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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-30 · 44 (30.10.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 768 Dr. Lloev s Mocbenscbrttt. Nc 44 berg, ernannt 1873; der Physiologe H e r r m a n n - Königsberg, ernannt 1884. Außer diesen jetzt noch im Amt befindlichen Herren hat es an deutschen medizinischen Fakultäten bisher folgende jüdische Ordinarien gegeben: Herz, innerer Kliniker in Erlangen, ernannt 1869, Traube, innerer Kliniker in Berlin 1873 bis 1876, Ebstein, innerer Kliniker in Göttingen 1874 bis 190,7, Freund, Gynäkologe in Straßburg 1878 bis 1901, Laqueür, Ophthalmologe in Straßburg 1876 bis 1906. Niemand wird es wagen, zu bestreiten, daß alle diese Männer als Forscher, als Lehrer und als Beamte ihren Platz mit höchster Würde ausgefüllt haben oder noch ausfüllen. Aus diesen Angaben geht nun hervor, daß es heute nur noch vier im Amt befindliche jüdische Ordinarien gibt; diese ausschließlich in theoretischen Fächern. Diese geringe Zahl ist bei der sehr großen Menge von jüdischen Medizinern und solchen unter ihnen, die wissenschaftlich tätig sind, höchst erstaunlich, und man muß nach einer Erklärung für diesen auffallenden Widerspruch suchen. Natürlich hat man zu allererst an die Möglichkeit zu denken, daß unter der wenn auch noch so großen Zahl jüdischer Mediziner keine geeigneten Persönlichkeiten vorhanden waren oder sind. Da gibt aber zunächst die auffallende Tatsache zu denken, daß, wie obige Zahlen lehren, in den Siebziger'Jahren des vorigen Jahrhunderts sieben Männer der Auszeichnung für würdig befunden wurden; dann noch ein Herr 1884; seitdem ist keine einzige Ernennung mehr erfolgt. Sind die jüdischen Mediziner in ihrer Entwicklung, die vor 30 Jahren mit der der christlichen Kollegen noch einigermaßen Schritt hielt, seitdem zurückgeblieben? Oder sind sie einem merkwürdigen Degenerations- , Prozeß verfallen, daß seit 25 Jahren kein einziger mehr für fähig gehalten werden konnte, eines der zirka 230 Ordinariate zu bekleiden? An der Hand von einigen bestimmten und besonders auffallenden Beispielen müssen wir hier zunächst einmal diese Frage besprechen, obgleich sie wohl von jedermann als ehe rein rhetorische empfunden werden wird. Wir wollen uns natürlich hier auf Namen solcher Männer beschränken, deren Karriere abgeschlossen ist und die viel zu hoch dastehen, als daß ihnen ein journalistischer Hinweis auf ihre Person auch nur im mindesten nützlich sein könnte. Vor drei Jahren erregte es in weiten Kreisen Aufsehen, daß der Titularprofessor, Privatdozent an der Berliner Universität, Dr. Albert Fränkel freiwillig auf die Venia leZenäl für das Fach der inneren Medizin verzichtete. Während heute die große Mehrzahl der inneren Kliniker sich ÜÜf die Bearbeitung eines mehr oder weniger engen Spezialgebietes beschränkt, war Fränkel gerade durch die Bearbeitung der verschiedensten Gebiete der klinischen Medizin ausgezeichnä. Seine Lehrbefähigung war eine allgemein anerkannte, und noch heute gelten in den wissenschaftlichen Vereinen seine Auseinandersetzungen als hervorragend klar. Als Arzt und Leiter eines großen Krankenhauses hat er sich auch den Ruf eines ausgezeichneten Praktikers erworben. Dieser Mann legte verstimmt und verärgert leine Stellung als Privatdozent nieder, weil man in 28 (!) Jahren ihn nicht über diese Ansangsstufe hinaus hatte gelangen lassen. Nun könnte jemand einwenden, daß wir einen solchen Uebersluß an hervorragenden inneren Klinikern hatten, daß selbst ein so qualifizierter Mann bei Berufungen immer noch durch einen Ueberlegenen, noch Tüchtigeren in die zweite Reihe gedrängt wurde. Nun, jeder Eingeweihte weiß, mit welchen Schwierigkeiten seit langem gerade die Besetzung der Lehrstühle für innere Medizin mangels geeigneter Kräfte zu kämpfen hatte; wie schließlich so manche Besetzung unter allgemeinem Kopfschütteln der urteilsfähigen Kreise erfolgt ist..?