Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Ne. 45 Seite 788 Dr. Mocv s Mocöenscbtitt. Handelt es sich doch nur um Juden! Auf der anderen Seite find diese letzteren in den verschiedensten Ländern durch Laxheit und Lauheit, sowie durch Machtlosigkeit an diesen unwürdigen Zustand gebunden und müssen, wenn sie durch Beruf oder aus anderen Gründen zu einer Reise nach Rußland gezwungen find, zu allerlei Auskunftsmitteln greifen, um über die Grenzen des rückständigsten aller Reiche ihren Fuß setzen zu können. Es ist ein trauriges Zeugnis für die Ohnmacht unserer Staaten, daß sie sich derlei Bexationen ihrer Angehörigen von Seite eines Landes bieten lassen, das ohne europäische Kultur und Zivilisation in dem Moraste seiner Unkultur längst untergegangen wäre; denn Rußland ist auf Europa mehr angewiesen als dieses aus jenes. Ist es denn nicht eine Schändung der Menschheit, eine Schändung der Ideen der Freiheit und des 'Rechtes, ein Niedertreten von Wahrheit und Ordnung, wenn man noch im zwanzigsten Jahrhundert in Europa einen Staat findet, der jemandem seine Grenze nur deshalb verschließt, weil er einer bestimmten Religionsgenossenschaft angehört!? Was die ruffische Regierung mit ihrer kleinlichen, schikanösen Maßregel bezwecken will, ist unergründlich, ebenso wie es unbegreiflich ist, warum dieselbe ihren jüdischen Untertanen große Distrikte, viele Städte und Landschaften zum ständigen Aufenthalte verbietet. Doch dieses letztere ist eine interne Angelegenheit der Barbaren aus dem Stamme der Ruriks und Romanoffs und hier kann keine fremde Macht intervenierend eingreifen. Aber in dem Momente, wo die zügellose ruffische Willkür sich an den Prägorativen des Auslandes vergreift, sollte sich dieses seiner Würde doch bewußt sein und der ruffischen Niedertracht ein energisches und vereinigtes Veto entgegenstellen! Daß dem leider nicht so ist, ist ein Beweis von der geringen Achtung, den die Verwaltungen der sogenannten zivilisierten Länder ihren jüdischen Untertanen entgegenbringen. Die Gleichberechtigung der Völker fordert ja auf der anderen Seite auch gleiche Pflichten, ohne Unterschied der Konfession. Da wäre es denn nun am Platze, wenn man endlich einmal von Rußland die Freizügigkeit der jüdischen Reisenden fordern würde, und zwar auf Grund des allgemein anerkannten Prinzips der Gegenseitigkeit. Wie bereits erwähnt, fordert der russische Konsularbeamte die Beibringung eines Taufscheines zum Reisepaß. Im Besitze des ersteren ist man in seinen Augen ein ehrlicher, unverdächtiger Mensch, dem der Eintritt in das Zarenreich ohneweiters gestattet werden darf. Der berüchtigte, seinerzeitige Generalkonsul in Wien, Herr von Gubastow, gab jüdischen Petenten direkt den guten Rat, sich taufen zu laffen, wenn sie nach seinem Vaterlande reisen wollten. Jüdischen Geschäftsleuten, die sich mit einem Attest ihrer Handelskammer als Beauftragte von protokollierten Firmen zu einer sechswöchentlichen Tour nach Rußland auswiesen, sagte er wörtlich: „Wozu kommen Sie mir immer mit Ihrem Handelskammerzettel? Nach Moskau und Rostow und nach anderen Orten dürfen Sie ja doch nicht; treten Sie einfach zu unserer Kirche über, den Popen und das Weihwasser haben wir zur Hand, und Sie können hinüberfahren, so oft Sie wollen und sich an allen Orten ungehindert aufhalten." Darauf erwiderte dem Renegatenpflanzer ein Exporteur vom Neubau in Wien: „Glauben Sie, Herr Generalkonsul, daß ich durch Ihren Popen und Ihr Weihwaffer oder durch den Taufschein eines Geistlichen morgen ein anderer geworden bin, als ich es heute war? Aendert denn jene manuelle, flüchtige Proselytenhandlung an dem inneren Wesen, an der Denkungsweise, am Charakter, am geschäftlichen und privaten Gebühren, an der religiösen und profanen Weltanschauung im Mindesten etwas? Meiner Meinung nach, Herr Generalkonsul, befinden Sie sich in einer Täuschung, wenn Sie glauben,, daß Sie durch jenen Wisch einen ganz anderen Menschen vor sich haben, als Sie ihn gestern hatten." Dieser Kaufmann, hat wohl den Nagel auf den Kopf getroffen, als er dem berüchtigten Gubastow diesen sozial-religiösen Spiegel vorhielt; aber geändert ist dadurch nichts worden, denn nach wie vor verlangt die russische Konsularbehörde