Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ttr. 43 Dr. Llocv's Mocdenscvnn. Seite 753 Denn es gibt Territorien im türkischen Orient, die von den Zionisten als „Nachbarländer" noch akzeptiert werden würden und der „Jto" wegen ihrer völligen Unbewohntheit die sichere Aussicht auf eine jüdische Majorität, wegen ihrer vom Reichzentrum sehr entfernten Lage die hohe Wahrscheinlichkeit einer Autonomie bieten würden. Unter solchen Gesichtspunkten sprach auf der Berliner Konferenz Prof. Mandelstamm z. B. von Mesopotamien. Ganz anders kann die „Jto" bei der veränderten Sachlage sich zu Palästina als Emigrationsland stellen. Es ist klar, daß, wenn Freiheit und Gleichheit in der Türkei praktische Wirklichkeit werden, die Einwanderung größerer Judenmassen in Palästina mindestens ebenso gefördert werden müßte, wie irgend wohin sonst. Denn wenn man sie lediglich als Selbstzweck betrachtete, ganz von ihr als Mittel zum Aufbau eines Judenstaates absähe, so bleiben doch immer noch soviel Vorzugsmomente übrig, daß auch die „Jto" die Emigration!uit aller Energie nach Palästina lenken müßte. Da die Bedingungen für eine industrielle Kolonisation großen Stils schon jetzt gegeben sind, so brauchte man nicht einmal auf eme große Agrarreform zu warten, ohne die ja eine agrikulturelle Ansiedlung ganz ausgeschlossen wäre. Aber freilich, die Hauptbedingung für die Palästina-Immigration hat selbst das neue Regime noch nicht einmal erfüllt: Das Einwanderungsverbot für die Juden ist bis auf den heutigen Tag noch nicht förmlich aufgehoben, trotzdem die Freiheitsära doch bald drei Monate dauert. Dieses Produkt einer Despotenlaune, das doch ohne weitschichtige Studien des Gegenstandes mit einem Federstrich aus der Welt geschafft werden konnte, hat noch immer Gesetzeskraft und macht den Jungrürken nicht die mindesten Kopfschmerzen. Das schon müßte allen denen zu denken geben, die von der jüdischen Freiheit im Rahmen der Jungtürkischen Gleichheit träumen! Resümieren wir zum Schluß: die Neugestaltung der Türkei erweitert zwar ungemein die Möglichkeiten wirtschaftlicher Realpolitik in Palästina, trübt aber erheblich die Prognose für Erreichung des zionistischen Endzieles. Sie macht deshalb das Streben nach einem jüdischen Territorium keineswegs überflüssig, andererseits lenkt sie die Blicke des Emigrationsdepartements der „Jto" auf Palästina als Einwanderungsland. Selbstverständliche Voraussetzung aller zionistischen und itoistiichen Arbeit für Palästina ist, daß die Errungenschaften der türkischen Revolution nicht vernichtet werden, auch nicht auf dem Papier stehen bleiben, sondern gesetzlich festgelegt und praktisch verwirklicht werden. . Vom Zabrmarkrt des Lebens. Ans der Karriere des Feldmarschall-Leutuanls Eduard v. Schweitzer. II. Feldmarschall-Leutnant v. Schweitzer ist aus dem Mannschaftsstand hervorgegangen. Bis zum Hauptmann avauzierte er regelmäßig, ohne daß seine konfessionelle Zugehörigkeit zum Judentum'hm irgendwie behinderlich gewesen wäre. Indes als Stabsoffizier, dem man ein großes Kommando — eventuell ein Jagerbataillon selbstständig anvertrauen sollte — da begannen die Schwierigkeiten und man wiederholte die Versuche, ihn zum Uebertritt zu bewegen. Er wurde wiederholt präteriert, er wartete und schwieg und blieb dem Judentume treu. Endlich wurde er zum Kommandanten des Infanterie- Regiments Nr. 26 ernannt. Der Inhaber des Regiments ist G r o ßfürst Michael von Rußland. Der Sitte gemäß mußte sich der neue Regimentskommandant dem noch lebenden Regimentsinhaber persönlich vorstellen. Großfürst Michael sollte bereits sein Jubiläum feiern