Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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«eite 792 E» LLocd s VWscdensLvrrn. Nr. 45 Und da kam ich auf die Idee, daß es für uns Beide eine besondere Gnade Gottes wäre, wenn unsere Kinder zu ewigem, glücklichem Bunde sich die Hände reichen würden. Ich verlange von Ihnen keine bindende Antwort, die Sie auch nicht geben könnten, ich erbitte mir nur von Ihnen strengste Verschwiegenheit Jedermann, auch Ihren Kindern gegenüber; denn nur dann kann ich den Erfolg verbürgen, wenn niemand eine Ahnung davon hat, was ich anstrebe. Sie wisse«, liebe Frau Rabbinerin, ich habe Feinde und die Wahl Ihres Sohnes wäre zweifellos unmöglich, wenn man nur vermuten würde, daß ich aus selbstsüchtigen Zwecken ihm meine Unterstützung angedeihen lasse. Schließlich will ich bemerken, daß ich meiner Tochter zwanzigtausend Kronen Mitgift gebe; übrigens gehört ja ihr alles, was ich besitze — es ist ja mein einziges geliebtes Kind! Also nochmals strengste Diskretion — in Ihrem eigenen Interesse!" Die Rabbinerin erwiderte nichts, aber sie gelobte sich selber tiefste Verschwiegenheit, denn wenn Gustav von dem Anträge etwas erfährt, so wäre Alles verloren — aus der Hand Steigers würde er um keinen Preis die Stelle annehmen, am wenigsten aber die Hand seiner Tochter, von der man auch so mancherlei munkette — die Besuche des Leutenants waren zu häufig und zu auffällig. Endlich nahte der Tag der Entscheidung. Die Gemeinde mußte schlüffig werden und der Präses berief den Vorstand zur Sitzung ein, der aus dreißig Mitgliedern bestand. In Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes, der auf der Tagesordnung stand, waren sie Alle gekommen. Dr. Schwarz erö,snete die Sitzung mit folgender Ansprache: „Meine Herren! Im Sinne unseres Beschluffes haben wir zur Besetzung des erledigten Rabbinatssitzes drei Kandidaten zur Abhaltung einer Probepredigt berufen, die Herren haben unserer Einladung Folge geleistet. Der Zweck unserer heutigen Sitzung ist demnach, darüber schlüssig zu werden, welchen der drei Kandidaten wir der Gemeinde zur Wahl Vorschlägen sollen." „Keinen von den Dreien," rief Steiger. „Was heißt: Keinen?" „Seemann." „Deutsch." „Nicht Einen!" so tobte es durcheinander, so daß der Präses die Glocke zn Hilfe nehmen mußte, um die Ruhe herzustellen. „Ich bitte, meine Herren, ich bin noch nicht zu Ende." „Bevor wir einen Beschluß fassen, halte ich es für meine Pflicht, Folgendes zu Ihrer Kenntnis zu bringen. Der Schwiegervater des Kandidaten Deutsch, Herr Wilhelm Weinstein, hat sich mir gegenüber erbötig gemacht, zehntausend Kronen zum Neubau für unsere Schule und zehntausend Kronen als Stiftung für die Armen der Gemeinde zu übergeben, im Falle sein Schwiegersohn gewählt wird." „Er soll sich sein Geld behalten!" „Wir brauchen sein Geld nicht." „20.000 Kronen ist viel Geld." „Wir verkaufen uns nicht!" So stürmte es durch die Versammlung und wieder mußte die Glocke ihre Pflicht tun. „Nun wollen wir über jeden einzelnen Kandidaten beraten und abstimmen. Ich proponiere Ihnen aber folgendes: Nachdem jeder von Ihnen die . Reden angehört und sein Urteil bereits sich gebildet hat, so halte ich es nicht für opportun, die etwaigen Mängel und Schwächen der einzelnen Kandidaten hier iu öffentlicher Sitzung darzulegen, gleichsam eine Vivisektion hier vorzunehmen, denn wenn diese Kundgebungen in die Oeffentlichkeit dringen, kann es den Herren nur von Nachteil sein und schaden wollen wir ihnen doch nicht.' Stimmen wir daher ohne jede Debatte über jeden einzelnen