Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Bloch’s lahrgsmg UV Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. ocJ- """ ■ '? ®. fc. =Oo c\ Sleartng-V-rAedr Br. 810.970. Strd»rn»v und Sdmi»istr»ttou: MM*» u/r. Hahu-affe «r. 15. J) Telcfoa Kr. 14.847. j "-— - - -et =n- Wim, 16. Oktober 1908. : Lrscbetnt jeden Freitag. : vrief-Adresse: Wie». U/i, Hahsgasse 15. Tckgramm-Adreffe: Bloch'- Wochenschrift, Wie». oo ■ Jg > fifompni» fBt* 9i|tKnN|t 5 Halbjährl, 8 *r«ua: «tn-eteremplar» 58 (4k. Für'» 9st»I«xfc: Halbjährig 10 Krone». »an,jährig 20 Aareigea: Di« 4m»l g«s»ai» »en, P«ttt»etl« 24 Heller. o O - — — On Inhalt: Leitartikel: Neue Fragen auf dem Balkan. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Abg. Dr. Straucher über das allgemeine Wahlrecht in den Kultusgemeinden. Die Psychologie der Aussage und die Ritualmordprozesse. Jntereffantes aus der Karriere des Feldmarschall-Leutnants Eduard v. Schweitzer. Ginzburgs jüngstes Kunstwerk. Das Testament des Hausierers. Das Diakonissenheim für Jerusalem. Der Weg ins Freie. Die Inquisition in Mexiko. — Korrespondenzen: Sarajewo. Rumänien und der Berliner Vertrag. Eingesendet. Ehrung eines jüdischen Kommunallehrers. Spendenliste der israelitischen Kultusgemeinde. Die einheitliche Organisation der israelitischen Koi fession. Ein reformierter Lehrer als — Schächter. Einweihung durch einen reformierten Seelsorger. Protest eines Juden gegen seine Taufe. Berlin. Mmes. Ableben des österreichisch-ungarischen Konsuls in Tunis. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Israelitischer Wählerverein. Austritte aus dem Judentum. Paris. — Feuilleton: Eine Rabbinerwahl. — Literatur. — Neue Bücher — Briefkasten. — Inserate. Ueue Fragen ans dem Kalira«. Der Kantinenwirt in der Kaserne hat gute Geschäfte gemacht und die Börse schlechte. Mit Kriegsgeschrei ist der wilde Jäger durch die Lüfte gezogen und alle Furien hinter chm drein. Nun aber haben sich die Gespenster vom politischen Gewitterhimmel verzogen und nur harmlose Telegrammblitze schrecken die allerfurchtsamsten Gemüter. Es wird keinen Krieg mehr geben. Der japanisch-russische war zu grausam und vor allem zu kostspielig, als daß man ihn ins Europäische übersetzen würde. Wenn sich auch einige Kleinmächte in amüsanter Erregung befinden, so werden doch nur Worte explodieren und keine Shrapnells und die angekündigten Konferenzen der großen Staaten werden wohl zu Erklärungen führen, aber nicht zu Kriegserklärungen in einem Zeitalter, in welchem sogar der Abfall Norwegens nur Proteste hervorgerufen hat. Wie im Leben wird auch in der Politik die kühne Tat den Erfolg und den errungenen Besitz behalten, in Kürze wird die Börse wieder den Staatspasiieren das Vertrauen ausdrücken und auf den Exerzierfeldern wird man wieder fleißig den Paradeschritt üben statt der Angriffe in Schwarmlinien und geschlossenen Formationen. Von den Völkerschaften, welche sich mit der Neuordnung der Dinge auf dem Balkan abzufinden haben, stehen die Juden nicht in letzter Reihe. Die bei uns Einheimischen von ihnen kommen vor allem in Betracht, soweit es sich um volkswirtschaftliche Aenderungen handelt. Trotz aller christlichsozialen Verleumdung sind sie Stützen des nach materieller Entwicklung strebenden Staates geblieben, Pioniere und Förderer des heiß begehrten Exports nach den Ländern des Orients. Sie vor allem werden von dem Boykott betroffen, der über Waren österreichisch-ungarischer Herkunft in mohammedanischen und südslavischen Gebieten verhängt wurde, und werden so große Kosten der politischen Umwälzung zu tragen haben. Es wäre lächerlich, den großen Staatsinteressen gegenüber Wohl oder Wehe einzelner Gruppen zu bedenken, aber wenn wieder einmal antisemitischer Halbirrsinn zu wüten beginnt, mag man sich in Regierungskreisen auch an diese klaglos hingenommene Opferung fleißiger jüdischer Arbeit und großen jüdischen Kapitales erinnern. Was nun die Juden in den Brennpunkten der gegenwärtigen Situation anbelangt, so haben die in Bulgarien eine wenn auch unbedeutende Wandlung zum Schlechteren mitgemacht. Man weiß sie zwar in diesem Lande zu schätzen als die Vertreter des Handels, der Industrie und Landwirtschaft befruchtet, und hat ihnen nicht vergessen, daß das jüdische Korps im letzten bulgarischen Krieg vom batteubergischen Alexander den Ehrentitel eines tapferen Makkabäerkorps erhielt. Aber man kann nicht wissen, ob nicht nach dem königlich unabhängigen Koburger Pharaonen kommen, die nicht mehr wissen, wer Josef war, und in Bulgarien eine rumänische Wirtschaft einführen. Den Juden könnte es bedeutend lieber sein, daß noch die Herrschaft oder die Oberhoheit der Türken bestünde, dieses ganz auserlesenen Volkes, welches als das einzige in Europa kein Objekt zu brauchen scheint, au welchem es sich in Anfällen gemeinen Hasses austoben könnte. Jedenfalls ist für die bulgarischen Juden die Notwendigkeit eingetreten, ihre neue staatsbürgerliche Stellung mit Geduld und Energie zu befestigen. Ganz neue Verhältnisse, die genau erwogen und vorsichtig behandelt werden müssen, sind für die Juden in Bosnien und der Herzegowina eingetreten. Ihre Zahl ist unbekannt, da eine Volkszählung schon lange nicht stattgefunden hat. und die Schätzungen schwanken zwischen drei und sechs Perzent. In jedem Falle werden sie eine bedeutende Rolle spielen. Ein glückliches Schicksal hat sie davor bewahrt, sich einem der Volksstämme im Lande anschließen zu müssen und so von einem anderen aufgerieben zu werden. Denn die Wahlen in den kommenden Landtag werden nicht nach einem nationalen Kataster oder nach der Kopfzahl stattfinden, sondern nach dem religiösen Bekenntnis, eine Maßregel zu dem Zwecke, die Serben in die Minorität zu bringen. Letztere werden 42 Perzent der Bevölkerung vertreten und die Differenz zur absoluten Majorität wird großenteils von den Juden abhängen. Damit haben die jüdischen Wähler ein starkes Mittel in der Hand, Jnteressenpolitik zu treiben, sei es gegenüber den Parteien, sei es gegen die Regierung. Die noch bestehende unabhängige Landesregierung wird bald in eine Statthalterei