als Inhaber dieses Infanterie-Regiments. Aus diesem doppelten Anlaß fuhr Oberst von Schweitzer an der Spitze einer Offiziersdeputation des Regiments nach Petersburg, wo er drei Tage als Gast des Großfürsten weilte. Selbstverständlich wurde er mit allen Ehren und Auszeichnungen behandelt, die einem hohen Stabsoffizier der österreichisch-ungarischen Armee gebühren. Noch einmal sollte v. Schweitzer Gelegenheit haben, mit dem Großfürsten Michael von Rußland als Inhaber seines Regiments in persönliche Berührung zu kommen. Großfürst Michael weilte in Wien als Gast des österreichischen Hofes, und das den Namen des Großfürsten tragende Regiment, noch immer von Oberst v. Schweitzer befehligt, stationierte ebenfalls in Wien. Großfürst von Michael kam in die Heumarktkaserne und nahm die Parade über das ausgerückte Regiment ab. Damals bot sich ein interessanter und merkwürdiger Anblick dem Beschauer; man konnte den Juden Schweitzer und den alten russischen Großfürsten in der gleichen Oberstuniform sehen. Beim Abschied drückteder Großfürst dem Obersten v. Schweitzer die Hand und äußerte in lebhaften Worten dem Oberst seine Zufriedenheit über die treffliche Haltung und die gute Ausbildung des Regimentes. Die österreichisch-ungarische' Armee zählt noch einen zweiten Regimentskommandanten jüdischer Abst .mmung: Simon Vogel! Der Zufall wollte, daß er zum Kommandanten des Regiments ernannt wurde, das den Namen der allerkatholischesten Majestät Königs Alfons von Spanien trägt. In dieser seiner Elgenschaft war er anläßlich der Vermählung des jungen Königs von Spanien in Madrid als Gast des Hofes geladen und kam in Begleitung einer Offiziersdeputation seines Regiments. Das 38. Infanterie-Regiment is^ ein kernmaghnrisches; es ist nämlich das Kecskemeter Hausregiment, viel gefeiert im ungarischen Volksliede als das tapferste, welches im bosnischen Okkupalionsfeldzug mitgewirkt hat. Unter dem Namen Mollinari baka war es populär als das des Königs Alfons von Spanien. Der schwarze Samtkragen, welcher der Uniform dieses Regiments das Merkmal gibt, wird von ungarischen Edelleuten gern getragen, es gilt als ein feudales Regiment. Simon Vogel war als junger Leutnant der einzige jüdische Offizier des Regiments, stand wegen seiner Qualitäten in hoher Gunst bei den Vorgesetzten; die jüngeren Kameraden frozzelten und stichelten ihn wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentume. Er besaß nicht die Stärke von Schweitzer, derlei Unannehmlichkeiten ruhig zu ertragen, da ging er hin und nahm die Taufe. Der Oberst des Regiments war sein Taufpate. Nach kaum vierzehn Tagen wird der Pate transferiert und das Kommando des Regiments übernahm Simon Vogel als Oberst. In der österreichisch-ungarischen Armeekavallerie und beider Landwehrkavallerietruppen gibt es derzeit nur einen einzigen Besitzer der großen goldenen Tapferkeitsmedaille: das ist der Major des Ruh standes des Husaren-Regiments Nr. 9 Graf Nadasdy — der Jude v. Bardach-Klumberg. Er erhielt die Auszeichnung als Kadettfeuerwerker im Feldzuge 1866. Als der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand das genannte Regiment befehligte, war v. B a r d a ch aktiver Rittmeister und einer der beim Erzherzogkommandanten beliebtesten Offiziere. Henri Bernstein über sein „Israel". Kürzlich hat am „Theater Rejane" in Paris die Premiere des neuesten Stückes von Henri Bernstein: „Israel" stattgefunden. Der „Matin" hatte sich an den Verfasser mit dem Ersuchen gewendet, er möchte darlegen, welchen Zweck er mit seinem Stücke verfolge. Bernstein hat dieses Ansuchen folgendermaßen erwidert: Man begeht