Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 734 Nr. 43 Br. MoEs Wochrnschritl» umgewandelt werden, und das ist für die Juden ein schlechter Tausch. Die Landesregierung war aus einer ganzen Reihe von Gründen bemüssigt, feine Spur von einer nationalen oder konfessionellen Hetze aufkommen zu lassen. Es handelte sich da um die Erfüllung des europäischen Kulturmandates, um die Schonung der Gefühle, da man die Sehnsucht der Mohammedaner nach der Türkei, der Serben nach Serbien nicht vermehren wollte, um die unbedingte Notwendigkeit des Friedens in einem von langen Streitigkeiten zerrissenen Lande. Aber jetzt, wo man des Besitzes der Länder sicher ist, werden statt der militärischen Landeschefs, die ihre Befehle blind ausführen, politische, nach Beliebtheit strebende Beamte kommen, man wird mit Gendarmen herrschen statt mit Klugheit zu regieren und die Schattenseiten des Parlamentarismus werden sich einstellen, Kampf und Verhetzung der Stämme. Sicher auch der Antisemitismus. Denn wo zwei in unserer Monarchie sich streiten, ist der Jude der bedrohte Dritte. In dieser Beziehung ist es weit besser, daß Bosnien-Herzegowina der ungarischen Reichshälfte angegliedert wurde und nicht der österreichischen. Es treiben zwar auch drüben die katholische Volkspartei und die Lumpen um Polonyi herum ihr Unwesen, aber noch haben die Ungarn nicht wie wir eine christlichsoziale Diktatur der judenfeindlichen Gemeinheit und die Juden des Okkupationsgebietes sind bei der bevorstehenden Verwaltungsänderung nicht von vornherein zurückgedrängt. Man wird jedoch keine große Rücksicht darauf nehmen, daß sie die meisten und besten Helfer' des Friedenswerkes in den österreichischen Balkaugebieten waren, daß sie noch zu unruhigen Zeiten als Beamte jeder Kategorie hinuntergiugen und den ausgezeichneten Ruf unserer Verwaltung begründen halfen. Wenn einmal höhere Beamte der österreichischungarischen Schule an die ersten Stellen kommen werden, so wird man schon die Minderwertigkeit der jüdischen Arbeit, das Prozentverhältuis bei Anstellungen und das Schutzjudentum entdecken. Es wäre nun unverantwortlich von den maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten des Okkupationsgebietes, wenn sie das Schicksal ihres Anhanges nicht selbst und nicht rechtzeitig schmieden wollten.* Was sie dazu vor allem schaffen müßten, wäre eine geeinte Judeuschaft. Heute stehen sich in Bosnien-Herzegowina spagnolische und aschkenasische Juden nicht gerade sehr freundlich gegenüber. Mögen sie nicht daraus warten, daß ihnen gemeinsame Gegner zeigen, daß sie zusammengehören! Nach gerechtem Schlüssel müssen sie die gemeinsame Macht unter sich aufteilen und mit Bedacht die Besten wählen, die sie vertreten und führen sollen. Ihr Prinzip muß vor allem lauten : keine Feinde! und sie sollen au dem Schicksal ihrer Brüder im übrigen Reiche lernen, daß man keiner fremden Nation unbedankte Handlangerdienste leistet; darf, die immer andere Nationen aufreizen und verletzen. Arbeitsprogramme aus Distanz zu geben, wäre unsinnig und ungehörig. Sicher aber ist es, daß die Juden des Okkupationsgebietes, durch die Macht des Staates zu einem Ganzen zusammengeschweißt, alle Ursache haben, sich rasch und energisch zu rühren, Gegensätze für die nächsten Zeiten fallen zu lassen und alles darauf zu lenken, daß im Sturme der kommenden Tage ihre besten, von der Einmütigkeit ihrer Wähler kraftvoll unterstützten Männer auf dem Posten stehen. Vom Zabrmarkrt des Lebens. Abgeordneter Dr. Straucher über das allgemeine Wahlrecht in den Kultusgeweinden. Eine der wichtigsten Forderungen der Zionisten ist das allgemeine Wahlrecht in den Kultusgemeinden. Sie erblicken hierin das sicherste Mittel, die Kultusgemeinde zu erobern. Es wird hierbei mit Vorliebe darauf hingewiesen, daß die Gemeinden im großen ganzen für das allgemeine Wahlrecht seien und nur einige „Machthaber", die sich an ihre Stellungen