anträge unterbreiten." Staunend muß man sich gestehen, mehr Heuchelei in eine parlamentarische Jnterpellationsbeantwortung hineinzulegeu, wäre selbst einem leibhaftigen Tartuffe nicht möglich. Man beachte nur etwas näher diese breitspurig-bureaukratische Behandlung eines Antrages, der dem markerschütternden Verzweiflungsschrei hunderttauseuder Unglücklicher gerecht werden soll: Unser Volk darbt! Unser Volk verhungert! Darauf weiß ein hoher Landtag kein anderes Mittel, als einen hochwohlweisen Landes-Beschwichtigungs-Hämorrhoidarius zum Sachwalter der verelendenden Massen zu bestellen. Und dieser braucht über 19 Monate, um die hohe Bedeutung seiner Mission zu erkennen. Folgen wir nur ein klein wenig dem Gestrüpp von Ausflüchten, mit dem er „die Lösung des Problems" umgibt. Sollte er nach weiteren 19 Monaten wieder interpelliert werden, warum die Sache nicht vom Flecke komme, so braucht er nur eine jener nichtssagenden Phrasen aufzuwärmen, deren er sich, in weiser Voraussicht des Kommenden, ein ganzes Lager zurecht gelegt hat. So z. B. wird man es nur selbstverständlich finden, wenn der Laudesausschuß zur „endgiltigen Aufarbeitung des gesammelten Materials" etwa weitere 19 Monate, zur „Abfassung und Zusammenstellung eines Fragebogens", „Einberufung der Euqüeti" und all den übrigen Progrämmpünkten, die sich schier ins Endlose dehnen lassen, immer wieder die gleiche Frist brauchen sollte. Die herrschende Kaste — nenne man sie Schlachta, Allpolen oder sonstwie — kann ja warten, bei Diäten, Sinekuren und allerlei abwechslungsreichen Sporteln verfließt die Zeit ebenso rasch wie angenehm. So wartet man schön ruhig Neuwahlen ab und läßt sich von denselben hungernden und verkommenden Massen wieder wählen. Zu was hätte man auch eine eigene Wahlpflicht, die Pflicht nämlich, die vom Wahlkomitee bestimmten Personen und keine anderen zu wählen, mögen sich die Wählermassen dagegen noch so stemmen und die Wiener Regierung zu Hilfe rufen. Die Gewählten bleiben doch nur die Auserwählten. Der Bien muß. Der Wien auch! Wien, 6. November 1908. Narziß Feuerstein. Vom Aabrmarkrt des Lebens. Getaufte Juden! Einem bemerkenswerten Aufsatze des bekannten Vorkämpfers gegen die Taufbewegung, Rabbiners Dr. F. Goldmann-Oppeln, bemerkenswert auch deshalb, weil er im maßgebenden Organ der deutschen Katholiken, der „Kölnischen Volkszeitung", erschien, entnehmen wir folgendes: Es ist einmal notwendig, die ernsteste Aufmerksamkeit der gläubigen Christenheit auf eine Erscheinung hinzuweisen, die bisher allgemein als selbstverständlich hingenommen wurde und die so charakteristisch für das Preußen unserer Tage ist, in allen Zweigen der Verwaltung und der Justiz, auf dem Katheder in Hoch- und Mittelschulen, ja, selbst im Heere findet sich eine hohe Anzahl von getauften Juden, und es scheint demnach, als ob dem preußischen Staate etwas ganz Besonderes daran liege, getaufte Juden systematisch in Stellungen autoritativer Natur hineinzubringen. Man. hatte nicht das Recht, in dieser Tatsache irgend eine Gefahr zu erblicken, wenn man überzeugt sein könnte, daß.der Uebertrilt stets aus tiefinnerster Herzensüberzeugung erfolgte. Es ist jedoch eine allgemein bekannte Tatsache, daß in fast allen Fällen die Taufe aus dem rein materiellen Grunde der besseren Karriere vorgenommen wird, ohne daß der Uebergetretene der neuen Religion etwas anderes entgegenbrächte, als das zynische Lächeln, mit dem er die alte von sich gestreift hat. Es ist nur natürlich, daß Leute, die ihre eigene Religion verleugnet und Priester, sowie Anhänger einer anderen in zynischem Gleichmut betrogen haben, mit Verachtung und Spott auf alles Religiöse herabsehen werden. Kaum sind sie aber äußerlich übergetreten, so dürfen sie in Verwaltung und Justiz, in Schule und Heer mit ihren unsittlichen Prinzipien frei schalten, dürfen mit ihren für die Religion destruktiven Tendenzen die weitesten Schichten von ihren leitenden