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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-16 · 42 (16.10.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 738 Wx. Mocv s MocdeKscvrLK. Nr. 42 Deshalb kennt er keine Treue, weil er sich nicht au den Menschen im Weib, sondern aus schließlich an das Weib klammert und weil seine Seele eine ewig wechselnde Berührung braucht, um in Schwingungen zu geraten. Dies ist der Held des vorliegenden Romanes und eigentlich nichts weniger als ein Held. Denn äußerlich vollzieht sich nichts Großes in seinem Leben, als daß höchstens ein Weib um seinetwillen ihre gesellschaftliche Stellung und den landläufigen Begriff Ehre vernichtet, ohne mehr von ihm zu verlangen, als daß er ihren Inhalt ausschöpfe und sie wie ein gelesenes Buch beiseite lege. Die Möglichkeit einer solchen Handlungsweise läßt einen großen Schluß auf die Wirkung seiner Innerlichkeit zu. Wenn sich auch in ihrem Herzen Wünsche regen, daß er sie zu seiner ewigen Gefährtin machen möge, zu einer Zeit, in der die Enttäuschung ihren Reif auch auf ihre Liebe gelegt hat, erkennt sie, daß ein unüberwundenes Muß, eine unbewußte Selbstsucht in ihm ihn von jedem Hemmnis befreit. Und da sie begreift, daß nicht ihr gesellschaftlicher Mißgriff, nicht ihre untergeordnete soziale Stellung es sind, die ihn abhalten, das große Opfer liebevoller Torheit zu bringen, sondern einzig und allein ein seelischer Zug egoistischer Einsamkeit — da tritt sie schweigend in ihre Dunkelheit zurück und läßt seine Sehnsucht hinausziehen, über ihr Herz, ins Freie. Einst gab es eine Zeit, wo der kühle, bewußte Zug im Leben dieses Mannes einem warmen Gefühle unterlegen wäre — aber das Kind, das ihn zu fesseln anfing, starb und mit ihm zerriß das einzige Band, das ihn dauernd an den Besitz einer Frau binden konnte. Und es ist auch für ihn besser so. Für Georg Wergenthin darf die Liebe kein Schicksal sein, Ms der er die tiefsten Leidenschaften schöpfen, an der er sich aber auch verbluten kann, sie darf ihm nicht mehr sein, als ein Erlebnis, das seine Tiefen aufwühlt, aber vorüberrMscht. Und wenn an diesem konsequenten Selbstempfiuden Menschenherzen wie Halme zerbrechen sollten — über sie hinaus führt für ihn ein Weg ins Freie. Das ist eine Eigenart, so wie die zärtliche Ergebenheit eines Troubadours, wie die starre Treue eines Toggenburg und wie die totbringende Leidenschaft eines Lenau. Es ist seine Bestimmung und somit auch sein Schicksal. Georg Wergenthin ist eine komplizierte, feingeistige, dabei zielbewußte und etwas destruktive Natur. Diese Kompliziertheit in eine logische Form der Entwicklung zu bringen, dazu gehört die gereifte Menschenkenntnis eines Schnitzlers, dem Herzen dieser Art wie klares Krystall sind, dazu gehört die Wahrheit eines Zola, ohne seine zerschmetternde Wirkung. Schnitzler tönt alles ab, seine Leidenschaften werden nicht häßlich und abstoßend, die Schmerzen nicht widerwärtig. Es ist dieselbe Gesellschaft schließlich und über sie wird dasselbe gesagt. Aber es ist bei ihm alles auf ein weiches Adagio gestimmt und alles endet in ein mildes tont eowxionärs.... Die zwei Gestalten, die durch den Roman gehen und deren Schicksal sich in ihm erfüllt, Georg Wergenthin und Anna Rosner, sie leben in einem Kreis von Menschen, der uns unendlich nahesteht. Fast hat es den Anschein, als ob der Roman seine Bedeutung nicht der kühn durchgeführten Psychologie der Beiden, sondern der wunderbaren Charakteristik eines Kreises von Menschen, die mitten aus dem Leben gegriffen scheinen, verdankt. Man hat den »Weg ins Freie" fälschlicherweise einen Judeuroman genannt. Das ist er gewiß nicht und schon seine beiden Hauptgestalten widersprechen einer solchen Behauptung von vorneherein. Er ist nur der erste Roman, der den Mut hat, auch die Juden einer gewissen Gesellschaftsklasse so zu zeigen, wie sind, mit ihren guten Eigenschaften und mit ihren Fehlern, auf die ihnen der freimütige Dichter dasselbe Recht gibt, wie den