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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-23 · 43 (23.10.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 mt. JöiocD ö tKlocbenecDcm Sette 757 lade, noch dazu an einem der höchsten Feiertage des Jahres, einen Mischeberach machen. Die arm:n Leute sind dann auch richtig darauf rein gefallen! Ein Augen- und Ohren-Zeuge, der im selben Hause, wo. der genannte Bethausverein sich befindet, wohnt, teilt uns mit, daß am Sonntag den II. d. M., am zweiten Tag Sukkoth die Mitglieder des Vereines nach eingehender Beratung beschlossen haben, den antisemitischen Bezirksvorsteher bei der kommenden Landtagswahl tatkräftig zu unterstützen Bei der Reichsratswahl ist er bloß mit wenigen Stimmen in der Minorität geblieben. Demgemäß kann man die Ziele der Vorgänge richtig einschätzen. Der Herr Bezirksvorsteher wird den Dienst, der ihm von seinen jüdischen Helfershelfern solcherart geleistet wird, gewiß nach Gebühr würdigen. Allein das Wiener Judentum sollte an solchen Vorgängen nicht achtlos vorübergehen und auch die Geschehnisse in der famosen Protestversammlung vom 15. in: Gedächtnisse bewahren' Wiewohl bereits in der öffentlichen Sitzung des israelitischen Kultusvorstandes vom 6. Oktober amtlich festgestellt wurde, daß die polizeiliche Sperrung nicht im Aufträge und ohne Wissen des Borstandes erfolgt war, wurden Tausende und Tausende von Agitationszetteln verbreitet mit folgendem Wortlaut: Juden! An einem unserer heiligsten Festtage wurde das Bethaus des Vereines „Linath Hazedek", XX. Lände 18, auf Veranlassung des Vorstandes der Jsr. Knltnsgemeinde Wien durch die Polizei gesperrt! Während die Thora aufgerollt auf dem El-Memor lag, mußte die heilige Handlung unterbrochen und das Lokal geschloffen werden! Alle Interventionen nützten nichts. Einem christlichen autonomen Fnnktionär war es zu verdanken, daß das Beten nach einer Unterbrechung von 2 Stunden zu Ende geführt werden konnte. * f Juden! Dies Vorgehen des Vorstandes fordert die schärfste Abwehr heraus. In einer Maffeu-Bersammlung, die Donnerstag am 15. Oktober halb 8 Uhr abends im Restaurant zum „goldenen Widder". II. Taborstraße 34, stattfindet, wird dies zur Sprache gelangen. Erscheint zahlreich! Es handelt sich um ein Interesse des Gesamtjudentnms, erscheint daher ohne Unterschied der Parteistellung! Das Komitee. Die Versammlung, an der die Führer der Opposition, die Herren Max Markus, Dr. Egon Zweig, Dr. P. Weiseugrün und Torcziner teilnahmen, sonst aber großenteils aus Nichtwählern bestand — auch mehrere Pfründner der israelitischen Kultusgemeinde haben sich zu diesem Schimpfkonzert eingefunden — wurde vom „Ehrenpräsidenten" des Vereines „Linath Hazedek" Herrn Siegmund Lifczis eröffnet. Bei der Konstituierung wurde Herr Dr. Josef Zipser zum Vorsitzenden, Herr Siegmund Lifczis zum ersten und ein Herr Wenkert zum zweiten Vorsitzenden-Stellvertreter gewählt. Herr Dr. Zipser, der im Gegensätze zu den anderen Rednern des Abends eines anständigen zivilisierten Tones sich befleißigte, teilte der Versammlung mit. daß er gemeinsam mit noch einigen Herren beim Kultus- und Unterrichtsminister in Audienz war und ihm auf die Beschwerde der Bethausvereine sowie auf die Uebelstände in der Minjaminfrage aufmerksam gemacht hat. Der Minister versprach, die Beschwerde in wohlwollendster Weise zu prüfen. Der eigentliche Referent des Abends, Herr Dr. Rybaczewski, erzählte, daß der Vorstand seinem „Verein der Brodyer" ein temporäres Bethaus für die hohen Feiertage nicht bewilligt hat. Die Paragraphe des Statutes werden nach Willkür (?) gehandhabt, je nachdem eine einflußreiche Persönlichkeit beim Kultusvorstand interveniert. Herr Siegmund Lifczis will die in politischen Versammlungen verlautbarte Mitteilung, daß der Verein „Linath Hazedek" beschlossen habe, für den antisemitischen Kandidaten zu stimmen, bestreiten, man habe diesem Kandidaten