klammerten, die Einführung des allgemeinen Wahlrechtes in die Kultusgemeinde hintertreiben. Es ist nun, besonders jetzt, wo die Zionisten wieder im Wahlkampfe um die freiwerdenden Mandate im Wiener Kultus- Vorstande stehen, sicher nicht ohne Bedeutung, zu erfahren, wie einer der angesehensten Führer der zionistischen Partei, Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher über diese Frage denkt. Das Urteil des Abgeordneten Dr. Straucher, fällt umso schwerer ins Gewicht, als er nicht nur Obmann des „jüdischen Klubs" im österreichischen Parlamente und Obmann des jüdisch-nationalen Reichsverbandes, sondern überdies schon seit vielen Jahren Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Czernowitz ist. Einem Vertreter des „Lemberger Tagblatt" gegenüber hat sich nun Dr. Straucher über das allgemeine Wahlrecht in der Kultusgemeinde und auf die Frage, weshalb er es in Czernowitz nicht einführe, wie folgt geäußert: „Sie sind im Jrrtume, wenn Sie, wie meine Kritiker in der radikalen Presse, der Ansicht sind, daß ich Selbstherrscher der Kultusgemeinde sei. Ich bin nur Präsident und habe nur dann eine Majorität, wenn ich eine Vorlage einbringe, die zu den Begriffen und Gewohnheiten der Kultusmitglieder nicht in Widerspruch steht. Ich persönlich bin — laut den Prinzipien unserer Partei — gewiß für die breiteste Demokratisierung der Kultusgemeinde. Wollte ich jedoch heute das allgemeine Wahlrecht, ohne jede Modifikation in der Kultusgemeinde einführen, so würde ich für diesen Antrag sicherlich keine Majorität vorfinden. Man würde mir — vielleicht nicht ganz mit Unrecht — Vorhalten, es sei ein gefährliches Experiment, Elementen einen Einfluß auf die Kultusgemeinde zu gewähren, die infolge ihrer religiösen Ueberzeugung sich zur ganzen Kultusfrage durchaus negativ verhalten. Ich persönlich wünsche mit allen Nationaljuden, daß die Kultusgemeinde mit der Zeit in eine politische Institution des jüdischen Volkes verwandelt werde. Das geschieht jedoch nicht auf einmal. So lange aber die Kultusgemeinde bloß eine konfessionelle Vertretung ist, ist der Wunsch, daß in ihv nur diejenigen eine" Meinung haben dürfen^ die faktisch auf dem Boden der Konfession stehen, vielleicht doch berechtigt, und ich glaube daß auch die Regierung keine Reform der Kultusgemeinde zugeben würde, die dieses Prinzip nicht berücksichtigt. Zieht man all dies in Betracht, so ist es wenigstens für mich klar, daß ein Wahlreformprojekt nach dem Muster der politischen Vertretungen gegenwärtig keine Aussicht auf Erfolg hat. Ich glaube daher, daß ich besser tue, wenn ich mich nicht auf den radikalen Standpunkt stelle, sondern im Gegenteile, den bestehenden Verhältnissen Rechnung trage und mich dem Ideale des allgemeinen Wahlrechtes auf Umwegen nähere. Momentan habe ich mir für die Schaffung einer allgemeinen Kurie eine Majorität gesichert, einer Kurie, bestehend aus all jenen Bürgern, die in den bestehenden Kurien kein Wahlrecht haben. Später will ich danach streben, diese allgemeine Kurie zur einzigen zu machen, d. h. das Kuriensystem überhaupt aufheben. Erst dann wird vielleicht die Zeit gekommen sein, das allgemeine Wahlrecht, wie in den übrigen politischen Vertretungskörperschaften einzuführen." Als der Jnterwiewer erklärte, mit der Ansicht des Herrn Dr. Straucher nicht einverstanden zu sein, antwortete dieser treffend: „Es ist immer leichter, Theorien aufzubauen, als sie durchzuführen ....." Die Psychologie der Aussage uud die Ritualmordprozesse. Der preußische Medizinal-Beamten-Verein hielt seine diesjährige Hauptversammlung in den Tagen vom 28. bis 30. September in Berlin ab. U. a. hielt Professor Dr. Lochte, Kreisarzt in Göttingen, einen interessanten Vortrag über die Psychologie der Aussage, der auch viele richterliche Personen angelockt hatte. Der Redner kam an der Hand eines reichen Materials und logischer Erwägungen zu dem Schluffe, daß der Richter bei der