eine gewisse Grausamkeit gegen sich selbst, wenn man einige Stunden vor der Generalprobe einen einführenden Artikel schreibt. Oder vielmehr: wir dienen damit unserer fieberhaften Kunst, die, statt jeder Ruhe, nach den Beklemmungen, die das Schreiben selbst verursacht, nach der harten Arbeit der Proben, nach den unerwarteten Widerwärtigkeiten der letzten Tage, ja iogar Nächte dem dramatischen Autor den pelikanhaften Zeitvertreib bietet, einem Geiste, der vollkommen von berechtigten und ziemlich edlen Emotionen erfüllt ist» womöglich noch einige Worte, einige Gedanken zu entreißen. Ich dringe daher der drängenden Richtung einer neuen, unglaublich schnellebige» Zeit etn Opfer. Ich werde von „Israel" sprechen, und zwar — welche Ironie! — gerade in der Minute, wo das Stück aufgehört hat, mir zu gehören, wo ich von ihm abhänge, seine Gnade an flehe, ihm unterjocht bin, mit Zittern auf das Werk blicke, welches unbewußten Schrittes der Bühne, der unbekannten Menge entgegengeht. Man gestatte mir eine vorläufige Erklärung: Ich bin sehr zufrieden, daß ich Jude bin. Ich sage nicht, daß ich stolz darauf bin. Es hat mir immer lächerlich geschienen, sich mit einem Geschehnisse zu brüsten, das so unwillkürlich ist, wie die Geburt.Aber enfin, ich bin sehr zufrieden. Ich habe die starke Empfindung, daß ich den Ueberschuß geheimen Lebens, das man Temperament nennt und welches den Künstler ausmacht, zum großen Teile meiner Herkunft verdanke. Und diese nicht zu lieben, wäre undankbar und feige, nicht wahr? Ich liefere dieses Gefühlsbekenntnis ohne die geringste verletzende Absicht. Welchen rechtschaffenen, unparteiischen Menschen könnte ich damit auch verletzen? Ich erkenne jedem Menschen, welchen Stammes immer, das Recht zu, sich se ner Abstammung zu freuen, und ich kann die Wesen nur in dem Maße schätzen, als sie nichts von sich selbst verleugnen. .... Ich habe mit den Antisemiten nur soviel gemein, daß ich, noch gründlicher als sie selbst es tun, jenen Juden verachte, der um Verzeihung dafür bittet, daß er Jude ist, dessen jede Altitude, jede Anspielung, jede Bewunderung, jede Beziehung eine niedrige verhüllte Entschuldigung ist. Und die entsetzliche Scham, an der ein Mann von Herz sterben zu müssen glaubte und die der jüdische Snob auf allen Etappen seines unterwürfigen Lebens geduldig über sich ergehen läßt, hat mich immer entchckr, gleichsam als meine eigene Rache. Dies vorausgeschickr, muß ich sagen, daß „Israel" weder eine Revanche, noch eine Apo'vgie ist. In Wahrheit ist es mir unmöglich, ein Werk zu begreifen, welches die Ueberlegenheit von dem oder jenem beweisen will . . . Der Künstler in mir bäumt sich auf bei dem einfachen Gedanken an ein Stück, welches verhüllt oder lärmend diese oder jene Wahrheit beweist. Ich fühle mich vollkommen unfähig, etwas anderes auf die Bühne zu bringen, als ein wenig Menschlichkeit, und zwar verwirrt, zitternd, blutig . . . Ich sehe sie so, es ist nicht meine Schuld! Ein Stück von mir, wenn es parteiisch wäre, wäre eben aus dem Grunde noch mehr als verfehlt. Ich denke, daß der dramatische Dichter nie mehr inspiriert ist, als wenn er, seiner eigenen Persönlichkeit folgend, bis an die Grenze des menschlichen Gewissens gelangt. Er tritt dann — leider immer schnell genug — in den Nebel der unausgesprochenen Gefühle. . . Die Antworten, die diesen Visionen entsprießen, sind das Subtilste, das Stärkste und das Unbesiegbarste au' uns selbst, und das find die einzigen Allgemeinheiten, vor denen ich mich beuge. Es ist kaum nötig, die Folgerung abzuleiten, daß dieses leidenschaftliche Eini ■-! i; j i l I f?i , { - j