Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 772 m* Mocd's Mocdenscvrln. Rr. 44 entgeltlich, ebenso wie derartige Armenplätze in den von der Gemeinde selbst errichteten Minjamin, an Arme verteilt werden. Im Allgemeinen ist die in jüngster Zeit über Gebühr aufgebauschte Angelegenheit der temporären Bethäuser oder Minjamin nicht, wie dargestellt wird, etwa ein Kampf der Gemeinde gegen dieselben, vielmehr, wenn überhaupt von einer Gegnerschaft gesprochen werden kann, besteht dieselbe zwischen den temporären und den ständigen Bethäusern oder auch zwischen den temporären Bethäusern und den Minjamin untereinander. Die Kultusgemeinde übt in solchen Fällen sozusagen nur ein Schiedsrichteramt, welches auszuüben nicht gerade leicht ist. Auch hat der Kultusvorstand in derartigen Angelegenheiten stets vorher das Gutachten der in Betracht kommenden Vereine und insbesondere der betreffenden Bezirkskommissionen eingeholt und hat, wenn eine zustimmende Erklärung der letzteren vorlag, wohl noch niemals seine Zustimmung verweigert. Gerade in den letzten Tagen ist eine Mitteilung eines Tempelvereines eingelangt, dahingehend, daß durch ein in seiner unmittelbarsten Nähe, ohne Bewilligung des Kultusvorstandes, von einem Unternehmer errichtetes Minjan Betplätze zu K 4.— per Stück unverkauft geblieben und auch ein Teil der von der Kultusgemeinde zur Verteilung an Arme angekauften und verteilten Sitze unbenützt geblieben find. Gegen derartige nicht einwandfteie, geschäftliche Unternehmungen wendet fich der Kultusvorstand und ist sein Bestreben dahin gerichtet, nur solche Betversammlungen zu bewilligen, welche sowohl hinfichtlich der Unternehmer (Einzelpersonen oder Vereine) als auch der zu verwendenden Lokale möglichst einwandftei find. Der Präsident glaubt, diese Mitteilungen machen zu müffen, um einer weiteren Jrresührung der Oeffentlichkeit vorzubeugen. Hieraus erbat fich Herr Kultusvorsteher M. Frank das Wort zu folgender Erklärung: Erklärung des Vorstandsmitgliedes Max Frank. Im Laufe des gestrigen Tages wurde ich von zahlreichen Bekannten und heute vor der Sitzung von einigen der Herren Kollegen interpelliert, ob es richtig sei, daß Kollege Profeffor E h r m a n n und ich das Programm des oppositionellen Wahlkomitees bedingungslos akzeptiert hätten. Ich habe zwar von Prof. Ehrmann, der derzeit von Wien abwesend ist, kein Mandat, in seinem Namen zu sprechen, aber ich sehe mich trotzdem veranlaßt, zu erklären: Prof. Ehrmann und ich haben das Programm des oppositionellen Wahlkomitees nicht unterschrieben, auch nicht bedingungslos akzeptiert. Als die Herren uns mit ihrem Besuche beehrten, haben wir ihnen die Bedenken, welche wir gegen einzelne Punkte des Programmes haben, auseinandergesetzt und das Exekutivkomitee hat, da es diese Bedenken als diskutabel anerkannte, keinen Anstand genommen, uns, wie ich bemerken will, einstimmig als Kandidaten zu nominieren. Wien. Das famose Festzugskomitee ist vollständig verkracht und die Herren Streber, Ordensjäger und „Umaschießer" werden entweder in die eigenen Taschen greifen und das Millionendefizit tilgen oder Konkurs ansagen müffen. Ein solcher letzter Akt der Tragikomödie vom Juni dieses Jahres Lime niemandem überraschend. Was mit Unverstand, Prahlerei, mit Leichtsinn und Vordringlichkeit, mit Klique und Klaque in Szene gesetzt wurde, endigt in einer Sackgaffe, aus deren Ecken Blamage, Fiasko und Skandal hervorschießen. Die Herren Komiteemaier scheinen zu glauben, die nichtbezahlten Geschäftsleute werden noch lange ruhig bleiben und die Saldierung ihrer Rechnungen nicht erzwingen. Nach der Stimmung im Stadtrate, wo der Herr Bürgermeister abermals in der Minorität geblieben ist, dürfte auch der Gemeinderat die Spendierhosen in den Kasten hängen. Dann schlägt für die Komiteeterer eine böse Stunde. Mit Gemeindegell) wird das Defizit nicht ausgelöscht. Bleibt nur noch der Appell an die Börse und die Banken übrig. Wir find