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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 Vr. Zswcv's Mlsevensevrirr. Seite 787 Die Spaniolen in Bosnien find an konfessionelle Gleichberechtigung noch aus der Türkenzeit gewöhnt, sie würden es schmerzlich empfinden und als eine Einschränkung ihrer bisherigen Stellung betrachten, wenn sie jetzt, in der neuen Aera, zurückgesetzt würden. Es genügt nicht, zu sagen, daß die Juden in dieser oder jener Kurie gewählt werden können; die Juden wollen als konfessionelle Einheit gewürdigt werden, ebenso wie Muslims, Orthodoxe und Katholiken. Auch die Juden sind als Konfession zu zählen, wenn sich schon die Rechte nach Konfessionen teilen müssen. Die Juden haben sich bei wiederholter Gelegenheit verwaltungsfreundlich gezeigt und mußten deswegen einen schädlichen Boykott Andersgesinnter über sich ergehen lassen. Sw haben gerade von der Regierung die Geringschätzung nicht verdient, die man jetzt für sie vorbereitet. Allgemein werden Befürchtungen rege, daß der neue Kurs im Kielwasser konfessioneller Hockflut gehen wird. Es wäre sehr betrübend, wenn sich dies bewahrheiten und der Hochflut zu allererst die Juden entgegengestellt würden. Dies wolle Gott verhüten. Keineswegs würde es aber schaden, wenn maßgebenden Ortes ein Versuch der Beurteilung und Aufklärung versucht würde. Zur Lage der Juden in Rumänien. Der Vorsitzende des Hilfsvereines der deutschen Juden, Herr James Simon, hat infolge von aus Rumänien an den Hilfsverein ergangenen Anregungen an die Reichsregierung die Frage gerichtet, ob sie geneigt sein würde, auf der bevorstehenden Konferenz das Verhalten der rumänischen Regierung in bezug auf die laut § 44 des Berliner Vertrages übernommenen Verpflichtungen zur Sprache zu bringen. Das Auswärtige Amt hat erklärt, daß es zur Zeit nicht in der Lage sei, eine dahingehende Zusage zu geben, und diesen Standpunkt in folgender Weise motiviert: Soweit sich übersehen läßt, besteht bei allen Signatarmächten des Berliner Vertrages der Wunsch, das Programm einer eventuellen Konferenz auf diejenigen Fragen zu beschränken, die durch die politischen Vorgänge auf dem Balkan akut geworden find. Artikel 44 des Berliner Vertrages ist durch diese Vorgänge nicht berührt worden. Es muß ferner berücksichtigt werden, daß man deutscherseits jede Initiative bei Aufstellung des Programms für eine eventuelle Konferenz vermieden, dagegen aber bei den bisherigen Erörterungen aus schwerwiegenden politischen Erwägungen nachdrücklich den oben angedeuteten Standpunkt der Einschränkung des Konferenzprogramms vertreten hat. Deutschland würde daher gänzlich aus seiner Rolle fallen, wenn es jetzt eine Diskussion des Artikels 44 verlangen wolle. Diesem Standpunkt gegenüber mußte sich der Vorsitzende des Hilfsvereines der deutschen Juden. im Augenblick darauf beschränken, die Reichsregierung zu ersuchen, die Angelegenheit im Auge zu behalten und in Fühlung mit den andern Signatarmächten des Berliner Vertrages zu bleiben, an welche sicherem Vernehmen nach gleichartige Anträge gerichtet werden sollen. Die Verarmung der jüdischen Bevölkerung. Lemberg, 3. November. In der heutigen Sitzung erklärte Landesausschußbeifitzer Dr. I a h l in Beantwortung einer Interpellation der Abgeordneten Dr. Löwenstein und Genosten, daß der Landesausschuß auf Grund von Daten, die nunmehr gesammelt werden, die Ursachen der Verarmung der jüdischen Bevölkerung in Galizien eingehend prüfe und in dieser Angelegenheit eine En quete einberufen werde, um gemäß den Ergebnissen der Untersuchung mit der Regierung Verhandlungen einzuleiten. Bielitz. (B-B. israel. Handw erker verein.) Gestern nachmittags fand im Festsaale des israel. Gemeindehauses die übliche Bescherung der in der Pflege des Handwerkervereines stehenden Lehrlinge statt. Dem Gedanken des heurigen Jubeljahres Rechnung tragend, war damit auch eine kleine Kaiserjubiiäumsfeier verbunden. Warm zu Herzen gehende Töne fand der langjährige, hochverdiente Obmann des Vereines Herr Kestl, als er angesichts des geschmackvoll dekorierten Bildnisses des Kaisers den versammelten Lehrlingen diesen als das Müller aller menschlichen Tugenden darstellte. Pfl'chttreue, Beruf-freudipkeit und Gewissenhnfligk, it. die sich neben dem Edelmut und wabrer, echter Humanität io leuchtend in der Person unseres allgeliebten Monarchen v 'körpern. Tieie Eigenschaften mögen auch die Lchrlinge beseelen, damit sie dereinst nütz iche Kneder der menschlichen Gesellschaft werden und dem Vereine, dem gesamten Judentum und