Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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üu 42 Vr. Lloed's MocdMscdMN. Heilr 73s Vernehmung von Zeugen große Vorsicht walten lassen muß, denn sehr viele Zeugen lassen sich von allerlei äußeren Momenten beeinflussen. Der Redner erinnerte dabei an die verschiedenen Ritualmordprozesse und andere Gerichtsverhandlungen, bei denen der antisemitische Fanatismus eine Rolle gespielt hat. Er gedachte des Tisza-Eszlarer Ritualmordprozesses vor dem südungarischen Kreisgericht Nyiregyhaza im Mai und Juni 1883, der Fälle in Xanten 1891/92 und in Polna 1899. In allen diesen Fällen haben sich in der Vorstellung der Zeugen d i e T a t s a ch e n i m m e r p l a st i s ch e r g e st a l t e t. Die Zeugen sagten immer sicherer aus, je länger die Tatsachen zurücklagen. Normalerweise verblaßt aber doch gerade im Gegenteil die Erinnerung, und die Aussage muß naturgemäß immer undeutlicher werden. Zeugen gegenüber, die mit solcher Sicherheit sich angeblich genau der kleinsten Einzelheit entsinnen können, ist stets die allergrößte Vorsicht geboten. Interessantes aus der Karriere des Feldmarschall- Leutnants Eduard v. Schweitzer. In militärischen Kreisen bildet jetzt die Ernennung des jüdischen Generalmajors Eduard Ritter von Schweitzer zum Feldmarschall- Leutnant das Tagesgespräch. Feldmarschalleutnant von Schweitzer hat tatsächlich eine der interessantesten militärischen Karrieren hinter sich. Als es sich vor vier Jahren darum handelte, ihn zum Generalmajor zu befördern, da hatte sich der damalige Kriegsminister beim Kaiser dagegen ausgesprochen. Bedenken doch Majestät, sagte der Kriegsminister, diese Beförderung bedeutet so viel, daß ein Jude dieselbe Uniform tragen wird, wie Euere Majestät! Der Kaiser hat hierauf kurz erwidert: Dagegen kann ich nichts machen. Er hat sich sie verdient, so gebührt sie ihm auch! Einige Tage später erfolgte die Ernennung. Diese Ernennung mochte ihn auch über die Zurücksetzung hinwegtrösten, die ihm später seitens des Kaschauer Korpskommandanten zuteil wurde. Dieser veranstaltete einen Offiziersball und lud die Frau des in derselben Stadt stationierenden Generalmajors von Schweitzer nicht ein. In diesem Verhalten erblickte von Schweitzer gewissermaßen einen Protest der Offiziere gegen seine Beförderung und da solche Anzeichen außerdienstlich sich öfter wiederholt hätten, zog er hieraus die Konsequenz und bat um seine Versetzung in den Ruhestand, die ihm auch vom Kaiser unter Anerkennung seiner Verdienste gewährt wurde. Ein interessanter Zufall ist es, daß die offizielle Verlautbarung des Avancements gerade auf dem Vorgbend des Jomkippurfestes fiel, als sollte dies eine zarte Honorierung der religiösen Gefühle Sr. Exzellenz sein. Die Religiosität Schweitzers ist in militärischen Kreisen sprichwörtlich geworden. Gar oft an Sabbaten erschien Schweitzer in Budapest in voller Generalsuniform in der Synagoge, nahm Tallis und Gebetbuch und verrichtete den Gottesdienst. Auch als Philanthrop hat sich Exzellenz v. Schweitzer beliebt gemacht und besonders als Mitglied der Repräsentanz der Budapester israelitischen Kultusgemeinde und Vorstandsmitglied der dortigen Chewra-Kadischa leistet er dem jüdischen Armenwesen große Dienste. Zntereffant war auch seine Eheschließung. Trotzdem er schon einen verhältnismäßig hohen militärischen Rang bekleidete, heiratete er ein auffallend schönes, feingebildetes, aber armes jüdisches Mädchen, das gemeinsam mit einer jüngeren Schwester eine Tabaktrafik besaß. Kurz vor der Hochzeit gewann die Braut mit einem Staatslos, das der Hauptverschleißer wegen zu später Rückstellung nicht mehr zurücknehmen wollte, den Haupttreffer mit 200.000 Kronen. Besonders charakteristisch ist jedoch die Szene, die sich vergangene Woche. 