Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 784 Or. Llortz's Nr. 45 Die prächtig ausgestattete Schrift sollte am Jubeltage von den Religionslehrern aller Schulkategorien nach den Fe st gottesdien st en an alle braven Schüler und Schulerinnen verabreicht werden. Das wäre ein patriotisches, schönes Andenken an den unvergleichlichen Tag, den miterleben zu können jeder Oesterreicher und jeder österreichische Jude sich glücklich preisen sollte. vom Jahrmarkt des Lebens. Nietzsche und der Antisemitismus. Nene Briefe des Philosophen an Mutter und Schwester. Nietzsches Stellung zum Antisemitismus ist bisher nicht so gan; klar gewesen. Manche Stelle in seinen Werken deutet eine tiefe Abneigung gegen das Semitische an, so daß er von semen zeitgenössischen Antisemiten sehr gern als einer der Ihrigen reklamiert wurde. Bisher unveröffentlichte Briefe Nietzsches an seine Schwester und Mutter aus den Jahren 1887 und 1888. 'die in dem soeben erschienenen November Heft der „Nmen Rundschau" abgedruckt werden, präzisieren des Philosophen ablehnende Stellung gegen den damals in Deutschland stark zur Entwicklung gelangten Antisemitismus in unzweideutiger Weise. Nietzsches Schwager, Förster, war bekanntlich einer der Führer der damals noch neuen Bewegung, und ein Brief an seine Schwester, die mit ihrem Gatten nach Paraguay gezogen war, spricht gerade nichl von einer besonderen Vorliebe für den Schwager. Nietzsche, der in den Briefen an seine Schwester einen bald launigen, bald wehmütigen, immer aber zärtlichen Ton anschlägt und sie mit Vorliebe sein „Lama" nennt, schreibt: „Eine der größten Dummheiten hast Du. mein armes Lama, gemacht — für Dich und für mich! Deine Verbindung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus. die mich immer von n-uem mit Groll oder Melancholie erfüllt. Du sagst zwar, Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antisemiten geheiratet, und das ist auch richtig; aber in dcn Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben. Also um des Himmels Willen kein „Friedrichsland" oder „Fciedrichshof"! Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen „Lamaland" gebeten. Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für midi, nach Seiten des Antisemitismus vin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften tue. Man hat mich rn den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner, bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das schadet und geschadet hat, kannst Du Dir kaum vorstellen. Die g»samte deutsche Presse schweigt meine Schriften tot — seitdem! sagt Overbeck! Es erw ckt vor allem Mißtrauen gegen meinen Charakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, was ich im geheimen begünstige — und daß ich nichts dagegen zu tun vermag. daß in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name „Zarathustra" gebraucht wird, hat mich schon mehrere Mal beinahe krank gemacht. — Verzeihung! es ist unrecht Dir zu sagen und unbillig, das arme Lama für die Gesinnungen dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer „billig" gesinnt. Malvida schrieb mir einmal, daß ich gegen Zwei ungerccht wäre: gegen Wagner und gegen Dich meine Schwester. Warum wohl? Vielleicht weil ich Euch Beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, daß Ihr mich verlaffen habt? — Deshalb lies aus all meinen schlimmen Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, daß ich Dich verloren habe und daß Dem Name mit einer Partei in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein einziger gemeinschaftlicher Gedanke verbindet, mit welcher Du nichts zu tun hast." Sechs Monate später, im Mai 1888, schreibt Nietzsche wieder über dasselbe Thema etwas weniger leidenschaftlich: „Und hiermit berühre ich nochmals meine Stellung zum Antisemitismus oder zu den Antisemiten, für welche ich, da es unter ihnen so achtbare, tüchtige, Willensstärke Charaktere gibt, manches Günstige geltend machen kann. Das hindert aber nicht, nein, das bedingt vielmehr sogar, daß ich dem Antisemitismus, der so viel tüchtige Kraft vergeudet und vergiftet, den Krieg mache. — Aber bemerke wohl: wo ich geringschätze, mache ich keinen Krieg!" Minister Oskar Strauß über Zangwills neues Stück. Israel Zangwill, der gegenwärtig in Amerika weilt, erhielt vom amerikanischen Handelsminister Oskar S. S t r a u ß, der der Uraufführung von Zangwill's Drama „The Melting Pot" („Der Schmelztiegel") in Washington anwesend war, das folgende L chreiben : „Sie wollen meine Ansicht über das Stück „The Melting