« r- Schon etwa zwei Jahre vorher hatte auch Professor Hermann Oppenheim auf seine Stellung als Privatdozent an der Berliner Universität verzichtet, weil die Beförderung, auf die er Anspruch zu haben glaubte, nach siebzehnjähriger Lehrtätigkeit ausgeblieben war. Kein Sachverständiger wird etwas einzuwenden haben, wenn wir ihn als den bedeutendsten deutschen Neurologen neben Erb bezeichnen und hinzufügen, daß seine wissenschaftlichen, diagnostischen und therapeutischen Leistungen Weltruf genießen. Aus aller Herren Ländern strömen seit vielen Jahren Aerzte.herbei, um Oppenheim zu hören, denn es zeichnet ihn eine ganz ungewöhnliche Lehrbefähigung aus, die er auch heute noch, wo sie dem Unterricht der Studierenden der Universität nicht mehr zugute kommen kann, mit glänzendem Erfolg in privaten Aerztekursen ausübt. Und eine solche Kraft haben sich sämtliche deutschen Fakultäten entgehen laffen, als ob der Reichtum an bedeutenden Lehrern heute wer weiß wie groß wäre. Man wird nun hier einwenden, daß eine Berufung zum Ordinarius schon deshalb ausgeschlossen war, weil ein besonderes Ordinariat für Neurologie nicht existiert. Damit ist erstens die blamable Tatsache nicht" aus der Welt geschafft, daß Oppenheim es nach siebzehnjähriger Lehrtätigkeit nicht einmal zum Extraordinarius gebracht hat. Zweitens aber hat man gar nicht so selten besonders verdiente Männer zu Ordinarien gemacht, auch wenn für das betreffende Fach bis dahin kein Ordinariat bestand, Wir erinnern hierzu an die Pädiater H e u b n e r - Berlin, Czerny- Breslau, den Dermatologen N e i ß e r - Breslau, die Otiater Römer-Rostock, Passow - Berlin, den Orthopäden Lange- München. Will irgend wer behaupten, daß Oppenheims Leistungen denen der genannten Herren nicht ebenbürtig sind? Ein drittes Beispiel, auf das übrigens die letzten Ausführungen auch paffen: ..Als vor acht Jahren der Berliner außerordentliche Professor P. Ehrlich nach Frankfurt ging, hat nicht eine deutsche Fakultät Anstrengungen gemacht, sich die Zugehörigkeit dieses Mannes zu sichern, dessen Taten auf dem Gebiete der experimentellen Biologie und Therapie zu den glänzendsten der neueren Medizin und Naturwissenschaften gehören. Später ist dann allerdings Ehrlich, obwohl in Frankfurt weiter wohnhaft, „ordentlicher Honorarprofessor" in Göttingen geworden. Das ist eine rein dekorative Stellung, ohne jeden Einfluß in der Fakultät. Um nicht zu breit zu werden, . ennen wir hier nur noch Namen wie Senator, Born, Weigert, Israel, Rosenbach, um zu zeigen, daß es auch nach 1884 jüdische Mediziner gegeben hat, die wohl ein Ordinariat würdig ausgefüllt hätten. Aber auch ohne weitere Namensnennungen können wir aus statistischem Material einen Beitrag zu dieser Frage geben. Nehmen wir uns das letzte Personalverzeichnis der Berliner medizinischen Fakultät vor. Danach haben wir: 19 Ordinarien (0 Juden); 11 ordentliche Honorarprofessoren (3 Juden); 43 Extraordinarien (0 Juden); 113 Privatdozenten (44 Juden). Ist wirklich unter so vielen jüdischen Dozenten keiner, der eine Stelle als Ordinarius ausfüllen konnte? Verlieren diese Männer im Gegensatz zu ihren christlichen Kollegen nach längerer Tätigkeit als Privatdozent ihre Fähigkeiten? Spricht nicht ferner gegen die Annahme, daß unter den Juden niemand zum medizinischen Ordinarius qualifiziert ist, wenn der jüdische Profeffor M ... i im selben Augenblick Direktor der medizinischen Klinik in Gr. wird, wo er in schon vorgerücktem Alter seinen väterlichen Glauben abschwört