Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 776 Dr. Lwcv's MocdenscbrLN. Nr. 44 Wie«. Die Volksrestauration des „Jüdischer Verein Einheit'^ II-, Floßgasse 9, ist in das dritte Jahr des Bestandes eingetreten. Mehr als Zweihunderttausend Mahlzeiten (ä 40 imd 30 Heller) wurden verabreicht und ebenso viele Male wurden -Kranke, Rekonvaleszente. Studierende, kleine Angestellte, überhaupt Meine Leute, die anderswo nicht essen können, gestärkt oder erhalten in ihrer Gesundheit. Welche Opfer an Geld, Zeit und Müffe die Erhaltung und Führung dieses Unternehmens erfordert, ist rrnbe-- schreiblich. Wer immer die Restauration besucht, ist voll des Loves und der Anerkennung. Ohne allgemeine Beteiligung ist jedoch die Führung derselben gefährdet und kann unseren wohltätigen Glaubensgenoffen nur warmstens ans Herz gelegt werden, den Verein zu fördern. Obmann des Vereines ist Herr Bernhard Hofbauer, I., Tuchlaubeu 20, an den Zuschriften und Geldsendungen zu richten sind. Austritte aus dem Judentum. Vom 18. bis 24. Oktober 1908. Bardach Alice, Private, geb. 2. April 1880, Wien, II., Ulrichgasse 1. Blatt Adolfine, Private, geb. 12. März 1875, Troppau, IV., Trappei - gasse 4. Brillant Olga, Private, geb. 1. November 1883, Wien, I., Salztorgasse 5. Brass Rosa, geb. 17. Juli 1893, Wien, derzeit Chrzanow, Galizien. Kraus Carolina, Private, geb. 17. November 1883, Qraslitz (Böhmen), 11., Czerningasse 15. Schwarz Rudolf, Universitätshörer, geb. 10. April 1888, Prag, 1., Zelinkagasse 6. Steinitz Bernhard, Studierender der Philosophie, geb. 20. Jänner 1888, Bielitz, (Oestexr.-Schlesien,) VIII., Schlösselgasse 18. Kremsier. Am 25. Oktober wurde Frau Rosa Bermann unter großer Beteiligung der Gemeindemitglieder und vieler Vereine im Alter von 84 Jahren zu Grabe getragen. Sie war eine fromme, bescheidene, anspruchslose Frau, die, ftüh verwitwet, ihre Kinder in Gottesfurcht und Menschenliebe erzogen hat. Dr. Fraukl-Grün hielt der Verewigten einen warmen Nachruf, in welchem er ihre Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit schilderte. Zwei ihrer Söhne, der k. k. Notar Dr. Julius Bermauu und der Advokat Dr. Alois Berumun, nehmen hervorragende Stellungen in Wien ein und stehen an der Spitze humanitärer Vereine. Berlin. Herr Oberkantor Oe st erreiche r, über dessen Wirksamkeit an der Berliner Synagoge Neckarstraße wir vor einiger Zeit berichteten, ist vor kurzem au die Synagoge Kleine Auguststraße berufen worden. Mit Bedauern sah der frühere Vorstand Herrn Oesterreicher scheiden, doch waren alle auf sein ferneres Verbleiben abzielenden Bemühungen erfolglos, da der Rixdorfer Polizeipräsident, in deffen Amtsterritorium die Synagoge liegt, dem Oberkantor als Ausländer die weitere Tätigkeit untersagte, was unter dem Drucke der inländischen. Kantoren geschehen mußte. Auch in seiner jetzigen Stellung findet Herr Oesterreicher allseitige Anerkennung und Verehrung, und tatsächlich ist es die bekannte Eigenart seines synagogalen Vortrages und sein vornehmes stimmliches Pathos, das in den Zuhörern Begeisterung erweckt. In Anerkennung seiner erfolgreichen Tätigkeit, die vom Rabbiner Dr. Stein in schwungvollen Worten gewürdigt wurde, überreichte der Vorstand beim üblichen Simchas-Thora-Bankette ein namhaftes Ehrengeschenk und wurde bei diesem Anlaffe der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Behörde seiner erfolgten Anstellung keine Schwierigkeiten bereiten werde.7 Korrstantruopel. Bei dem Kaimakam Chacham-Baschi Nahoum find Meldungen eingegangen, wonach die Jüden von Bagdad der Gegenstand fortgesetzter Angriffe sind, so daß sie ihre Häuser nicht verlassen können; es herrscht vollständige Handelsstocknng. Feuilleton. Eine Ral»t»i«rr«»ahl. Ein Kulturbild der Gegenwart von Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komarom. XI.