Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-23 · 43 (23.10.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021808--17756-3042648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 762 Gr. Mocv s Mocvenscvrtrr. Nr. 43 Beamtenbureaukratie befreit, wird auch in Palästina ein Zeitungswesen und Vereinslebcn sich spontan entfalten, das Schulwesen nach grostaugelegtem Syst-m entwickelt werden können — kurz auch dem Aufbau einer „jüdischen Plattform" scheinen erst jetzt hinreichend starke Fundamente gesichert zu sein. So kann, wenn die etwa überraschenden Rückschläge in der türkischen Frage eintreten, die wohlbegründete Hoffnung gehegt werden, daß nunmehr den Juden dort der Weg eröffnet und geebnet ist, sich eine wirtschaftliche und kulturelle Position zu erringen, sich in Palästina zu einem ökonomischen und politischen Machtgebilde emporzuarbeiten. Optimisten gelangen von dieser Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit mit kühner Wendung zu dem Schluffe, daß dann auch der Erreichung des zionistischen Endzieles, der nationalen Autonomie eines jüdischen Gemeinwesens im Lande der Väter nichts mehr im Wege stehe. Der Schluß wäre sehr voreilig. Gewiß, eine größere Wegstrecke liegt klar und eben und hell, wie nie zuvor, vor unseren Blicken ausgebreitet, aber wo das sehnsüchtige Auge das Wegende zu sehen erwartet, lagern Nebel und trübe Wolken. Denn die Situationsandsrung hat auch ihre Schattenseiten. Ich will nicht lange dabei verweilen, daß eine bedeutende, vielleicht die bedeutendste Chance für den Zionismus mit der alten Aera begraben worden ist: Großes war da nicht nur von der Laune des Despoten zu erhoffen, bei der immer geplanten und zuletzt eifriger denn je vorbereiteten Aufteilung des türkischen Reiches wäre am Ende — als Resultat weitblickender politischer Berechnung, nicht der Gunst und Gnade der besonders intereffierten Großmächte — die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina, unter Patronanz und Garantie der ersten Mächte der Welt, den Juden in den Schoß gefallen Auch die Hoffnung, wenn nicht diesen, so dock nächsten Sultan von dem Segen einer jüdischen Maffenanssedlung für sein Reich zu überzeugen, muß nun »ä aera gelegt werden. Jetzt muß sich vielmehr die zionistische Politik an das türkische Volk wenden, ihm die Anerkennung der uralten Ansprüche des national organisierten Judentums abzuringen bemüht sein. Nun ist es an sich weitaus schwieriger, mit Vernunftgründen oder Sentiments, mit politischen oder diplomatischen Mitteln, auf Massen zu wirken, als auf den oder die einzelnen Repräsentanten eines Volkes. Und die Schwierigkeiten werden unberechenbar, ja unüberwindlich, wenn gleichzeitig oder vorher andersartige Einflüsse Strömungen, Entwicklungen von außen und innen richtunggebend und bestimmend auf die Massen wirken. Zuletzt wird viel davon abhängen. ob die Türkei sich zu einem Nationalstaat oder Nationalitätenstaat gestaltet. Ein demokratisch-nationalistischer Osmanenstaat — und die Nivellierung all der bunten Völkergrvppen zu einem umfassenden, einheitlichen Nationalgebilde ist gewiß nicht ausgeschloffcn,,wie das Beispiel der nordamerikanischen Union zeigt — würde ganz sicher nicht die Loslösung oder auch nur Privilegierung des jüdischen Gemeinwesens mit Autonomie zugeben. Aber selbst ein föderatives Staatsgebilde mit Autonomie der kulturell und wirtschaftlich geschloffenen Nationalitäten birgt noch lange keine Gewähr für die Etablierung eines jüdischnationalen Verwaltungskörpers, man denke nur an Oesterreich, wo inmitten der erbitterten Befehdung der einzelnen Nationalitäten darüber fast allseitige Uebereinstimmung herrscht, den Juden nicht die Rechte zuzubilligen, die jede einzelne Gruppe für sich gebieterisch verlangt. Und Finnland, nachdem es die nationale Autonomie für sich erzwungen, hat den Juden nicht einmal die elementarsten Mevschen- und Bürgerrechte zugcstonden. „Ja, aber in der Türkei muß das