ab, und zwar im Sinne nuferer Statuten geheim." Der Antrag wurde angenommen, zum größten Leidwesen einiger, welche eine lange, wvhlgesetzte Rede vorbereitet hatten, aber fie waren in verschwindender Minorität und mußten sich fügen. „Wir schreiten nun zur Abstimmung", sagte der Präses, „gestimmt wird mit „ja" und „nein" schriftlich, und zwar zuerst auf Seemann, dann auf Kohn und schließlich auf Deutsch. Zur Leitung der Wahl delegiere ich: Dr. Pollak, Steiger und Schlesinger. Für die Zeit der Abstimmung suspendiere ich die Sitzung." Bei der Abstimmung erhielt Seemann zehn ja; bei Kohn ereignete sich der unerwartete Fall, daß er nicht eine einzige Stimme erhielt. „Ganz der Fall des Proßnitzer Rabbiners", sagte Doktor Schwarz vor sich hin. Aber die Umstehenden hatten es gehört und riefen: „Was war das für ein Fall? O erzählen Sie unS diesen Fall!" „Das paßt nicht, meine Herren, in den Rahmen einer Sitzung. Am Ende kommt die Geschichte auch ins Protokoll. „Aber die Sitzung ist ja suspendiert." „Das ist richtig", sagte Dr. Schwarz, der selber vor Begierde brannte, seine Geschichte an den Mann zu bringen. „Nun, stimmen Sie noch über Deutsch ab, dann will ich Ihnen dienen." Die Abstimmung ergab für Deutsch fünf Stimmen. „Wie Sie wissen", begann nun Schwarz seine Geschichte, „hielt Rabbiner Kohn es für angezeigt, jedes Haus zu besuchen und jeder einzelne gab ihm das Versprechen, ihn zu wählen und den Erfolg haben wir nun erlebt. So erging es einst dem Rabbiner in Proßnitz. Nun will ich Ihnen aber sagen, wer der Mann war. Rabbi Wolf Boskowitz, der würdige Sohn des weltberühmten Verfassers des „Machzis-Haschekel" und selber Verfasser hochgeschätzter talmudischer Werke, wurde in Boskowitz im Jahre 1740 geboren und war Rabbiner in B.-Gyarmat, Kolin, Proßnitz und Bonyhäd. In Proßnitz war er einmal in die Lage gekommen, beim Gemeindevorstand um Gehaltserhöhung' einzukommen. Um des Erfolges gewiß zu sein, ließ er es * sich angelegen sein, jedes einzelne Mitglied des Vorstandes persönlich um die Unterstützung seines Ansuchens anzugehen. Jeder einzelne von ihnen gab ihm das heiligste Versprechen, sein Jawort für ihn abzugeben. Als aber die Sache zur Verhandlung kam, wurde er abgewiesen, und zwar einstimmig. Am darauffolgenden Sabath hielt er einen Vortrag in der Synagoge, in welchem er seinem berechtigten Unmute Ausdruck gab, und zwar in folgender Weise: „Es war einmal ein Schwerkranker, der durch die Hilfe Gottes und die sorgfältige Behandlung seines Arztes glücklich genesen. In seiner Rekonvaleszenz ward ihm die strengste Diät aufgetragen; er aber hatte einen Heißhunger und eines Tages richtete er an den Arzt die Frage: „Lieber Herr Doktor, dürfte ich nicht, schon ein weiches Ei essen?" .O ja." „Und ein bißchen Wein mit Zucker?" „Auch dagegen habe ich nichts." „Lieber, guter Herr Doktor, und ein Stückchen Semmel mit frischer Butter?" „Nun, ein kleines Stückchen erlaube ich Ihnen auch von dem, aber es soll wirklich nur ein kleines Stückchen sein." Am nächsten Tage kam der Arzt und zu seinem Entsetzen fand er den Kranken in hochgradigem Fieber. „Um des Himmels willen"! rief der Arzt, „was ist da geschehen? Was haben Sie gegessen?" „Was ich gegessen habe? — einen Pfannkuchen". „Einen Pfannkuchen! Wie haben Sie das gewagt? Wer hat Ihnen das erlaubt?" „Wer mir das erlaubt hat? Sie, Herr Doktor!" „Was, ich hätte Ihnen das erlaubt? Sind Sie von Sinnen? Oder phantasieren Sie in Ihrer Fieberhitze?" „Aber, lieber Herr Doktor, haben Sie mir nicht'erlaubt: ein weiches Ei, Wein mit Zucker, ein Stückchen Semmel mit