Stellen aus beeinflussen und verseuchen. So bilden sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr, indem sie alle, die mit ihnen in Berührung kommen, ihrem Einfluß, dem Einfluß des egoistisch und materialistisch gesinnten, rücksichtslosen Strebertums, untertan zu machen versuchen und so allmählich das Vertrauen des gesunden Volkssinnes zu jenen Autoritäten, als deren Vertreter sie anzusehen sind, völlig untergraben. Ein gutes .Beispiel bietet nach dieser Richtung hin der politische Liberalismus. Wenn heutzutage kein aufrichtig religiöser Christ oder Jude dem parteioffiziellen Freisinn irgendwelches Vertrauen schenkt, so liegt das im Grunde größtenteils daran, daß dort der getaufte Jude und sein Einfluß dominiert. Wohin soll es nun kommen, wenn in Verwaltung, Justiz und Schule Männer an leitender Stelle stehen dürfen, die aus Mangel an sittlichen Grundsätzen mit den religiösen .Empfindungen von Christen und Juden ein frivoles, gottlästerliches Spiel treiben? Ist es nicht geradezu ein Hohn, wenn ein Richter einen armen Teufel verurteilt, der, durch Not vielleicht getrieben, die Heiligkeit des Eides nicht beachtet hat, während er selber vier Wochen vorher aus weit niedrigeren Motiven dasselbe Verbrechen begangen hat? Muß es nicht allmählich dahin kommen, daß der ehrlich religiöse Jude und der ehrlich religiöse Christ das Vertrauen zu Autoritäten verlieren, deren einzelne Glieder sich über die jeder positiven Religion eigenen, moralischen Grundgesetze kühl und lächelnd hinwegsetzen dürfen? Der Faktor nun, der an den geschilderten Zuständen die Hauptschuld trägt, ist bereits genügend gekennzeichnet. Nicht der Staat selber, aber viele seiner ausübenden Organe sind die indirekten Förderer der Gewissenslosigkeit. Ein reichhaltiges Material liegt vor, das da zeigt, wie in Hunderten von Fällen Staatsbeamte so wenig Achtung vor religiösen Gefühlen haben, daß sie jüdischen Bewerbern offen den äußerlichen Uebertritt anempfehlen und über geäußerte Gewiffensbedenken lachen. Als Zeichen der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts steht demnach fest, daß für den preußischen Staat der tief innerlich religiöse und gliubenstreue Jude minderwertig ist. Sobald ein Jude aber öffentlich dokumentiert hat. daß er in Wahrheit ein gewissenloser, Msittlicher Charakter ist, der die heiligsten, religiösen Güter der Menschheit frivol mißachtet, wird er dadurch würdig, die Staatsa'utorität dem Volke gegenüber in angemessener Weise zu vertreten? Hier müßte Wandel geschaffen werden." Bom.Zionismus. Der Präsident des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation, Herr Wolffsohn, begab sich anfangs letzter Woche mit Herrn N. Sokolow nach Paris, wo er mit Herrn I. H. Kann-Haag und Herrn Direktor N. Katzenelsohn-Libau eine Zusammenkunft hatte. Die Herren benutzten diese Gelegenheit, um in Anwesenheit der Herren Dr. Max Nordau und Dr. Alexander Marmorek und der aus London eingetroffenen Herren I. Cowen und I. L. Greenberg die durch die gegenwärtigen Ereignisse gegebene Lage nach allen Richtungen gründlich zu erörtern. Ueber die Ergebnisse dieser Beratungen verlautet einstweilen noch nichts, so daß alle bisher zirkulierenden > Srüchte auf bloßen Vermutungen beruhen. Eine Erbschaft. In Brüssel ist vor einigen Wochen der jüdische Bankier Samson gestorben, der sein gesamtes Vermögen im Betrage von 30 Millionen Francs der Berliner Akademie der Wissenschaften vermacht hat. Die Presse, auch die jüdische, hat von der Tatsache kaum kurz Notiz genommen, als ob das so selbstverständlich wäre, daß ein jüdischer Millionär heute gar keine näher liegenden Pflichten habe wie die Unterstützung der kgl. preußischen Akademie der Wissenschaften. Uns scheint dieser Fall besonders geeignet, den noch lebenden jüdischen Millionären zum Bewußtsein zu bringen, daß es in ihrer näheren Verwandtschaft noch so viele Bedürftige gibt, für die von nichtjüdischen Millionären