und zum Christentum Übertritt? Nach dem angeführten Material wird wohl niemand mehr daran zweifeln, daß unter den deutschen jüdischen Medizinern wie in den Siebziget-Jahrerr so auch später stets Männer, waren, denen ein Ordinariat zum Nutzen für die Studierenden, zur Förderung der Wissenschaft hätte anvertraut werden dürfen. Wer trägt nun die Schuld, daß auch in diesem Punkt wieder einmal eine schwere Verletzung der Verfassung vorliegt, die den Genuß der staatsbürgerlichen Rechte unabhängig von der Konfession gemacht wissen will? Die Fakultäten oder die Regierungen? Da die meisten diesbezüglichen Verhandlungen sehr vertraulich geführt werden, ist es im speziellen Fall natürlich sehr schwer, hier den Schuldigen zu ermitteln. Aber einige wertvolle allgemeine Anhaltspunkte haben wir doch. Erstens: Von den 20 medizinischen Fakultäten haben 14 keinen einzigen jüdischen Privatdozenten. Daß dies ein Zufall ist, wird wohl kein Verständiger glauben." Getaufte Juden. Wir lesen im Budapester ..Montagblatt": „Die erste Abteilung dieser Geschichte ist uns bereits vor mehreren Jahren von einem Mitgliede der hiesigen Gesellschaft erzählt worden, von einem alten Herrn, der zu den populärsten Gestalten Budapests gehört. Wir wollen ihn selbst sprechen lassen: Die Gemeinde, wo ich einen kleinen Gutsbesitz angekauft hatte, besaß ein weltliches Anliegen an den Bischof. Ich wurde zum Führer der Deputation bestellt und wir machten uns auf den Weg. Ich bin vor 50 Jahren mit Sr. Eminenz auf derselben Schulbank gesessen, wir waren damals gute Schulkameraden, wir trafen uns noch in späteren Jahren hie und da, wir dutzten uns wie zur Zeit, als wir noch gemeinsam das Gymnasium besuchten und so war ich eines freundlichen Empfanges gewärtig, obwohl ich ihn seit zwanzig Jahren, während welcher er Bischof geworden, nicht mehr gesehen. Zu meiner Verwunderung war jedoch der Empfang ein ziemlich frostiger. Der Bischof erinnerte sich meiner ganz gut, doch er dutzte mich nicht mehr und obwohl er uns zum Mittagessen eingeladen, war er doch mir gegenüber bon einer befremdenden Kälte. Ich war umso peinlicher berührt, als ich ihn als einen hochgebildeten Mann kannte, dem kleinliche Schwächen durchaus fremd waren. Beim schwarzen Kaffee, als ich mit ihm allein in einem Winkel saß, fragte er mich, wann ich mich hätte taufen laffen und was mich dazu veranlagte? Ich war sehr erstaunt und erwiderte: bei aller Hochachtung für die katholische Religion. sei es mir doch niemals in den Sinn gekommen, zirr Taufe zu schreiten. Ich sei Jude wie seit meiner Kindheit, und seitdem ich alt geworden, vielleicht noch mehr. „Ich habe eine starke Aversion gegen getaufte Juden", sagte er. „Das heiligste im Menschen ist seine Religion und wer seine Religion verlassen kann, der ist mir antipathisch. Ich weiß nicht, wer mir gesagt hat, daß Du getauft wärst und das hat Dich mir entfremdet. Ich habe auch noch nie im Leben die Taufe eines Juden vorgenommen. Es haben sich bereits zahlreiche an mich gewendet, doch ich habe sie stets hinauskomplimentiert. Wenn sie durchaus das Bedürfnis fühlen, eine andere Religion anzunehmen, so mögen sie sich einen anderen Vermittler suchen." * Das ist die erste Abteilung unserer kleinen Geschichte und nun folgt die zweite: _ Ein junger Mann aus hiesigem, sehr vermöglichen Hause hatte, kaum daß er großjährig geworden, die jüdische Religion verlassen und war Christ geworden. Er war Beamter in einem Ministerium und hatte sich die Gesellschaft seiner früheren Glaubensgenossen derart abgewöhnt. daß er selbst schon der Meinung war, er habe niemals zu ihnen gehört. Als er aber eines Tages auf die Freite ging, wurde er

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