3 Tage nach seiner Ernennung zum Feldmarschall-Leutnant, in Budapest abgespielt hat. Exzellenz von Schweitzer ging zum ersten Male in der Feldmarsch alls-Uniform aus. Er nahm seinen Weg in die innere Staht und kam so vor das „Cafe Central". Vor demselben saß der alte jüdische Dienstmann Samuel Fleischmann, halb schlummernd. Schweitzer blieb vor dem Dienstmann stehen. Erschreckt fuhr Fleischmann auf und als er den hohen Militär gewahrte, warf er förmlich den Hut vom Kopfe. Aber schon in der nächsten Minute erkannte Fleischmann den jüngsten Feldmarschall-Leutnant und drückte freudestrahlend die ihm entgegengestreckte Hand. Die Passanten der belebten Straße brachten dem hohen Offizier angesichts dieser Szene Ovationen dar, aber wenige wußten, daß den jüdischen Dienstmann und den jüdischen Feldmarschall-Leutnant eine mehr als vierzigjährige Waffenbrüderschaft schon längst zu Freunden gemacht hat. Vor vierundvierzig Jahren haben sie zur selben Zeit ihren Militärdienst begonnen. Schweitzer, der seine Karriere als Unteroffizier begonnen hatte, wurde bald der direkte Vorgesetzte Fleischmanns im Infanterieregimente Erzherzog Ferdinand von der Este, das in der Wiener Alserkaserne disloziert war. Später hatten Beide bei Königgrätz gekämpft und sich Auszeichnungen geholt. Seitdem blieb zwischen den beiden einstigen Dienstkameraden, dem mit Kriegsmedaillen dekorierten Dienstmann und dem zum Feldmarschall-Leutnant avancierten Berufssoldaten, ein gewisses freundschaftliches Verhältnis bestehen. Und da Fleischmann es sich niemals versagt hatte, seinem „berühmten Freunde" bei jeder freudigen Gelegenheit als erster seine mündlichen oder schriftlichen Glückwünsche darzubringen, so wollte Exzellenz Schweitzer seinem Kriegskameraden auch diesmal die Freude bereiten, ihn als einen der ersten als Exzellenz zu begrüßen. Ginzburgs jüngstes Kunstwerk. Der bekannte Bildhauer I. Ginzburg machte vor einigen Tagen der Petersburger Akademie der Wissenschaften das von ihm geschaffene Standbild des Grafen Leo Tolstoi zum Geschenke. In einer außerordentlichen Vollversammlung, welche die Akademie zu diesem Zwecke einberufen hatte, wurde unter allgemeiner Anerkennung der künstlerischen Leistung beschlossen, das Kunstwerk dankend anzunehmen und es im großen Sitzungssaale der Akademie auszustellen. Aus Paris wird einem ungarischen Blatte gemeldet: Ich glaube Ihrem Blatte schon mitgeteilt zu haben, daß ich als Freund der schönen Tempelgesänge öfters den Freitagabend-Gottesdienst der großen Synagoge in der rus äs 1a Vietvirs zu besuchen pflege. Vergangenen Freitag stellte ich mich dort wieder ein, wurde aber an der Türe von einem feiertagsmäßig befrackten Herrn angehalten, der eine Eintrittskarte forderte. Die hatte ich nicht. „Ist heute kein gewöhnlicher Freitag?" Der Türhüter antwortete mit einer Gegenftage: „Sind Sie kein Israelit?" — „Doch . . . Das heißt . . . wissen Sie ..." — „Ich verstehe; Sie haben sich aus Zeitmangel nicht um den Judenkalender gekümmert. Heute ist der Vorabend des Neujahrsfestes! Da ist der Eintritt bloß mit Karten gestattet. Aber Sie können auf die obere Galerie