Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 736 Wr. Llocb's Mocbenscvrltt. Nr. 42 einer großen Ueberrafchung endete. Während der Verhandlung vor dem Testameutsgcricht, in der ein Stiefbruder des Verstorbenen Anspruch auf das Erbe erhob, erschien ein langjähriger Freund Harris Normans vor dem Testamentsrichter und legte einen alten abgetragenen Zylinderhut mit den Worten: «Hier ist das Testament meines Freundes!" auf den Gerichtstisch. Es stellte sich heraus, daß der greise Hausierer seinem Freunde den Zylinderhut für eine Beerdigung geliehen batte. Als dieser den Hut zurückbringen wollte, war Harris Normann gestorben. Durch einen Zufall entdeckte Mr. Wall, in dessen Händen der Seidenhut des Hausierers zurückblicb, daß unter dem Futter des Zylinders, auf einem halben abgerissenen Bogen zerfetzten Notenpapiers der letzte Wille des Sonderlings verborgen war. Harris Norman vermachte darin seine ganze Habe, die iu sicheren Wertpapieren angelegt war, zwei wohltätigen Stiftungen zur Unterstützung verarmter und bedürftiger Juden, und trotz des Protestes, den der Stiefbruder des Verstorbenen gegen dieses sonderbare Testament einlegte, erklärte es der Richter für gültig. Ebenso romantisch wie diese Testamentsaffäre war auch das Leben des Hausierers gewesen. Er stammte aus Polen, hieß ursprünglich Paul Hirsch und landete in den Vierziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts im Alter von 18 Jahren in England. Sein ganzes Vermögen betrug 18 Schilling. In London, wo er zunächst mit Schwämmen handelte, nahm er den Namen Harris Norman an. Seine Kunden suchte der geschäftseifrige junge Mann unter Kutschern und Stallknechten. Aber schon nach vier Jahren hatte er ein kleines Kapital angesammelt, groß genug, um in Cambridge ein Hausiergeschäft in billigen und imitierten Juwelen zu ^etablieren. Er war weit und breit im Lande bekannt, suchte und fand überall Geschäfte und vermehrte still und stetig sein Kapital mit der Zähigkeit eines Mannes, der die Kraft seiner Jugendjahre benutzt, um sein Alter in Muße verleben zu können. Harris Norman lebte noch immer wie ein Bettler, als er schon ein wohlhabender Mann genannt werden konnte. Jahrelang bestand seine Nahrung aus harten Brotrinden, die er mit einem Schluck Wasser hinunterspülte, und wenn er das Mißgeschick hatte, den letzten Zug zu verpaffen, so wanderte er nachts meilenweit nach Hause, nur um die Miete für ein Hotelzimmer zu sparen. Nachdem ihm sein Geschäst genug eingebracht hatte, begann der Hausierer an der Börse zu spekulieren. Zu diesem Zweck lernte er noch auf seine alten Tage schreiben. Seine Lehrmeister waren Schulkinder, die er mit Süßigkeiten beschenkte, um das Honorar für einen Lehrer zu sparen. Nach fünfzig Jahren unermüdlichen Handelns zog sich Harris Norman von den Geschäften zurück. Er genoß das Leben auf seine Art, ein wenig mit Muße und ein wenig vcguemer als früher, aber ebenso frugal und kärglich. Nur einen Luxus leistete er sich, ein Vergnügen, das ihn zu einem Original der Stadt machte; . er wurde ein leidenschaftlicher Freund von Fußball und Kricket. Jeder, der den trotz seiner Jahre noch immer rüstigen, hageren Mann sah, hielt ihn für einen armen Schlucker, und selbst ein paar Sportfreunde, denen der ehemalige Hausierer sein Herz aufgeschloffen hatte, ahnten nichts von dem heimlichen Vermögen des Sonderlings, bis ein altmodischer Zylinderhut das Geheimnrs seiner Erbschaft preisgab. Gi« Wakornlsen-Heim für Jerusalem. Seit' seinen letzten Artikeln über die von dem Unterzeichneten in der „Oesterreichischen Wochenschrift" und anderen Blattern schon wiederholt kundgegebenen Bestrebungen für Gründung eines allgemeinen Diakoniffen-Heims in Jerusalem kam demselben mit der unmittelbar vor diesem Schreiben hier eingetroffenen Post eine erfreuliche Nachricht, nach welcher dieses wichtige und segenverheißende Projekt seiner Ausführung ein gut Stück näher gebracht erscheint. Nach einer an den Schreiber gelangten brieflichen Mitteilung hat sich nämlich dessen Cousine Frl. Elisabeth Stieß entschloffen, ihr Anwesen und ihre Liegenschaften in Bad Aibling in Ober-Bayern und in der Bayerischen Pfalz zu veräußern und in der Hoffnung auf die weitere allgemeine öffentliche Teilnahme und Unterstützung den Erlös für die Neugründung eines Hauses in Jerusalem zu verwenden, welches der Stationierung von Diakonissinnen und allgemeinen Wohlfahrtsbestrebungen dienen soll und zu dessen Führung und Uebersicht sie selbst mit einer ebenfalls zurzeit in Bayern sich befindlichen, in allen weiblichen Haus- und Handarbeiten gründlich erfahrenen und geübten Schwester des Artikelschreibers bald hierher kommen will. Mit welcher freudigen und dankbaren Genugtuung der Unterzeichnete diese völlig unerwartete Nachricht entgegengenommen