Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 774 Dr. Lwcb s MsedeKscdrrrr. Nr. 44 aufopferungSfähig erwiesen wie irgend ein christlicher Junker. An den Befreiungskriegen nahmen 343 Juden teil, davon 263 freiwillig eingetretcne. An dem amerikanischen Sezessionskriege haben sich 688 jüdische Offiziere und 2257 jüdische Unteroffiziere und Gemeine beteiligt. In dem Kriege 1870/71 kämpften 4500 Juden, darunter 44 Offiziere, ohne die Stabsärzte und Offiziersstellvertreter. Davon wurden 446 Soldaten getötet und 373 erhielten Auszeichnungen. In den Nachbarländern, in Oesterreich, in Italien, sogar in Spanien sei der Perzentsatz der Juden in der Armee ein großer, nur Deutschland Marschiere Arm in Arm mit dem rückständigen Rußland. Von dem neuen Erlaß, daß ein Unterschied in der Konfession bei der Zulassung zum Offiziersexamen nicht mehr gemacht werden soll, verspricht sich der Referent nicht viel. Deshalb müffe man Weiterkämpfen unter der Devise der Hohenzollern, der Inschrift des Schwarzen Adlerordens: „8mun cuique!“ (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) An Stelle der verstorbenen Vorstandsmitglieder wurden Rechtsanwalt Beermann und v. Lassaolx, beide in Frankfurt am Main, gewählt. Die russische Judenverfolgung. Ueber eine schwere Niederlage Stolypins im Senat wird der „Russischen Korrespondenz" telegraphiert: Der russische Premierminister hat durch die Entscheidung des Senats in der Klagesache eines der Hauptführer der Schwarzen Hundert, des bekannten Hofgünstlings Grafen Konaownizyn contra Stolypin einen ausgesprochenen Schlag erlitten. Klagegegenstand war ein Zirkular Stolypins vom Mai 1907, das die Gouverneure angewiesen hat, bei Ausweisung von Juden aus dem Gebiet, wo sie nicht zu wohnen berechtigt find, wenn möglich Nachsicht walten zu lassen. Konaownizyn behauptet nun, er sei durch diesen Erlaß wegen der jüdischen Ausbeutung materiell und wegen der Gefahr eines Ritualmordes persönlich geschädigt. Die Verpflichtung der Gouverneure, alle Umstände zu prüfen, bietet dagegen keine Gewähr, weil die Gouverneure unzuverlässig seien. Der Kläger forderte die Aufhebung der allgemeinen ministeriellen Verfügung und gerichtliche Verfolgung des Premierministers wegen ungesetzlicher Anordnungen. Der Senat bezeichnete zwar den Kläger als unbefugt zu solchen Anträgen, erklärte aber seinerseits die Verfügung als ungesetzlich. Das Verhalten des Senats, der sonst ein willenloses Werkzeug der Regierung ist, gilt als Symptom für den Zusammenbruch der Autorität Stolypins in den obersten Kreisen der Regierung. In der Sache selbst bedeutet die Entscheidung neben einem Sieg eines berüchtigten Antisemitenführers die Ermunterung zu einem neuen Ansturm gegen die Juden. Jassy. Die Bewegung gegen die mittelalterlichen Formen des Judeneides dauert fort. Oberrabbiner Doktor Niemirower und Rabbiner Taubes haben etwa vierzigmal die Vornahme des Eides abgelehnt. Auch in Braila wird gegen diese Frage sehr gekämpft. Die Synagogenvorsteher Silberstein, Agent, Brociner rc.. die die Synagoge nicht zu diesem Zwecke öffnen wollen, erhielten Geldstrafen. Der Bene Brith-Orden, mit Dr. Stern (Bukarest) an der Spitze, machte alle Versuche, in dieser Angelegenheit zu wirken. Der Kaffationshof wird nächstens in dem Prozeß Niemirower in dieser Frage zu entscheiden haben. Der Rechtsbeistand des hiesigen Oberrabbiners ist der frühere Minister Dissescu, welchem Rumänien die Reform dieses Gesetzbuches zu verdanken hat. In allen Kreisen sieht man mit Spannung der Entscheidung dieser Frage entgegen. Dr. Beck und Dr. Niemirower planen einen Kongreß der rumänischen Rabbiner in dieser Frage. Ehrung eines jüdischen Physikers in Cambridge. Diese Woche fand in Cambridge die internationale Konferenz der Elektrotechniker statt. Aus diesem Anlasse hat die Cambridge-Universität den Professor für Physik an der Pariser Sorbonne, Gabriel Lippmann, zum Doktor honoris causa ernannt. Professor Lippmann wurde in Hollerich, Luxemburg im Jahre 1845 geboren, absolvierte das Gymnasium in Deutschland und wurde im Jahre 1875 in Paris zum Doktor promoviert. Schon in Deutschland widmete sich Professor Lippmann elektrotechnischen Studi.n, deren Ergebnis eine Anzahl wichtiger Erfindungen ist. Im Jahre 1891 erfand er die Farben-Photographie, die er durch eine neuerliche Erfindung im Jahre 1892 vervollkommnete. 