den Taufschein oder in Ermanglung eines solchen die Bestätigung der betreffenden Handelskammer, daß der Petent Mitglied einer protokollierten Firma sei, in deren Auftrag er geschäftlich reise. Aber auch in diesem Falle wird nur für eine bestimmte Zeit gegen seinerzeitigen Erlag einer hohen Gildensteuer die Bewilligung zum Eintritt in das Reich erteilt und auch da nur mit Ausschluß gewisser Städte und Ortschaften. Wer nicht Kaufmann ist, kann einfach nicht hinüber, es wäre denn, daß ihm mächtige Protektionen zur Seite stünden, wobei auch hier dem Reisenden alle möglichen Beschränkungen auferlegt werden. Vor kürzerer Zeit gelang es einigen französischen und deutschen Ingenieuren jüdischer Konfession, bei den sibirischen Bahnen als Spezialtechniker, auf die der Betrieb angewiesen war, unterzukommen. Nach Ablauf der Paßgiltigkeit und der Aufenthaltsbewilligung forderte der Verkehrsminister von diesen Angestellten die Taufe, wobei er ein günstiges Avancement durchblicken ließ. Als einige derselben der Versuchung erlagen, versetzte sie der Minister, als Dank hiefür, nach weitentlegenen Stationen ohne das versprochene Avancement. Als sie sich darüber beschwerten, wurden sie einfach entlassen und per Schub bis zum Ural gebracht, von wo sie sich den Weg nach dem europäischen Rußland suchen konnten. Die Frau des einen, sowie die Tochter des anderen hielt aber der saubere Herr Verkehrsminister unter nichtigen Vorwänden und Beschuldigungen zurück, und als er sie dann freiließ, kann man sich denken, welche brutale Vergewaltigung die beiden Opfer auszustehen hatten und welche Strafe dem Tyrannen vom geflügelten Rade — nicht zuteil wurde! Seit einiger Zeit werden von europäischen Handelshäusern in Petersburg, Moskau, Odessa und Kiew Exportniederlassungen gegründet, an deren Spitze jüdische Beamte gestellt werden. Diese legen aber schon in der Heimat ihre Konfession ab, um russische Christen zu werden, was ihnen natürlich in ihrer geschäftlichen Mission außerordentlich förderlich ist. Daß ein derartiger Religionstausch unsittlich und Unmoralisch ist. läßt sich nicht leugnen und beweist aufs Neue, daß dieses auf Lug und Trug fußende russische Reich mit seinen unseligen Verordnungen und Gesetzen getäuscht sein will und daß es Lug und Trug geradezu züchtet. J. J. Petersburg. In Petersburg hat vor einiger Zeit Baron Ginsburg eine Akademie für semitische Sprachen und orientalische Kurse gegründet. Es wurden dreißig Studenten ausgenommen, von denen freilich die meisten das Wohnrecht in Petersburg nicht besaßen. Deshalb wandte sich Baron Ginsburg an den Premierminister Stolypin mit dem Ersuchen, diesen Studenten die Aufenthaltsberechtigung zu gewähren. Stolypin gab das Gesuch zur gutachtlichen Aeußerung an den Minister für Volksaufklärung, Herrn Schwarz. Dieser echte Russe mit dem deutschen Namen antwortete, daß eine solche Akademie wie die des Baron Ginsburg vom Standpunkt der Regierungsinteressen unerwünscht sei, weil sie zur Stärkung des nationalen Selbstbewußtseins der Juden beitragen könne. Der Premierminister hatte aber von den russischen Regierungsinteressen offenbar doch eine andere Meinung als sein baltischer, volksaufklärender Kollege und gab dem Gesuche statt. Nun werden also dreißig jüdische Studenten durch das Studium der orientalischen Sprachen die russischen Regierungsinteressen schädigen — schrecklich! Der offizielle Bericht über die jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien in Kanada. Dem soeben erschienenen Berichte des Einwanderungsdepartements an die kanadische Regierung entnehmen wir die folgenden Stellen: „Indem ich Ihnen hiemit einen Generalbericht über die jüdischen Kolonien im Westen unterbreite, beehre ich mich, mitzuteilen, daß in Manitoba, Saskatchewan und Alberta nur einige wenige jüdische Anfiedlungen bestehen. Die älteste jüdische Kolonie ist nördlich und südlich vom Qu'Apelledistrikt gelegen. Diese Kolonie wurde vor 15 Jahren gegründet und macht glänzende Fortschritte. Einige Kolonisten besitzen und bearbeiten heute schon ganze Landstriche. Sie haben alle modernen Wirtschaftsgebäude und eine bedeutende Anzahl lebenden Viehs. Besonders eine Kolonie hat für ihre Produkte bereits zweimal