bloß beim öffentlichen Gottesdienst den Dank votiert. Nachdem ein Herr Sessel den Hergang der Sperrung schilderte und eine Entrüstungskomödie aufführte, betrat der Führer der Opposition Herr Max Markus die Rednertribüne. Er erzählte von der Willkürherrschaft in der Kultusgemeinde, wendete sich in sehr scharfen Worten gegen den Präsidenten der Gemeinde und gegen den Oberrabbiner, leistete sich aber dabei keine besonders geschmackvollen Witze. Er beginnt, gestern war ich im Zirkus, nämlich in der Seitenstettengasie. Früher habe der Kultusvorstand von den Bethausvereinen verlangt, den zehnten Teil der Sitze armen Juden zu widmen, jetzt fordert der Kultusvorstand den zehnten Teil der Einnahmen. (!!??) Herr Dr. S. R. Landau betracht« t die Sperrung des Vereines „Linath Hazedek" nicht als Maßregel gegen den Verein als solchen, sondern als eine Vergewaltigung der polnischen Juden. Er sagt, der Wiener Kultusvorstand und seine Beamten betrachten die in Wien lebenden polnischen Juden als minderwertig und behandeln sie darnach. Es ist daher die unbedingte Pflicht aller in Wien lebenden polnischen Juden sich zu organisieren und nicht nur in Versammlungen wie die heutige, in der nur sehr wenig Wähler vertreten sind, papierene Resolutionen und Proteste zu beschließen. Herr Torcziner, der gelegentlich der letzten Reichsratswahl in der Leopoldstadt dadurch berühmt wurde, daß sein im Jargon verfaßter Aufruf für den Dr. Schalit vom „Deutschen Volksblatt" eines wörtlichen Abdruckes gewürdigt wurde, hat die Sprache der Bibel und der Propheten mißbraucht, für einen Chillul Haschem einzutreten, denn als solcher ist die Veranstaltung und Verlauf dieser Versammlung zu bezeichnen, der ersten und einzigen jüdischen Versammlung, in der ein Jude „Hoch Lueger" rief. Nachdem noch einige Personen mit Hilfe von Bibel- und Talmudversen, mit denen sie sich sonst an den Kultusvorstand in Bittgesuchen wenden, diesmal gegen denselben loszogen, ließ der Vorsitzende Herr Dr. Zipser die vom Herrn Dr. Rybaczewski vorgeschlagene und vom Herrn Dr. Landau verschärfte Resolution zur Abstimmung bringen, die natürlich eine einstimmige Annahme fand Zu dieser Versammlung hat das „Deutsche Volksblatt" eilten eigenen Berichterstatter entsendet. Den ausführlichen Versammlungsbericht konnte man im offiziellen Organ der Wiener Antisemiten Sonntag den 18. Oktober lesen. I. G r o b t u ch. Morris Rosenfeld-Abend. „Die Göttin der Not trägt nur in einer Hand die Peitsche; in der andern hält fi: eine filberschimmernde Schale, die sie Jenen reicht, die sie am heißesten liebt und am härtesten züchtigt. Manche trinken aus der Schale der Göttin das Vergessen des tiefsten Schlafes, Andere den bittersüßen Trank der Liebe; sehr Wenige und sehr Begnadete aber ertrinken sich in langen durstigen Zügen den Rausch der Kunst. Die Not macht sie zum Dichter. Zu ihnen gehört Morris R o s e n f e l d." Mit diesen Worten leitete L. Mage einen Essay über Morris R o s e n f e l d in der „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 13 1903 ein. Am 21. Oktober d. I. hatte die Wiener jüdische Gesellschaft Gelegenheit, auch die persönliche Bekanntschaft des Dichters zu machen, zu dessen Ehren die „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von kunst- und historischen Denkmälern deS Judentums" im Kleinen Mufikvereinssaal einen Abend veranstaltete, welcher durch die persönliche Anwesenheit des Dichters eine besondere Weihe erhielt. Die Lebensschicksale dieses Dichters des Elends und der Verzweiflung find geeignet, uns die Echtheit seiner tragischen und bis ins Tiefste erschütternden Verse zu bekräftigen. Er ist das Kind armer Fischersleute aus Rusfisch-Polen. Als Achtzehnjähriger ging er nach Holland und lernte dort die Diamantschleiferei, dann zog er nach England und arbeitete drei Jahre lang in den berüchtigten Sweat-Shops von London. Bon dort

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