als tücht'ge Me'ster anch ihrem Stande zur Ehre gereichen. An der Türe des tüch'igen Handwerkers da gebt der Hunger vorbei. Diese Worte, sie verheizen den Lehrlingen den schönsten Lohn ihre- Strebens. Nach einer eindringlichen E Mahnung zur Gottesfurcht bringt Herr Kestl ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus, in das die Anwesendem allbegeistert einuimmten und das sein Echo in der Absiugung der Volkshymne fand. Zar Generalversammlung des Vereines erstattet Herr Kestl hierauf den Jah-esbe"'ä,i. nachdem er vorher alle Anwesenden, besonders Herrn Dr. Steiner sowie die in Vertretn g der beiden verreisten Kal'n^präsidenln, kaiserl. Rat S Pollak und H. Tugendhat, erschienenen H-rren herzlichst begrübt batte. Im olmel uf-ne» J.'vre verlor der V'rein drei ^witalieder. die Herren Albert und Josef Kraus und Frau Joiefine Hoffmann. Der Mitgliederstand beläuft sich auf 160, 130 in Bielitz und 30 i» Biala. Sechs L hrlinge wurden f eige'prochen und zwei Burschen, Hutmacher von Profession, auf Kosten des Vereines zur B-endignna ibrer Ausbildung nach Wien geschickt. Heuer hade der Verein 33 Lehrlinge tn Pflege. Seit ieinem Bestände w irden im ganzen 180 sreigesp-ochen, darunter vier Taubstumme. Mit Recht b.'mertt He'r Kestl» batte der Verein keine anderen Erfolge, die Begründung einer Existenz für diese vier Taubstummen, die der menschlichen Gesellschaft sonst zur Lastgefallen wären und von denen heute zum Beispiel einer als Werkmeister in einer Breslauer Schuhfabrik untergebracht ist, hätte die Vereinstätigkeit glänzend gerechtfertigt. Die Einnahmen betrugen 1242 Kronen, die Ausgaben 077 Kronen, so daß sich ein Saldo von 265 Kronen ergibt. Seit 28 Jahren konnte also heuer zum erstenmale an die Zurücklegung eines Notpsinnigs gedacht werden. Lauter Beifall der Anwesenden gab beredtes Zeugnis von der Anerkennung, die sich der Vereinsvorstand, besonders aber dessen hochverdienten, für die Vereinsintereffen und seine armen Lehrlinge nimmermüder Obmann Kestl verdient. N'ch einer kurzen Wechselrede sprachen Dr. Schmetterling und G.-N. Braunberg. letzterer namens des Kultusausichusfes und der Gemeinde, dem Oamanne und dem gamen Vorstände das Vertrauen und den Dank für sein menschenfreundl'ches Wiken und spricht den Wunsch aus, der Verein möge sich noch recht lange der Obmann» scheft des Herrn Kestl erfreuen, dem die Versammlung auch die Anerkennung durch Erheben von den Sitzen zum Ausdruck bringt. Den Abschlub der Versammlung bildet die unter Assistenz des Herrn Rosenbaum vorgenommene Verteilung der Gaben an die einzelnen Lehrlinge, in Form von Schuhen und Kleidern. Abends fand im Beisein des Gesamtvorstandes zu Ehren des Kaiserjubiläums eine Bewirtung der Lehrlinge statt. Czernowitz. (Landtagssitzung am Jomkippur.) Der Landtagsabgeordnete Dr. S t r a u ch e r interpellierte den Präsidenten des Landtages, indem er darüber Beschwerde führte, daß der Präsident den Landtag für den 5. Oktober, also an einem hohen jüdischen Feiertage, einberufen hatte und dadurch das Erscheinen der jüdischen Abgeordneten verhindert hat. Der Interpellant srägt, ob der Präsident dafür Sorge tragen will, daß der Landtag nicht mehr an einem hohen jüdischen Feiertage tagen werde. Der Präsident erklärt, daß die Einberufung des Landtages für den 5. Oktober eine zwingende Notwendigkeit war, es werde jedoch in Hinkunft Rücksicht auf die hohen Feiertage der Israeliten genommen werden. lieber das russische Paßwesen. Wie bekannt, muß jeder nach Rußland Reisende vor Antritt der Fahrt einen ordnungsgemäß ausgestellten giltigen Auslandspaß der betreffenden russischen Konsularbehörde seines Domizils zur Vidierung vorlegen, wofür auch eine Taxe von drei Rubel zu entrichten ist. Die erste Frage des amtierenden Beamten ist überall dieselbe stereotype: Wo ist der Taufschein? Ohne einen solchen wird nämlich kein Paß vidiert, denn es ist das Bestreben der russischen Regierung von jeher gewesen, nngetauften Reisenden, d. h. also Juden, den Eintritt in das Reich, wenn nicht ganz unmöglich zu machen, so doch auf das Unangenehmste zu erschweren. Daß diese speziell gegen das Judentum gerichtete ungerechte und harte Bestimmung eine Verletzung der Handels- und Staatsverträge bedeutet, ferner der gegenseitig gewährWsteten Freizügigkeit, ist eine ausgemachte Sache. Freilich kümmert sich Europa, mit Ausnahme des Königreiches Bayern und des kleinen Belgien, um diese flagrante Rechtsverletzung der russischen Machthaber ganz und gar nicht.

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