sich begeben, drei Treppen hoch." Da hinaus stieg ich also und fand mich fast allein. Aber auch unten war der Tempel nicht gerade ganz voll; trotz der ausgegebenen Karten. Namentlich alle vorderen, mit Lederkiffen versehenen, den Tempelvorstehern reservierten Bänke waren leer. Es kommt ja noch der Versöhnungstag, wo. dann Alles wieder ausgeglichen wird. Ich aber auf der schwindelnd hohen Galerie oben hatte eine Erscheinung. Ich hörte hinter meinem Rücken leichte Schritte, wendete mich um und erblickte die Gestalt eines ärmlich gekleideten Knaben mit sehr langem Haar. Der Ostwand zugekehrt, blieb er stehen. Als das Kind sich wieder umdrehte, war es kein Kind mehr. Nämlich der Knabe hatte einen Bart. Das heißt, die kleine Gestalt war die eines Mannes mit sehr langem Blondhaar und ebenso schönem Bartwuchs; ein Wotanskopf auf einem wenig entwickelten Körper. Ein Ariergeficht von reinstem Gepräge. In den Rheinlanden hatte ich öfters solche Gesichter bemerkt. An diesen kleinen Deutschen mit dem ausdrucksvollen Kopf hätte nun ich die Frage richten, können: „Sie sind wohl kein Israelit!" Doch sah ich keine Veranlassung, ihn angureden, zumal er wirklich allzu schäbig gekleidet war und mir namentlich seine ungekämmte Mähne eine Annäherung nicht erwünscht machte, bis endlich doch meine Neu- .gier siegte. Das Männchen mit dem Germanengötterkopfe war ein Jude, darüber konnte kein Zweifel mehr bleiben. Denn er empfing von dem vorbeiwandelnden Galeriekommiffär ein Gebetbuch, in das er sich leise murmelnd vertiefte. Später, bei den melancholischen Klängen des Aufrufes zum Sterbegebete, lehnte er sich, nach Art der Juden vor Jerusalem, mit dem Kopfe gegen die Wand und begann bitterlich zu schluchzen. Als ich sein schöngeformtes Gesicht wieder erblickte, war es voller Tränen. Ich fühlte mich nun erschüttert und faßte Sympathie für diesen Fremden, der zu den ärmlichsten Globerrotters zu zählen schien, denn sein verschossenes Röcklein war aus dünner Leinwand und sein sandalartiges Schuhwerk zerrissen. Nach Ende des Gottesdienstes also folgte ich ihm auf die Treppe und redete ihn deutsch an: „Sie sind fremd in Paris?" — „Verstehe nicht", antwortete er achselzuckend und im reinsten Montmartre-Französisch.... Nun wollte ich ihm ohneweiters das Zwei-Francsstück geben, das ich zu diesem Zweck bereits aus dem Portemonnaie gezogen hatte, aber er nahm es nicht und sagte schroff, wenn auch ohne Bitterkeit: „Mein Aussehen hat Sie irregeleitet, ich war in meinem Leben kein Bettler, ich verdiene mir mein Brod." Ich bat um Verzeihung; auch damit daß ich hinzufügte, ich hätte ihm fortwährend meinen Blick zugewendet. „Ich habe es bemerkt", sagte er. — „Sie tragen einen so interessanten Kopf." — „Glaubs wohl", antwortete er lächelnd, „ich lebe von diesem Kopf! Sie können ihn in so mancher Kunstphotographenauslage finden, besonders auf Heiligenbildern. ..." Wie sein Kopf, schien auch der Beruf dieses kleinen frommen Juden ein ungewöhnlicher. Das Testament des Hausierers. In der alten Universitätsstadt Cambridge starb vor einiger Zeit im Alter von 83 Jahren ein Hausierer, Harris Norman, einsam und verlassen. Als ein paar entfernte Verwandte und Freunde den alten Mann begraben hatten, der bis an sein Ende in den ärmlichsten Verhältnissen gelebt, stellte es sich heraus, daß er ein Vermögen von nicht weniger als einer Viertelmillion Mark hinterlaffen hatte. Um das Erbe des Hausierers entspann sich bald ein Prozeß, der mit