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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-23 · 43 (23.10.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 43 Pr. KLoch^s Wochrnfttzrlst. Seite 751 Ueberzerrgung von der Unschuld Hilsners die praktischen Konsequenzen gezogen werden?" Das ist doch alles von einer für Herrn v. Ruber geradezu vernichtenden Deutlichkeit. In offener Landtagssitzung beschuldigt ihn der Abgeordnete Schneider zweimal der Bestechlichkeit, des größten Verbrechens, dessen sich gerade ein Justizfunktionär schuldig machen kann. Herr v. Ruber hüllt sich trotz dem lateinischen Sprichwort: „Wer schweigt, scheint zuzustimmen" iu verhängnisvolles Schweigen. Er schweigt, trotzdem sich die Presse des Falles bemächtigt und ganz offen Gerüchte über die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen einen reichen Mann renstriert. Er schweigt, trotzdem man ihn dringend auffordert, Aufklärungen über die Erklärungen Schneiders zu geben. Er schweigt, trotzdem man sagt, daß erst nach seiner Unterredung mit Schneider die Polnaer Gerichtsärzte Auftrag zur Blutuntersuchung bekommen haben. Er schweigt, trotzdem man ihm nachsagt, daß er unter dem Drucke Schneiders einseitigen Einstuß auf einen Prozeß genommen habe. Solche Nachrede darf sich ein gewesener Chef der Justizverwaltung, der jetzige Präsident des Obersten Gerichtshofes unmöglich gefallen lassen. Er mag ja für seine eigene Person eine völlig eiserne Haut besitzen und zu jeder Lüge, die über ihn verbreitet wird, gleichgiltig und mitleidig die Achseln zucken. Aber sein Beruf macht es ganz unmöglich, daß er auf seiner Amtsführung den schwersten Vorwurf sitzen läßt, den es überhaupt gibt. Der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes bestechlich? Ist das möglich, ist das überhaupt denkbar? Und wenn schon Herr v. Ruber selbst auf dem unnahbaren Standpunkt steht, fühlt sich denn der Herr Justizminister gar nicht berührt davon, daß man den ersten seiner Richter öffentlich Bestechlichkeit vorwirft, zwingt er ihn denn nicht, die Verleumder vor Gericht zu schleifen, um für alle Zeiten zu beweisen, daß er niemals im Amte Geld empfangen habe, daß er niemals Schneider gehorsam sein müßte? Aber es ist ja nicht erst nötig, daß der Herr Justizminister dem Herrn von Ruber Winke darüber gibt, wie weit man sich Angriffe gefallen lassen dürfe und wie weit nicht. Herr von Ruber hat ja jetzt gezeigt, daß er empfindlich ist, ja sogar überempfindlich und hat aus verhältnismäßig geringer Ursache dem ganzen Advokatenstande einen Affront angetan. Was für lächerliche Kleinigkeiten aber sind die Angriffe der Rechtsanwälte im Vergleich zu den Angriffen von Seiten Ernst Schneiders, gegen den Vorwurf der Bestechlichkeit im Amte! In diesem Falle hatte aber Herr von Ruber seine eiserne Haut eines moralisch unverwundbaren Siegfried angetan, wollte er von nichts wissen, trotzdem wir nicht versäumten, ihm unsere Meinung von Fall zu Fall zur Kenntnis zu bringen. Wir haben viel mehr Leser, Herr von Ruber, als Teilnehmer am Advokatentage waren. Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Juden haben gelesen, daß Sie auf Schneiders Vorwurf von der Bestechlichkeit keine Antwort gegeben haben. Verteidigen Sie Ihre Ehre, Herr von Ruber, und wenn Sie jemals empfindsam waren, seien Sie es jetzt! Zionismus und „Ito" «ach der türkischen Wm«»A;«ng. Von Dr. Karl Jeremias, Posen. Wir leben in einer unruhevoll gärenden Zeit, die durch eine Fälle von neuen Erscheinungen und Bestrebungen auf allen Lebensgebieten in wirbelnder Bewegung gehalten wird. Vor unseren Augen vollziehen sich tiefgreifende Veränderungen aller technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, bedeutungsvolle Umformungen der sozialen und gesellschaftlichen Schichtungen, ungeahnte Wandlungen des politischen Gesamtbildes der Welt und der innerpolitischen Entwicklung der Einzelländer. Evolutionen und Revolutionen dieser Art wirken, hei den mannigfachen Wechselbeziehungen der Individuen und Völker der Jetztzeit zu „aller Welt", notwendig auf alle, die nicht gerade ein weltentrücktes Eremilendasein führen,- sondern irgend einer kleineren oder größeren Gemeinschaft eingegliedert sind. Am allerwenigsten eignet die Rolle des ruhenden Poles in der Erscheinungen Flucht der jüdischen Gemeinschaft; im Gegenteil, überall auf der^ Erdoberfläche existent und exponiert, bieten sie sich als Ableiter für Entladungen, wo immer auf der Welt ein kritischer Tag heraufzieht. Oder wie Max Nordau es in einem überaus treffenden Aufsatz „Ferndeben" ausdrückt, mit der Zuverlässigkeit und Empfindlichkeit des Seismographen, eines astronomischen Instruments, das hundert Meilen entfernte Erderschütterungen registriert, also reagiert die jüdische Gesamtheit auf alle inneren Vorgänge der Menschenwelt auf Grund der komplexesten Beziehungen. Wie sehr müssen vollends die Beziehungen der Judenheit und ihrer großen Organisationen influenziert werden, wenn in einem Lande, das ein Ziel der Erinnerungen und Hoffnungen zugleich für große Teile der Diaspora bietet, epochemachende Umwälzungen sich vollziehen. Tatsächlich ist denn auch in der jüdischen Presse aller Länder, weit über das allgemeine kulturelle Jntereffe hinaus, ein besonderes, ein spezifisches Jntereffe an den türkischen Neugestaltungen zum Ausdruck gekommen. Es beschränkte sich nur bei der publizistischen Vertretung der extremsten Assimilation auf die Teilnahme für die Geschicke der zahlreichen Juden in der Türkei. