Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr 42 Dr. Lloeb's Mocbenscbrltt. Seite 745 Was war natürlicher, als daß Weinstein, so er hörte, daß der Rabbinatsfitz in P. zu besetzen sei, seine verwandtschaftlichen Beziehungen benützte, um die Stelle seinem Schwiegersöhne zuzuwenden, der seit vier Jahren in seinem Hause mit ununterbrochenem Fleiße seinen Studien oblag? Sollte es auch möglich sein, daß ein Rabbi David Deutsch refufiert werde? Er veranlaßte daher seinen Schwiegersohn, seine Kandidatur in aller Form anzumelden, er aber schrieb einen eindringlichen Brief an Doktor Schwarz, der vorläufig nicht mehr, aber — auch nicht weniger tun konnte, als Deutsch zur Abhaltung einer Probepredigt einzuladen. Er kam in Begleitung seines Schwiegervaters, der den Erfolg durch seinen persönlichen Einfluß auf Doktor Schwarz und — durch sein Geld sichern zu können glaubte. Deutsch war ein sympathischer junger Mann im Alter von 26 Jahren, dem man die Herzensgüte und Bescheidenheit vom Gesichte ablesen konnte, aber er war linkisch und unbeholfen, so daß er nicht wußte, was er mit den Händen anfangen sollte, er war das, was man einen „Schlemihl" nennt. Weinstein und sein Schwiegersohn stiegen im Gasthause ab und gingen natürlich sofort zum Präses. Doktor Schwarz empfing sie mit jener ungeheuchelten Herzlichkeit, mit der man liebe, willkommene Verwandte empfängt; er hatte es aber bald weg, daß der Kandidat, wenn auch ein lieber, guter, gebildeter Mensch, doch noch immer ein — „Bochur" mit nichts weniger als weltmännischen Manieren sei. Er hatte sich nie in gesellschaftlichen Kreisen bewegt, es fehlte ihm das selbstbewußte Auftreten, er war gar zu bescheiden, war eben der Sprosse seines Urahnen Rabbi David Deutsch s. And., und überdies war. er so altfromm, daß er oft gegen die primitivsten Regeln des Anstandes verstieß. Die Tochter des Präses, Risa, hatte ihm als Verwandten die Hand gereicht, er aber tat, als sähe er es nicht, — er wird doch einem Frauenzimmer nicht die Hand geben, und da hatte das schalkhafte Mädchen es erst recht auf ihn abgesehen. Sie setzte sich zu ihm auf das Sofa und blickte ihm voll in die Augen; er aber rückte immer weiter von ihr und schlug die Augen nieder. Sie knüpfte mit ihm ein Gespräch an. „Erzählen Sie mir etwas von Ihrer Frau, ist sie schön?" „Schön? ich glaube — ich weiß es nicht, sie ist eine gute, fromme Frau, das weiß ich". „Aber, lieber Herr Deutsch, lachte Risa hell auf, „Sie wissen nicht, wie Ihre Frau ausfieht? Das ist köstlich! Hat sie blondes oder schwarzes Haar?" „Woher soll ich das wissen? sie trägt doch eine Perücke und das Haar wurde ihr am Hochzeitstage abgeschnitten". „Armes Weib!" sprach Risa ernst und sie dachte dabei — an ihr eigenes, schönes Haar, das vielleicht demselben Geschick verfallen würde, wenn der sehnlichste Wunsch ihres Herzens in Erfüllung ginge und ihr Gustav auf dieses Opfer bestehen würde. Von diesem ernsten Gedanken erfüllt, verließ sie ihr Mutwillen Deutsch gegenüber, sie erhob sich vom Sofa und setzte die Konversation mit ihm über allgemeine Dinge fort. Inzwischen aber konferierten im Nebenzimmer die beiden Freunde darüber, auf welchem Wege das angestrebte Ziel zu erreichen wäre. „Ich weiß wohl, lieber Doktor, daß mein Reb David Deinen Ansprüchen an einen Rabbiner nicht entspricht; aber Du vertrittst doch die Interessen Deiner Gemeinde und Du hast immer diesen Deine eigenen Wünsche untergeordnet. Nun, höre einmal, was ich der Gemeinde bieten will, im Falle lie meinen Schwiegersohn wählt. Ich gebe zehntausend Kronen zum Neubau der Schule, die, wie ich höre, baufällig ist. Außerdem lege ich ein Kapital von zehntausend Kronen als Stiftung an, deren Jntereffen alljährlich an hiesige Arme verteilt werden sollen. Ich könnte in meiner Gegend für meinen Schwiegersohn, dessen Jichus dort hochgeschätzt wird, mit dieser Summe ein größeres Rabbinat erlangen, aber er würde dort in die chasfidische Richtung gedrängt werden, was ich und auch er nicht mag. Hier, unter Deiner einflußreichen Protektion würden seine vorzüglichen Eigenschaften sich entwickeln". „Lieber Wilhelm", antwortete Schwarz, „Du hast ganz richtig es herausgefunden, daß Dein Schwiegersohn, dessen Tüchtigkeit auf