begierig, mit welchen Gesichtern die christlichsozialen Gemeinderäte Dr. Klotzberg und Dolezal, dann der christlichsoziale Architekt Urban zu den „Juden" gehen werden, die man im Festzuge zu verhöhnen beliebte. Oder wird man diese Bittgänge unterlassen und bei den Fürsten Schwarzenberg, Liechtenstein, bei dem Grafen Sylva-Taroucca, bei der Gräfin Fünfkirchen und bei den reichen Klöstern anklopfen. Schnorrt nur bei Gesinnungsgenossen! Ritter v. Taussig — Gouverneur der Bodenkreditanstalt. Wie die Blätter melden, hat der Kaiser auf Grund eines vom Verwaltungsrate der Oesterreichischen Bodenkreditanstalt einstimmig beschlossenen Vorschlages den bisherigen Direktor und Gouverneur-Stellvertreter Theodor Ritter v. Tausfig mit Allerhöchster Entschließung vom 25. d. zum Gouverneur der Anstalt ernannt. Mit der Ernennung des Gouverneur-Stellvertreters Ritters v. Tausfig zum Gouverneur der Bodenkreditanstalt erscheint eine Angelegenheit der Lösung zugeführt, die seit Jahren in Schwebe war. Seit dem im Juni 1904 erfolgten Ableben des letzten Gouverneurs der Bodenkreditanstalt, Geheimen Rates Baron Bezecny, blieb die Stellung des Gouverneurs unbesetzt. Ungeachtet es als selbstverständlich anzusehen gewesen wäre, daß niemand anderer mit gleicher Begründung auf den Gouverneurposten Anspruch erheben könne als Ritter v. Taussig, wurden wiederholt und immer wieder die Namen von Kandidaten in Umlauf gebracht, die am allerwenigsten ihrer beruflichen Qualifikation nach die geringste Befähigung für den Gouverneurposten eines ersten Bankinstituts hätten geltend machen können. Bei allein sachgemäßer Erwägung konnte es für niemand zweifelhaft sein, daß nur jener Mann an die Spitze der Verwaltung des Instituts zu treten berufen erschien, der, seit 35 Jahren Direktor desselben, die Bank vom Zustande tiefsten Verfalles in einer jahrzehntelangen Periode größter Erfolge nach und nach zu ungeahnter Entwicklung brachte. Um vor Augen zu führen, zu welcher geradezu singulären Position die Bodenkreditanstalt unter der beharrlichen, ,• zielbewußten - und-, .weitblickenden Führung des neu ernannten Gouverneurs fich entwickelt hat, genügt, an die Tatsache zu erinnern, daß die Bodenkreditaktie, die in dem Zeitpunkte, da Ritter v. Tausfig die Direktion übernahm, so ziemlich ein Non valeur war, heute und schon seit geraumer Zeit als erstklassiges Anlagepapier bewertet wird. In diesem Betracht ist die Ernennung des neuen Gouverneurs ebensosehr als die Krönung eines verdienten Erfolges jahrzehntelanger umsichtiger, weitblickender Betätigung einer genialen Persönlichkeit wie als gebührende Wertschätzung der Bedeutung der Kaufmannswelt für unser ökonomisches und öffentliches Leben zu würdigen. Zwangstaufe in Galizien. Am 15. Oktober erhielt Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel einen Brief, aus welchem der folgende Vorfall bekannt wurde: Am 4. Oktober, also am Vorabend des Jomkippur, wurde in Kretowice die 13jährige Tochter des Michael Wieselthier, Hinde Wieselthier, von zwei Bauernweibern entführt. Während die Eltern zu Kolnidre sich in der Synagoge befanden, drangen die zwei Bäuerinnen mit Hilfe des Bauern Jakob Wrubel in die Wohnung des Wieselthier, erbrachen die Schränke, nahmen die der Hinde Wieselthier gehörigen Effekten an fich, entwendeten auch andere Wertsachen und entführten dann 'das wehrlose Mädchen in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau. Die Anzeige wurde bereits erstattet. Abgeordneter Dr. Gabel wird nun in dem Schreiben gebeten, in dieser Angelegenheit bei der Statthaltern zu intervenieren. Es wiederholte fich hier dieselbe Komödie, wie in allen früheren gewaltsamen Tauffällen, indem die Behörde fich darauf berief, daß das Mädchen nicht gewaltsam etitführt und getauft wurde, sondern angeblich freiwillig das Elternhaus verlassen und die Taufe genommen habe. Auf Veranlaffung des Dr. Gabel wurde die Angelegenheit zur Kenntnis der Regierung gebracht.