hat, mögen sich seine geehrten Leserinnen und Leser wohl selber vorstellen und hofft er jetzt, nachdem sein schon jahrelang ventiliertes Projekt greifbare Gestalt anzunehmen beginnt, daß ihm Md seinen Verwandten in ihrem der Allgemeinheit und insonderheit der zahlreichen zum größten Teil armen jüdischen Bevölkerung von Jerusalem zugute kommenden wohltätigen Bestrebungen besonders auch aus jüdischen Kreisen wohlwollende Sympathie und freigebige Unterstützung entgegengebracht werden, damit in dem hoffentlich bald erstehenden Hause sofort einige Krankenpflegerinnen stationiert und unterhalten werden können. In Bezug auf die notwendigen Reformen der Kranken- und Gesundheitspflege in Jerusalem - sei es ihm in Ergänzung und zur Begründung dessen, was er selbst schon hierüber an eigenen Beobachtungen und Erlebnissen der Oeffentlichkeit mitgeteilt hat, hier nur noch gestattet, einen Passus aus der Rede des englischen Missionsdoktors Wheeler in Jerusalem anzuführen, welche derselbe gelegentlich der diesjährigen Jahrhundertfeier der Londoner Judenmission kürzlich in London gehalten hat und in welcher er u. a. folgendes sagte: „Wir danken Gott vor allen Dingen dafür, daß wir unsere Mission (d. h. die Londoner englische Judenmission) als die erste ärztliche Mission der neueren Zeit betrachten dürfen^ und daß wir gerade in der heiligen Stadt Jerusalem berufen sind, des Herrn Befehl buchstäblich und genau zu befolgen und zu erfüllen: Predigt das Evangelium und heilet die Kranken! Denn außer und neben der Predigt, dem Unterricht und der Belehrung gibt es kein anderes und besseres Mittel als die ärztliche Mission, um das Herz eines verstockten Juden zu gewinnen. Man kann sich kemen Begriff davon machen, welcher Schaden in gesundheitlicher Beziehung hier Hunderten von Kindern, Männern und Frauen zugefügt wird durch den Mangel an der notwendigen Belehrung und Aufklärung und vor allen Dingen durch das gänzliche Fehlen an sanitären und hygienischen Anweisungen und Ei-nrichtungen. Um diesem Mangel abzuhelfen, haben wir unsere ärztlicheMission mit ihrer medizinischen und chirurgischen Kunst und Erfahrung, und mit ihrem Stofs ausgedildeter Diakonissen- und Krankenpflegerinnen, um die Kranken auch in ihren Häusern besuchen und pflegen zu können. Wir hallen in unserem Hospital in dem letzten Jahre 1700 Patienten, daneben aber über 14.000 Patienten außerhalb desselben und über 40.000 Medikamente wurden verabreicht. (!) Das will doch etwas heißen und die Tatsachen und die Zahlen beweisen am besten, wie die Juden unsere Liedesdemühungen, unsere Zärtlichkeit und unsere Sympathien zu würdigen und zu schätzen wisse». (!!) Wir haben bei u.,o nach alleni durch unsere ärztliche Mission dieses Volk auch gelehrt, das menschliche Leben höher zu werten, und durch unsere sanitären Reformen und unsere verschiedenartigen Einrichtungen und Bestrebungen auf dem Gebiete der Krankenpflege haben wir in Jerusalem eine ganz neue Atmosphäre geschaffen, in welcher wir auch um so viel leichter und wirkungsvoller unsere neue Lehre verbreiten können. (!)" Die vorstehend angeführten Worte aus dem von dem Jerusalemer Missionsdoktor angestimmten Siegeshymnus auf die Erfolge der ärztlichen Mission in der hiesigen Stadt, welche nicht nur eine Schmach sind für die Juden in Jerusalem, sondern für das Judentum überhaupt, zeigen deutlich und genügend, wie mit der Verbesserung der so sehr im argen liegenden allgemeinen Krankenpflege und der häuslichen, privaten und öffentlichen hygienischen und sanitären Verhältnisse durch Stationierung von theoretisch und praktisch ausgebildeten Krankenpflegerinnen in Jerusalem auch der unheilvollen und widerwärtigen Seelenfängerei der Mission an den Kranken- und Sterbebetten ein wirkungsvoller Damm entgegengesetzt werden könnte und wie darum die hierauf gerichteten Bestrebungen des Unterzeichneten, der besser als irgend ein geborener Jude in die Gedankengänge, Praktiken und Schliche dieser mehr vom Glanze des gelben Metalls als „von der Liebe Christi gedrungenen Menschenfischer und Seelenjäger" eingeweiht ist, ganz besonders aus jüdischen Kreisen die weiteste und kräftigste Teilnahme und Unterstützung verdienen. Nach dem neuen Aspekt, welchen die Ausführung der Bemühungen und Bestrebungen des Unterzeichneten durch den unerwarteten Entschluß und die opferwillige, hochherzige Beteiligung seiner Verwandten laut der vorstehend gemachten Mitteilung gefunden, erscheint es jetzt angemessen, wenn, und dies ist auch der Wunsch der Stifterin, die neue Gründung möglichst selbständig und unabhängig bleibt, wodurch ihr auch nach allen Seiten hin ein umso größerer Einfluß und Wirkungskreis gesichert wird und auch am ehesten der. Cherem der orthodoxen Jerusalemer Rabbiner erspart bleibt,- welchem bekanntlich weder