rabbinischem Gebiete ich nicht in Zweifel ziehe und dessen vorzügliche Eigenschaften ich hochschätze, als Rabbiner meiner Gemeinde mir nicht zusagt. Unsere Richtungen find verschieden und der Fortschritt wäre auf Jahrzehnte lahmgelegt, aber ich habe meinen Willen der Gemeinde nie aufgedrängt. Was Du ihr aber anbietest, ist allerdings viel und werde ich einige maßgebende Personen ins Vertrauen ziehen und mit ihnen beraten, wie und wann ich das zur Kenntnis der Gemeinde bringen soll. Was mich betrifft, so werde ich der Kandidatur Deines Schwiegersohnes gegenüber wohlwollend mich verhalten. Mich für ihn einsetzen kann ich nicht, ohne mich selbst zu verleugnen". Weinstein gab sich damit zufrieden. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Alfr. Jeremias. Die Panbabylonisten. Der alte Orient und die egyptische Religion. Zweite erweiterte Auflage. 1907. Mk. —.80. Derselbe. Das Alter der babylonischen Astronomie. 1908. (Im Kampfe um den Alten Orient. Wehr- und Streitschriften, herausgegeben von Alfr. Jeremias und Hugo Winkler. Leipzig, I. C. Hinnchs. Nr. 1 und 3.) Was ist Panbabylonismus? Ein, wie die Verfasser dieser Streitschriften ausdrücklich selbst betonen, aushilfsweise gebrauchter Name für die von ihnen unter immer lebhafterem Beifall von Historikern, Philologen, Mythenforschern, Talmudisten (S. 14), Astronomen rc. verfochtene Annahme, daß der alte Orient eine einheitliche Weltanschauung besessen hat, die über die ganze Erde gewandert ist. Man darf diese überall hingedrungene Lehre babylonisch nennen, weil sie uns am frühesten und klar entwickelt in Babylon begegnet und weil sie auf Agronomie beruht, die in Babylon ihre Heimat hatte. In einem besonderen Kapitel will Jeremias eine Probe auf das Exempel machen und zeigen, daß die hinter der egyptischen Religion stehende Ideenwelt nichts anderes ist als einer der Dialekte der Sprache des Geistes, für die der Name Panbabylonismus vorläufig angenommen worden ist. In Heft 3 verteidigt Jeremias, vor allem gegen I. F. X. Kugler, das höhere Alter der babylonischen Astronomie. Beide Schriften des bekannten Assyriologen dienen ihrem Zwecke, der Teilnahme weiterer Kreise für die in die Frage nach den Uranfängen unserer Kultur so tief einschneidenden Probleme der Assyriologie in dankenswerter Weise. Wie der deutsche Kaiser jüngst bei der Erstaufführung des „Sardanapal" zutreffend bemerkt hat, verdienen diese Forschungen, daß die Welt von ihnen Kenntnis nimmt. In erster Reihe die jüdische, deren Vergangenheit und Schrifttum sich mit dem alten Orient so vielfach berührt. 6. Ed. Fuchs. Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Albert Langau. München. Lief. 1. Das Werk empfiehlt sich selbst schon durch den Namen des Verfassers, des bekannten Historikers der Karrikatur, sowie den des noch bekannteren Verlegers des „Simplicissimus". Blickt man den Text dieses Probeheftes durch, so braucht man in der Voraussetzung, daß die Fortsetzungen nicht enttäuschen, das Urteil nicht zu scheuen, daß hier allen Erwartungen entsprochen wird. Fuchs betont mit Recht auch in diesem Werke den Wert der Karrikatur für das geschichtliche Verstehen. Im Uebertreiben wird der Kern der Sache herausgeschält, das Auge sieht das Grundgesetz infolge der quantitativen oder qualitativen Häufung seiner Hauptbestandteile lebendig werden. Das wahre Wesen wird so stark sichtbar, daß man nicht mehr daran vorbeisehen kann. Die Karrikatur zeigt uns in erhöhtem Grade den Wert der zeitgenöffischen bildlichen Darstellung, an deren plastische authentische Wiedergabe kein noch so anschauliches literarisches Dokument heranreicht. Das Probeheft bietet demgemäß eine Fülle wertvoller Reproduktionen von Kunstwerken aus dem behandelten Zeitraum, darunter drei Darstellungen alttestamentlicher Gegenstände. — x.— Neue Bücher. Oft und Weft. Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben von Leo Winz. Verlag Ost und West. Berlin W 8. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Allignce Jsraelite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 10. Oktober 1908. Inhalt: Michael Sachs: (Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 7. September.) Mit Porträt. Ein Brief Michael Sachs' an Moritz Beit.