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Organe bezeugte Interessen von weit größerem Horizonte, bewußte oder unbewußte, eingestandene oder uneingestandene Interessen für die neuen politischen und nationalen Entwicklungen in den nie vergessenen, nie aufgegebenen Stück Türkei, das Palästina heißt und für das Gros der Judenheit noch immer tausend unnennbare, unwägbare Gefühlswerte birgt. Vor allen anderen aber muß die zionistische Organisation das stärkste, dringendste Interesse an dem großen Werden im osmanischen Staatsorganismus fühlen. Alle zionistischen Organe, Versammlungen. Vereine, jeden denkenden Zionisten und namentlich die Leitung der Organisation sieht man denn auch aufs intensivste mit der neuen Lage der Dinge beschäftigt. Für die zionistischen Pläne und Arbeiten scheinen sich neue Perspektiven recht verschiedener Art zu eröffnen: günstige und ungünstige. Betrachten wir zunächst die Lichtseiten der Gegenwart, bezw. der nahen Zukunft. Sie räumt der unmittelbaren praktischen und weitergreifenden politischen Arbeit des Zionismus die schwersten Hindernisse aus dem Wege, die aus der Politik, Gesetzgebung und Verwaltung des alten Regimes erwuchsen und bislang allen Bemühungen getrotzt hatten. Bis dato waren die diplomatischen Erfolge der Führer bei der Pforre selbst rein platonische geblieben und der Stand der Agrargesetzgebung wie die Abhängigkeit von den korrumvierten unteren Verwaltungsbehörden hemmte jede wirtschaftliche Tätigkeit größeren Stiles, ließ sie sogar direkt bedenklich erscheinen. Diese Verhältnisse verschuldeten es denn auch, daß der praktische Zionismus, wenngleich er auf den Kongressen in der Theorie triumphierte, in seinen tatsächlichen Leistungen über Bagatellen nicht hinauskam. Es gelang ihm nicht einmal, von der Organisation selbst genügende Mittel zur Durchführung auch nur eines großzügigen Projektes zu beschaffen, geschweige denn das Privatkapital mit nennenswerten Summen für die „pövstratüou xaeiügus" zu interessieren. Allen zionistischen Phrasen zum Trotz hielt sich die nüchterne Praxis an die Einwände prinzipieller Art, die immer wieder aus der scheinbar so kleinen, aber klar bewußten Minorität alter politischer Zionisten laut wurden. Und die unvorsichtigste Propaganda unverantwortlicher Politiker vermochte, selbst in dem Chaos einer fluchtartigen Massenemigration russischer Juden, nur einen winzigen Bruchteil nach dem Palästina alttürkischer Observanz zu locken, bezw. dort festzuhalten. Ucker solchen Umständen waren die zionistischen Ausblicke sehr bescheiden, man mußte sich auf zähe, kleinste Kleinarbeit gefaßt machen und hätte auch dabei noch mit der Rivalität der wirtschaftlichpolitischen Einflüsse aller Mächte der Welt zu rechnen und zu ringen. Wie anders jetzt! Im Rahmen einer modernen Staatsverfassung und Staatsverwaltung eröffnen sich ganz neue, gesunde Bedingungen für den wirtschaftlichen Wettbewerb aller seiner Bewohner unter Ausschluß der privilegierten Konkurrenz ausländischer Wirtschaftsmächte und die privatrechtlichen wie öffentlich rechtlichen Sicherheiten, die der konstitutionelle Staat so ipso bietet, sind die rechte Basis für ein planvolles, wirtschaftli ches V ordringe n auch der Juden nach großen Gesichtspunkte n. Dann auch erst darf eine Immigration jüdischer Massen nach Palästina ermutigt werden, sie wird ohnedies mit einer rationellen, ökonomischen Entwicklung des Landes von selbst in Fluß kommen. Verwirklichen sich all die Aussichten, die die Wendung der Dinge in der Türkei für Volks- und Staatsleben verheißen, dann bedarf es keines Beweises mehr, daß eine systematische, jüdische Wirtschaftspolitik in Palästina und den Nachbarländern diesen Länderkreis, der zweifellos bedeutsamen wirtschaftlichen Entwicklungen entgegengeht, zu den besten Hoffnungen berechtigt. Dieselbe „praktische P alästinaarbeit", die nach der Uganda-Krise weder als Selbstzweck noch als Mittel zum Zweck empfohlen werden dürfte, sondern nur als Verlegenheitsphrase eine Rolle spielen konnte, wird durchaus rationell, wenn sie auf die solide Basis eines Rechtsstaates aufgebaut werden kann. Daß ein geordnetes Gemeinwesen auch für die" n a t i o n a lkultnrelle Tätigkeit ungleich bessere Möglichkeiten bietet, als die bisherige Verwaltung, leuchtet ohneweiters ein. Von dem Alpdruck einer despotischen Zentralgewalt und einer willkürlichen

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