Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021809--17771-3042664- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 766 ä)t. Llocb s MocbenscbrLtt. Nr. 44 sind vollständig bedeutungslos und im Gebiet der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder wird die antisemitische Kommandosprache eingeführt werden, vielleicht gar unter Liechtensteins Befehl. Das mahnt die Juden eindringlich, keine faulen Hoffnungen zu nähren und in der politischen Kinderfibel um Ratschläge nachzusehen. Dort werden sie auf der ersten Seite finden, daß die Selbsthilfe die einzig wirksame Waffe aller kleinen und großen Körperschaften und Völkerschaften ist. Jetzt bei den Landtagswahleu bot sich keine Gelegenheit, diese Waffe anzuwenden, die jüdischen Wähler steckten als ohnmächtige Minderheit in großen Bezirken und konnten nicht verhindern, daß ihre bitteren Feinde zur Wahrung ihrer Interessen berufen wurden. Aber wenn wieder eine Gelegenheit kommt, in welchem der jüdische Standpunkt zur Geltung gelangt, die nächsten Reichsratswahlen etwa, dann möge kein Jude von Kopf und Herz seine geistige» und materiellen Kräfte für eine verlorene Sache verschwenden, möge er nicht von liberalen Phrasen dazu benebelt werden können, einen Freisinn zu unterstützen, der auf der christlichen Seite gar nicht existiert und auf der jüdischen einen reinen Selbstbetrug bedeutet. Bis zu jenen Tagen aber sollen die jüdischen Organisationen aller Art, die für die verschiedenen Bedürfnisse unseres Lebens ineinandergreifen, hochherzig unterstützt und gefördert werden. Denn das Eine steht fest, daß wir sie in der schweren kommenden Zeit brauchen werden und die Laudtagswahlen haben neuerdings bewiesen, daß der Kampf der Juden nicht von den Freisinnigen geführt wird, sondern ausschließlich von den Juden. Girre jüdische Ausstellung für Handwerk «ud Gewerke. Bor einigen Jahren hat ein seither verstorbener jüdischer Fabrikant in einer Kultuswählerversammlung unter stürmischen Protestrufeu der Anwesenden die jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden nicht gerade sehr schmeichelhaft kritisiert. Er mag ja immerhin mit dem und jenem schlechte Erfahrungen gemacht haben. Aber im Allgemeinen hat er sich der bei uns leider so häufigen und schmählichen Unsitte schuldig gemacht, antisemitische Phrasen gedankenlos nachzusprechen. Mitschimpfen entspricht der menschlichen Natur besser und ist leichter, als eine Minorität standhaft zu verteidigen. Die Wahrheit ist. daß der jüdische Arbeiter, sei es nun der in der Fabrik oder in der eigenen Werkstätte, seinem christlichen Kollegen mindestens ebenbürtig ist, ebenbürtig sein muß. Denn wenn er den drohenden, antisemitischen Boykott nicht durch tadellose Leistungen besiegt, würde er von der Brandung des sozialen und konfessionellen Kampfes weggespült werden wie ein Sandkorn. Rührig und tüchtig aber wie er ist, vermag er sich unter den ungünstigsten Verhältnissen zu behaupten, und zwar in einer solchen Anzahl, daß sich die Verleumdung von der jüdischen Arbeitsscheu nicht mehr recht hervortraut. Sie findet den Mut zum Leben nicht mehr angesichts der ausgebreiteten und ausgezeichneten Tätigkeit der jüdischen Bureaus für Arbeitsnachweis, angesichts des Umstandes, daß fast alle Flüchtlinge aus dem Osten nichts als Arbeit wollen, angesichts der mit jüdischen Namen gefüllten Listen hier ansässiger Gewerbsleute. Doch wenn der jüdische Handwerker und Gewerbetreibende auch schon keinen einzigen Feind besäße, so hat er noch lange keinen Freund wie sein christlicher Kollege. Wäre auch die antisemitische Gegnerschaft schon besiegt, wäre auch das Mißtrauen der Juden an seiner eigenen Lächerlichkeit und Ungerechtigkeit zugrunde gegangen, so wäre der Stand unserer manuellen Arbeiter der arischen Konkurrenz gegenüber noch lauge im Nachteil. Der Staat hat zwar neuerdings die Patronanz von Handwerk