ganz anders kommen: Die Türken haben nie den Antisemitismus gekannt, im Gegenteil immer besondere Sympathien für die Juden und das jüdische Volk gehabt", erwidern die Optimisten. Trotzdem wird, wie unter allen Zonen und Kulturen, zweifellos auch in der Türkei der einmal entfesselte geistige und ökonomische Wettbewerb, die sozialen und politischen Frittionen aller Art die, wie allerwärts, auch hier exponierten und sich exponierenden Juden in die Rolle des Sündenbocks hineinzwingen. Auch hier, wie sonst überall, werden Mißgriffe von jüdischer Seite nicht ausbleiben, die diesen mit Naturnotwendigkeit sich abwickelnden Prozeß noch beschleunigen: Die Ausschreitungen der radikalen Jünglinge, die auf die gesamte Judenheit zurückfallen, auf der einen Seite und andererseits der kriechende Hyperpatriotismus assimilatorischer Elemente, der die politische Zuverlässigkeit der übrigen Juden in ein zweifelhaftes Licht rücken muß — über beides weiß leider dre Chronik der jüngsten Zeit auch aus der Türkei schon zu berichten. Eudlich wende man nicht ein, daß im Reiche des Halbmondes der Religionshaß als Stimulans der Volksleidenschaft gegenüber den Juden fortfalle, denn die Verwandtschaft der Religionen pflegt auf den Gegensatz nicht mildernd, sondern verschärfend zu wirken, und die Behauptung, daß Islam und Judentum stets gut miteinander fertig geworden seien, wird von historischen Tatsachen Lügen gestraft. Der Siegeszug des Islam begann unter Jahrzehnte währenden Kämpfen gegen jüdische Stämme, Kämpfe, die so blutig und grausam waren, wie nur je die Propaganda der Religion der Liebe. Auch viel später wiederholten sich Perioden, wo man mit denselben politischen und sozialen Gewaltmitteln, mit derselben schonungslosen Härte versuchte, deu Juden das Bekenntnis zum Islam aufzuzwingen, wie anderwärts das zum Christentum.*) Zu allen Zeiten dis in die neueste Zeit haben ') „Das Judentum bekam an dem Islam, deu es an seiner Brust genährt hatte, einen zweiten mächtigen Feind. Der Koran wurde das Grundbuch für einen großen Teil der Menschheit in drei Erdvor allem die arabischen Bekenner des Islam (viäs Marokko!) den Juden feindseligsten Haß bewiesen, die Araber sind auch in Palästina vorläufig das herrschende Element, und kleinere und größere Krawalle zwischen Juden und Arabern sind schon jetzt dort nichts Seltenes. Mrt alledem wollte ich nur vor gefährlichen Illusionen warnen. Man mag sich die weitere Entwicklung der Türkei - wie immer vorstellen, die Verwirklichung des Hauptpunktes des Baseler Programms scheint durch die jüngsten Ereignisse und deren notwendige Konsequenzen keineswegs näher, vielmehr in weitere Ferne als je zuvor gerückt. In ferner Zeiten Schoße ruht vielleicht ein türkisches Imperium L la England mit weitgehendster Autonomie aller einzelnen Reichsteile und wie Großbritannien ein jüdisches Gemeinwesen mit nationaler Selbstverwaltung innerhalb des Reichsgebietes zu etablieren und zu fördern geneigt war (Uganda-Angebot), so könnte auch einst die Türkei unbeschadet der Zentralgewalt einmal solche Konzessionen machen. Aber diese höchste Stufe des Völkerforlschrittes kann nicht in Jahrzehnten, nur in Jahrhunderten erklommen werden. So lange voraussichtlich wird der Zionismus, wenu er nüchtern die Verhältnisse überschaut, iein Endziel zurückstellen müssen. Zurückstellen, nicht aufgeben! Die immanente Tendenz des jüdischen Volkes zu diesem Ziel, durch die Geschichte zweier Jahrtausende unwiderleglich bewiesen, kann durch die Schwierigkeiten von Jahrhunderten nicht zerstört werden, und die kühle Berechnung der Dinge, die dieses Ziel noch in weite, sehr weite Fernen gerückt erscheinen läßt, kann und soll den Glauben an die endliche Erreichung des Zieles nicht erschüttern. Und gerade, wenn wir in diesen Dingen zu ruhiger Klarheit gekommen sind, werden wir nicht den Schluß ziehen: resignieiend und zweifelnd die. Hände in den Schoß legen und bessere Zeiten abwarten! Im