Pot" kennen, bei dessen Uraufführung im Columbia-Theater ich anwesend war. Es ist ein großes und besonders merkwürdiges Werk, denn es behandelt mit packenden Farben die dreifachen Beweqnngen unserer Tage, nämlich den Poarom in Rußland, das Einwanderungsproblem und den amerikanischen Amalgamicrungsprozeß. All das in diesem vieraktigen Drama darzustellen und das Publikum nicht zu erleuchten, sondern zur selben Zeit auch seine Aufmerksamkeit durch die großen dramatischen Qualitäten zu spannen, ist ein Beweis der großen Kraft des Genies. Das Stück spricht mit derselben Macht den Philosophen, wie den Staatsmann an, erweckt das Interesse des Amerikaners in gleichem Maße, wie den Neuangekommenen Einwanderer. . . . Das Drama ist^ein großes Monumentalbild, dem menschlichen Leben entnommen, und stellt mit packenden Farben eine wichtige Phase des Lebens und der Entwicklung der Menschheit, die sich vor unseren Augen abspielt, aber nicht von Vielen gesehen und nur von Wenigen verstanden wird, dar. Die Handlung ist wahr, die Charaktere wahrheitsgetreu und sie werden von einem Philosophen geschildert, der gleichzeitig einer unserer größten Schriftsteller ist. Es schien bisher unmöglich, die russische Tragödie und die Ideale des amerikanischen Patriotismus auf einem und demselben Bilde zu malen und das so glänzend ausgeführt zu haben, ist ein künstlerischer Erfolg des „Melting Pot". Eine englische Schriftstellerin über den Antisemitismus in Deutschland. Unter dem Titel „Made in Germany" finden sich in der jüngsten Nummer des „Jewish Exponent" (Philadelphia) die folgenden Ausführungen : Die Größe des modernen Deutschland wird allgemein so sehr seiner Vorherrschaft in der Verwaltungskunst, seiner militärischen Macht und seiner konstant anwachsenden kommerziellen und industriellen Eniwicklung zugesckirieben, daß die mehr persönliche und häusliche Seite des deutschen Lebens in unteren Tagen ganz übersehen wird. Diesen Mangel ersetzt zum guten Teile ein recht anziehendes Büchlein, das aus der Feder der Mrs. Alfred Sldgwick stammt und den Titel: „Privatleben in Deutschland" führt. Die Verfasserin ist von deutscher Abstammung und hat von vorneherein mehr Beziehungen zu ihrem Stoffe gehabt, als je ein vollends Außenstehender sich anzueignen in der Lage wäre. Man braucht in dem Buche nicht weit zu lrsen, um die Ansicht der Verfasserin über das Vorherrschen des Offizialismus und seine überflüfficie Beeinträchtigung der freien Bewegung in den meisten deutschen Städten zu erkennen. Der Erfolg zeigt sich in wunderbar regierten Städten, was Anständigkeit und Tüchtigkeit betrifft, überall, aber für Menschen, die an Anglo-saxonische Traditionen gewöhnt sind, wird die Regulierung des täglichen Lebens nach amtlichen Dekreicn und Ueberraschungen sehr unwillkommen und störend. Als Grund für den Fortschritt und das Aufblühen Deutschlands gibt die Verfasserin die wertvollen Eigenschaften des deutschen Volkes an. Abgesehen von der Treue und der anheimelnden Lebens- Philosophie des deutschen Volkes, besitzt es auch das beste Erziehungssystem der Welt. Seine Fehler sind mehr Auswüchse der nationalen Eitelkeit — eine Eitelkeit, die in vielen Beziehungen gerechtfertigt ist — die jedoch der Realisierung der schönsten Ideale der Kultur und der politischen Entwicklung entschieden hinderlich ist. Ein solches Buch kann natürlich über den deutschen Antisemitismus nicht stillschweigend hinweggehen. Die Verfasserin verbreitet sich auch über dieses Thema mit aller Ausführlichkeit. So gibt sie ein Gespräch wieder, das sie mit einem Freunde in Deutschland geführt hatte. „Ich bin, wie Sie wissen, extremer Antisemit", sagte ein Künstler, mit dem die Verfasserin eine Diskussion über deutsche Kultur hatte. „Ich bin jedoch tief überzeugt, daß das kein Zeichen von Kultur ist", antwortete ich entschieden. „Es ist überhaupt für nichts ein Beweis. Es ist ein Resultat. Nichtsdestoweniger habe ich die Beobachtung gemocht, daß wenn nicht die Juden, so gäbe es in Deutschland weder Kunst noch Literatur. Sie schaffen, schätzen und fördern sie und obgleich wir eine Verachtung der Juden affektieren, folgen wir ihnen unabänderlich wie die Schafe. Was sie bewundern, bewundern wir auch, was sie entdecken, dünkt uns gut. Aber — ich sagte Ihnen ja, ich bin Antisemit — obgleich sie das meiste Hirn haben im Landes so haben sie doch wenig Kultur. Einer von uns, der stupid ist, wie ein Ochs, und die meisten von uns sind dumm genug — hat ja mehr Kultur, aber er ist zu dumm, um seine Meinung der Menge beiznbringen."