und Gewerbe auf die Fahne geschrieben und seine diesbezüglichen Verordnungen und Gesetze müßten eigentlich auch Juden zunutze kommen. Aber zwischen ihm und den Juden steht noch die Genossenschaft, die Zunft, und diese weiß es schon einzurichten, daß von den Lieferungen und Erleichterungen, welche staatliche und kommunale Behörden gewähren, nichts für die verhaßten Juden abfällt. Diese sind nach wie vor auf das private Publikum und ihre eigenen Kräfte augewiesen und zu ihren Gunsten rührt sich nirgends eine Hand. Es ist nicht löblich von den einzelnen Korporationen und Faktoren, welche die soziale Benachteiligung der Juden auszugleichen trachten, daß sie den Stand unserer Handwerker und Gewerbetreibenden vollständig im Stiche lassen. Man tut ein Weniges in negativer Richtung, in der Verhinderung magistratischer und anderer Verfügungen gegen die Juden, man sorgt nach schwachen Kräften für die Ausbildung von Lehrlingen, aber der jüdische Meister findet kaum ein Minimum von Schutz und Förderung. Und doch wäre es ein Leichtes, sowohl ihm energisch zu helfen, als auch zugleich dem Judentum einen großen moralischen Dienst zu erweisen. Wir denken da an eine Ausstellung für jüdische Handwerker und Gewerbetreibende. Solche Ausstellungen finden jetzt zur Feier des Jubiläumsjahres allerorten statt und bewähren sich ausgezeichnet sowohl als Musterlagcr wie als Markt. In den Alpenländern haben jetzt gleich vier auf einmal stattgefunden und alle haben mit einem ausgezeichneten Erfolg geendet. Wie wäre es nun, wenn auch die Juden eine solche Ausstellung hätten, deren Ausdehnung zeigt, wie viel bei uns gearbeitet wird, und deren Inhalt zeigt, welche Meister ihres Faches die jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden sind? Zweierlei Zweck wäre damit zu erreichen: Eine Antwort für die Antisemiten, welche über die Minderwertigkeit der jüdischen Arbeit so. viel zusammenlügen, und, eine Mahnung an das jüdische Publikum, damit man die Tüchtigkeit der eigenen Volksgenossen endlich schätzen lerne. Selbstverständlich wäre jedoch alles verloren und das gerade Gegenteil erzielt, wenn diese Ausstellung kümmerlich arrangiert wäre und jämmerlich ausfiele. Denn das wäre ja dann die B. stätigung für die Feinde des jüdischen Handwerkes. Es ist also durchaus nicht nötig, mit b>svnderem Ernst und Eifer ans Werk zu gehen, wenn man unsere Anregungen aufnehmen und in Tat umsetzen will. Einflußreiche und mächtige Protektoren müssen gewonnen werden, die ersten Kapazitäten das Komitee zusammeusetzeu, ein sachverständiges nnd fleißiges Sekretariat das Arrangement übernehmen. Erst wenn ein Mißlingen vollständig ausgeschlossen ist, soll man au die Verlautbarung der Absicht gehen, denn es wäre schon verhängnisvoll, wenn der bloße Plan ins Wasser fallen würde. Wir sind aber überzeugt davon, daß keine Schwierigkeiten vorhanden sind nnd daß die Ausstellung als ein glänzendes Zeugnis für den Stand der jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden dastehen würde, wenn man die Sache mit Herz beginnen, mit Freigebigkeit nnd Verständnis arrangieren würde. Natürlich darf man dabei an kein Geschäftsunternehmen denken. Denn es wäre unsinnig, den im harten Existenzkampf stehenden jüdischen Gewerbsmann mit hohen Gebühren zu belasten und ihm so die Teilnahme zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Daß die Ausstellung innerlich glänzend ausfallen wird, ist sicher. Denn auf allen allgemeinen Ausstellungen waren immer sehr viele Juden unter den ersten Preisträgern und sie werden bei wichtigerem Anlasse gewiß nach besonders großen Erfolgen streben. Fragt sich schließlich, wer die vorbereitenden Arbeiten betreiben sollte. Naturgemäß ist man da auf erfahrene Sachverständige angewiesen, wie sie sich im Verein zur Hebung der Gewerbe zusammengesunden haben, der vor Allem berufen zu sein scheint, die Sache in die Hand zu