1883 wurde er Professor für physikalische Mathematik an der Sorbonne und im Jahre 1885 Professor für experimentelle Physik. 1887 wurde er zum Mitgliede der Akademie der Wissenschaften erwählt. Professor Lippmann ist der Verfasser zahlreicher hochwissenschaftlicher Werke. Errichtung einer Lehrkanzel znm Andenken an einen jüdischen Arzt. In der letzten Plenarsitzung der medizinischen Fakultät an der Universität in Eincinnatti kam ein Brief der medizinischen Akademie derselben Stadt zur Verlesung, in welchem bekannt gegeben wird, daß die Akademie behufs Errichtung einer Lehrkanzel für Physiologie 100.000 Dollars widme, für den Fall, als die Leitung der Universität sich damit einverstanden erklärt, daß diese Lehrkanzel für ewige Zeiten den Namen „Dr. Josef Eichberg'sche Lehrkanzel" trage. Das Professorenkollegium hat den Antrag akzeptiert und beschlossen, das Standbild des verstorbenen Dr. Josef Eichberg in der Universitätsaula unterzubringen. Dr. Eichberg war der berühmteste Arzt von Eincinnatti, der sich sowohl durch seine Gelehrsamkeit, wie auch als Freund und Helfer der Armen im ganzen Lande unsterblich gemacht hat. Die jüdische« Matrosen in der amerikanischen Flotte. Die amerikanische Flotte, die jetzt auf ihrer Reise um die Welt begriffen ist, zählt auch 100 jüdische Marinesoldaten als Reisegefährten. Ein Teil derselben stammt aus den New-Iorker und Chicagoer Ghettos, die übrigen sind in den südlichen Hafenstädten und im Innern des Landes zu Hause. In den größeren Städten besuchten die jüdischen Marinesoldaten unter dem Kommando des Kapitäns A. M. Cohen aus Philadelphia die Synagoge. So wurde in Sydney, Australien, ein eigener Gottesdienst für sie veranstaltet und ihre dortigen Glaubensgenossen wetteiferten, die jüdische Garde zur See festlich zu bewirten. Die Juden werden in der amerikanischen Marine, der größten und bedeutendsten der Welt, sehr gerne gesehen und werden im Gegensätze zu den Matrosen im Allgemeinen als wohlerzogene, mutige und intelligente Leute gelobt. Zahlreiche Juden nehmen in der amerikanischen Marine hohe Posten ein. Roosevelts Kritik des Zangwill'scheu Dramas. Das Stück Israel Zangwill's „The elting Pot" (Der Schmelztiegel), das anfangs dieses Monates in Washington zur Uraufführung gelangte, hat in Amerika großes Aufsehen erregt. Noch Schluß der Vorstellung, welcher Präsident Roosebelt und Gemahlin, sowie sein Sekretär Loeb, Minister Oskar Strauß und andere hohe Staatsfunktionäre beiwohnten, ließ Roosevelt den Dichter zu sich rufen und sagte ihm vor allen Anwesenden: „Sie haben ein großes und tiefes Stück geschrieben!" Bei dem Bankette, welches Roosevelt zu Ehren Zangwills und seiner Frau am selben Abend gab, machte der Präsident der Vereinigten Staaten die Bemerkung, daß Zangwill an einer Stelle des Stückes gegen das amerikanische Volk ungerecht gewesen sei. In dem Stücke tritt nämlich auch ein Mädchen auf, das in England erzogen wurde. Ihre Mutter redete ihr zu, einen von seiner ersten Frau geschiedenen Mann zu heiraten. Das Mädchen will jedoch nicht einwilligen. „Das Gesetz verbindet und das Gesetz scheidet — sagt die Mutter. „Ich bin keine Amerikanerin", antwortet das Mädchen. „Wir halten die Ehe heilig!" Wegen dieser Stelle machte Roosevelt Zangwill gegenüber die Bemerkung, daß es nicht angehe, ein ganzes Volk anzuklagen. In Amerika seien die Ehescheidungen nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Man dürfe kein Präzedenz schaffen, wegen der Jmmoralität, die vielleicht in einzelnen Gesellsckaftsschichten herrsche, das ganze Volk vor der Oeffentlichkeit anzuklagen. Gerade weil das^ Stuck so viele jüdische Motive habe, bitte er den Dichter, diese stelle vollständig zu streichen, oder, wenn das nicht möglich wäre, wenigstens den Satz: „Ich bin keine Amerikanerin so umzuändern, daß er laute: „Ich gehöre nicht zu den obersten 400." Zangwill erklärte, wenn die öffentliche Meinung Amerikas gegen diesen Satz sei, so sei er bereit, ihn zu ändern. Ein jüdischer Ministerkandidat in Amerika. In Amerika wird schon stark an den Vorbereitungen zur Wahl der neuen Regierung gearbeitet. Wie aus New-Iork gemeldet wird, hat die republikanische Partei des Staates New- Ä)ork unseren Glaubensgenoffen Samuel S. König für den Posten eines Ministers des Innern im Staate New-Iork kandidiert Der künftige Minister, eine beliebte und populäre Gestalt in