anderen. Daß dieser sympathische Mut, der nur der Ausdruck eines realistischen Wahrheilsempfindens ist, sofort für Kampfruf und Bekenntnis gehalten wird und daß selbst die Juden hinter ihm Absicht und Tendenz wittern, ist ein Beweis dafür, wie wenig wir es wagen dürfen, natürlich' und wahr zu sein. Der »Weg ins Freie" ist gar kein Tendenzroman, am allerwenigsten ein zionistischer. Denn mit derselben Vollendung, mit der ein Leo Golowski geschaffen scheint, ist auch die Gestalt des sympathischen Freiherrn Feliciau, der Bruder Georgs, gezeichnet, und es wäre somit ein Leichtes, den Roman auf diesen glänzenden Aristokratentypus hin zu einem Roman der oberen Zehntausend zu machen. Der Roman spielt überdies in Wien in einer Gesellschaft von Menschen, in der die Juden zu übersehen dem eingefleischtesten Arier nicht möglich geworden wäre. Es ist ein Verdienst Schnitzlers, sie so gegeben zu haben, wie sie sind, nichts beschönigt und nichts herabgesetzt zu haben. Und weil sich endlich jemand gefunden hat, der diesbezüglich den Mut hat, unnachsichtlich wahr zu sein, deshalb erscheinen die jüdischen Gestalten dieses Romanes trotz aller ihrer Schwächen und Fehler sympathisch und interessant. Von der prachtvollen, ehrlichen Erscheinung des alten Ehrenberg führt ein direkter Weg zur Renegatenuatur Oskars, seines Sohnes. Da ist Else Ehrenberg, die eine starke, jüdische Eigennatur vom Vater ererbt hat und klug genug ist, sie nicht zu verleugnen wie ihr Bruder Oskar, oder so zu betonen wie ihr Vater. In ihrer etwas unausgesprochenen Art, von einer unklaren Sehnsucht erfüllt, steht sie zwischen den Ansichten und den Menschen. Und in ihr regt sich bereits jener spezifisch jüdische Skeptizismus, der in den beiden Literaten Bermann und Nürnberger überaus stark entwickelt scheint und der im Grunde nichts weiter ist, als innere Haltlosigkeit. Das sind Juden, wie sie das Leben täglich zeigt, die der Dichter mit scharfem Blick erfaßt hat und die er so zu bringen wagt, wie sie wirklich sind. Auch das ist ein Beweis von Liebe, bei aller Objektivität, einer Liebe, die sich ihre Urteilskraft gewahrt hat. Der Dichter hat sich über die Parteien gestellt und läßt sie reden und handeln, als ob sie nicht seine Geschöpfe wären. Das vermehrt den lebendigen Eindruck des Romanes. Aber das, was oft zwischen den Zeilen zu lesen ist, das was aus des Dichters Herzen zu kommen scheint, das steht fern von jeder Parteipolitik und wird uns durch Georgs Empfindungen immer und immer wieder klar gemacht, wenn seine Gefühle, die ihn in diese Gesellschaft locken und ihn abstoßen, sich zu verwirren drohen, wenn er gleichzeitig bewundern und verachten muß: Daß wir bestenfalls und trotz aller Positionen exotische Fremdlinge sind, die man wie fremdartige Tiere anstaunt. Eine polemische Absicht aber fehlt diesem Roman, der nur für Georg Wergenthin aber nicht für uns Juden eine Erlösung sucht. Thekla Blech. Die Inquisition in Mrriko. Die letzte Nummer des „Mexican Herald" enthält einen sehr lehrreichen Artikel über die Geschichte der Judenverfolgungen in Mexiko, den wir, da er viel neues Geschichtsmaterial enthält, auszugsweise hier wiedergeben. Nach der Entdeckung der neuen Welt hatte Spanien die Inquisition auch in seinen amerikanischen Kolonien etabliert, indem es gegen Marannen und Juden, die sich hieher geflüchtet hatten, das hochnotpeinliche Verfahren einleitete. Der erste» der in New-Espannola auf Grund der neuen Inquisition verurteilt werden sollte, war Diego Caballero, ein Sohn des neuchristlichen Barrameda. Die Inquisition wurde in Mexiko im Jahre 1571 eingeführt und drei Jahre später wurde das erste Autodafe abgehalten. In der Zeit von 1574 bis 1593 wurden daselbst neun Autodafes veranstaltet. Bei der Hinrichtung am 8. Dezember 1596 befanden sich 60 Personen in der Armensünderzelle, während am 25. März 1602 über 100 Juden den Scheiterhaufen betreten mußten. Im Jahre 1608 wurde Jorge de Almeida

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