Gegenteil, jetzt heißt es erst recht arbeiten, die Arbeit leisten, für die die Zeit reif ist, für die reale Möglichkeiten schon gegeben sind. Solche Arbeit in und für Palästina, genuq für hundert Jahre, ist den Zionisten jetzt erst klar vorgezeichnet. Sie muß mit der größtmöglichen Extensität und Intensität unternommen und betrieben werden. Jeder Zionist wird seine materielle und ideelle Kraft einsetzen, die Organisation die Teilnahme der weitesten Kreise für diese Arbeit suchen müssen. Daß sie diese auch finden wird, dafür zeugen schon die Berichte über die jüngste „Berliner Konferenz", die wenigstens eine Demonstration für alljüdische Orientarbeit bedeutete. Aus den vorstehenden Darlegungen lassen sich auch schon Schlüsse auf die Beeinflussung der „Jto" durch die Neugestaltung der Türkei ziehen. Gegründet mit der Idee, eine autonome Massensiedlung von Juden, unabhängig von den ungewissen Aussichten des Zionismus, als provisorische Lösung der Judenfrage in die Wege zu leiten, kam j&te „Jto" alsbgld dazu, der vom ,ökonomische,n..und nationalen Standpunkt wichtigsten Erscheinung des Massenelends, dem Emigrationsproblem, wachsende Aufmerksamkeit zu widmen, in der richtigen Erkenntnis, daß nicht nur vor der Erlangung eines Territoriums, sondern auch noch lange nachher die Emigration einer der bedeutsamsten Faktoren des Lebens der Judenheit sein und bleiben werde. So schied sich die Arbeit der „Jto" in zwei Teile: die Bemühungen um ein Territorium, mit sicheren Aussichten einer jüdischen Majorität und einer weitreichenden Autonomie, und dann die Bestrebungen auf Regulierung der Emigration, insbesondere unter Eröffnung neuer Emigrationsgebiete mit geringeren Einwanderungsbefchränkungen und größeren wirtschaftlichen Aussichten, als die bisherigen Jmmigrotionszentren boten. Wie die Verhältnisse in der Türkei bisher lagen, kam Palästina als „Territorium" für die „Jto" nur in Frage, wenn unerwartete Wendungen den Bemühungen der Zionisten zu Hilfe kamen; in diesem Falle war, wie maßgebende Führer der Territorialisten wiederholt versicherten, eine Kooperation der „Jto" mit ihrer Mutterorganisation selbstverständlich. Palästina als einfaches Emigrationsziel war für die „Jto" ganz und gar ausgeschlossen, solange das Einwanderungs- Verbot für Juden formell in Kraft blieb und im übrigen die rechtlichen Unterlagen für eine Ansiedlung so mangelhaft blieben, wie sie unter dem verrotteten alten Kurse nur sein konnten. Inwiefern kann der neue Kurs in der Türkei diese Anschauungen der „Jto" über Palästina als Territorium oder als Emigrationsgebiet ändern? Leute, die die „Jto" zunächst als Fehlgeburt, später als lebensunfähiges Kind, dann wiederholt als tot und begraben ausgegeben haben, waren sehr rasch bei der Hand, zu erklären, daß nun, nach der Wendung der Lage in der Türkei, die „Jto" bestimmt sich auflöien müff-, weil ihr alle Existenzberechtigung genommen sei. Nur sträflicher Eigensinn könne gegenstandslos gewordene Sonderbündeleien noch aufrecht erhalten. Weit gefehlt! Wenn die Prämisse, daß ein autonomes jüdisches Gemeinwesen in Palästina nunmehr in greifbare Nähe gerückt sei, falsch ist, so ist der Schluß, daß die „Jto" jetzt schlafen gehen müsse, nicht minder falsch. Im Gegenteil geht aus meinen früheren Auseinandersetzungen hervor, daß das zionistische Endziel eben in eine nebelhafte Weite gerückt scheint — und ich fürckte, sehr bald wird die Entw'cklung die Berechtigung meines Pessimismus erkennen lassen — und darum die Suche nach „Jtoland" dringlicher als jemals früher ist. Denn noch ist es nicht völlig ausgeschlossen, daß, auch bei vorläufiger Zurückstellung von Palästina, sich Zionisten und Jtoisten eines Tages auf der Landsuche begegnen. teilen, und da er von gehässigen Aussprüchen gegen die Sohne des Judentums gefüllt ist, so erzog er die mohammedanischen Völker zum Haffe gegen dieselben." Graetz, Bd. V, Kap. 4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.