*) Die Gemeinde erwartete mit Spannung' das Debüt des Kandidaten. Der Reichtum seines Schwiegervaters warf auch auf ihn seinen Glanz, und als Weinstein, zur Thora gerufen, einen solch namhaften Betrag zu Kultus- und Wohltätigkeitszwecken spendete, wie er seit Menschengedenken in P. nicht gespendet *) Aus Versehen ist Kapitel XII vor Kapitel XI erschienen. wurde, da sah man Deutsch, als er die Kanzel bestieg, mit ganz anderen Augen an, als seine Vorgänger. Der Reichtum/übt einen mächtigen Zauber aus,—einen reichen Rabbiner zu haben, ist eine gar seltene Erscheinung. Zudem munkelten die Leute von einer hohen Summe, welche der Schwiegervater es sich kosten ließe, — die Details wurden nicht bekannt, und so war Spielraum genug für verschiedene Kombinationen und wohl auch für — selbstsüchtige Wünsche gegeben. Deutsch wurde demnach mit besonderem Wohlwollen auf der Kanzel begrüßt. Und der Inhalt der Rede war auch wirklich vortrefflich. Er sprach von dem, wessen seine edle Seele voll war — von Menschenliebe und Wohltätigkeit (GemiluszChassodi m), es war das gleichsam eine Ergänzung der Rede Kahns, der Thora und A b o d a (Lehre und Gottesdienst) zum Thema gewählt hatte. (Bekanntlich lautet in den Sprüchen der Väter, I, 2) der Satz: Auf drei Dingen steht die Welt: Auf Thora, Aboda und Gemilusz Chassodim.) Der Redner sprach mit Begeisterung von dem weichen, warmen jüdischen Herzen, das eine unerschöpfliche Quelle des Wohltuns ist. „O, wie viel liegt nicht in dem kleinen hebräischen Wörtchen: Lew!" rief er aus. „Denken nennt die Schrift „ein Sprechen mit dem Herzen": Omar belibbo;' rühmt sie die hohe Weisheit des Weisen, so ist die Quelle ein weises und verständiges Herz (Könige I, 3, 12), preist sie die tiefen Forschungen des Denkers, so sagt sie: Groß sind die Forschungen des Herzens (Richter V, 16); spricht sie von weisen Gesetzen, so heißt es: „groß sind die Gesetze des Herzens" (ibid. 15); den Künstler nennt sie: chacham lev, einen Weisen des Herzens (II. B. M., 35, 10), den Tapferen den, der starken Herzens ist unter den Helden (Amos H. 16), die Kunst des Lehrens noszan b’libbö legt sie ins Herz (II. B. M., 35, 34), kurz alles, was das weite Gebiet der Gedanken und Gefühle umfaßt, was es Großes und Edles im Menschen gibt, alles strömt und fließt bei dem Juden aus dem Herzen." Er zitierte gar viele herrliche Midraschstellen, wunderliebliche Blumen und Blüten auf dem Felde der Menschenliebe und kam dann auf seinen Urgroßvater zu sprechen, den er als Musterbild des Wohltuns hinstellte. Er erzählte von ihm folgende recht nette Geschichte, die wohl nicht in den Rahmen einer Kanzelrede paßte, aber er hielt das Andenken seines großen Ahnen so heilig, daß er jede passende und wohl auch nicht passende Gelegenheit benützte, von ihm zu sprechen und seine Tugenden zu preisen. „Eines Tages," erzählte er, „stürmte seine Frau, meine gottselige Urgroßmutter, in sein Zimmer und fragte ihn in größter Aufregung, ob er nicht hundert Gulden aus > dem Kasten genommen habe." „Hundert Gulden! Wie kommen zu uns hundert Gulden?" „Und da mußte die arme Frau bußfertig ihm eingestehen, sie habe das Geld so sukzessive sich bei Seite gelegt, um es im Bedarfsfälle zu verwenden; es machen das alle Frauen so, fügte sie entschuldigend hinzu." „Und wo waren die hundert Gulden?" fragte der Rabbi. „Ich habe sie in ein Hemd gewickelt und das Hemd ist nicht da." „Ein Hemd? Ach ja, jetzt weiß ich schon, wohin die hundert Gulden gekommen sind. Soeben war ein armer Zugereister hier und bat um ein Hemd, denn er habe keines. Da öffnete ich den Kasten und gab ihm ein Hemd." „Den unverschämten Bettler, der mir mein schwer zusammengespartes Geld behält und es nicht zurückbringt, den muß ich herbeischaffen!" rief die Großmutter und wollte, davonstürmen. „Lass nur!" sagte ruhig der edle Rabbi. Diese hundert Gulden waren dem Armen von haschem borucli hu